Architektonische Immunität: Wenn Ameisen zu Baumeistern gegen Seuchen werden

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Architektonische Immunität: Wenn Ameisen zu Baumeistern gegen Seuchen werden

Schwarze Wegameise
Ameisenhügel

Schwarze Wegameisen (Lasius niger) sind nicht nur geschickte Baumeister, sondern auch erstaunlich anpassungsfähig. Eine neue Studie aus Großbritannien zeigt, dass diese Ameisen bei Krankheiten nicht nur ihr Verhalten, sondern sogar die Bauweise ihrer Nester verändern, um sich zu schützen. Die Forscherinnen und Forscher nennen dieses Verhalten „architektonische Immunität“.

Wenn sich in einer Ameisenkolonie ein Krankheitserreger ausbreitet, reagieren die Tiere ähnlich wie Menschen in einer Pandemie. Sie halten Abstand, vermeiden unnötige Kontakte und verändern ihre Umgebung, um die Ansteckung zu verringern. Während Menschen Einbahnstraßen und Hygieneregeln einführten, verlegen Ameisen ihre Brutkammern oder ändern die Struktur ihrer Tunnel. Das Team um die Biologin Nathalie Stroeymeyt von der Universität Bristol konnte erstmals genau beobachten, wie das funktioniert. In Laborversuchen ließ man Ameisen Kolonien in durchsichtigen Behältern bauen. Dann brachte man in einige Kolonien Arbeiterinnen ein, die mit einem Pilz in Kontakt gekommen waren. Mit 3D-Scans wurde das Nest täglich untersucht. Nach wenigen Tagen war zu sehen, dass die Ameisen ihre Nester umgebaut hatten – Kammern wurden verschoben, Gänge verändert und Bereiche, in denen sich viele Tiere begegneten, verkleinert.

Ameisen leben in riesigen Kolonien mit manchmal Millionen von Individuen. Damit sie zusammenarbeiten können, sind sie eng miteinander verbunden und folgen einem ausgeklügelten System der Arbeitsteilung. Das bringt Vorteile, zum Beispiel Effizienz und gute Organisation. Doch diese enge Gemeinschaft kann auch gefährlich sein, weil sich Krankheiten sehr schnell ausbreiten können. Stroeymeyt und ihr Team fanden heraus, dass die Ameisen durch gezielte Veränderungen am Nest das Risiko verringern, dass sich Krankheitserreger ausbreiten.

Um zu überprüfen, ob der Umbau wirklich hilft, nutzten die Forschenden Computermodelle. Sie gaben die gescannten Nestpläne ein und simulierten, wie sich ein Pilz im alten und im neuen Nest ausbreiten würde. Das Ergebnis war eindeutig: In den umgebauten Nestern steckten sich deutlich weniger Ameisen an. Der Schutz funktioniert also am besten, wenn Verhalten und Architektur zusammenwirken. Auch die Evolutionsbiologin Susanne Foitzik von der Universität Mainz betont, dass diese Kombination entscheidend ist. Zum ersten Mal wurde gezeigt, dass Ameisen bei Krankheiten nicht nur anders handeln, sondern auch ihre Umgebung aktiv verändern, um sich zu schützen.

Besonders spannend ist, dass dieser Umbau ohne eine zentrale Steuerung geschieht. Die Ameisenkönigin gibt keine Befehle, und keine einzelne Ameise weiß, wie das Nest am Ende aussehen soll. Jede Ameise reagiert einfach auf Gerüche und Reize aus ihrer Umgebung – und gemeinsam entsteht daraus ein funktionierender, sicherer Bau. Über Millionen Jahre hat die Evolution dieses Verhalten so geformt, dass es heute wirkt, als hätten die Tiere einen Plan.

Die Erkenntnisse aus dieser Forschung sind nicht nur für die Biologie interessant. Sie zeigen auch, dass wir Menschen von Ameisen lernen können. Wenn schon Ameisen durch Veränderungen in ihrer Bauweise Epidemien eindämmen können, könnten auch Städte und Gebäude so gestaltet werden, dass sich Krankheiten weniger leicht verbreiten. Krankenhäuser, Schulen oder öffentliche Gebäude könnten davon profitieren.

Die kleinen Ameisen zeigen uns, dass Schutz vor Krankheiten nicht nur eine Sache des Körpers ist, sondern auch mit Raum, Struktur und Bauweise zu tun hat. Ihre Nester sind wie lebendige Systeme – sie reagieren, passen sich an und helfen der Gemeinschaft zu überleben.[1]

Wissenschaftliche Studie

Informationen in Schwesterprojekten

Vorlage:Wikipedia

Vorlage:Wiktionary

Fußnoten

  1. Ameisen bauen Nester bei Epidemien um | Tagesschau.de, 23. Oktober 2025.