Tacitus’ Germania

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Tacitus’ Germania

Das Faksimile des Incipts der Germania des Tacitus des Codex Aesinas Latinus.

Bei der Übersetzung von „Tacitus’ Germania“ in die deutsche Sprache handelt es sich erst um eine wortgetreue und auch moderne Übertragung aller 46 Kapitel der Germania durch den Autor Andreas A. F. W. H. Ulrich sen. Die Germania ist das einzigste und zugleich wichtigste zusammenhängende Zeugnis der Antike über die germanischen Völker und ihren Lebensraum. Sie bildet die Grundlage unseres Wissens über ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Kultur. Die neue Übersetzung bewahrt Sinn, Terminologie und größtmögliche Nähe zur Syntax des altlateinischen Originals ohne interpretative Zusätze oder inhaltliche Vereinfachungen. Zugleich ist die Fassung so formuliert, dass sie sich flüssig und leicht verständlich lesen lässt. Frühere Übersetzungen sind oft in einer altertümlichen deutschen Sprache verfasst und daher schwer zugänglich. Eine moderne Übersetzung öffnet den Text dagegen für eine breitere Leserschaft und trägt dazu bei, die Bedeutung der Germanen für die europäische Geschichte besser zu verstehen. Die neue Übersetzung ist als Arbeitsmaterial für das Selbststudium gedacht; etwaige Modernisierungen betreffen ausschließlich die deutsche Ausdrucksweise und Orthografie, nicht den Inhalt. Die Arbeit ist Teil der Selbststudie „Germanen, germanische Völker, Germanien (Wissenschaft, Forschung, Lehre)“.

Die Geschichte von Tacitus’ Germania

Die Germania, mit vollem Titel De origine et situ Germanorum („Über Ursprung und geographische Lage der Germanen“), wurde um 98 n. Chr. von dem römischen Senator und Historiker Publius Cornelius Tacitus verfasst. In dieser ethnographischen Schrift beschreibt Tacitus die Lebensweise, Sitten, Stammesstrukturen und Kriegsführung der germanischen Völker nördlich des Römischen Reiches.

Das Werk entstand in einer Zeit, in der die Expansion Roms an der Rhein- und Donaugrenze auf Widerstand stieß. Tacitus wollte seinen römischen Lesern ein Bild der Germanen vermitteln, das einerseits die Gefährlichkeit dieser Nachbarn betonte, andererseits aber auch ihre „ursprüngliche Tugendhaftigkeit“ dem vermeintlich dekadenten Rom gegenüberstellte.

Die Schrift war im Mittelalter zeitweise verschollen, wurde jedoch im 15. Jahrhundert wiederentdeckt und hatte großen Einfluss auf das europäische Geschichts- und Selbstverständnis. Besonders in der Neuzeit wurde die Germania häufig politisch und ideologisch instrumentalisiert – von der Romantik bis hin zur nationalsozialistischen Propaganda.

Heute gilt sie als eine der wichtigsten Quellen für das frühe Bild der germanischen Völker, muss jedoch kritisch gelesen werden, da Tacitus’ Darstellung zugleich auch von römischer Perspektive und politischen Absichten geprägt ist.

Siehe dazu auch:

Tacitus’ Germania in deutscher Sprache

Die Übersetzung von Tacitus’ Germania erfolgt kapitelweise. Zunächst wird eine wortgetreue Übersetzung verfasst, anschließend folgt eine leichter verständliche Version. Das bedeutet, dass die zuvor kompliziert formulierte, wortgetreue Übersetzung anschließend in eine klarere und leichter lesbare Fassung übertragen wird. Beide Übersetzungen werden jeweils untereinander dargestellt. Die Originaltexte werden im unteren Abschnitt „Lateinischer Originaltext“ aufgeführt.

Das Werk gliedert sich in zwei Hauptteile:

Allgemeiner Teil (Kapitel 1–27)

  • Kapitel 1–5: Beschreibung Germaniens – Grenzen, Volk, Landschaft und Bodenschätze. Tacitus schildert das Land als rau und unwirtlich, die Germanen als ursprünglich, unvermischt und an die Härte des Landes angepasst.
  • Kapitel 6–15: Öffentliches Leben – Kriegswesen, Religion, Volksversammlungen, Rechtsprechung und Fürsten. Tacitus hebt Mut im Kampf, aber auch Müßiggang und Disziplinlosigkeit hervor.
  • Kapitel 16–27: Privates Leben – Häuser, Kleidung, Ehe, Erziehung, Erbrecht, Gastfreundschaft, Feste, Spiele, Landwirtschaft und Bestattung. Die Germanen erscheinen als sittsam, monogam und treu, zugleich aber ausschweifend bei Festen.

Besonderer Teil (Kapitel 28–46)

(Tacitus beschreibt hier einzelne Völker mit ihren Eigenarten.)

  • Kapitel 28–29: Stämme im Westen und Süden (u. a. Helvetier, Bojer, Treverer, Nervier, Ubier, Bataver, Mattiaker).
  • Kapitel 30–31: Die Chatten – militärisch organisiert, Haar- und Barttracht als Kriegsritual.
  • Kapitel 32–34: Weitere westliche Stämme (Tenkterer, Brukterer, Angrivarier, Chamaver, Friesen u. a.).
  • Kapitel 35–37 Nördliche Stämme (Chauken, Cherusker, Kimbern).
  • Kapitel 38–45: Die Sueben und zahlreiche Unterstämme (Semnonen, Langobarden, Hermunduren, Markomannen, Quaden, Aesti u. a.), mit besonderen Bräuchen wie Haartracht, Kult der Nerthus und Bernsteinhandel.
  • Kapitel 46: Grenzvölker im Osten (Peukiner, Veneter, Fenni), deren Zugehörigkeit zu den Germanen unklar bleibt.


P. CORNELI TACITI DE ORIGINE ET SITV GERMANORVM
TACITUS’ GERMANIA

Kapitel 1

Wortgetreue Übersetzung

„Ganz Germanien ist im Westen und Süden durch die Flüsse Rhein und Donau von den Galliern, Rätern und Pannoniern getrennt. Im Osten trennen es Berge oder die gegenseitige Furcht von den Sarmaten und Daken. Der Rest des Landes wird vom Ozean umschlossen, der weite Buchten und unzählige Inseln birgt. Einige dieser Völker und Könige wurden uns erst vor Kurzem durch Kriegszüge bekannt. Der Rhein entspringt aus einem unzugänglichen und steilen Gletscher in den rätischen Alpen, biegt dann sanft nach Westen ab und mündet schließlich in die Nordsee. Die Donau entspringt aus einem sanften, leicht erhöhten Bergrücken des Abnobagbirges und fließt durch die Gebiete mehrerer Völker, bis sie mit sechs Mündungen ins Schwarze Meer gelangt; ein siebter Arm wird von Sümpfen verschlungen.[1]

Verständliche Übersetzung

„Ganz Germanien wird im Westen und Süden durch die Flüsse Rhein und Donau von den Galliern, Rätern und Pannoniern getrennt. Im Osten trennen Berge oder die gegenseitige Angst vor den Sarmaten und Dazier das Land. Den Rest umgibt der Ozean mit weiten Buchten und vielen Inseln. Erst kürzlich hat man von manchen Völkern und Königen erfahren, als der Krieg sie sichtbar machte. Der Rhein entspringt in den hohen rätischen Alpen. Er biegt sich nach Westen und fließt schließlich in den nördlichen Ozean. Die Donau kommt aus den sanften Gipfeln des Schwarzwaldes, fließt durch viele Länder und mündet über sechs Arme ins Schwarze Meer. Ein siebter Arm geht jedoch in Sümpfen verloren.“

Kapitel 2

Wortgetreue Übersetzung

„Die Germanen selbst halte ich für Ureinwohner des Landes, die sich nicht mit anderen Völkern vermischt haben. Denn in früherer Zeit gab es keine Einwanderungen über Land, und nur wenige Schiffe aus unserer Welt erreichen den weiten, jenseitigen Ozean. Zudem, wer würde schon die Gefahren eines schrecklichen und unbekannten Meeres auf sich nehmen, um Asien, Afrika oder Italien zu verlassen und nach Germanien zu ziehen, einem Land, dessen Landschaften hässlich, dessen Klima rau und dessen Lebensbedingungen unwirtlich sind – es sei denn, es ist die eigene Heimat?

In ihren alten Gesängen, der einzigen Form ihrer Geschichtsüberlieferung, preisen sie den aus der Erde stammenden Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus als Gründer und Stammvater ihres Volkes. Dem Mannus schreiben sie drei Söhne zu, nach denen die Stämme am Meer Ingwaeonen, die in der Mitte Herminonen und die Übrigen Istwaeonen genannt werden. Manche behaupten, wie es eben in der Freiheit des Altertums vorkommt, es gäbe noch mehr Söhne des Gottes und mehr Volksnamen: Marser, Gambrivier, Sueben und Vandilier, allesamt wirkliche und alte Namen. Das Wort Germania sei hingegen neu und erst vor Kurzem hinzugefügt worden, weil jene, die zuerst den Rhein überquerten und die Gallier vertrieben, damals Germanen genannt wurden und heute Tungrer heißen. So habe sich der Name eines einzelnen Stammes allmählich auf das ganze Volk übertragen, sodass sich alle, zunächst aus Furcht vor den Siegern, bald auch freiwillig mit der Bezeichnung Germanen benannten.“[2]

Verständliche Übersetzung

„Ich glaube, dass die Germanen echte Einheimische sind und nicht aus vielen verschiedenen Völkern zusammengesetzt wurden. Wer früher in ein fremdes Land ziehen wollte, kam nicht zu Fuß, sondern mit Schiffen. Aber der große, weite Ozean, der Germanien vom Rest der Welt trennt, wurde damals kaum von Schiffen befahren. Außerdem: Wer würde – abgesehen von der Gefahr, über das raue, unbekannte Meer zu reisen – aus Asien, Afrika oder Italien nach Germanien kommen, wo das Land karg ist, das Klima hart und die Dörfer einfach gebaut, wenn es nicht seine Heimat wäre?

Die Germanen erzählen in alten Liedern – denn das war ihre einzige Art, Geschichte weiterzugeben – von Tuisto, einem Gott, der aus der Erde geboren wurde. Dieser Gott hatte einen Sohn namens Mannus, der als Gründer ihres Volkes gilt. Mannus hatte drei Söhne, nach denen die Stämme benannt sind: Die Ingaevonen leben am Meer, die Herminonen in der Mitte des Landes, und die Istaevonen im übrigen Gebiet. Manche alten Berichte sagen, dass es noch mehr Söhne von Tuisto gab und noch mehr Stämme, zum Beispiel die Marser, Gambrivier, Sueben und Vandilier. Diese Namen seien sehr alt und echt.Der Name „Germania“ selbst ist dagegen relativ neu. Früher wurden nur die Menschen so genannt, die als erste den Rhein überquerten und die Gallier vertrieben haben – sie hießen damals Tungrer. Nach und nach bekam aber das ganze Volk diesen Namen. Zuerst aus Respekt oder Furcht vor den Siegern, später auch einfach, weil sich der Name eingebürgert hatte.“

Kapitel 3

Wortgetreue Übersetzung

„Man berichtet, dass auch ein Herkules bei ihnen gewesen sei, und dass sie ihn als den ersten von allen tapferen Männern besingen, wenn sie in die Kämpfe gehen. Auch haben sie jene Lieder, durch deren Vortrag, den sie Bardit nennen, sie die Seelen entflammen und durch den Gesang selbst das Schicksal des zukünftigen Kampfes vorhersagen. Denn sie erschrecken oder zittern, je nachdem, wie das Heer ertönt hat, und es scheint weniger ein Zusammenklang der Stimme als vielmehr der Tapferkeit zu sein. Angestrebt wird besonders Rauheit des Tones und ein gebrochenes Murmeln, indem sie die Schilde vor den Mund halten, damit die Stimme voller und schwerer durch den Widerhall anschwillt. Einige wiederum glauben, dass Odysseus nach seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in diesen Ozean gelangt sei und die Länder Germaniens betreten habe. Asciburgium, das am Ufer des Rheins liegt und heute noch bewohnt ist, sei von ihm gegründet und nach ihm benannt worden. Sogar ein Altar, der Odysseus geweiht und mit dem Namen seines Vaters Laertes versehen war, sei einst an derselben Stelle gefunden worden. Zudem existieren Denkmäler und bestimmte Grabhügel mit griechischen Inschriften noch heute an der Grenze zwischen Germanien und Rätiens. Dies aber soll weder durch Beweise bestätigt noch widerlegt werden: Jeder möge nach eigener Überzeugung Glauben schenken oder bezweifeln.“[3]

Verständliche Übersetzung

„Man erzählt, dass eine Art von Herkules bei den Germanen gewesen sein soll. Die Germanen besingen ihn als den tapfersten aller Männer, besonders bevor sie in eine Schlacht ziehen. Sie haben eigene Lieder, die sie Bardit nennen. Beim Singen dieser Lieder machen sie sich Mut und glauben sogar, dass man daraus voraussehen kann, wie eine Schlacht ausgehen wird. Je nachdem, wie die Lieder klingen, fühlen sie sich entweder stärker oder ängstlich. Dabei geht es nicht nur um den Klang der Stimmen, sondern vor allem um Tapferkeit. Die Germanen achten darauf, dass der Ton rau und das Dröhnen tief ist. Oft halten sie ihre Schilde vor den Mund, damit der Klang zurückschallt und die Stimmen dadurch noch lauter und kräftiger werden. Manche erzählen auch, dass Odysseus nach seinen langen Abenteuern in diesen Ozean gelangt sei und dann nach Germanien gekommen sei. Asburg, ein Ort am Ufer des Rheins, soll von ihm gegründet und benannt worden sein. Sogar ein Altar, den Odysseus geweiht haben soll und auf dem der Name seines Vaters Laertes stand, sei dort gefunden worden. Noch heute gäbe es Denkmäler und Grabhügel mit griechischen Buchstaben an der Grenze zwischen Germanien und Raetien. Darum soll man selbst entscheiden, ob man daran glaubt oder nicht: Jeder darf nach eigener Überzeugung zustimmen oder zweifeln.“

Kapitel 4

Wortgetreue Übersetzung

„Ich schließe mich selbst der Ansicht derjenigen an, die glauben, dass die Völker Germaniens durch keinerlei Vermischung mit anderen Nationen verunreinigt worden seien, sondern dass sie ein eigenes, unverfälschtes und nur sich selbst gleiches Geschlecht hervorgebracht haben. Daher auch die Erscheinung der Körper, so wie in so großer Zahl von Menschen, bei allen dieselbe: wilde und blauäugige Augen, rötliche Haare, große Körper und nur für den Angriff stark. In Mühsal und Arbeiten nicht die gleiche Ausdauer, und am wenigsten fähig, Durst und Hitze zu ertragen; an Kälte und Hunger aber hat sie das Klima oder der Boden gewöhnt.“[4]

Verständliche Übersetzung

„Ich schließe mich der Meinung derer an, die glauben, dass die Völker Germaniens nicht mit anderen Nationen vermischt wurden. Sie haben ein eigenes, reines Volk hervorgebracht, das nur sich selbst gleicht. Das zeigt sich auch am Aussehen: Viele haben wilde, blauäugige Blicke, rötliche Haare und große, kräftige Körper, die besonders für den Angriff stark sind. Bei harter Arbeit oder Anstrengung sind sie aber nicht so ausdauernd, und Hitze oder Durst können sie nur schwer ertragen. An Kälte und Hunger dagegen sind sie durch das Klima und den Boden ihres Landes gewöhnt.“

Kapitel 5

Wortgetreue Übersetzung

„Das Land, wenn es auch in der Erscheinung etwas verschieden ist, ist im Ganzen jedoch entweder von Wäldern schauerlich oder von Sümpfen hässlich, feuchter, wo es gegen Gallien hinblickt, windiger, wo es gegen Noricum und Pannonien hinblickt; ziemlich fruchtbar, ungeduldig fruchttragender Bäume, an Vieh reich, aber meist von geringer Größe. Nicht einmal für die Rinder besteht eine eigene Auszeichnung oder Ruhm der Stirn: sie erfreuen sich an der Zahl, und dies allein ist der liebste Reichtum. Ob die Götter, gnädig oder zürnend, Silber und Gold versagt haben, bezweifle ich. Doch könnte ich nicht behaupten, dass kein Gang in Germanien Silber oder Gold hervorbringt: denn wer hat es erforscht? Am Besitz und Gebrauch liegt ihnen nicht viel. Man sieht bei ihnen silberne Gefäße, den Gesandten und Fürsten von ihnen als Geschenk gegeben, nicht in anderer Wertschätzung als die, welche aus Ton geformt werden; obgleich die Nahen wegen des Gebrauchs im Handel Gold und Silber im Ansehen haben und gewisse Gestalten unseres Geldes erkennen und auswählen. Die im Inneren gebrauchen einfacher und altertümlicher den Tausch der Waren. Geld billigen sie alt und lange bekannt, gesägte und zweispännige. Silber auch mehr als Gold ziehen sie vor, nicht aus Zuneigung des Gemütes, sondern weil die Zahl der Silbergeldstücke leichter im Gebrauch ist bei den Händlern für Gemeines und Geringes.“[5]

Verständliche Übersetzung

„Das Land in Germanien sieht zwar unterschiedlich aus, wirkt aber insgesamt eher düster: An vielen Stellen ist es von dunklen Wäldern bedeckt oder von sumpfigen Gebieten durchzogen. Dort, wo es an Gallien grenzt, ist es feuchter, und in Richtung Noricum und Pannonien ist es windiger. Der Boden ist zwar ziemlich fruchtbar, doch Bäume mit vielen Früchten wachsen dort kaum. Vieh gibt es reichlich, allerdings ist es meistens eher klein. Selbst die Rinder sind nicht besonders kräftig oder auffällig. Wichtiger als Schönheit oder Stärke ist für die Menschen die Anzahl ihrer Tiere – das ist ihr liebster Reichtum. Ob die Götter es nun gnädig oder aus Zorn so eingerichtet haben, dass es in Germanien wenig Silber und Gold gibt, bezweifle ich. Vielleicht gibt es diese Metalle im Boden, aber niemand hat ernsthaft danach gesucht? Für die Germanen spielt der Besitz von Silber und Gold keine große Rolle. Manchmal besitzen ihre Fürsten oder Gesandten silberne Gefäße, die sie geschenkt bekommen haben. Doch sie schätzen sie nicht höher als einfache Gefäße aus Ton. In den Grenzgebieten, wo Handel mit den Nachbarn getrieben wird, achten sie etwas mehr auf Gold und Silber. Dort kennen sie auch bestimmte Formen unserer Münzen und wählen sie aus. Im Landesinneren dagegen betreiben sie Handel noch auf einfachere, altmodische Weise: Sie tauschen Waren direkt miteinander. Münzen schätzen sie nur, wenn sie alt und vertraut aussehen, besonders die gesägten und die zweispännigen. Silber ist ihnen dabei sogar wichtiger als Gold – nicht, weil sie es lieber mögen, sondern weil man mit vielen kleinen Silbermünzen im Alltag leichter einkaufen und tauschen kann.“

