

Nordische Literatur
Die altnordische Literatur umfasst die literarischen Werke, die in den nordgermanischen Sprachen des Mittelalters, insbesondere in Altisländisch und Altnorwegisch, verfasst wurden. Diese literarische Tradition entstand in der Zeit von ungefähr 800 bis 1300 und spiegelt die kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen der nordischen Völker wider. Die altnordische Literatur hat ihren Ursprung in der mündlichen Überlieferung und wurde später schriftlich fixiert, insbesondere nach der Christianisierung Skandinaviens. Sie ist eine der bedeutendsten Quellen für das Verständnis der nordischen Mythologie, Geschichte und Gesellschaft des Mittelalters.
Ursprünge und Entwicklung der altnordischen Literatur
Die Ursprünge der altnordischen Literatur liegen in der mündlichen Tradition der nordgermanischen Völker, die über Jahrhunderte hinweg ihre Mythen, Sagen und Geschichten mündlich weitergaben. Diese Erzählungen wurden durch Skaldendichtung, eine Kunstform der nordischen Dichter, in Form von komplizierten metrischen Kompositionen bewahrt. Die mündliche Tradition wurde mit der Einführung des Christentums und der lateinischen Schrift in Skandinavien zunehmend schriftlich fixiert. Ab dem 12. Jahrhundert entstanden die ersten literarischen Werke in Altisländisch, der dominierenden Literatursprache dieser Zeit. Island spielte eine zentrale Rolle in der Bewahrung und Entwicklung der altnordischen Literatur, da viele Werke, die heute unter diesem Begriff subsumiert werden, dort verfasst oder bewahrt wurden.
Edda-Dichtung
Die Edda-Dichtung bildet einen Kernbereich der altnordischen Literatur. Sie besteht aus der sogenannten Älteren Edda, auch Lieder-Edda genannt, und der Jüngeren Edda, auch Snorra-Edda genannt. Die Ältere Edda ist eine Sammlung von mythologischen und heroischen Liedern, die im 13. Jahrhundert zusammengestellt wurden, deren Inhalte jedoch viel älter sind und auf die vorchristliche Zeit zurückgehen. Sie enthält zentrale Werke wie das „Völuspá“, ein Gedicht über die Schöpfung und den Untergang der Welt, und das „Hávamál“, eine Sammlung von Sprüchen und Weisheiten. Die Jüngere Edda wurde von Snorri Sturluson verfasst und dient als Lehrbuch für die Skaldendichtung sowie als Einführung in die nordische Mythologie. Sie enthält unter anderem Erklärungen zu den mythologischen Figuren und eine Anleitung zur Verwendung poetischer Kenningar.
Sagaliteratur
Die Sagaliteratur ist ein weiterer zentraler Bestandteil der altnordischen Literatur. Unter dem Begriff „Saga“ versteht man prosaische Erzählungen, die oft historische, mythologische oder fiktionale Inhalte behandeln. Besonders bekannt sind die Isländersagas, die im 13. und 14. Jahrhundert verfasst wurden und Geschichten über das Leben und die Konflikte der isländischen Siedler im 9. und 10. Jahrhundert erzählen. Beispiele für berühmte Isländersagas sind die „Njáls Saga“, die „Egils Saga“ und die „Grettis Saga“. Daneben existieren auch Königs- und Heldensagas, die sich mit den norwegischen Königen oder mythologischen Helden wie Sigurd dem Drachentöter beschäftigen. Die Sagas zeichnen sich durch ihren realistischen Erzählstil und ihre detaillierte Darstellung von Charakteren und Ereignissen aus.
Skaldendichtung und ihre Bedeutung
Die Skaldendichtung ist eine spezifische Form der altnordischen Literatur, die durch ihre strenge metrische Struktur und den Einsatz von Kenningar, poetischen Umschreibungen, gekennzeichnet ist. Skaldengedichte wurden oft im Auftrag von Herrschern und Adeligen komponiert und hatten die Funktion, Ruhm und Ehre der Auftraggeber zu preisen. Viele Skaldengedichte sind in den Königs- und Heldensagas überliefert und geben Einblicke in die historische Realität und das Weltbild der nordischen Gesellschaft. Zu den bekanntesten Skaldendichtern zählen Egill Skallagrímsson und Snorri Sturluson.
Religiöse und historische Literatur
Mit der Christianisierung Skandinaviens entstand eine Vielzahl von religiösen Texten in altnordischer Sprache. Dazu gehören Bibelübersetzungen, Heiligenviten und Predigten, die oft dazu dienten, die christliche Lehre den nordischen Völkern nahezubringen. Gleichzeitig wurde auch die historische Literatur bedeutend, insbesondere die Königsbiographien wie die „Heimskringla“ von Snorri Sturluson, die die Geschichte der norwegischen Könige darstellt. Diese Werke verbinden historische Ereignisse mit mythologischen und literarischen Elementen und spielen eine wichtige Rolle für das Verständnis der nordischen Geschichte.
Einfluss und Nachwirkung der altnordischen Literatur
Die altnordische Literatur hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die europäische Literatur und Kultur. Ihre Themen und Motive, wie der Kampf zwischen Göttern und Riesen, die Suche nach Ehre und Ruhm oder die Tragik des Schicksals, inspirierten zahlreiche Autoren und Künstler. Werke der altnordischen Literatur wurden im 19. und 20. Jahrhundert wiederentdeckt und beeinflussten die Romantik sowie die moderne Fantasy-Literatur. Autoren wie J. R. R. Tolkien ließen sich von den Mythen und Sagas inspirieren, und bis heute faszinieren diese alten Texte durch ihre Tiefe und ihren literarischen Wert.
