Nächtliche Hypoglykämien bei Diabetes mellitus in den frühen Morgenstunden

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Nächtliche Hypoglykämien bei Diabetes mellitus in den frühen Morgenstunden

Nächtliche Hypoglykämien stellen eine klinisch relevante Komplikation bei Menschen mit Diabetes mellitus dar und treten gehäuft in den frühen Morgenstunden um etwa 3 Uhr auf. Dieses Phänomen ist seit Langem bekannt und beruht auf einem komplexen Zusammenspiel hormoneller, pharmakologischer und stoffwechselphysiologischer Faktoren.

Während des Schlafs unterliegt der Glukosestoffwechsel deutlichen circadianen Schwankungen. In der zweiten Nachthälfte ist die endogene Glukosefreisetzung aus der Leber physiologisch reduziert. Gleichzeitig entfaltet insbesondere abends appliziertes Insulin, vor allem lang wirksame oder intermediäre Insuline, häufig zu dieser Zeit seine maximale Wirkung. Das resultierende Ungleichgewicht zwischen Insulinwirkung und verfügbarer Glukose kann zu einem relevanten Abfall des Blutzuckerspiegels führen.

Ein weiterer bedeutsamer Aspekt ist die eingeschränkte Wahrnehmung hypoglykämischer Warnsymptome während des Schlafs. Autonome Symptome wie Zittern, Hunger oder Konzentrationsstörungen werden häufig nicht bewusst registriert. Erst wenn die Hypoglykämie ausgeprägt ist, kommt es zur Aktivierung der hormonellen Gegenregulation. Dabei werden Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet, um den Blutzucker anzuheben. Diese hormonelle Reaktion führt häufig zu abruptem Erwachen, begleitet von Symptomen wie Schwitzen, Herzklopfen, innerer Unruhe oder Angstgefühlen.

Zusätzlich können äußere Faktoren das Risiko nächtlicher Unterzuckerungen erhöhen. Körperliche Aktivität am Vortag verbessert die Insulinsensitivität über mehrere Stunden hinweg und kann den nächtlichen Glukosebedarf deutlich senken. Auch Alkoholkonsum am Abend spielt eine wichtige Rolle, da Alkohol die hepatische Glukoneogenese hemmt und damit die wichtigste nächtliche Glukosequelle des Körpers beeinträchtigt.

In der klinischen Praxis haben nächtliche Hypoglykämien eine besondere Bedeutung, da sie häufig unbemerkt bleiben und langfristig zu einer verminderten Hypoglykämiewahrnehmung führen können. Moderne kontinuierliche Glukosemesssysteme haben gezeigt, dass ein erheblicher Anteil nächtlicher Unterzuckerungen nicht spontan zum Erwachen führt und somit unentdeckt bleibt.

Nächtliche Hypoglykämien gegen 3 Uhr sind das Ergebnis einer zeitlich ungünstigen Überlagerung maximaler Insulinwirkung, reduzierter endogener Glukosefreisetzung und verzögerter hormoneller Gegenregulation, wobei individuelle Faktoren wie Therapieform, Tagesaktivität und Alkoholkonsum das Risiko zusätzlich modulieren.

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