Kapitel 6

Wortgetreue Übersetzung

„Nicht einmal Eisen ist vorhanden, wie man aus der Art der Waffen schließt. Selten gebrauchen sie Schwerter oder größere Lanzen: Speere oder, mit ihrem eigenen Wort, Framen führen sie, mit schmalem und kurzem Eisen, aber so scharf und zum Gebrauch tauglich, dass sie mit derselben Waffe, wie es die Lage verlangt, entweder im Nahkampf oder im Fernkampf kämpfen. Und der Reiter ist in der Tat mit Schild und Speer zufrieden; die Fußsoldaten aber werfen Wurfgeschosse, mehrere jeder Einzelne, und schleudern sie weit, nackt oder leicht mit einem Mantel bekleidet. Keine Zurschaustellung von Schmuck; nur die Schilde unterscheiden sie mit den erlesensten Farben. Wenige haben Panzerhemden, kaum einer oder ein anderer Helm oder eiserne Helme. Die Pferde sind weder durch Gestalt noch durch Schnelligkeit auffällig. Aber auch Schleifen in unserm Sinn werden sie nicht gelehrt: sie lenken geradeaus oder mit einer einzigen Wendung nach rechts, in so geschlossener Kreisform, dass keiner hinter dem anderen ist. Im Ganzen beurteilt, liegt mehr Stärke bei dem Fußvolk; und deshalb kämpfen sie vermischt, mit der zum Reiterkampf passenden und übereinstimmenden Schnelligkeit der Fußsoldaten, die aus der ganzen Jugend Erwählten vor die Schlachtreihe stellend. Auch ist die Zahl festgelegt; je hundert aus den einzelnen Gaudörfern sind es, und sie werden auch bei den Ihren so genannt, und was zuerst eine Zahl war, ist nun Name und Ehre. Die Schlachtreihe wird durch Keile geordnet. Den Platz zu räumen, sofern man sogleich wieder angreift, halten sie mehr für Überlegung als für Furcht. Ihre Gefallenen bringen sie auch in ungewissen Kämpfen zurück. Das Schild verlassen zu haben ist die größte Schande, und weder den heiligen Handlungen beizuwohnen noch die Volksversammlung zu betreten ist dem Entehrten erlaubt; und viele, die Kriege überlebt haben, haben die Schande durch den Strick beendet.“[6]

Verständliche Übersetzung

„Nicht einmal Eisen ist vorhanden, wie man aus der Art ihrer Waffen schließt. Selten benutzen sie Schwerter oder große Lanzen: Speere oder, wie sie selbst sagen, Framen führen sie, mit einer schmalen und kurzen Eisenspitze, die aber so scharf und brauchbar ist, dass sie mit derselben Waffe, je nach Situation, im Nahkampf oder im Fernkampf kämpfen können. Und der Reiter ist wirklich zufrieden mit Schild und Speer; die Fußsoldaten aber werfen Wurfgeschosse, jeder trägt mehrere davon, und schleudern sie weit, nackt oder nur mit einem Mantel bekleidet. Schmuck zeigen sie nicht; nur ihre Schilde bemalen sie mit besonders schönen Farben. Wenige besitzen Panzerhemden, kaum einer einen Helm oder eisernen Helmschutz. Die Pferde sind weder auffällig schön noch besonders schnell. Kunststücke beim Reiten kennen sie nicht: sie reiten geradeaus oder mit einer einzigen Wendung nach rechts, und das so dicht geschlossen, dass keiner hinter dem anderen ist. Insgesamt ist das Fußvolk stärker; deshalb kämpfen sie gemischt, Reiter zusammen mit schnellen Fußsoldaten, wobei die aus der Jugend ausgewählten Kämpfer vorne in der Schlachtreihe stehen. Auch ist die Zahl festgelegt; je hundert aus den einzelnen Gaudörfern sind es, und sie werden auch bei den Ihren so genannt, und was zuerst eine Zahl war, ist nun Name und Ehre. Die Schlachtreihe wird in Keilform aufgestellt. Den Platz zu räumen, wenn man sofort wieder angreift, halten sie eher für Klugheit als für Feigheit. Ihre Gefallenen holen sie auch in unsicheren Kämpfen zurück. Das Schild verloren zu haben ist die größte Schande, und wer entehrt ist, darf weder an heiligen Handlungen teilnehmen noch die Volksversammlung betreten; und viele, die Kriege überlebt haben, haben die Schande mit Selbstmord beendet.“

Kapitel 7

Wortgetreue Übersetzung

„Die Könige wählen sie nach dem Adel, die Anführer nach der Tapferkeit. Und den Königen ist keine unbeschränkte oder freie Macht, und die Anführer herrschen mehr durch Beispiel als durch Befehl, wenn sie tatkräftig sind, wenn sie hervorstechen, wenn sie vor der Schlachtreihe handeln, stehen sie durch Bewunderung voran. Im Übrigen ist weder strafen noch fesseln, ja nicht einmal schlagen erlaubt außer den Priestern, nicht gleichsam als Strafe und nicht auf Befehl des Anführers, sondern wie wenn ein Gott es befiehlt, den sie bei den Kämpfenden anwesend glauben. Und Bilder und gewisse Zeichen, vom Hain weggenommen, tragen sie in die Schlacht; und was die vorzüglichste Anregung der Tapferkeit ist: nicht Zufall und nicht eine zufällige Zusammenballung macht die Schar oder den Keil, sondern Familien und Verwandtschaften; und in der Nähe sind die Pfänder, von woher das Heulen der Frauen zu hören ist, von woher das Geschrei der Kinder. Diese sind für jeden die heiligsten Zeugen, diese die größten Lobredner. Zu den Müttern, zu den Ehefrauen bringen sie die Wunden; und jene fürchten sich nicht, die Wunden zu zählen oder zu prüfen, und sie tragen Speisen und Aufmunterungen zu den Kämpfenden.“[7]

Verständliche Übersetzung

„Die Könige werden wegen ihres Adels gewählt, die Anführer wegen ihrer Tapferkeit. Aber die Könige haben keine unbegrenzte oder freie Macht. Die Anführer herrschen auch nicht durch Befehle, sondern eher durch ihr Vorbild: wenn sie mutig sind, wenn sie herausragen, wenn sie selbst in der ersten Reihe kämpfen – dann folgen ihnen die anderen voller Bewunderung.Strafen, Fesseln oder Schläge sind grundsätzlich verboten – nur die Priester dürfen das. Und auch sie tun es nicht als Strafe oder auf Befehl eines Anführers, sondern so, als ob ein Gott es befohlen hätte, von dem man glaubt, dass er mitten unter den Kämpfern anwesend ist. In die Schlacht tragen sie heilige Bilder und bestimmte Zeichen, die aus einem heiligen Hain stammen. Das stärkt ihren Mut. Am wichtigsten aber ist: Die Kämpfer bilden ihre Gruppen nicht zufällig, sondern nach Familien und Verwandtschaften. Ganz in der Nähe hören sie die Rufe ihrer Frauen und Kinder. Das Heulen der Frauen und das Geschrei der Kinder sind für sie die stärksten Antriebe. Sie sind die heiligsten Zeugen und die größten Ansporner. Die Krieger bringen ihre Wunden zu den Müttern und Ehefrauen. Diese fürchten sich nicht, die Wunden anzusehen oder zu prüfen. Stattdessen versorgen sie die Männer mit Essen und sprechen ihnen Mut zu.“

Kapitel 8

Wortgetreue Übersetzung

„Es wird der Erinnerung überliefert, dass bestimmte Heere, die bereits geneigt und ins Wanken geraten waren, von Frauen wiederhergestellt wurden durch die Beständigkeit der Gebete und durch das Entgegenstellen der Brust und durch die unmittelbar gezeigte Gefangenschaft, welche sie so sehr ungeduldig im Namen ihrer Frauen fürchten, dass so die Gesinnung der Städte wirksamer gebunden wird, denen unter den Geiseln auch adlige Mädchen übergeben werden. Sie glauben sogar, dass etwas Heiliges und Vorausschauendes darin enthalten ist, und sie verachten weder ihre Ratschläge noch missachten sie ihre Antworten. Wir haben unter dem Kaiser Vespasian Veleda lange bei vielen in der Stellung eines göttlichen Wesens verehrt gesehen; aber auch früher Albruna und viele andere wurden verehrt, nicht aus Schmeichelei und nicht, als ob sie Göttinnen wären.“[8]

Verständliche Übersetzung

„Man erzählt, dass ganze Heere, die schon kurz davor waren zu fliehen und zusammenzubrechen, durch die Frauen wieder Mut fassten. Das geschah, weil die Frauen unerschütterlich beteten, sich den Kämpfenden mutig entgegenstellten und sogar so taten, als wären sie schon Gefangene. Die Männer fürchteten nämlich nichts so sehr, wie dass ihre Frauen in Gefangenschaft geraten. Gerade dadurch blieb die Treue der Städte erhalten, denn unter den Geiseln befanden sich oft auch adlige Mädchen. Man glaubte sogar, dass die Frauen etwas Heiliges und Vorhersehendes in sich tragen. Deshalb nahm man ihre Ratschläge ernst und beachtete ihre Antworten. Zur Zeit des Kaisers Vespasian wurde Veleda von vielen Menschen wie ein göttliches Wesen verehrt. Aber schon früher wurden Frauen wie Albruna und viele andere hoch geachtet – nicht aus Schmeichelei und auch nicht, weil man sie für wirkliche Göttinnen hielt.“

Kapitel 9

Wortgetreue Übersetzung

„Sie verehren die Götter am meisten Merkur, dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer zu bringen für frommes Recht halten. Hercules und Mars besänftigen sie durch erlaubte Tieropfer. Ein Teil der Sueben opfert auch Isis: von wo Ursache und Ursprung dieser fremden Verehrung ist, habe ich wenig erfahren, außer dass das heilige Zeichen selbst, in der Form eines Liburnerschiffs dargestellt, die über Meer eingeführte Religion zeigt. Im Übrigen halten sie es der Größe der Himmlischen nicht für angemessen, die Götter innerhalb von Wänden einzusperren oder ihnen irgendeine Gestalt des menschlichen Antlitzes zu geben. Haine und Wälder weihen sie, und nennen nach den Namen der Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein aus frommer Ehrfurcht sehen.“[9]

Verständliche Übersetzung

„Sie verehren die Götter, besonders Merkur. An bestimmten Tagen halten sie es sogar für richtig, Menschen als Opfer zu bringen, um das göttliche Recht zu ehren. Hercules und Mars besänftigen sie dagegen durch erlaubte Tieropfer. Ein Teil der Sueben verehrt auch Isis. Woher diese fremde Verehrung genau kommt, weiß man kaum. Nur eines ist bekannt: Das heilige Zeichen, dargestellt als kleines Schiff (ein Liburnerschiff), zeigt, dass diese Religion von über das Meer gebracht wurde. Die Sueben finden es nicht angemessen, die Götter in Gebäuden einzusperren oder ihnen menschliche Züge zu geben. Stattdessen weihen sie Haine und Wälder und nennen nach den Göttern die geheimnisvollen Orte, die sie nur aus tiefem Respekt vor dem Göttlichen betreten.“

Kapitel 10

Wortgetreue Übersetzung

„Göttliche Zeichen und Lose beobachten sie wie kaum jemand sonst: die Gewohnheit des Losens ist einfach. Einen Zweig, von einem fruchttragenden Baum abgeschnitten, zerschneiden sie in kleine Stäbchen und versehen diese mit gewissen Zeichen, dann streuen sie sie über ein weißes Gewand nach dem Zufall und auf Geratewohl. Sodann, wenn öffentlich befragt wird, hebt der Priester der Gemeinde, wenn privat, der Familienvater selbst, nachdem er die Götter angerufen und zum Himmel aufgeblickt hat, dreimal je ein Stäbchen auf und deutet die Aufgehobenen nach dem vorher eingedrückten Zeichen. Wenn sie es verboten haben, erfolgt keine Befragung über dieselbe Sache am gleichen Tag; wenn aber Erlaubnis gegeben ist, wird noch die Bestätigung durch die Vorzeichen verlangt. Und auch jenes ist hier bekannt, die Stimmen und den Flug der Vögel zu befragen; eigentümlich dem Volk ist es aber auch, die Vorzeichen und Mahnungen der Pferde zu erproben. Öffentlich werden sie in denselben Hainen und Wäldern genährt, weiß und von keinem menschlichen Werk berührt; diese, vor den heiligen Wagen gespannt, begleiten der Priester und der König oder Fürst der Gemeinde und achten auf ihr Wiehern und Schnauben. Und keinem anderen Vorzeichen wird größerer Glaube geschenkt, nicht nur beim Volk, sondern auch bei den Vornehmen, bei den Priestern; denn sie halten sich für Diener der Götter, jene aber für deren Wissende. Es gibt auch noch eine andere Beobachtung von Vorzeichen, durch die sie den Ausgang schwerer Kriege erforschen. Einen Gefangenen des Volkes, mit dem Krieg ist, irgendwie gefasst, lassen sie mit einem ausgewählten der Ihren, jeder mit den heimischen Waffen, kämpfen: der Sieg des einen oder anderen wird als Vorentscheidung angenommen.“[10]

Verständliche Übersetzung

„Die Germanen achten sehr genau auf göttliche Zeichen und Orakel. Besonders verbreitet ist bei ihnen das Losen. Dafür schneiden sie einen Zweig von einem fruchttragenden Baum in kleine Stäbchen, versehen diese mit bestimmten Zeichen und werfen sie dann zufällig auf ein weißes Tuch. Wenn eine öffentliche Frage gestellt wird, hebt der Priester der Gemeinschaft, bei privaten Angelegenheiten der Familienvater, dreimal ein Stäbchen auf. Vorher ruft er die Götter an und blickt zum Himmel. Danach deutet er die Stäbchen nach den eingedrückten Zeichen. Wenn die Zeichen etwas verbieten, darf am selben Tag nicht noch einmal nach derselben Sache gefragt werden. Wenn die Zeichen jedoch Zustimmung zeigen, verlangen die Germanen zusätzlich eine Bestätigung durch weitere Vorzeichen. Außerdem deuten sie die Stimmen und den Flug der Vögel. Eine Besonderheit dieses Volkes ist es aber auch, die Vorzeichen und Warnungen der Pferde zu beachten. Diese heiligen Pferde werden in heiligen Hainen und Wäldern gehalten. Sie sind weiß und haben niemals eine menschliche Arbeit verrichtet. Wenn sie vor heilige Wagen gespannt werden, begleiten Priester und Könige oder Fürsten die Tiere und achten aufmerksam auf ihr Wiehern und Schnauben. Kein anderes Zeichen wird so ernst genommen wie dieses – weder vom Volk noch von den Adligen oder den Priestern. Die Menschen sehen sich selbst als Diener der Götter, die Pferde aber gelten ihnen als deren Wissende. Es gibt auch noch ein weiteres Vorzeichen, um den Ausgang großer Kriege vorherzusagen. Dabei lassen sie einen Kriegsgefangenen gegen einen ausgewählten Mann ihres Volkes kämpfen. Beide treten mit den eigenen Waffen an. Der Sieger gilt dann als Hinweis auf den Ausgang des Krieges.“

Kapitel 11

Wortgetreue Übersetzung

„Über kleinere Dinge beraten die Fürsten; über größere alle, doch so jedoch, dass auch jene, deren Entscheidung bei dem Volk ist, bei den Fürsten durchbesprochen werden. Sie kommen zusammen, wenn nicht etwas Zufälliges und Plötzliches dazwischentritt, an festgesetzten Tagen, wenn entweder der Mond beginnt oder voll wird; denn für die zu betreibenden Dinge glauben sie dies den günstigsten Anfang. Auch die Zahl der Tage zählen sie nicht, wie wir, sondern der Nächte. So bestimmen sie, so verabreden sie: die Nacht scheint den Tag zu führen. Jenes ist aus der Freiheit ein Fehler, dass sie nicht zugleich noch wie befohlen zusammenkommen, sondern auch ein zweiter und dritter Tag durch das Zögern der Zusammenkommenden verbraucht wird. Wie es der Menge gefiel, setzen sie sich, bewaffnet. Schweigen wird durch die Priester befohlen, welchen dann auch das Recht des Züchtigens zusteht. Bald darauf werden König oder Fürst, je nachdem, wie alt jeder ist, je nachdem der Adel, je nachdem die Auszeichnung durch Kriege, je nachdem die Redekunst ist, angehört, durch das Ansehen des Ratens mehr als durch die Macht des Befehlens. Wenn der Antrag missfiel, verschmähen sie ihn durch Murren; wenn er aber gefiel, schütteln sie die Wurfspieße. Die angesehenste Art der Zustimmung ist, mit Waffen zu loben.“[11]