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Literaturverzeichnis
- Preben Meulengracht Sørensen: Norrønt Nið. Odense 1980. ISBN 87-7492-321-8. Eine exemplarische Untersuchung der Konfliktentstehung in isländischen Sagas.
- Preben Meulengracht Sørensen: Om eddadigtenes alder. (Über das Alter der Edda-Dichtung) In: Nordisk hedendom. Et symposium. Odense 1991. ISBN 8774927736.
Literaturgeschichten
- Jónas Kristjánsson: Eddas und Sagas. Reykjavík 1988.
- Kurt Schier: Sagaliteratur. (Sammlung Metzler M 78), Stuttgart 1970, ISBN 3-476-10078-2
- Heiko Uecker: Geschichte der altnordischen Literatur. Stuttgart 2004, ISBN 3-15-017647-6
- Jan de Vries: Altnordische Literaturgeschichte. 3. Auflage. Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-016330-6
Einführung in Sprache und Literatur
- Astrid van Nahl: Einführung in das Altisländische. Ein Lehr- und Lesebuch. Buske, Hamburg 2003. ISBN 3-87548-329-4.
- Robert Nedoma: Kleine Grammatik des Altisländischen. Winter, Heidelberg 2010 (3. Aufl.). ISBN 978-3-8253-5786-3.
- Robert Nedoma: Altisländisches Lesebuch. Ausgewählte Texte und MInimalwörterbuch des Altisländischen. Winter, Heidelberg 2011. ISBN 978-3-8253-5951-5.
Lexika
- Rudolf Simek, Hermann Pálsson: Lexikon der altnordischen Literatur. Die mittelalterliche Literatur Norwegens und Islands (= Kröners Taschenausgabe. Band 490). 2., wesentlich vermehrte und überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-49002-5.
- Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). Kröner, Stuttgart 1984, ISBN 3-520-36801-3.
- Phillip Pulsiano (Hrsg.): Medieval Scandinavia: an encyclopedia. New York, Garland 1993, ISBN 0-8240-4787-7
- Jan de Vries: Altnordisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage (Nachdruck der 2., verbesserten Auflage 1962). Leiden, Brill 1977.
- Herbert Jankuhn, Heinrich Beck (u. a.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Walter de Gruyter, Berlin-New York 1967ff./1973ff. ISBN 3-11-016227-X (u.w.)
Übersetzungen
- Felix Niedner, Gustav Neckel (Hrsg.): Sammlung Thule. Altnordische Dichtung und Prosa. 24 Bände. Düsseldorf 1963–1967 (1. Auflage 1911–1930).
- Kurt Schier (Hrsg.): Saga – Bibliothek der altnordischen Literatur. 8 Bände. Diederichs, München 1996–1999 (vollständige moderne Neubearbeitung der Sammlung Thule aufgrund zu großer Übersetzungsmängel)
- Stefanie Würth: Isländische Antikensagas. Bd. 1. Diederichs, München 1996, ISBN 3-424-01261-0.
- Ulrike Strerath-Bolz: Isländische Vorzeitsagas. Bd. 1. Diederichs, München 1997, ISBN 3-424-01375-7.
- Jürg Glauser: Isländische Märchensagas. Bd. 1. Diederichs, München 1998, ISBN 3-424-01359-5.
- Kurt Schier: Egils Saga. Die Saga von Egil Skalla-Grimsson. Diederichs, München 1996, ISBN 3-424-01262-9.
- Heinrich Beck: Laxdoela Saga. Die Saga von den Leuten aus dem Laxardal. Diederichs, München 1997, ISBN 3-424-01264-5.
- Hubert Seelow: Grettis Saga. Die Saga von Grettir dem Starken. Diederichs, München 1998, ISBN 3-424-01425-7.
- Klaus Böldl: Die Saga von den Leuten auf Eyr. Eyrbyggja Saga. Diederichs, München 1999, ISBN 3-424-01480-X.
- Dirk Huth: Sagas aus Ostisland. Diederichs, Kreuzlingen/München 1999, ISBN 3-424-01502-4.
- Robert Nedoma: Gautreks Saga Konungs / Die Sage von König Gautrek. Aus dem Altisländischen übersetzt. Kümmerle Verlag, Göppingen 1991 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 529), ISBN 3-87452-769-7.
- Rudolf Simek, Valerie Broustin, Jonas Zeit-Altpeter (Hrsg.): Sagas aus der Vorzeit. Von Wikingern, Berserkern, Untoten und Trollen, 3 Bände. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2020
- Band 1: Heldensagas. ISBN 978-3-520-61301-1.
- Band 2: Wikingersagas. ISBN 978-3-520-61401-8.
- Band 3: Trollsagas. ISBN 978-3-520-61501-5.
Textausgaben
- Íslenzk fornrit. Hið Íslenzka Fornritafélag, Reykjavík 1933-. (noch im Erscheinen)
- Hans Kuhn, Gustav Neckel: Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern. Bd. 1, Text. 5. Auflage. Carl Winter, Heidelberg 1983, ISBN 3-8253-3081-8
- Hans Kuhn (Hrsg.): Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern. Bd. 2, Kommentierendes Glossar – Kurzes Wörterbuch. Carl Winter, Heidelberg 1968. ISBN 3-8253-0560-0