Verständliche Übersetzung

„Über kleinere Angelegenheiten beraten die Fürsten, über größere aber alle gemeinsam. Doch auch die Themen, über die das Volk entscheidet, werden vorher von den Fürsten besprochen. Die Versammlungen finden – wenn nicht gerade etwas Unvorhergesehenes geschieht – an festgelegten Tagen statt, und zwar dann, wenn der Mond neu oder voll ist. Denn sie glauben, dass dies der günstigste Zeitpunkt für wichtige Dinge ist. Anders als wir zählen sie nicht die Tage, sondern die Nächte. Deshalb richten sie ihre Absprachen danach: für sie führt die Nacht den Tag. Ein Nachteil ihrer Freiheit ist jedoch, dass sie nicht immer pünktlich zusammenkommen. Oft vergeht ein zweiter oder sogar ein dritter Tag, weil viele zu spät erscheinen. Wenn sie sich schließlich versammeln, sitzen sie bewaffnet. Die Priester sorgen für Ruhe und haben auch das Recht, Ungehorsame zu bestrafen. Dann werden die Wortführer angehört – je nachdem, wer König oder Fürst ist, wer alt ist, wer durch seine Abstammung oder durch Kriegstaten Ansehen gewonnen hat oder wer sich durch Redekunst auszeichnet. Sie überzeugen durch die Achtung, die man ihnen entgegenbringt, nicht durch Zwang. Wenn ein Vorschlag nicht gefällt, lehnt die Menge ihn durch Murren ab. Wenn er aber Zustimmung findet, schütteln sie ihre Wurfspieße. Am meisten geschätzt wird es, wenn man einen Vorschlag durch das Klirren der Waffen bekräftigt.“

Kapitel 12

Wortgetreue Übersetzung

„Es ist erlaubt, bei der Versammlung auch anzuklagen und eine Lebensgefahr (Strafverfolgung auf Leben und Tod) zu betreiben. Die Unterscheidung der Strafen ist nach dem Vergehen: Verräter und Überläufer hängen sie an Bäumen auf; die Feigen und Unkriegerischen und am Körper Schändlichen versenken sie in Kot und Sumpf, nachdem obenauf ein Flechtwerk gelegt worden ist. Die Verschiedenheit der Strafe bezieht sich darauf, als ob man die Verbrechen zeigen müsse, während sie bestraft werden, die Schandtaten aber verbergen. Doch auch bei leichteren Vergehen Strafe nach Maß: mit Zahl von Pferden und Vieh werden die Überführten gebüßt. Ein Teil der Buße wird dem König oder der Gemeinde gezahlt, ein Teil dem selbst, der gerächt wird, oder seinen Verwandten. In denselben Versammlungen werden auch die Vorsteher gewählt, die das Recht durch Gaue und Dörfer sprechen; je hundert aus dem Volk Begleiter sind den Einzelnen zugleich Rat und Autorität.“[12]

Verständliche Übersetzung

„In den Versammlungen ist es auch erlaubt, jemanden anzuklagen und sogar ein Todesurteil zu fordern. Welche Strafe jemand bekommt, hängt von der Art des Vergehens ab: Verräter und Überläufer werden an Bäumen aufgehängt. Wer feige ist, den Kampf meidet oder seinen Körper entehrt hat, wird in Morast und Sumpf versenkt, nachdem man darüber ein Flechtwerk gelegt hat. Der Unterschied der Strafen zeigt, dass man manche Verbrechen öffentlich sichtbar bestrafen will, während man Schandtaten lieber verbirgt. Bei kleineren Vergehen gibt es Strafen, die genau bemessen sind. Dabei müssen die Schuldigen Pferde oder Vieh als Buße abgeben. Ein Teil davon geht an den König oder die Gemeinschaft, der andere Teil an das Opfer selbst oder an dessen Angehörige. In denselben Versammlungen werden außerdem die Vorsteher gewählt, die in den einzelnen Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jeder von ihnen wird von hundert Männern aus dem Volk begleitet, die zugleich als Berater und als Stütze ihrer Autorität dienen.“

Kapitel 13

Wortgetreue Übersetzung

„Nichts aber führen sie weder von öffentlicher noch privater Sache, außer bewaffnet. Aber Waffen ergreifen ist keinem vorher Sitte, bevor die Gemeinde ihn als ausreichend anerkannt hat. Dann in eben jener Versammlung entweder einer der Fürsten oder der Vater oder die Verwandten schmücken den Jüngling mit Schild und Wurfspeer: dies bei ihnen die Toga, dies erste Ehre der Jugend; vor diesem erscheinen sie als Teil des Hauses, bald als der öffentlichen Sache. Hervorragende Vornehmheit oder große Verdienste der Väter verleihen auch Jünglingen die Auszeichnung des Fürsten; den übrigen, kräftigeren und schon längst bewährten, werden sie beigeordnet, und keine Scham ist, unter den Gefährten gesehen zu werden. Rangstufen ja sogar hat die Gefolgschaft selbst, nach dem Urteil dessen, dem sie folgen; und groß ist sowohl die Rivalität der Gefährten, welchen der erste Platz bei ihrem Fürsten, als auch der Fürsten, welchem die meisten und tapfersten Gefährten. Dies Würde, dies Kräfte, stets von großem Haufen auserwählter Jünglinge umgeben zu sein: im Frieden Schmuck, im Krieg Schutz. Und nicht nur im eigenen Volk für jeden, sondern auch bei den benachbarten Gemeinden jener Name, jener Ruhm, wenn durch Zahl und Tapferkeit die Gefolgschaft hervorragt; denn durch Gesandtschaften werden sie gesucht und mit Geschenken geehrt, und gar oft besiegen sie durch den bloßen Ruf Kriege.“[13]

Verständliche Übersetzung

„Die Germanen gehen nie unbewaffnet zu Versammlungen, weder zu öffentlichen noch zu privaten Angelegenheiten. Doch Waffen zu tragen, ist niemandem erlaubt, bevor die Gemeinschaft ihn nicht als würdig anerkannt hat. In derselben Versammlung schmücken dann entweder einer der Fürsten, der Vater oder die Verwandten den jungen Mann mit Schild und Wurfspeer. Dies ist für sie wie das Tragen einer Toga – die erste große Ehre der Jugend. Von diesem Moment an gehört der junge Mann sowohl zur Familie als auch zur öffentlichen Gemeinschaft. Jünglingen wird diese Auszeichnung auch wegen der herausragenden Stellung oder der großen Verdienste ihrer Väter verliehen. Stärkere oder schon bewährte Jugendliche werden den Gefolgschaften beigeordnet, ohne dass es peinlich ist, unter Gleichaltrigen gesehen zu werden. Auch die Gefolgschaften haben Rangstufen, die nach dem Urteil des jeweiligen Anführers bestimmt werden. Es gibt eine starke Rivalität unter den Gefährten darum, wer den ersten Platz bei ihrem Fürsten einnimmt, ebenso unter den Fürsten darum, wer die meisten und tapfersten Gefährten hat.Diese Würde bedeutet, immer von einem großen Kreis ausgewählter junger Männer umgeben zu sein: im Frieden ein Schmuck, im Krieg ein Schutz. Und nicht nur im eigenen Volk, sondern auch bei benachbarten Gemeinden bringt dieser Name Ruhm. Wer durch Zahl und Tapferkeit in der Gefolgschaft hervorsticht, wird oft durch Gesandtschaften geehrt, mit Geschenken bedacht und kann manchmal allein durch seinen Ruf Kriege gewinnen.“

Kapitel 14

Wortgetreue Übersetzung

„Wenn man in die Schlacht gekommen ist, ist es schändlich für den Anführer, an Tapferkeit besiegt zu werden, schändlich für die Gefolgschaft, der Tapferkeit des Anführers nicht gleichzukommen. Schon wahrlich schmählich für das ganze Leben und entehrend ist es, den eigenen Anführer überlebend aus der Schlacht gewichen zu sein. Jenen zu verteidigen, zu schützen, die eigenen auch tapferen Taten seinem Ruhm zuzuschreiben, ist das vornehmste Gelöbnis. Die Anführer kämpfen für den Sieg, die Gefährten für den Anführer. Wenn der Staat, in dem sie geboren sind, in langem Frieden und Müßiggang erstarrt, suchen viele von den edlen Jünglingen freiwillig jene Völker auf, die gerade irgendeinen Krieg führen, weil sowohl der Nation die Ruhe verhasst ist als auch sie leichter mitten in Gefahren berühmt werden und eine große Gefolgschaft sich nur durch Gewalt und Krieg erhält; denn sie fordern von der Freigebigkeit ihres Anführers jenes kriegerische Pferd, jene blutige und siegreiche Lanze. Denn Gastmähler und, wenn auch schlicht, doch reichliche Bewirtungen treten an die Stelle des Soldes. Der Stoff der Freigebigkeit ist durch Kriege und Raub. Und man wird sie nicht so leicht dazu überreden, die Erde zu pflügen oder auf das Jahr zu warten, wie den Feind herauszufordern und Wunden zu verdienen. Träge ja vielmehr und untüchtig scheint es, mit Schweiß zu erwerben, was man mit Blut bereiten kann.“[14]

Verständliche Übersetzung

„Wenn man in eine Schlacht zieht, ist es eine Schande für den Anführer, wenn er nicht mutig genug ist, um zu siegen. Und es ist eine Schande für seine Gefolgsleute, wenn sie nicht genauso mutig sind wie ihr Anführer. Besonders beschämend und entwürdigend ist es, wenn man die Schlacht überlebt, aber der eigene Anführer nicht. Es ist die edelste Verpflichtung, den Anführer zu verteidigen und zu schützen und gleichzeitig die eigenen tapferen Taten seinem Ruhm zuzuschreiben. Die Anführer kämpfen für den Sieg, die Gefährten kämpfen für ihren Anführer. Wenn ein Staat, in dem sie geboren sind, lange in Frieden lebt und es dort an Herausforderung fehlt, ziehen viele junge, edle Männer freiwillig zu Völkern, die gerade Krieg führen. Denn einerseits langweilt sie der Frieden, andererseits können sie in Gefahr leicht Ruhm erlangen, und eine große Gefolgschaft entsteht nur durch Kampf und Krieg. Sie erwarten von ihrem großzügigen Anführer das kriegerische Pferd, die blutige und siegreiche Lanze. Statt Sold erhalten sie Gastmähler und einfache, aber großzügige Verpflegung. Die Grundlage dieser Großzügigkeit sind Kriege und Raubzüge. Es ist schwer, sie davon zu überzeugen, die Felder zu bestellen oder auf das nächste Jahr zu warten. Viel leichter lassen sie sich dazu bringen, den Feind herauszufordern und sich Wunden zu verdienen. Mühsam mit Schweiß zu arbeiten, um etwas zu erreichen, erscheint ihnen träge und nutzlos, wenn sie es auch mit Blut erreichen können.“

Kapitel 15

Wortgetreue Übersetzung

„So oft sie keine Kriege beginnen, verbringen sie nicht viel mit Jagden, mehr durch Müßiggang, hingegeben dem Schlaf und dem Essen, jeder der Tapfersten und Kriegerischsten nichts tuend, die Sorge für Haus und Hausgötter und Felder übertragen den Frauen und Alten und jedem der Schwächsten aus der Familie; sie selbst sind stumpf, mit wunderbarer Verschiedenheit der Natur, da dieselben Menschen so sehr die Untätigkeit lieben und den Frieden hassen. Sitte ist es den Gemeinwesen, freiwillig und nach Mann für Mann den Führern entweder von Vieh oder von Früchten beizutragen, was, als Ehre empfangen, auch den Bedürfnissen hilft. Sie freuen sich besonders über Geschenke der benachbarten Völker, welche nicht nur von Einzelnen, sondern auch öffentlich gesandt werden, ausgewählte Pferde, große Waffen, Ziergeschmeide und Halsringe; schon auch Geld anzunehmen haben wir sie gelehrt.“[15]

Verständliche Übersetzung

„Wenn sie keinen Krieg führen, verbringen sie ihre Zeit kaum mit der Jagd, sondern meist mit Müßiggang, Schlaf und Essen. Selbst die tapfersten und mutigsten Krieger tun dann nichts. Die Sorge um Haus, Hausgötter und Felder überlassen sie den Frauen, den Alten oder den schwächsten Familienmitgliedern. Sie selbst wirken träge, obwohl die Natur sie wunderbar unterschiedlich gemacht hat. Denn diese Menschen lieben die Untätigkeit sehr und hassen den Frieden. In ihrer Gesellschaft ist es üblich, dass jeder freiwillig und Mann für Mann dem Anführer Vieh oder Früchte gibt. Diese Gaben werden als Ehre angenommen und helfen gleichzeitig den Bedürfnissen des Volkes. Besonders freuen sie sich über Geschenke von benachbarten Völkern, die nicht nur von Einzelnen, sondern auch offiziell geschickt werden. Dazu gehören ausgewählte Pferde, große Waffen, Schmuck und Halsringe. Wir haben ihnen sogar beigebracht, auch Geld anzunehmen.“

Kapitel 16

Wortgetreue Übersetzung

„Es ist hinreichend bekannt, dass von den germanischen Völkern keine Städte bewohnt werden, ja dass sie nicht einmal miteinander verbundene Sitze dulden. Sie wohnen getrennt und verschieden, wie es Quelle, wie Feld, wie Wald gefiel. Sie legen Dörfer nicht nach unserer Art an, durch verbundene und zusammenhängende Gebäude: Jeder umgibt sein Haus mit Raum, sei es als Mittel gegen Feuerunfälle oder aus Unkenntnis des Bauens. Nicht einmal die Verwendung von Steinen oder Ziegeln ist bei ihnen: sie verwenden für alles Material formlos und ohne Aussehen oder Gefälligkeit. Einige Stellen bestreichen sie sorgfältiger mit Erde, so rein und glänzend, dass sie ein Bild und die Konturen der Farben nachahmt. Sie pflegen auch unterirdische Höhlen zu öffnen und beladen sie obenauf mit viel Mist, Zuflucht für den Winter und Lager für Früchte, weil sie die Strenge der Kälte solcher Orte mildern, und wenn jemals ein Feind kommt, verwüstet er das Offene, aber das Versteckte und Vergrabene wird entweder nicht erkannt oder täuscht gerade dadurch, dass es gesucht werden muss.“[16]

Verständliche Übersetzung

„Es ist allgemein bekannt, dass die germanischen Völker keine Städte bauen und nicht einmal zusammenhängende Siedlungen dulden. Sie wohnen getrennt, genau da, wo es ihnen gefällt – an Quellen, auf Feldern oder im Wald. Sie legen ihre Dörfer nicht wie bei uns an, mit verbundenen Häusern oder geordneten Straßen. Jeder umgibt sein Haus mit etwas Abstand, entweder um sich vor Feuer zu schützen oder einfach, weil sie das Bauen nicht gut kennen. Steine oder Ziegel benutzen sie kaum; sie bauen alles aus Material, das sie gerade finden, ohne dass es besonders schön oder geformt ist. An manchen Stellen glätten sie den Boden sorgfältig mit Erde, sodass er sauber und glänzend aussieht und sogar Farben und Muster nachahmt. Außerdem graben sie oft unterirdische Höhlen, die sie mit viel Mist abdecken. Diese Höhlen dienen als Zuflucht im Winter und als Lager für Früchte. So mildern sie die Kälte in solchen Orten. Wenn ein Feind kommt, zerstört er nur, was offen liegt, aber das Versteckte bleibt oft unentdeckt oder täuscht gerade dadurch, dass es versteckt ist.“

Kapitel 17

Wortgetreue Übersetzung

„Als Überwurf haben alle einen Mantel, zusammengehalten durch eine Fibel oder, wenn diese fehlt, durch einen Dorn; im Übrigen unbedeckt verbringen sie den ganzen Tag neben Herd und Feuer. Die Reichsten unterscheiden sich durch ein Gewand, nicht bauschend, wie die Sarmaten und Parther, sondern eng anliegend und jedes einzelne Glied betonend. Sie tragen auch Felle von wilden Tieren, die denjenigen, die nahe am Ufer wohnen, ungepflegt, den weiter Entfernten aber ausgesucht erscheinen, wie für jene, zu denen kein Kleidungsbrauch durch Handel gelangt. Sie wählen wilde Tiere aus und streuen die abgezogenen Häute mit Flecken und Fellen der Tiere, die der äußere Ozean und das unbekannte Meer erzeugt. Auch die Frauen haben keine andere Kleidung als die Männer, außer dass sich die Frauen öfter mit Leinengewändern bedecken, die sie mit Purpur verändern, und den oberen Teil des Gewandes nicht in Ärmel verlängern, wobei Unter- und Oberarme nackt bleiben; aber auch der unmittelbar darüber liegende Teil der Brust ist unbedeckt.“[17]

Verständliche Übersetzung

„Als Mantel tragen alle einen Überwurf, der mit einer Fibel oder, wenn diese fehlt, mit einem Dorn zusammengehalten wird. Ansonsten bleiben sie unbedeckt und verbringen den ganzen Tag am Herd und am Feuer. Die Reichsten unterscheiden sich durch ein besonderes Gewand. Es ist nicht weit und bauschig wie bei den Sarmaten und Parthern, sondern eng anliegend und hebt jedes Körperteil hervor. Sie tragen auch Felle von wilden Tieren. Bei denen, die nahe am Ufer wohnen, wirken diese Felle oft ungepflegt. Bei den weiter entfernt Lebenden sind sie dagegen sorgfältig ausgewählt, weil dorthin keine Kleidung durch Handel gelangt. Sie wählen wilde Tiere aus und verzieren die abgezogenen Häute mit Flecken und Fellen von Tieren, die aus dem äußeren Ozean und dem unbekannten Meer stammen. Auch die Frauen tragen fast dieselbe Kleidung wie die Männer. Nur bedecken sich die Frauen häufiger mit Leinengewändern, die sie mit Purpur einfärben. Anders als bei den Männern haben ihre Obergewänder keine Ärmel, sodass Unterarme und Oberarme nackt bleiben. Auch der obere Teil der Brust bleibt unbedeckt.“

Kapitel 18

Wortgetreue Übersetzung

„Obwohl es strenge Ehen gibt, wird man keinen Aspekt ihrer Moral mehr loben. Denn fast alle Barbaren geben sich mit alleinstehenden Frauen zufrieden, mit Ausnahme einiger weniger, die in vielen Ehen nicht aus Lust, sondern aufgrund ihrer Vornehmheit umworben werden. Die Frau bietet ihre Mitgift nicht ihrem Mann an, sondern der Mann seiner Frau. Eltern und Verwandte sind anwesend und befürworten Geschenke, Geschenke, die nicht aus weiblichen Freuden gesucht werden oder die einem Frischvermählten Freude bereiten, sondern Ochsen und ein gezäumtes Pferd sowie einen Schild mit Speer und Schwert. Die Frau wird als Geschenk angenommen und bringt ihrem Mann im Gegenzug einige Waffen: Dies ist das größte Band, diese heiligen Geheimnisse, diese ehelichen Götter werden von ihnen betrachtet. Damit eine Frau nicht glaubt, außerhalb der Gedanken der Tugend und außerhalb der Zufälle des Krieges zu stehen, wird sie durch die Vorzeichen des Ehebeginns daran erinnert, dass sie als Partnerin in Mühen und Gefahren kommen wird, dass sie dasselbe im Frieden und dasselbe im Kampf erleiden und wagen wird. Dies wird durch die angespannten Ochsen, die vorbereiteten Pferde und die gegebenen Waffen vorweggenommen. So müssen wir leben und so müssen wir sterben: um uns selbst anzunehmen, was uns unantastbar und unserer Kinder würdig macht, was unsere Schwiegertöchter annehmen können und was wir unseren Enkeln zurückgeben können.“[18]

Verständliche Übersetzung

„Obwohl die Ehen streng gehalten werden, verdient kein Bereich ihrer Moral mehr Lob. Denn fast alle Barbaren bleiben bei einer einzigen Frau, nur wenige Männer haben mehrere Frauen, und das nicht aus Lust, sondern weil ihre Vornehmheit es verlangt. Die Frau bringt ihrem Mann keine Mitgift, sondern der Mann gibt sie seiner Frau. Eltern und Verwandte sind bei der Hochzeit anwesend und bestätigen die Geschenke. Diese Geschenke sind nicht für weibliche Freuden gedacht oder um den Ehemann zu unterhalten, sondern es sind Ochsen, ein gezäumtes Pferd, ein Schild, ein Speer und ein Schwert. Die Frau wird mit diesen Gaben geehrt und gibt ihrem Mann im Gegenzug ebenfalls Waffen. Dies gilt als das stärkste Band, als heilige Geheimnisse und als die ehelichen Götter. Damit eine Frau nicht glaubt, außerhalb von Tapferkeit oder den Gefahren des Krieges zu stehen, wird sie schon bei der Hochzeit daran erinnert: Sie soll Partnerin in Mühen und Gefahren sein, im Frieden wie im Kampf dasselbe ertragen und wagen wie ihr Mann. Darauf weisen die gespannten Ochsen, die vorbereiteten Pferde und die überreichten Waffen hin. So sollen sie leben und so sollen sie sterben: um etwas zu besitzen, das unantastbar ist, das ihrer Kinder würdig ist, das ihre Schwiegertöchter übernehmen und das sie ihren Enkeln weitergeben können.“

Kapitel 19

Wortgetreue Übersetzung

„Deshalb leben sie in gesicherter Keuschheit, durch keine Lockungen der Schauspiele, durch keine Reizungen der Gelage verdorben. Die Geheimnisse der Schrift kennen Männer ebenso wie Frauen nicht. Sehr selten geschehen in einem so zahlreichen Volk Ehebrüche, deren Strafe augenblicklich und den Ehemännern überlassen ist: Mit abgeschnittenen Haaren jagt der Ehemann die entblößte Frau vor den Augen der Verwandten aus dem Haus und treibt sie mit der Peitsche durch das ganze Dorf; denn preisgegebene Keuschheit kennt kein Verzeihen: weder durch Schönheit, noch durch Alter, noch durch Reichtum findet sie einen Ehemann. Niemand dort lacht über Laster, und verführen oder verführt werden heißt nicht Welt. Noch besser sind jene Städte, in denen nur Jungfrauen heiraten, wo Hoffnung und Gelübde der Gattin nur einmal erfüllt werden. So empfangen sie einen einzigen Ehemann, wie einen einzigen Körper und ein einziges Leben, damit kein weiterer Gedanke, keine größere Begierde lebe, und sie ihn nicht wie einen Ehemann, sondern wie die Ehe lieben. Die Zahl der Kinder zu begrenzen oder gar einen der Verwandten zu töten, gilt als Schandtat, und mehr wirken dort die guten Sitten als anderswo gute Gesetze.“[19]

Verständliche Übersetzung

„Deshalb leben sie in gesicherter Keuschheit und lassen sich weder von Schauspielerei noch von Gelagen verderben. Männer und Frauen kennen die Geheimnisse der Schrift nicht. Ehebrüche kommen in einem so großen Volk nur sehr selten vor. Wenn sie aber geschehen, bestraft der Ehemann die Frau sofort: Er schneidet ihr die Haare ab, führt sie entblößt vor den Augen der Verwandten aus dem Haus und treibt sie mit der Peitsche durchs ganze Dorf. Denn wer seine Keuschheit verliert, kann nicht verziehen werden: Weder Schönheit, noch Alter oder Reichtum helfen, einen Ehemann zu finden. Niemand dort lacht über Laster, und Verführung wird nicht als normal angesehen. Besonders in Städten, in denen nur Jungfrauen heiraten, gilt das Versprechen der Ehefrau nur einmal: Sie bekommt einen einzigen Ehemann, einen einzigen Körper und ein einziges Leben, damit keine anderen Gedanken oder Wünsche entstehen und sie ihn nicht nur als Mann, sondern als Ehepartner liebt. Die Zahl der Kinder zu begrenzen oder einen Verwandten zu töten gilt als Schande. Dort sind die guten Sitten wichtiger als Gesetze.“

Kapitel 20

Wortgetreue Übersetzung

„In jedem Haus wachsen sie in Blöße und Einfachheit an diese Glieder, an diese Körper, die wir bewundern. Jeden nährt die eigene Mutter an den Brüsten, und sie werden nicht den Mägden oder Ammen überlassen. Herr und Knecht halte man nicht für würdig irgendeiner Zucht; sie leben unter denselben Herden, auf demselben Boden, bis das Alter die Freien scheidet, die Tugend anerkennt. Spät ist die Liebe der jungen Männer, und dadurch unerschöpflich die Jugendkraft. Auch die Jungfrauen werden nicht gehetzt; dieselbe Jugend, ähnliche Körpergröße: Gleiche und kräftige werden sie vereint, und die Kinder tragen die Stärke der Eltern zurück. Den Söhnen der Schwestern gebührt dieselbe Ehre beim mütterlichen Onkel wie beim Vater. Manche meinen, dieses Band des Blutes sei heiliger und enger, und sie fordern bei der Aufnahme von Geiseln mehr, als ob sie sowohl den Geist fester als auch das Haus weiter festhielten. Erben und Nachfolger aber sind für jeden die eigenen Kinder, und kein Testament existiert. Sind keine Kinder vorhanden, so ist die nächste Stufe in der Besitzfolge: Brüder, Onkel väterlicherseits, Onkel mütterlicherseits. Je mehr Blutsverwandte, je größer die Zahl der Verschwägerten, desto wohlgefälliger das Alter; und keine Kinderlosigkeit wird bezahlt.“[20]

Verständliche Übersetzung

„In jedem Haus wachsen die Kinder in Einfachheit und ohne Scham auf, in Körper hinein, die stark und gesund werden, wie wir sie bewundern. Jedes Kind wird von der eigenen Mutter gestillt, nicht von Mägden oder Ammen. Herr und Knecht unterscheiden sich nicht in der Erziehung: Sie verbringen ihre Zeit mit demselben Vieh und auf demselben Boden, bis das Alter zeigt, wer frei geboren ist und die Tapferkeit anerkannt wird. Die jungen Männer verlieben sich erst spät, deshalb ist ihre Kraft und Energie groß. Auch bei den jungen Frauen wird nichts überstürzt; sie haben dieselbe Jugendkraft und ähnliche Größe. Stark und gleichwertig werden sie zusammengebracht, und ihre Kinder erben die Stärke der Eltern. Die Söhne der Schwestern haben beim Onkel denselben Respekt und dieselbe Stellung wie beim Vater. Manche Menschen halten diese Blutsverbindungen für besonders heilig und stark und fordern bei der Aufnahme von Geiseln mehr, weil sie so die Familie besser schützen und das Haus fester zusammenhalten wollen. Erben und Nachfolger sind immer die eigenen Kinder, und es gibt kein Testament. Gibt es keine Kinder, geht das Erbe an die nächsten Verwandten: Brüder, Onkel väterlicherseits oder mütterlicherseits. Je mehr Verwandte und Verschwägerte es gibt, desto angenehmer ist das Leben im Alter. Kinderlosigkeit wird nicht belohnt, aber alle Familienbande werden geachtet.“

Kapitel 21

Wortgetreue Übersetzung

„Sowohl Feindschaften, sei es des Vaters oder eines Blutsverwandten, wie auch Freundschaften anzunehmen, ist Pflicht. Doch dauern sie nicht unversöhnlich; denn selbst ein Mord wird durch eine bestimmte Zahl von Rindern und anderem Vieh gesühnt, und die gesamte Sippe nimmt die Genugtuung verbindlich an, zum Nutzen für das Allgemeine, da Feindschaften in Freiheit gefährlicher sind.

Kein anderes Volk lässt sich bei geselligen Mahlzeiten und gastlicher Bewirtung verschwenderischer gehen. Einen Sterblichen vom Dach auszuschließen gilt als Frevel; jeder empfängt ihn mit einer Mahlzeit, die nach seinem Vermögen vorbereitet ist. Wenn diese Vorräte erschöpft sind, zieht derjenige, der eben noch Gastgeber war, nun als Zeiger der Herberge und Begleiter weiter zum nächsten Haus, ohne eingeladen zu sein. Doch das spielt keine Rolle: man empfängt sie mit gleicher Freundlichkeit. Niemand unterscheidet, was das Recht des Gastes betrifft, zwischen Bekannten und Unbekannten. Dem Scheidenden zu gewähren, wenn er etwas verlangt, ist Sitte, ebenso wie auf der anderen Seite die gleiche Unbefangenheit im Verlangen. Sie erfreuen sich an Geschenken, zählen aber Gegebenes nicht an und fühlen sich durch Empfangenes nicht verpflichtet. Das gesamte Verhalten unter Gästen ist freundlich.“[21]

Verständliche Übersetzung

„Es ist Pflicht, sowohl Feindschaften – sei es die des Vaters oder einem anderen Blutsverwandten – als auch Freundschaften anzunehmen. Diese Beziehungen dauern aber nicht ewig; selbst ein Mord kann durch eine bestimmte Anzahl von Rindern oder anderem Vieh gesühnt werden, und die gesamte Familie akzeptiert diese Wiedergutmachung verbindlich, zum Nutzen aller, denn Feindschaften sind in Freiheit gefährlich.

Kein anderes Volk geht bei gemeinsamen Mahlzeiten und gastfreundlicher Bewirtung so großzügig vor. Einen Menschen vom Dach oder Haus auszuschließen gilt als schlimmer Verstoß; jeder wird mit einer Mahlzeit empfangen, die dem Vermögen des Gastgebers entspricht. Sind die Vorräte aufgebraucht, zieht der Gastgeber, der gerade noch bewirtet hat, als Begleiter weiter zum nächsten Haus, ohne eingeladen zu sein. Doch das macht nichts: man empfängt ihn mit derselben Freundlichkeit. Niemand unterscheidet zwischen Bekannten und Fremden, wenn es um die Rechte eines Gastes geht. Es ist üblich, dem scheidenden Gast zu geben, was er verlangt, genauso wie er frei verlangen darf. Sie freuen sich über Geschenke, zählen aber nicht, was sie bekommen haben, und fühlen sich durch das Empfangen nicht verpflichtet. Insgesamt ist das Verhalten unter Gästen immer freundlich.“

Kapitel 22

Wortgetreue Übersetzung

„Sofort aus dem Schlaf, den sie meist bis zum Tag hinausziehen, waschen sie sich, öfter mit warmem Wasser, wie bei denen, wo der Winter am meisten herrscht. Nach dem Waschen nehmen sie Nahrung zu sich: getrennte Sitze für jeden und jedem sein eigener Tisch. Dann gehen sie bewaffnet zu Geschäften und nicht weniger oft zu Gelagen. Tag und Nacht durchgehend trinkend ist für niemanden Schande. Häufige Streitigkeiten, wie unter Betrunkenen, werden selten durch Beschimpfungen geregelt, öfter durch Töten und Wunden. Aber auch über das gegenseitige Versöhnen von Feinden, über das Herstellen von Schwägerschaften und das Anerkennen von Oberhäuptern, über Frieden und Krieg schließlich, beraten sie meist auf Gelagen, als ob zu keiner Zeit der Geist mehr für einfache Gedanken offen wäre oder für große erglühe. Das Volk, weder schlau noch listig, öffnet zudem durch die Freiheit des Spaßes bisher nicht die Geheimnisse des Herzens; daher ist der Geist aller enthüllt und nackt. Am nächsten Tag wird es erneut überlegt, und die Ordnung beider Zeiten ist gesichert: sie überlegen, solange sie nicht verstellen können, und sie beschließen, solange sie nicht irren können.“[22]

Verständliche Übersetzung

„Sofort nach dem Aufwachen, das bei ihnen meist bis zum Tagesbeginn dauert, waschen sie sich, oft mit warmem Wasser, besonders dort, wo der Winter am strengsten ist. Nach dem Waschen nehmen sie ihr Essen ein: jeder sitzt getrennt, und jeder hat seinen eigenen Tisch. Danach gehen sie bewaffnet zu Geschäften oder zu Festen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht zu trinken ist für niemanden eine Schande. Häufige Streitigkeiten, wie man sie unter Betrunkenen kennt, werden selten durch Worte gelöst; oft endet es mit Verletzungen oder sogar Tod. Trotzdem beraten sie über das Versöhnen von Feinden, das Herstellen von Schwägerschaften, die Anerkennung von Anführern sowie über Frieden und Krieg meist bei Gelagen. Dabei scheint es, als wäre der Geist zu keiner anderen Zeit mehr offen für einfache Gedanken oder große Ideen. Dieses Volk, weder besonders schlau noch geschickt, hält durch seine Freiheit im Spaß seine wahren Gefühle verborgen; deshalb ist ihr Geist offen und ehrlich zugleich. Am nächsten Tag überdenken sie alles noch einmal, und die Ordnung bleibt bestehen: Sie überlegen, solange sie sich nicht verstellen, und sie treffen Entscheidungen, solange sie sich nicht irren.“

Kapitel 23

Wortgetreue Übersetzung

„Als Getränk dient eine Flüssigkeit aus Gerste oder Weizen vergoren, die einer Art Wein ähnelt: Diejenigen, die in der Nähe des Ufers leben, kaufen auch Wein. Einfache Speisen, wilde Früchte, frisches Wild oder geronnene Milch: Ohne Aufwand, ohne Verlockungen vertreiben sie den Hunger. Gegen den Durst ist die Zurückhaltung nicht dieselbe. Wenn man der Trunkenheit nachgibt, indem man ihnen anbietet, was sie begehren, werden sie nicht weniger leicht durch Laster als durch Waffen besiegt.“[23]

Verständliche Übersetzung

„Als Getränk trinken sie eine Flüssigkeit aus vergorener Gerste oder Weizen, die etwas wie Wein schmeckt. Wer am Flussufer lebt, kauft auch richtigen Wein. Zum Essen reicht ihnen einfache Kost: wilde Früchte, frisches Wild oder geronnene Milch. Ohne großen Aufwand oder besonderen Genuss stillen sie damit ihren Hunger. Beim Trinken sind sie aber weniger zurückhaltend. Wenn man ihnen anbietet, was sie gern trinken, kann man sie durch Laster genauso leicht besiegen wie durch Waffen.“

Kapitel 24

Wortgetreue Übersetzung

„Die Art der Schauspiele ist bei jeder Versammlung stets dieselbe. Nackte junge Männer, für die es ein Spiel ist, springen zwischen Schwertern und drohenden Rahmen hindurch. Übung bringt ihnen Geschick, Geschick sorgt für einen ansprechenden Anblick, jedoch nicht für Gewinn oder Lohn: die Belohnung für die kühnste Ausgelassenheit ist allein das Vergnügen der Zuschauer. Sie spielen Würfel – worüber man sich wundert – nüchtern und ernsthaft, dabei mit so großer Leichtsinnigkeit im Gewinnen und Verlieren, dass sie, wenn alles verloren ist, mit ihrem letzten Wurf über Freiheit und Leben entscheiden. Der Besiegte nimmt freiwillig die Knechtschaft an: obwohl jünger und kräftiger, fügt er sich, gefesselt verkauft zu werden. Ein solcher Starrsinn herrscht bei einem verkehrten Tun; sie selbst nennen es Ehrlichkeit. Sklaven dieser Art werden durch Handel weitergegeben, um auch die Sieger von jeglichem Schamgefühl zu befreien.“[24]

Verständliche Übersetzung

„Die Art der Aufführungen ist bei jeder Versammlung immer gleich. Nackte junge Männer springen als Spiel zwischen Schwertern und gefährlichen Rahmen hindurch. Übung macht sie geschickt, und ihre Geschicklichkeit sorgt für einen schönen Anblick, aber nicht für Geld oder andere Belohnungen: Die einzige Belohnung für ihre Kühnheit ist das Vergnügen der Zuschauer. Sie spielen auch Würfelspiele – und das erstaunlicherweise ganz nüchtern und ernst. Dabei gehen sie so leichtfertig mit Gewinnen und Verlieren um, dass am Ende manchmal über Freiheit oder Leben entschieden wird, nur mit dem letzten Wurf. Der Verlierer akzeptiert freiwillig die Knechtschaft: obwohl er jünger und stärker ist, fügt er sich und lässt sich gefesselt verkaufen. Dieses Verhalten erscheint ihnen nicht falsch, obwohl es hart ist; sie selbst nennen es Ehrlichkeit. Solche Sklaven werden dann weiterverkauft, damit auch die Sieger von jedem Schamgefühl befreit werden.“

Kapitel 25

Wortgetreue Übersetzung

„Die übrigen Sklaven benutzen nicht nach unserer Gewohnheit, indem ihnen die Dienste innerhalb der Familie zugeteilt sind: jeder regiert seinen eigenen Sitz, seine eigenen Hausgötter. Ein Maß Getreide, Vieh oder Kleidung weist der Herr ihm wie einem Pächter zu, und der Sklave gehorcht bis hierher: die übrigen Hausarbeiten führen die Frau und die Kinder aus. Einen Sklaven zu schlagen und mit Fesseln oder Arbeit zu zwingen ist selten: sie sind es gewohnt zu töten, nicht aus Disziplin und Strenge, sondern aus Aufwallung und Zorn, wie einen Feind, außer dass es straffrei ist. Freigelassene stehen den Sklaven nicht weit überlegen, selten besitzen sie irgendein Gewicht im Haus und niemals in der Gemeinde, ausgenommen nur bei jenen Völkern, die regiert werden. Denn dort steigen sie über die Freigeborenen und über die Adligen: bei den übrigen sind ungleiche Freigelassene ein Zeichen der Freiheit.“[25]

Verständliche Übersetzung

„Die übrigen Sklaven werden nicht so behandelt wie bei uns, wo man ihnen innerhalb der Dienerschaft bestimmte Aufgaben gibt. Jeder kümmert sich selbst um sein eigenes Land und sein eigenes Haus. Ein bestimmtes Maß an Getreide, Vieh oder Kleidung wird ihnen von ihrem Herrn wie einem Pächter vorgeschrieben, und innerhalb dieses Rahmens gehorchen sie. Die restlichen Arbeiten im Haus übernehmen die Frau und die Kinder. Peitschen, Gefängnis oder Strafarbeit kommen nur selten vor. Meist werden die Sklaven nur geschlagen – nicht aus Strenge oder Disziplin, sondern aus plötzlicher Wut, wie man es auch bei einem Feind tun würde, und es bleibt oft straffrei. Freigelassene Sklaven sind den noch gebundenen Sklaven nicht sehr überlegen. Sie haben selten viel Einfluss im Haus und fast nie in der Gemeinschaft, außer bei Völkern, die einem König unterstehen. Dort haben sie mehr Macht als die Freigeborenen oder Adligen; bei allen anderen gelten sie nur als Zeichen der eigenen Freiheit.“

Kapitel 26

Wortgetreue Übersetzung

„Mit Geld Geschäfte zu treiben und es durch Zinsen zu vermehren, ist ihnen fremd; darum wird es noch mehr gemieden, als wenn es ausdrücklich verboten wäre. Die Äcker werden nach der Zahl der Bebauer von allen gemeinsam wechselweise in Besitz genommen, worauf sie untereinander nach Rang aufgeteilt werden; die Weite der Felder macht die Verteilung leicht. Die Saatfelder wechseln sie von Jahr zu Jahr, und unbestelltes Land bleibt übrig. Sie mühen sich nicht mit der Fruchtbarkeit und Größe des Bodens ab, um Obstgärten anzulegen, Wiesen abzugrenzen oder Gärten zu bewässern: nur das Saatgut wird dem Boden anvertraut. Deshalb gliedern sie auch das Jahr nicht in ebenso viele Abschnitte: Winter, Frühling und Sommer sind bekannt und haben ihre eigenen Bezeichnungen, den Herbst aber kennt man weder dem Namen nach noch durch seine Erträge.“[26]

Verständliche Übersetzung

„Mit Geld Geschäfte zu machen und es durch Zinsen zu vermehren, ist ihnen fremd; deshalb meiden sie es noch stärker, als wäre es ausdrücklich verboten. Die Äcker werden je nach Anzahl der Bauern gemeinsam genutzt und abwechselnd in Besitz genommen, danach teilen sie das Land untereinander nach gesellschaftlichem Rang auf. Die Größe der Felder erleichtert die Verteilung. Die Saatfelder wechseln sie von Jahr zu Jahr, und unbestelltes Land bleibt einfach liegen. Sie kümmern sich nicht um die Fruchtbarkeit oder Größe des Bodens, legen keine Obstgärten an, grenzen keine Wiesen ab und bewässern keine Gärten; sie säen nur das Saatgut aus. Deshalb teilen sie auch das Jahr nicht in viele Abschnitte: Winter, Frühling und Sommer sind bekannt und haben eigene Namen, den Herbst kennt man aber weder beim Namen noch an seinen Erträgen.“

Kapitel 27

Wortgetreue Übersetzung

„Bei Begräbnissen keine Ehrsucht: dies allein wird beachtet, dass die Körper berühmter Männer mit bestimmten Hölzern verbrannt werden. Den Haufen des Scheiterhaufens häufen sie weder mit Kleidern noch mit Wohlgerüchen auf: seine eigenen Waffen, von manchen auch das Pferd, wird dem Feuer hinzugefügt. Der Rasen erhebt das Grab: der Denkmäler steilen und mühevollen Schmuck verwerfen sie als schwer für die Verstorbenen. Klagen und Tränen legen sie schnell ab, Schmerz und Traurigkeit langsam. Für die Frauen ist trauern ehrbar, für die Männer erinnern.

Dies im Allgemeinen haben wir von aller Germanen Ursprung und Sitten vernommen: nun will ich die Einrichtungen und Gebräuche der einzelnen Völker darlegen, inwiefern sie abweichen, welche Stämme aus Germanien nach Gallien übergesiedelt sind.“[27]

Verständliche Übersetzung

„Bei Begräbnissen gibt es keine Ehrsucht: Wichtig ist nur, dass die Körper berühmter Männer mit bestimmten Hölzern verbrannt werden. Den Scheiterhaufen bedecken sie weder mit Kleidern noch mit Wohlgerüchen; nur die eigenen Waffen des Verstorbenen und bei manchen auch das Pferd werden ins Feuer gelegt. Das Grab wird nur leicht durch einen kleinen Hügel markiert; aufwändige Denkmäler oder mühevolle Verzierungen lehnen sie ab, weil sie für die Verstorbenen unnötig schwer sind. Klagen und Tränen legen sie schnell ab, den Schmerz und die Traurigkeit verarbeiten sie langsam. Für die Frauen ist das Trauern ehrbar, für die Männer bedeutet es, sich zu erinnern.

Das haben wir im Allgemeinen über alle Germanen von ihrem Ursprung und ihren Sitten erfahren. Nun will ich erklären, wie die einzelnen Völker organisiert sind, worin sie sich unterscheiden und welche Stämme aus Germanien nach Gallien gezogen sind.“

Kapitel 28

Wortgetreue Übersetzung

„Dass die Gallier einst größere Macht besaßen, bezeugt der bedeutendste Gewährsmann, der göttliche Julius; und so ist es glaubhaft, dass auch Gallier nach Germanien hinübergezogen sind. Denn wie wenig konnte ein Fluss daran hindern, dass jedes Volk, sobald es an Stärke gewonnen hatte, Wohnsitze besetzte und vertauschte, die bis dahin noch gemeinsam waren und durch keine Herrschaft von Reichen getrennt? Demnach nahmen die Helvetier das Gebiet zwischen dem Herkynischen Wald und den Flüssen Rhein und Main ein, weiter draußen die Bojer, beide gallische Stämme. Noch immer besteht der Name Bojenheim fort und erinnert an die alte Geschichte des Landes, auch wenn die Bewohner sich verändert haben. Doch ob die Aravisker von den Osen, einem germanischen Stamm, nach Pannonien gelangten oder die Osen von den Araviskern nach Germanien zogen, bleibt ungewiss, da beide bis heute dieselbe Sprache, dieselben Einrichtungen und Sitten haben; denn einst waren bei gleicher Bedürftigkeit und Freiheit die Vorteile und Nachteile beider Ufer dieselben. Die Treverer und Nervier sind in ihrem Anspruch auf germanische Herkunft besonders ehrgeizig, als ob sie durch diesen Ruhm des Blutes sich von der Ähnlichkeit und Trägheit der Gallier absonderten. Das eigentliche Rheinufer wird zweifellos von germanischen Völkern bewohnt: den Vangionen, Tribokern und Nemetern. Nicht einmal die Ubier, obgleich sie sich verdient gemacht haben, eine römische Kolonie zu werden, und sich lieber nach dem Namen ihrer Gründerin Agrippinenser nennen, verleugnen ihren Ursprung, da sie einst hinübergezogen und als Beweis ihrer Treue unmittelbar am Rheinufer angesiedelt wurden – nicht um bewacht zu werden, sondern um abzuschirmen.“[28]

Verständliche Übersetzung

„Dass die Gallier früher einmal große Macht hatten, berichtet der wichtigste Zeuge, der göttliche Julius. Deshalb ist es auch glaubwürdig, dass Gallier nach Germanien hinübergezogen sind. Denn ein Fluss konnte kaum verhindern, dass ein stark gewordenes Volk neue Gebiete besetzte oder mit anderen tauschte – vor allem, wenn diese Länder zuvor noch keinem festen Herrscher gehörten. So besetzten die Helvetier das Gebiet zwischen dem Herkynischen Wald und den Flüssen Rhein und Main. Weiter draußen lebten die Bojer, ebenfalls ein gallischer Stamm. Noch heute erinnert der Name Bojenheim an diese alte Zeit, auch wenn dort inzwischen andere Menschen wohnen. Unklar ist, ob die Aravisker von den Osen, einem germanischen Stamm, nach Pannonien kamen oder ob es umgekehrt war und die Osen von den Araviskern nach Germanien zogen. Sicher ist nur: Beide Völker haben bis heute dieselbe Sprache, ähnliche Einrichtungen und gleiche Sitten. Damals, als beide gleich frei und gleich bedürftig waren, gab es auf beiden Seiten des Flusses dieselben Vorteile und Nachteile. Die Treverer und Nervier betonen besonders stark, germanischer Herkunft zu sein. Sie tun das wohl, um sich mit diesem angesehenen Blut von den Galliern abzugrenzen, die als träge und ähnlich gelten. Das eigentliche Rheinufer wird ohne Zweifel von germanischen Völkern bewohnt: den Vangionen, Tribokern und Nemetern. Auch die Ubier verleugnen ihren Ursprung nicht, obwohl sie es verdient haben, eine römische Kolonie zu werden, und sich lieber nach ihrer Gründerin Agrippinenser nennen. Einst sind sie über den Rhein gezogen und wurden dann am Rheinufer angesiedelt – nicht als Gefangene, die überwacht werden sollten, sondern als treue Verbündete, die das Gebiet schützen sollten.“

Kapitel 29

Wortgetreue Übersetzung

„Von allen diesen Völkerschaften sind die Bataver die Tapfersten; sie bewohnen nicht viel vom Ufer, sondern eine Insel des Rheins, einstmals ein Volk der Chatten, das wegen innerer Zwistigkeiten in jene Sitze hinübergegangen ist, um darin ein Teil des römischen Reiches zu werden. Fortbestehend ist die Ehre und das Abzeichen des alten Bündnisses; denn weder werden sie durch Tributzahlungen verächtlich behandelt, noch bedrückt sie ein Steuereintreiber; von Lasten und Abgaben befreit und nur für den Gebrauch im Kampf beiseitegestellt, werden sie, gleich Waffen und Geschossen, für Kriege aufgespart. Im gleichen Gehorsam steht auch das Geschlecht der Mattiaker; denn die Größe des römischen Volkes hat jenseits des Rheins und jenseits der alten Reichsgrenzen Ehrfurcht hervorgebracht. So handeln sie, ihrem Sitz und ihren Grenzen auf dem eigenen Ufer bleibend, in Gesinnung und Geist mit uns, im Übrigen den Batavern ähnlich, außer dass sie gerade durch den Boden und das Klima ihres Landes noch heftiger erregt werden.

Nicht unter die Völker Germaniens würde ich diejenigen zählen, die, obgleich sie jenseits von Rhein und Donau sich niedergelassen haben, die Zehntlande bebauen. Jeder der Leichtfertigsten der Gallier und durch Armut Wagemutigen hat den Boden unsicheren Besitzes ergriffen; nachdem bald der Grenzwall gezogen und die Wachposten vorgeschoben worden sind, gelten sie als Ausweitung des Reiches und als Teil der Provinz.“[29]

Verständliche Übersetzung

„Von allen diesen Völkern sind die Bataver die Tapfersten. Sie leben nicht direkt am Ufer, sondern auf einer Insel im Rhein. Ursprünglich waren sie ein Teil der Chatten, die wegen Streitigkeiten innerhalb ihres Volkes dorthin zogen und so Teil des römischen Reiches wurden. Bis heute besitzen sie die Ehre und das Zeichen dieses alten Bündnisses: Sie müssen keine Steuern zahlen und werden nicht von Steuereintreibern bedrückt. Von Abgaben sind sie befreit, denn sie sind nur für den Krieg bestimmt. Wie Waffen oder Geschosse werden sie für Kämpfe aufgespart. Ähnlich verhält es sich mit den Mattiakern. Auch sie zeigen Gehorsam gegenüber Rom. Die Macht des römischen Volkes hat selbst jenseits des Rheins und außerhalb der alten Grenzen Ehrfurcht hervorgerufen. So bleiben die Mattiaker zwar auf ihrem eigenen Land und an ihren eigenen Grenzen, doch in ihrer Gesinnung und Haltung sind sie mit uns verbunden. In allem sind sie den Batavern ähnlich, nur dass sie durch den Boden und das Klima ihres Landes noch leidenschaftlicher und heftiger werden.

Nicht zu den germanischen Völkern würde ich jene zählen, die zwar jenseits von Rhein und Donau siedeln, aber die sogenannten Zehntlande bewirtschaften. Denn dort haben sich Gallier niedergelassen, die besonders leichtsinnig oder arm waren und deshalb wagemutig dieses unsichere Land ergriffen haben. Später wurden dort Grenzwälle errichtet und Wachen aufgestellt. Seitdem gelten diese Gebiete als Erweiterung des Reiches und gehören zur Provinz.“

Kapitel 30

Wortgetreue Übersetzung

„Jenseits dieser Stämme beginnen die Chatten ihr Siedlungsgebiet am Herkynischen Wald, nicht in flachen oder sumpfigen Gegenden wie die übrigen Gemeinden, in die sich Germania erstreckt; denn die Hügel bleiben bestehen, werden allmählich seltener, und der Herkynische Wald begleitet zugleich die Chatten und begrenzt sie. Der Volkskörper ist kräftiger, die Glieder sind straff, das Gesicht drohend, und die Lebhaftigkeit des Gemüts größer. Für Germanen besitzen sie viel Verstand und Geschick: Sie setzen Auserwählte an die Spitze, gehorchen den Vorgesetzten, kennen die Aufstellungen, erkennen günstige Gelegenheiten, verschieben Angriffe, teilen den Tag ein, befestigen sich während der Nacht, rechnen das Glück zu den unsicheren Dingen, die Tapferkeit zu den sicheren – und, was äußerst selten ist und nur der römischen Disziplin zuteilwird, setzen sie mehr auf den Anführer als auf das Heer. Alle Stärke liegt im Fußvolk, das sie über die Waffen hinaus auch mit Werkzeugen und Vorräten ausrüsten: Andere sieht man in die Schlacht gehen, die Chatten ziehen in den Krieg. Streifzüge und zufällige Kämpfe sind selten. Für die berittenen Kräfte ist es besonders eigen, schnell den Sieg herbeizuführen, schnell zu weichen: Schnelligkeit liegt neben Furcht, Zaudern ist der Beständigkeit näher.“[30]

Verständliche Übersetzung

„Jenseits dieser Stämme beginnt das Gebiet der Chatten am Herkynischen Wald. Anders als viele andere Gegenden in Germania ist ihr Land nicht flach oder sumpfig. Dort gibt es Hügel, die zwar seltener werden, aber dennoch bestehen bleiben, und der Herkynische Wald begleitet und begrenzt das Land der Chatten. Das Volk der Chatten ist stark und kräftig. Ihre Körper sind straff, ihre Gesichter ernst und furchteinflößend, und ihr Wesen wirkt entschlossen und lebendig. Für germanische Verhältnisse besitzen sie viel Verstand und Können: Sie wählen die Besten zu ihren Anführern, gehorchen diesen treu, kennen feste Aufstellungen, erkennen den richtigen Zeitpunkt für Angriffe, warten ab, wenn es klug ist, teilen den Tag sinnvoll ein, sichern sich in der Nacht mit Befestigungen, betrachten das Glück als unsicher, die Tapferkeit aber als sicher. Und etwas, das sonst fast nur die Römer kennen: Sie vertrauen mehr auf ihre Anführer als allein auf das Heer. Ihre Hauptstärke liegt im Fußvolk. Dieses wird nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Werkzeugen und Vorräten ausgerüstet. Andere Völker sieht man einfach in den Kampf ziehen, die Chatten dagegen ziehen in den Krieg – gut vorbereitet. Überraschungsangriffe oder zufällige Kämpfe führen sie nur selten. Besonders im Gegensatz dazu stehen Reiter: Diese suchen meist schnelle Siege und ziehen sich ebenso schnell zurück. Doch schnelle Bewegungen gehen oft mit Angst einher, während Bedacht und Zögern mehr mit Beständigkeit verbunden sind.“

Kapitel 31

Wortgetreue Übersetzung

„Was bei den anderen Völkern Germaniens selten benutzt wird und durch die persönliche Kühnheit jedes Einzelnen geschieht, haben die Chatten in allgemeine Sitte verwandelt: Sobald sie herangewachsen sind, lassen sie Haar und Bart wachsen und nehmen den der Tapferkeit gelobten und verpflichteten Gesichtsausdruck erst ab, nachdem sie einen Feind getötet haben. Über Blut und Beute hinweg enthüllen sie die Stirn und erklären, erst dann die Preise des Lebens entrichtet und ihrer Heimat und den Eltern würdig zu sein; Feiglinge und wenig kriegstüchtige behalten ihr raues Aussehen. Jeder der Tapfersten trägt darüber hinaus einen eisernen Ring – für den Stamm ein Schimpfzeichen – wie eine Fessel, bis er sich durch die Tötung eines Feindes davon befreit. Den meisten Chatten gefällt dieser Anblick, und sie tragen ihn bereits ergraut, sowohl vor Feinden als auch vor den eigenen Leuten gezeigt. Bei ihnen liegen die Anfänge aller Kämpfe; sie bilden immer die erste Schlachtlinie, deren Aussehen ungewöhnlich ist; denn selbst in Friedenszeiten mildern sie sich nicht durch ein sanfteres Gesicht. Keiner besitzt ein Haus, einen Acker oder irgendeine Sorge; sobald sie zu jemandem kommen, werden sie verköstigt, verschwenderisch mit fremdem Gut und verächtlich gegenüber eigenem Besitz, bis das erschöpfte Alter sie dieser harten Tapferkeit unvermögend macht.“[31]

Verständliche Übersetzung

„Was bei den anderen Völkern Germaniens nur selten vorkommt und von der persönlichen Kühnheit jedes Einzelnen abhängt, ist bei den Chatten zu einer festen Gewohnheit geworden: Sobald sie erwachsen sind, lassen sie Haare und Bart wachsen und behalten den Ausdruck von Tapferkeit im Gesicht erst dann ab, wenn sie einen Feind getötet haben. Nach Blutvergießen und Beute zeigen sie die Stirn und erklären damit, dass sie die Lebenspreise bezahlt und sich ihrer Heimat und ihren Eltern würdig erwiesen haben. Feiglinge und wenig kriegstüchtige Männer behalten dagegen ihr raues Aussehen. Die tapfersten Männer tragen außerdem einen eisernen Ring – ein Schimpfzeichen für den Stamm – wie eine Fessel, bis sie sich durch die Tötung eines Feindes davon befreien. Viele Chatten bewundern diesen Anblick, und sie zeigen den Ring sogar mit grauem Haar, sowohl vor Feinden als auch vor den eigenen Leuten. Bei ihnen beginnen alle Kämpfe; sie bilden immer die vorderste Schlachtlinie, die durch ihr ungewöhnliches Aussehen auffällt. Selbst in Friedenszeiten glätten sie ihre Gesichtszüge nicht. Keiner von ihnen besitzt ein Haus, einen Acker oder andere Besitztümer; wo sie hinkommen, werden sie verköstigt und leben verschwenderisch mit fremdem Gut, während sie ihren eigenen Besitz verachten – bis das Alter ihnen die Kraft für diese harte Tapferkeit nimmt.“

Kapitel 32

Wortgetreue Übersetzung

„Unmittelbar den Chatten benachbart wohnen die Usiper und Tenkterer am Rhein, dessen Bett schon festgelegt ist und der als Grenze ausreicht. Die Tenkterer ragen über das übliche Kriegsansehen hinaus durch ihre Kunst in der Reiterzucht hervor; und bei den Chatten ist das Lob der Fußtruppen nicht größer als bei den Tenkterern das der Reiter. So haben es die Ahnen bestimmt; die Nachkommen ahmen es nach. Das sind die Spiele der Kinder, dies der Wettstreit der Jünglinge; die Alten verharren darin. Neben Hausgenossen, Herd und Erbrechten werden die Pferde übergeben: sie empfängt nicht, wie das Übrige, der älteste Sohn, sondern derjenige, der sich im Krieg wild und tüchtiger zeigt.“[32]

Verständliche Übersetzung

„Direkt neben den Chatten leben die Usiper und die Tenkterer am Rhein, dessen Lauf schon festgelegt ist und der als Grenze dient. Die Tenkterer sind nicht nur für ihren Mut im Krieg bekannt, sondern vor allem für ihre große Kunst in der Reiterzucht. So wie bei den Chatten besonders die Fußsoldaten gelobt werden, werden bei den Tenkterern besonders die Reiter gerühmt. So haben es schon die Vorfahren festgelegt, und die Nachkommen halten daran fest. Schon die Kinder üben es spielerisch, die Jugendlichen wetteifern darin, und die Alten bleiben dieser Tradition treu. Zusammen mit Haus, Herd und Erbrechten werden auch die Pferde vererbt: sie gehen jedoch nicht an den ältesten Sohn, wie das übrige Erbe, sondern an den, der sich im Krieg als besonders mutig und tüchtig erweist.“

Kapitel 33

Wortgetreue Übersetzung

„Einst traf man unmittelbar neben den Tenkterern auf die Brukterer; nun aber, so heißt es, seien die Chamaven und Angrivarier dorthin eingewandert, nachdem die Brukterer durch das Einvernehmen benachbarter Stämme vertrieben und völlig ausgerottet worden seien – sei es aus Hass auf ihre Überheblichkeit, aus Begier nach Beute oder durch eine besondere Zuwendung der Götter zu uns. Nicht einmal den Anblick der Schlacht haben sie uns vorenthalten. Mehr als sechzigtausend sind gefallen, nicht durch römische Waffen und Geschosse, sondern – was noch großartiger erscheint – zu unserem Vergnügen und zur Freude der Augen. Möge, so bitte ich, bei diesen Völkern, wenn schon nicht die Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr gegenseitiger Hass bestehen und fortbestehen; denn da das Schicksal des Reiches drängender wird, vermag uns das Glück nichts Größeres mehr zu schenken als die Uneinigkeit unserer Feinde.“[33]

Verständliche Übersetzung

„Früher lebten direkt neben den Tenkterern die Brukterer. Doch nun, so erzählt man, seien die Chamaven und Angrivarier dorthin gezogen, nachdem die Brukterer von benachbarten Stämmen vertrieben und vollständig vernichtet wurden – vielleicht aus Hass auf ihre Überheblichkeit, vielleicht aus Gier nach Beute oder vielleicht auch, weil die Götter uns Römern besonders wohlgesinnt waren. Selbst den Anblick der Schlacht haben sie uns nicht verborgen. Mehr als sechzigtausend Brukterer sind gefallen, nicht durch römische Waffen und Geschosse, sondern – was uns noch größer erscheint – zu unserem Vergnügen und zur Freude unserer Augen. Möge es bei diesen Völkern, wenn schon keine Freundschaft zu uns, so doch wenigstens immer ihren gegenseitigen Hass geben und auch weiter bestehen; denn da das Schicksal des Reiches immer drängender wird, kann uns das Glück nichts Besseres mehr schenken als die Uneinigkeit unserer Feinde.“

Kapitel 34

Wortgetreue Übersetzung

„Die Angrivarier und Chamaven werden rückwärts von den Dulgubniern, den Chasuariern und einigen anderen weniger erwähnten Völkern begrenzt; nach vorne hin stoßen die Friesen an. Diese heißen Große und Kleine Friesen, entsprechend der Stärke ihrer Kräfte. Beide Stämme reichen vom Rhein bis zum Ozean und umschließen darüber hinaus gewaltige Seen, die sogar von römischen Flotten befahren worden sind. Ja, wir haben dort auch den Ozean selbst zu erforschen versucht. Es ging die Kunde, dass noch heute die Säulen des Herkules bestehen – sei es, dass Herkules dorthin gelangt sei, sei es, dass wir alles, was irgendwo großartig erscheint, seiner Berühmtheit zuzuschreiben pflegen. An Mut fehlte es Drusus Germanicus nicht, doch der Ozean selbst hinderte daran, dass man zugleich ihn und Herkules erforsche. Später unternahm es niemand mehr, und es erschien heiliger und ehrwürdiger, an die Taten der Götter zu glauben, als sie ergründen zu wollen.“[34]

Verständliche Übersetzung

„Die Angrivarier und Chamaven werden auf der Rückseite von den Dulgubniern, den Chasuariern und einigen anderen, weniger bekannten Völkern begrenzt; nach vorne hin grenzen sie an die Friesen. Diese heißen Große und Kleine Friesen, je nach der Stärke ihrer Kräfte. Beide Stämme leben vom Rhein bis hin zum Ozean und umgeben außerdem riesige Seen, die sogar von römischen Flotten befahren wurden. Ja, wir haben dort auch versucht, den Ozean selbst zu erforschen. Man erzählte sich, dass dort noch heute die Säulen des Herkules stehen – vielleicht, weil Herkules wirklich dorthin gekommen war, vielleicht aber auch, weil wir alles, was irgendwo großartig erscheint, gern seiner Berühmtheit zuschreiben. An Mut fehlte es Drusus Germanicus nicht, doch der Ozean selbst verhinderte, dass man gleichzeitig ihn und Herkules erforschte. Später hat es niemand mehr versucht, und es erschien heiliger und ehrwürdiger, an die Taten der Götter zu glauben, als sie genau erforschen zu wollen.“

Kapitel 35

Wortgetreue Übersetzung

„Bis hierhin reicht unser Wissen über Germanien nach Westen; nach Norden hingegen erstreckt es sich in einer gewaltigen Biegung. Gleich zu Beginn liegt das Volk der Chauken, das zwar bei den Friesen beginnt und einen Teil der Küste einnimmt, sich aber entlang der Seiten aller bisher beschriebenen Völker ausbreitet, bis es in einem Bogen zu den Chatten hinreicht. Dieses riesige Land besitzen die Chauken nicht nur, sie füllen es auch vollständig aus. Unter den Germanen gelten sie als das vornehmste Volk, das seine Größe lieber durch Gerechtigkeit bewahrt. Ohne Gier und ohne Zügellosigkeit, ruhig und abseits gelegen, provozieren sie keine Kriege und verwüsten nicht durch Plünderungen oder Raubzüge. Ein besonderes Zeichen ihrer Tapferkeit und Stärke ist, dass sie ihre Überlegenheit nicht durch Unrecht erlangen; dennoch haben sie alle ihre Waffen stets bereit und, wenn es die Lage erfordert, ein Heer aus zahlreichen Männern und Pferden. Und selbst wenn sie in Frieden leben, bleibt ihnen derselbe Ruhm erhalten.“[35]

Verständliche Übersetzung

„Bis hierhin kennen wir Germanien nach Westen hin; nach Norden aber macht das Land eine große Biegung. Gleich am Anfang lebt dort das Volk der Chauken. Sie beginnen bei den Friesen und nehmen einen Teil der Küste ein. Doch sie breiten sich noch weiter aus: entlang der Gebiete aller Völker, die wir bisher beschrieben haben, bis hin zu den Chatten. Dieses riesige Land gehört den Chauken nicht nur, sie füllen es auch mit ihrem Volk ganz aus. Unter den Germanen gelten sie als das edelste Volk. Sie bewahren ihre Größe, indem sie gerecht sind. Sie sind weder gierig noch zügellos. Ruhig und abseits gelegen, fangen sie keine Kriege an und verwüsten nicht durch Plünderungen oder Raubzüge. Ein besonderes Zeichen ihrer Tapferkeit und Stärke ist, dass sie ihre Macht nicht durch Unrecht erlangen. Dennoch haben sie ihre Waffen immer bereit. Wenn es nötig ist, stellen sie ein großes Heer aus vielen Männern und Pferden auf. Selbst wenn sie in Frieden leben, bleibt ihr Ruhm derselbe.“

Kapitel 36

Wortgetreue Übersetzung

„An der Grenze der Chauken und Chatten hielten die Cherusker, da sie unbehelligt blieben, einen überlangen und schwächenden Frieden aufrecht. Dies erwies sich als angenehmer denn als sicher, denn unter Zügellosen und Mächtigen ist Ruhe trügerisch: wo die Faust entscheidet, gelten Mäßigung und Rechtschaffenheit nicht als Kennzeichen der Stärkeren. So kommt es, dass die Cherusker, die einst als tapfer und gerecht galten, nun als träge und töricht verschrien sind. Den siegreichen Chatten hingegen wurde ihr Glück als Klugheit angerechnet. In den Untergang der Cherusker wurden auch die Fosen, ein benachbartes Volk, hineingerissen. Sie teilen nun das gleiche Unglück, nachdem sie in besseren Zeiten stets im Schatten gestanden hatten.“[36]

Verständliche Übersetzung

„An der Grenze zwischen den Chauken und den Chatten lebten die Cherusker. Weil sie in Ruhe gelassen wurden, hielten sie lange Zeit an einem Frieden fest, der ihnen aber eher schadete als nützte. Dieser Frieden war zwar angenehm, aber nicht wirklich sicher. Denn unter starken und rücksichtslosen Völkern ist Ruhe gefährlich: wo nur die Faust entscheidet, zählen Besonnenheit und Gerechtigkeit nicht als Eigenschaften der Mächtigen. So geschah es, dass die Cherusker, die früher als tapfer und gerecht bekannt waren, nun als faul und dumm verspottet wurden. Die siegreichen Chatten dagegen erhielten Anerkennung, und ihr Glück wurde als Klugheit angesehen. In den Untergang der Cherusker wurden auch die Fosen, ein benachbartes Volk, hineingezogen. Sie erlitten dasselbe Unglück, nachdem sie in besseren Zeiten immer im Schatten der Cherusker gestanden hatten.“

Kapitel 37

Wortgetreue Übersetzung

„Denselben Bogen Germaniens, am Ozean gelegen, halten die Kimbern, jetzt ein kleines Gemeinwesen, doch von gewaltigem Ruhm. Breite Spuren ihres alten Namens bestehen fort: an beiden Ufern Lager und Flächen, deren Umfang auch jetzt noch die Größe des Volkes und die Glaubwürdigkeit eines so großen Auszuges bemessen lässt. Im 640. Jahr bestand unsere Stadt, als man zum ersten Mal von den Waffen der Kimbern hörte, unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Von da an, wenn man bis zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan rechnet, sind fast zweihundertzehn Jahre zusammenzuzählen: so lange wird Germanien besiegt.Inmitten einer so langen Zeitspanne viele Verluste auf beiden Seiten. Nicht die Samniten, nicht die Punier, nicht Spanien oder Gallien, nicht einmal die Parther haben öfter erinnert: denn heftiger als die Herrschaft des Arsakes ist die Freiheit der Germanen. Denn was hätte uns der Orient anderes entgegenhalten können als die Niederlage des Crassus, nachdem auch er Pacorus verloren hatte und unter Ventidius gestürzt worden war? Die Germanen aber, nachdem Carbo und Cassius und Aurelius Scaurus und Servilius Caepio und Gnaeus Mallius geschlagen oder gefangen genommen worden waren, entrissen dem römischen Volk zugleich fünf konsularische Heere, und selbst dem Kaiser Varus mit drei Legionen. Doch nicht ungestraft haben sie Gaius Marius in Italien, der göttliche Julius in Gallien, Drusus und Nero und Germanicus in ihren eigenen Sitzen niedergeworfen. Bald darauf verwandelten sich die gewaltigen Drohungen des Gaius Caesar in Lächerlichkeit. Danach Ruhe, bis sie, bei der Gelegenheit unserer Zwietracht und Bürgerkriege, nach der Eroberung der Winterlager der Legionen auch Gallien zu gewinnen suchten; und wieder von dort vertrieben, wurden sie in jüngerer Zeit mehr triumphiert als besiegt.“[37]

Verständliche Übersetzung

„Am selben Bogen Germaniens, direkt am Meer, leben die Kimbern. Heute sind sie nur noch ein kleines Volk, doch ihr Ruhm ist sehr groß. Es gibt noch breite Spuren ihres alten Namens: Lagerplätze und Flächen auf beiden Ufern, deren Größe auch heute noch zeigt, wie stark dieses Volk einst war und wie glaubwürdig die Berichte über ihren großen Auszug sind. Im 640. Jahr nach der Gründung unserer Stadt [Rom] hörte man zum ersten Mal von den Waffen der Kimbern. Das war unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Wenn man von diesem Zeitpunkt bis zum zweiten Konsulat des Kaisers Trajan rechnet, sind fast zweihundertzehn Jahre vergangen – so lange kämpften die Römer gegen Germanien. In dieser langen Zeit gab es viele Verluste auf beiden Seiten. Nicht die Samniten, nicht die Punier, nicht Spanien oder Gallien, ja nicht einmal die Parther haben die Römer so oft in Erinnerung gehalten wie die Germanen. Denn stärker als die Herrschaft des Arsakes war die Freiheit der Germanen. Was hätte uns der Orient schon entgegensetzen können außer der Niederlage des Crassus, nachdem auch er Pacorus verloren hatte und unter Ventidius gestürzt worden war? Die Germanen aber besiegten oder fingen Carbo, Cassius, Aurelius Scaurus, Servilius Caepio und Gnaeus Mallius. Sie vernichteten zugleich fünf große Heere der Römer, die von Konsuln geführt wurden, und sogar Kaiser Varus mit drei Legionen. Doch auch die Germanen mussten Niederlagen einstecken: Gaius Marius in Italien, der göttliche Julius in Gallien, Drusus, Nero und Germanicus schlugen sie in ihren eigenen Gebieten. Kurz darauf wurden die großen Drohungen des Gaius Caesar zur Lächerlichkeit. Danach herrschte eine Zeit lang Ruhe, bis die Germanen während unserer eigenen Streitigkeiten und Bürgerkriege die Winterlager der Legionen eroberten und sogar Gallien zu gewinnen suchten. Doch sie wurden wieder vertrieben und in jüngerer Zeit mehr in Triumphzügen gefeiert, als dass sie wirklich besiegt wurden.“

Kapitel 38

Wortgetreue Übersetzung

„Nun ist von den Sueben zu sprechen, von denen es nicht nur ein Volk gibt, wie bei den Chatten oder Tenkterern; denn sie nehmen einen größeren Teil Germaniens ein, noch in einzelne Stämme und Namen unterschieden, obwohl sie im Allgemeinen Sueben genannt werden. Kennzeichen dieses Volkes ist es, das Haar seitlich fallen zu lassen und mit einem Knoten zusammenzubinden: so unterscheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so werden die Freien der Sueben von den Sklaven getrennt. Bei anderen Völkern findet sich dies, sei es wegen einer gewissen Verwandtschaft mit den Sueben oder – wie es oft geschieht – durch Nachahmung, doch nur selten und nur innerhalb der Jugendzeit; bei den Sueben hingegen tragen die Tapfersten ihr struppiges Haar bis ins Greisenalter zurückgekämmt. Oft wird es sogar unmittelbar am Scheitel zusammengebunden, und die Vornehmen haben eine noch kunstvollere Haartracht. Dies ist eine Sorge um das Aussehen, jedoch eine unschädliche; denn nicht, um zu lieben oder geliebt zu werden, sondern um eine gewisse Größe und Schrecken zu erzeugen, schmücken sie sich, wenn sie in den Krieg ziehen, als eine Art Bewaffnung für die Augen der Feinde.“[38]

Verständliche Übersetzung

„Nun wollen wir von den Sueben sprechen. Anders als bei den Chatten oder Tenkterern gibt es bei den Sueben nicht nur ein Volk, sondern viele Stämme und Gruppen, die alle zu den Sueben gehören. Sie nehmen einen großen Teil Germaniens ein und haben zwar eigene Namen, werden aber allgemein Sueben genannt. Ein besonderes Kennzeichen dieses Volkes ist die Art, wie sie ihr Haar tragen: Sie lassen es seitlich fallen und binden es zu einem Knoten zusammen. So unterscheiden sich die Sueben von den anderen Germanen. Bei den Sueben werden die freien Männer durch ihre Haartracht auch von den Sklaven unterschieden. Andere Völker haben solche Haartrachten manchmal auch, entweder weil sie mit den Sueben verwandt sind oder einfach, um sie nachzuahmen. Doch das kommt nur selten vor und meist nur bei Jugendlichen. Bei den Sueben tragen dagegen die tapfersten Männer ihr Haar oft bis ins hohe Alter zurückgekämmt. Manchmal wird das Haar direkt am Scheitel zusammengebunden, und die Vornehmen haben sogar noch aufwendigere Frisuren. Dieses Aufhübschen dient nicht der Liebe oder dem Gefallen anderer, sondern soll Größe und Schrecken erzeugen. Wenn die Sueben in den Krieg ziehen, schmücken sie sich mit ihren Haaren wie mit einer Art Waffe, um den Feinden Furcht einzuflößen.“

Kapitel 39

Wortgetreue Übersetzung

„Die Semnonen nennen sich die ältesten und angesehensten der Sueben, und der Glaube an ihre Altertümlichkeit wird durch Religion gestützt. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt versammeln sich alle Völker gleichen Blutes durch Gesandtschaften in einen Wald, der durch die Weissagungen der Vorfahren und alte Ehrfurcht geheiligt ist, und nachdem ein Mensch öffentlich geschlachtet worden ist, feiern sie die schrecklichen Ursprünge ihres barbarischen Brauchs. Dem Wald ist darüber hinaus noch eine andere Ehrung eigen: Niemand betritt ihn, außer gebunden mit einem Strick, wie ein Unterwürfiger und die Macht der Gottheit vor sich tragend. Wer zufällig zu Boden fällt, darf sich nicht aufrichten oder erheben, sondern muss sich über den Boden wälzen. Und darauf bezieht sich aller Aberglaube, als ob dort die Anfänge des Volkes lägen, dort der Herrscher aller Götter sei, und alles andere ihm untertan und gehorsam. Die Autorität der Semnonen wird durch ihr Schicksal ergänzt: Hundert Gaue werden von ihnen bewohnt, und durch ihre große Gesamtmasse entsteht der Glaube, sie seien das Haupt der Sueben.“[39]

Verständliche Übersetzung

„Die Semnonen nennen sich die ältesten und angesehensten der Sueben, und ihr Glaube an diese alte Herkunft wird durch ihre Religion gestützt. Zu einer bestimmten Zeit versammeln sich alle Völker gleichen Blutes, vertreten durch Gesandte, in einem Wald, der durch die Weissagungen ihrer Vorfahren und alte Ehrfurcht besonders geweiht ist. Dort wird öffentlich ein Mensch geopfert, und sie feiern die schrecklichen Ursprünge ihres alten, barbarischen Brauchs. Der Wald selbst wird noch auf andere Weise geehrt: Niemand darf ihn betreten, ohne an einem Strick gebunden zu sein, so wie ein Unterwürfiger, der die Macht der Gottheit vor sich trägt. Wer zufällig zu Boden fällt, darf nicht aufstehen, sondern muss sich über den Boden wälzen. Alle diese Regeln beruhen auf dem Aberglauben, dass in diesem Wald die Anfänge ihres Volkes liegen, dass dort der Herrscher aller Götter wohnt und alles andere ihm untertan ist. Die Macht der Semnonen wird durch ihr Schicksal noch verstärkt: Hundert Gaue werden von ihnen bewohnt, und durch ihre große Zahl entsteht der Glaube, sie seien das Hauptvolk der Sueben.“

Kapitel 40

Wortgetreue Übersetzung

Vorlage:Zitat

Verständliche Übersetzung

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Kapitel 41

Wortgetreue Übersetzung

„Und dieser Teil der Sueben erstreckt sich allerdings in die entlegeneren Gegenden Germaniens. Näher, so dass ich, wie vorhin den Rhein, so nun die Donau verfolge, liegt der Stamm der Hermunduren, den Römern treu; und daher haben von allen Germanen nur sie nicht am Ufer Handel, sondern im Innersten und in der glänzendsten Kolonie der Provinz Rätien. Überall und ohne Wache überschreiten sie; und während wir den übrigen Völkerschaften nur unsere Waffen und Lager zeigen, haben wir diesen unsere Häuser und Villen geöffnet, die nicht begehrend sind. Bei den Hermunduren entspringt die Elbe, ein berühmter und ehemals bekannter Fluss; jetzt wird er nur gehört.“[40]

Verständliche Übersetzung

„Dieser Teil der Sueben erstreckt sich weit in die entlegeneren Gebiete Germaniens. Etwas näher, wenn ich, wie zuvor den Rhein, jetzt der Donau folge, liegt der Stamm der Hermunduren, die den Römern treu sind. Deshalb haben nur sie von allen Germanen keinen Handel am Flussufer, sondern mitten in der Provinz Rätien, in ihrer glänzenden Kolonie. Sie ziehen überall frei hin, ohne dass Wachen sie aufhalten, und während wir den anderen Völkern nur unsere Waffen und Lager zeigen, öffnen wir ihnen unsere Häuser und Villen – und sie nehmen sich nichts. Bei den Hermunduren entspringt die Elbe, ein berühmter Fluss, der früher bekannt war, heute aber kaum noch genutzt wird.“

Kapitel 42

Wortgetreue Übersetzung

„Neben den Hermunduren liegen die Narister und danach die Markomannen und Quader. Hauptsächlich Ruhm und Kräfte der Markomannen und auch ihr Land selbst, das einst durch die Tapferkeit der Bojer erobert wurde. Weder die Narister noch die Quader degenerieren. Und sie sind gewissermaßen die Stirn Germaniens, soweit sie sich am Donauufer erstrecken. Bei den Markomannen und Quadern blieben bis zu unserer Erinnerung Könige aus ihrem eigenen Volk, das edle Geschlecht des Marbod und des Tuders; nun ertragen sie auch Fremde, aber die Kraft und Macht der Könige besteht aus römischer Autorität. Selten werden sie durch unsere Waffen unterstützt, häufiger durch Geld, und nicht weniger sind sie stark.“[41]

Verständliche Übersetzung

„Neben den Hermunduren leben die Narister, und dahinter die Markomannen und Quader. Besonders berühmt und stark sind die Markomannen, genauso wie ihr Land, das früher durch die Tapferkeit der Bojer erobert wurde. Weder die Narister noch die Quader sind schwach oder verfallen. Sie gelten sozusagen als die „Vorderseite“ Germaniens, weil sie sich bis zum Donauufer erstrecken. Bei den Markomannen und Quadern gab es früher Könige aus dem eigenen Volk, dem edlen Geschlecht von Marbod und Tuders. Heute akzeptieren sie auch fremde Herrscher, aber die Macht dieser Könige basiert auf der Anerkennung durch die römische Autorität. Selten werden sie durch römische Waffen unterstützt, öfter durch Geld – und trotzdem bleiben sie stark.“

Kapitel 43

Wortgetreue Übersetzung

„Rückwärts schließen die Marsigner, Kotiner, Oser, Burer die Rücken der Markomannen und Quader. Von diesen berichten die Marsigner und Burer von den Sueben in Sprache und Lebensweise: die Kotiner beschuldigt die gallische, die Oser die pannonische Sprache, nicht Germanen zu sein, und dass sie Abgaben tragen. Einen Teil der Abgaben setzen die Sarmaten auf, einen Teil den Quadern, wie Fremden auferlegt: die Kotiner, damit es ihnen mehr beschämt, graben auch Eisen aus. Und alle diese Völker haben wenig an Ebene, sonst Hügel und Gipfel der Berge und Höhenrücken besetzt. Denn ein durchgehender Bergkamm trennt und spaltet die Sueben, über den hinaus viele Völker wohnen, von denen weit verbreitet der Name der Lugier in mehrere Städte sich ausdehnt. Es genügt, die stärksten zu nennen, Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier, Nahanarvalen. Bei den Nahanarvalen wird ein Hain alten Glaubens gezeigt. Ein Priester herrscht mit weiblicher Kleidung, aber von den Göttern nennen sie in römischer Deutung Castor und Pollux. Diese Kraft für die Gottheit, der Name Alcis. Keine Bilder, keine Spur fremder Aberglaube; doch wie Brüder, wie Jünglinge verehren sie. Außerdem übertreffen die Harier an Kräften, wodurch sie die vorhin aufgeführten Völker übertreffen, durch in ihnen angeborene Wildheit, die durch Kunst und Zeitpunkt gezügelt wird: schwarze Schilde, bemalte Körper; sie wählen die dunklen Nächte für Schlachten und selbst durch Schrecken und Schatten bringt das untote Heer Furcht, von keinem Feind ertragend, ein neues und wie höllisches Erscheinungsbild; denn zuerst in allen Kämpfen werden die Augen besiegt.“[42]

Verständliche Übersetzung

„Hinter den Markomannen und Quadern liegen die Marsigner, Kotiner, Oser und Burer. Von diesen Völkern berichten die Marsigner und Burer, dass sie in Sprache und Lebensweise den Sueben ähneln. Die Kotiner sagen, dass die Gallier und die Oser, die pannonisch sprechen, keine richtigen Germanen seien und Abgaben zahlen müssen. Ein Teil dieser Abgaben wird von den Sarmaten eingetrieben, ein anderer Teil von den Quadern, wie es Fremden vorgeschrieben ist. Die Kotiner graben zusätzlich Eisen aus, was ihnen besonders beschämend vorkommt. Alle diese Völker leben meist auf Hügeln, Berggipfeln und Höhenrücken, nur wenig auf flachem Land. Ein durchgehender Bergkamm trennt die Sueben und teilt das Gebiet, dahinter wohnen viele andere Völker. Unter ihnen sind die Lugier bekannt, deren Name in viele Städte reicht. Die stärksten unter ihnen heißen Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Nahanarvalen. Bei den Nahanarvalen gibt es einen Hain mit altem Glauben. Ein Priester, gekleidet wie eine Frau, führt die Rituale durch. Die Götter nennen sie nach römischer Deutung Castor und Pollux, doch der eigentliche Name der Gottheit ist Alcis. Es gibt keine Bilder und keinen fremden Aberglauben. Sie verehren die Götter wie Brüder oder junge Männer untereinander. Die Harier sind besonders stark. Sie übertreffen die anderen Völker durch angeborene Wildheit, die sie geschickt kontrollieren. Sie benutzen schwarze Schilde und bemalen ihre Körper. Für Schlachten wählen sie die dunklen Nächte. Durch Schrecken und Schatten wirkt ihr Heer wie unheimlich und unbesiegbar. Niemand kann dem furchtlosen Anblick ihrer Streitmacht widerstehen, denn zuerst werden bei jedem Kampf die Augen des Feindes überwältigt.“

Kapitel 44

Wortgetreue Übersetzung

„Jenseits der Lygiern werden die Gotonen von Königen beherrscht, schon etwas straffer als die übrigen Stämme der Germanen, jedoch noch nicht über die Freiheit hinaus. Unmittelbar dann vom Ozean die Rugier und Lemovier; und das Kennzeichen all dieser Stämme sind runde Schilde, kurze Schwerter und Gehorsam gegenüber den Königen.

Von hier die Städte der Suionen im Ozean selbst, außer durch Männer und Waffen durch Flotten stark. Die Form der Schiffe unterscheidet sich darin, dass an beiden Enden der Bug stets die dem Anprall bereitgestellte Front bildet. Weder durch Segel werden sie betrieben, noch fügen sie die Ruder in Reihen an den Seiten hinzu: losgelöst, wie bei manchen Flüssen, und veränderlich, wie die Lage es erfordert, von hier oder dort das Rudern. Es ist bei ihnen auch mit Reichtum Ehre verbunden, und daher herrscht einer allein, nunmehr ohne Ausnahmen, nicht durch ein geliehenes Recht des Gehorchens. Auch sind die Waffen, wie bei den übrigen Germanen, nicht gemeinsam, sondern verschlossen unter der Aufsicht, und zwar eines Sklaven, weil der Ozean plötzliche Angriffe von Feinden verhindert, außerdem müßige Scharen von Bewaffneten leicht Ausschweifungen treiben. In Wahrheit ist es nicht die königliche Nützlichkeit, einen Adligen oder einen Freigeborenen, ja nicht einmal einen Freigelassenen den Waffen vorzusetzen.“[43]

Verständliche Übersetzung

„Jenseits der Lygier werden die Gotonen von Königen regiert. Sie sind etwas strenger organisiert als andere germanische Stämme, genießen aber noch ihre Freiheit. Direkt am Ozean wohnen die Rugier und Lemovier. Typisch für all diese Stämme sind runde Schilde, kurze Schwerter und der Gehorsam gegenüber den Königen.

Weiter draußen im Ozean liegen die Städte der Suionen. Sie sind nicht nur durch Männer und Waffen stark, sondern vor allem durch ihre Flotten. Ihre Schiffe sind besonders: An beiden Enden ist der Bug als Front für den Aufprall gebaut. Sie fahren nicht mit Segeln, und ihre Ruder sind nicht fest an den Seiten montiert, sondern flexibel, sodass sie je nach Bedarf von hier oder dort gerudert werden können. Bei ihnen gilt Reichtum auch als Ehre. Ein König herrscht allein, ohne Ausnahmen, und nicht durch geliehenes Gehorsamsrecht. Die Waffen werden, wie bei anderen Germanen, nicht frei verteilt, sondern verschlossen aufbewahrt, oft unter der Aufsicht eines Sklaven. Das schützt davor, dass sie durch den Ozean unerwartet angegriffen werden, und verhindert, dass viele bewaffnete Männer Zeit mit Ausschweifungen verschwenden. Wirklich sinnvoll ist es für den König nicht, einen Adligen, einen Freigeborenen oder sogar einen Freigelassenen direkt mit Waffen auszustatten.“

Kapitel 45

Wortgetreue Übersetzung

„Jenseits der Suionen ein anderes Meer, träge und beinahe unbeweglich, wodurch umschlossen und eingeschlossen die Erdscheibe, hieran der Glaube, weil der äußerste Glanz der schon untergehenden Sonne bis zu den Aufgängen hindurchscheint, so hell, dass er die Sterne schwächt; zudem fügt die Überzeugung hinzu, dass der Klang des Hervortretens gehört und die Gestalten von Rossen und die Strahlen des Hauptes erblickt werden. Bis dorthin (und die Kunde ist wahr) nur Natur. Also nun am rechten Ufer des suebischen Meeres werden die Geschlechter der Aestier bespült, denen die Sitten und die Tracht der Sueben, die Sprache näher der britannischen. Die Mutter der Götter verehren sie. Als Kennzeichen des Aberglaubens tragen sie Gestalten von Ebern: dies gilt als Waffe und als Schutz für alle, und sichert den Verehrer der Göttin auch unter Feinden. Selten die Benutzung von Eisen, häufig die von Knüppeln. Getreide und die übrigen Früchte bearbeiten sie geduldiger, als es der gewohnten Trägheit der Germanen entspricht. Aber auch das Meer durchforschen sie, und allein von allen sammeln sie Bernstein, den sie selbst glesum nennen, zwischen Untiefen und am Ufer selbst. Weder welche Natur noch welche Ursache ihn hervorbringe, ist wie bei Barbaren erfragt oder bekannt; lange Zeit lag er auch unter den übrigen Auswürfen des Meeres, bis unsere Üppigkeit ihm den Namen gab. Ihnen selbst in keinem Gebrauch, roh wird er aufgelesen, unförmig hervorgebracht, und sie nehmen staunend den Preis an. Dass er aber Saft der Bäume ist, erkennt man, weil gewisse irdische und auch geflügelte Tiere zumeist darin durchscheinen, die vom Saft umhüllt bald in verhärteter Masse eingeschlossen werden. Fruchtbarere also Wälder und Haine wie in den Abgeschiedenheiten des Ostens, wo Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so glaube ich seien auch in den Inseln und Ländern des Westens vorhanden, die durch die Strahlen der nahen Sonne herausgepresst und verflüssigt ins nächste Meer herabgleiten und durch die Gewalt der Stürme an entgegengesetzte Küsten ausgeworfen werden. Wenn sie die Natur des Bernsteins mit angelegtem Feuer prüfen, wird er in der Art einer Fackel entzündet und unterhält eine fette und übelriechende Flamme; bald erweicht er wie Pech oder Harz.

Suionen die Geschlechter der Sitoner schließen sich an. Im Übrigen ähnlich, unterscheiden sie sich in einem, dass eine Frau herrscht; so sehr verfallen sie nicht nur von der Freiheit, sondern auch von der Knechtschaft.|ref=[44]

Verständliche Übersetzung

„Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, das ruhig und fast unbeweglich ist. Man glaubt, dass die Erde hier eingeschlossen wird, weil das Licht der untergehenden Sonne so weit reicht, dass es bis zu den Sonnenaufgängen scheint und die Sterne dabei schwächt. Außerdem glaubt man, dass man das Geräusch der herannahenden Dinge hören kann und Pferdegestalten sowie Sonnenstrahlen erkennt. Bis dorthin herrscht nur die Natur. Am rechten Ufer dieses suebischen Meeres leben die Aestier. Ihre Sitten und Kleidung ähneln denen der Sueben, ihre Sprache ist eher wie die der Briten. Sie verehren die Mutter der Götter. Aus religiösen Gründen tragen sie Darstellungen von Ebern, die sowohl als Waffe als auch als Schutz dienen und den Gläubigen selbst unter Feinden schützen. Sie benutzen selten Eisen, dafür oft Knüppel. Getreide und andere Früchte bearbeiten sie sorgfältiger, als es bei den meisten Germanen üblich ist. Auch das Meer erforschen sie. Als einzige sammeln sie Bernstein, den sie glesum nennen, zwischen Untiefen und am Ufer. Niemand kennt genau, wie oder warum er entsteht. Lange Zeit wurde er nur als eine Art Meeresabfall angesehen, bis er von den Menschen benannt wurde. Sie selbst nutzen den Bernstein nicht, sondern sammeln ihn roh, unförmig, und nehmen staunend den Preis dafür an. Man hat erkannt, dass Bernstein eigentlich Saft von Bäumen ist, weil darin oft kleine Tiere eingeschlossen sind – sowohl Landtiere als auch Vögel –, die vom Baumharz umhüllt und später hart werden. Ähnlich wie in den fernen östlichen Wäldern, wo Weihrauch und Balsam entstehen, vermutet man, dass Bernstein auch in westlichen Inseln und Ländern gebildet wird: Sonnenstrahlen pressen den Harz aus, er fließt ins Meer und wird durch Stürme an entfernte Küsten geschwemmt. Prüft man Bernstein mit Feuer, brennt er wie eine Fackel mit einer fettigen, unangenehm riechenden Flamme und wird weich wie Pech oder Harz.

Direkt neben den Suionen leben die Sitoner. Sie sind im Großen und Ganzen ähnlich, unterscheiden sich aber darin, dass bei ihnen eine Frau herrscht. Dadurch sind sie nicht nur frei, sondern auch unabhängig von Unterdrückung.“

Kapitel 46

Wortgetreue Übersetzung

„Hier ist das Ende Suebiens. Ich zweifle, ob ich die Stämme der Peukiner, Veneder und Fennen den Germanen oder den Sarmaten zurechnen soll, obwohl die Peukiner, die manche Bastarner nennen, in Sprache, Lebensweise, Sitz und Wohnungen wie Germanen leben. Schmutz aller und Trägheit der Vornehmsten; durch gemischte Heiraten haben sie etwas von der Gestalt der Sarmaten angenommen. Die Veneder haben vieles von den Sitten übernommen; denn was immer an Wäldern und Bergen sich zwischen Peukinern und Fennen erhebt, durchstreifen sie mit Raubzügen. Diese jedoch werden eher zu den Germanen gezählt, weil sie auch Häuser errichten und Schilde tragen und sich des Fußgebrauchs und der Schnelligkeit erfreuen: was alles verschieden von den Sarmaten ist, die in Wagen und auf dem Pferd leben. Bei den Fennen wunderbare Wildheit, abscheuliche Armut: keine Waffen, keine Pferde, keine Häuser; Pflanzen zur Nahrung, Felle zur Kleidung, die Erde das Lager: allein in den Pfeilen die Hoffnung, die sie wegen Mangel an Eisen mit Knochen schärfen. Und dieselbe Jagd nährt die Männer ebenso wie die Frauen; sie begleiten überallhin und beanspruchen einen Teil der Beute. Und keine andere Zuflucht für die Kinder vor Tieren und Regen, als dass sie in irgendeinem Geflecht von Zweigen bedeckt werden: hierher kehren die jungen Männer zurück, dies ist der Alten Zuflucht. Doch sie halten sich für glücklicher, als zu seufzen über Felder, sich abzumühen in Häusern, an eigenem und fremdem Besitz bei Hoffnung und Furcht sich zu mühen: sicher gegen Menschen, sicher gegen Götter haben sie das Schwerste erreicht, dass sie nicht einmal eines Wunsches bedürfen. Das Übrige schon Fabelhaftes: die Hellusionen und Oxionen sollen Gesichter und Antlitz von Menschen, Körper und Glieder von Tieren haben: was ich, da unerforscht, in der Schwebe lassen will.“|ref=[45]

Verständliche Übersetzung

„Hier endet Suebien. Ich bin mir unsicher, ob die Stämme der Peukiner, Veneder und Fennen zu den Germanen oder zu den Sarmaten gehören. Die Peukiner, die manche auch Bastarner nennen, leben in Sprache, Lebensweise, Häusern und Siedlungen wie die Germanen. Sie sind schmutzig und faul, besonders die Vornehmen. Durch gemischte Heiraten haben sie etwas vom Aussehen der Sarmaten übernommen. Die Veneder haben viele Bräuche übernommen. Alles, was zwischen Peukinern und Fennen an Wäldern und Bergen liegt, durchstreifen sie auf Raubzügen. Die Fennen hingegen werden eher zu den Germanen gezählt, weil sie Häuser bauen, Schilde tragen und zu Fuß schnell und geschickt sind – im Gegensatz zu den Sarmaten, die in Wagen oder auf Pferden leben. Die Fennen sind sehr wild und arm. Sie haben keine Waffen, keine Pferde und keine Häuser. Sie ernähren sich von Pflanzen, kleiden sich in Tierfelle und schlafen auf der Erde. Ihre einzige Hoffnung liegt in Pfeilen, die sie wegen fehlenden Eisens aus Knochen spitzen. Die Jagd versorgt Männer und Frauen gleichermaßen mit Nahrung; Frauen begleiten die Männer überallhin und bekommen einen Anteil an der Beute. Kinder haben keinen Schutz vor Tieren oder Regen, außer dass sie in einfache Geflechte aus Zweigen gelegt werden. Junge Männer kehren dorthin zurück, und die Alten finden dort ihre Ruhe. Trotz allem halten sie sich für glücklich. Sie müssen nicht schuften, um Felder zu bestellen, Häuser zu bauen oder Besitz zu verteidigen – weder ihren eigenen noch den fremden. Sie sind sicher vor Menschen und Göttern und haben das erreicht, was viele für das Schwerste halten: sie brauchen nichts weiter, um zufrieden zu sein. Über das Übrige gibt es schon fast märchenhafte Geschichten: Die Hellusionen und Oxionen sollen Menschen-Gesichter, aber Körper von Tieren haben. Da ich das nicht erforschen kann, lasse ich es offen.“

Tacitus’ Germania in lateinischer Sprache als antike Textquelle dieser Übersetzung

Lateinische Wörterbücher für diese Übersetzung

Lateinischer Originaltext

  1. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 1 (Lateinischer Originaltext): Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur: cetera Oceanus ambit, latos sinus et insularum inmensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit. Rhenus, Raeticarum Alpium inaccesso ac praecipiti vertice ortus, modico flexu in occidentem versus septentrionali Oceano miscetur. Danuvius molli et clementer edito montis Abnobae iugo effusus pluris populos adit, donec in Ponticum mare sex meatibus erumpat: septimum os paludibus hauritur.
  2. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 2 (Lateinischer Originaltext): {{Zitat|Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos, quia nec terra olim, sed classibus advehebantur qui mutare sedes quaerebant, et inmensus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur. Quis porro, praeter periculum horridi et ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu adspectuque, nisi si patria sit? Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum. Ei filium Mannum, originem gentis conditoremque, Manno tris filios adsignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur. Quidam, ut in licentia vetustatis, pluris deo ortos plurisque gentis appellationes, Marsos Gambrivios Suebos Vandilios adfirmant, eaque vera et antiqua nomina. Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox etiam a se ipsis, invento nomine Germani vocarentur.
  3. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 3 (Lateinischer Originaltext): Fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt. Sunt illis haec quoque carmina, quorum relatu, quem barditum vocant, accendunt animos futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur. Terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam vocis ille quam virtutis concentus videtur. Adfectatur praecipue asperitas soni et fractum murmur, obiectis ad os scutis, quo plenior et gravior vox repercussu intumescat. Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc exstare. Quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.
  4. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 4 (Lateinischer Originaltext): Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem exstitisse arbitrantur. Unde habitus quoque corporum, tamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida: laboris atque operum non eadem patientia, minimeque sitim aestumque tolerare, frigora atque inediam caelo solove adsueverunt.
  5. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 5 (Lateinischer Originaltext): Terra etsi aliquanto specie differt, in universum tamen aut silvis horrida aut paludibus foeda, umidior qua Gallias, ventosior qua Noricum ac Pannoniam adspicit; satis ferax, frugiferarum arborum inpatiens, pecorum fecunda, sed plerumque improcera. Ne armentis quidem suus honor aut gloria frontis: numero gaudent, eaeque solae et gratissimae opes sunt. Argentum et aurum propitiine an irati di negaverint dubito. Nec tamen adfirmaverim nullam Germaniae venam argentum aurumve gignere: quis enim scrutatus est? Possessione et usu haud perinde adficiuntur. Est videre apud illos argentea vasa, legatis et principibus eorum muneri data, non in alia vilitate quam quae humo finguntur; quamquam proximi ob usum commerciorum aurum et argentum in pretio habent formasque quasdam nostrae pecuniae adgnoscunt atque eligunt. Interiores simplicius et antiquius permutatione mercium utuntur. Pecuniam probant veterem et diu notam, serratos bigatosque. Argentum quoque magis quam aurum sequuntur, nulla adfectione animi, sed quia numerus argenteorum facilior usui est promiscua ac vilia mercantibus.
  6. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6 (Lateinischer Originaltext): Ne ferrum quidem superest, sicut ex genere telorum colligitur. Rari gladiis aut maioribus lanceis utuntur: hastas vel ipsorum vocabulo frameas gerunt angusto et brevi ferro, sed ita acri et ad usum habili, ut eodem telo, prout ratio poscit, vel comminus vel eminus pugnent. Et eques quidem scuto frameaque contentus est; pedites et missilia spargunt, pluraque singuli, atque in inmensum vibrant, nudi aut sagulo leves. Nulla cultus iactatio; scuta tantum lectissimis coloribus distinguunt. Paucis loricae, vix uni alterive cassis aut galea. Equi non forma, non velocitate conspicui. Sed nec variare gyros in morem nostrum docentur: in rectum aut uno flexu dextros agunt, ita coniuncto orbe, ut nemo posterior sit. In universum aestimanti plus penes peditem roboris; eoque mixti proeliantur, apta et congruente ad equestrem pugnam velocitate peditum, quos ex omni iuventute delectos ante aciem locant. Definitur et numerus; centeni ex singulis pagis sunt, idque ipsum inter suos vocantur, et quod primo numerus fuit, iam nomen et honor est. Acies per cuneos componitur. Cedere loco, dummodo rursus instes, consilii quam formidinis arbitrantur. Corpora suorum etiam in dubiis proeliis referunt. Scutum reliquisse praecipuum flagitium, nec aut sacris adesse aut concilium inire ignominioso fas; multique superstites bellorum infamiam laqueo finierunt.
  7. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 7 (Lateinischer Originaltext): Reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt. Nec regibus infinita aut libera potestas, et duces exemplo potius quam imperio, si prompti, si conspicui, si ante aciem agant, admiratione praesunt. Ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nec ducis iussu, sed velut deo imperante, quem adesse bellantibus credunt. Effigiesque et signa quaedam detracta lucis in proelium ferunt; quodque praecipuum fortitudinis incitamentum est, non casus, nec fortuita conglobatio turmam aut cuneum facit, sed familiae et propinquitates; et in proximo pignora, unde feminarum ululatus audiri, unde vagitus infantium. Hi cuique sanctissimi testes, hi maximi laudatores. Ad matres, ad coniuges vulnera ferunt; nec illae numerare aut exigere plagas pavent, cibosque et hortamina pugnantibus gestant.
  8. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 8 (Lateinischer Originaltext): {{Zitat|Memoriae proditur quasdam acies inclinatas iam et labantes a feminis restitutas constantia precum et obiectu pectorum et monstrata comminus captivitate, quam longe inpatientius feminarum suarum nomine timent, adeo ut efficacius obligentur animi civitatum, quibus inter obsides puellae quoque nobiles imperantur. Inesse quin etiam sanctum aliquid et providum putant, nec aut consilia earum aspernantur aut responsa neglegunt. Vidimus sub divo Vespasiano Veledam diu apud plerosque numinis loco habitam; sed et olim Albrunam et compluris alias venerati sunt, non adulatione nec tamquam facerent deas.
  9. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 9 (Lateinischer Originaltext): Deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus humanis quoque hostiis litare fas habent. Herculem et Martem concessis animalibus placant. Pars Sueborum et Isidi sacrificat: unde causa et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam religionem. Ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam humani oris speciem adsimulare ex magnitudine caelestium arbitrantur: lucos ac nemora consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia vident.
  10. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 10 (Lateinischer Originaltext): Auspicia sortesque ut qui maxime observant: sortium consuetudo simplex. Virgam frugiferae arbori decisam in surculos amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem temere ac fortuito spargunt. Mox, si publice consultetur, sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam ante notam interpretatur. Si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem diem consultatio; sin permissum, auspiciorum adhuc fides exigitur. Et illud quidem etiam hic notum, avium voces volatusque interrogare; proprium gentis equorum quoque praesagia ac monitus experiri. Publice aluntur isdem nemoribus ac lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant. Nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plebem, sed apud proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, illos conscios putant. Est et alia observatio auspiciorum, qua gravium bellorum eventus explorant. Eius gentis, cum qua bellum est, captivum quoquo modo interceptum cum electo popularium suorum, patriis quemque armis, committunt: victoria huius vel illius pro praeiudicio accipitur.
  11. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 11 (Lateinischer Originaltext): De minoribus rebus principes consultant; de maioribus omnes, ita tamen, ut ea quoque, quorum penes plebem arbitrium est, apud principes pertractentur. Coeunt, nisi quid fortuitum et subitum incidit, certis diebus, cum aut incohatur luna aut impletur; nam agendis rebus hoc auspicatissimum initium credunt. Nec dierum numerum, ut nos, sed noctium computant. Sic constituunt, sic condicunt: nox ducere diem videtur. Illud ex libertate vitium, quod non simul nec ut iussi conveniunt, sed et alter et tertius dies cunctatione coeuntium absumitur. Ut turbae placuit, considunt armati. Silentium per sacerdotes, quibus tum et coercendi ius est, imperatur. Mox rex vel princeps, prout aetas cuique, prout nobilitas, prout decus bellorum, prout facundia est, audiuntur, auctoritate suadendi magis quam iubendi potestate. Si displicuit sententia, fremitu aspernantur; sin placuit, frameas concutiunt. Honoratissimum adsensus genus est armis laudare.
  12. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 12 (Lateinischer Originaltext): Licet apud concilium accusare quoque et discrimen capitis intendere. Distinctio poenarum ex delicto. Proditores et transfugas arboribus suspendunt, ignavos et imbelles et corpore infames caeno ac palude, iniecta insuper crate, mergunt. Diversitas supplicii illuc respicit, tamquam scelera ostendi oporteat, dum puniuntur, flagitia abscondi. Sed et levioribus delictis pro modo poena: equorum pecorumque numero convicti multantur. Pars multae regi vel civitati, pars ipsi, qui vindicatur, vel propinquis eius exsolvitur. Eliguntur in isdem conciliis et principes, qui iura per pagos vicosque reddunt; centeni singulis ex plebe comites consilium simul et auctoritas adsunt.
  13. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 13 (Lateinischer Originaltext): Nihil autem neque publicae neque privatae rei nisi armati agunt. Sed arma sumere non ante cuiquam moris, quam civitas suffecturum probaverit. Tum in ipso concilio vel principum aliquis vel pater vel propinqui scuto frameaque iuvenem ornant: haec apud illos toga, hic primus iuventae honos; ante hoc domus pars videntur, mox rei publicae. Insignis nobilitas aut magna patrum merita principis dignationem etiam adulescentulis adsignant: ceteris robustioribus ac iam pridem probatis adgregantur, nec rubor inter comites adspici. Gradus quin etiam ipse comitatus habet, iudicio eius quem sectantur; magnaque et comitum aemulatio, quibus primus apud principem suum locus, et principum, cui plurimi et acerrimi comites. Haec dignitas, hae vires, magno semper et electorum iuvenum globo circumdari, in pace decus, in bello praesidium. Nec solum in sua gente cuique, sed apud finitimas quoque civitates id nomen, ea gloria est, si numero ac virtute comitatus emineat; expetuntur enim legationibus et muneribus ornantur et ipsa plerumque fama bella profligant.
  14. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 14 (Lateinischer Originaltext): Cum ventum in aciem, turpe principi virtute vinci, turpe comitatui virtutem principis non adaequare. Iam vero infame in omnem vitam ac probrosum superstitem principi suo ex acie recessisse. Illum defendere, tueri, sua quoque fortia facta gloriae eius adsignare praecipuum sacramentum est. Principes pro victoria pugnant, comites pro principe. Si civitas, in qua orti sunt, longa pace et otio torpeat, plerique nobilium adulescentium petunt ultro eas nationes, quae tum bellum aliquod gerunt, quia et ingrata genti quies et facilius inter ancipitia clarescunt magnumque comitatum non nisi vi belloque tueare; exigunt enim principis sui liberalitate illum bellatorem equum, illam cruentam victricemque frameam. Nam epulae et quamquam incompti, largi tamen apparatus pro stipendio cedunt. Materia munificentiae per bella et raptus. Nec arare terram aut exspectare annum tam facile persuaseris quam vocare hostem et vulnera mereri. Pigrum quin immo et iners videtur sudore adquirere quod possis sanguine parare.
  15. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 15 (Lateinischer Originaltext): Quotiens bella non ineunt, non multum venatibus, plus per otium transigunt, dediti somno ciboque, fortissimus quisque ac bellicosissimus nihil agens, delegata domus et penatium et agrorum cura feminis senibusque et infirmissimo cuique ex familia; ipsi hebent, mira diversitate naturae, cum idem homines sic ament inertiam et oderint quietem. Mos est civitatibus ultro ac viritim conferre principibus vel armentorum vel frugum, quod pro honore acceptum etiam necessitatibus subvenit. Gaudent praecipue finitimarum gentium donis, quae non modo a singulis, sed et publice mittuntur, electi equi, magna arma, phalerae torquesque; iam et pecuniam accipere docuimus.
  16. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 16 (Lateinischer Originaltext): Nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum est, ne pati quidem inter se iunctas sedes. Colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. Vicos locant non in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium sive inscitia aedificandi. Ne caementorum quidem apud illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et citra speciem aut delectationem. Quaedam loca diligentius inlinunt terra ita pura ac splendente, ut picturam ac lineamenta colorum imitetur. Solent et subterraneos specus aperire eosque multo insuper fimo onerant, suffugium hiemis et receptaculum frugibus, quia rigorem frigorum eius modi loci molliunt, et si quando hostis advenit, aperta populatur, abdita autem et defossa aut ignorantur aut eo ipso fallunt, quod quaerenda sunt.
  17. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 17 (Lateinischer Originaltext): Tegumen omnibus sagum fibula aut, si desit, spina consertum: cetera intecti totos dies iuxta focum atque ignem agunt. Locupletissimi veste distinguuntur, non fluitante, sicut Sarmatae ac Parthi, sed stricta et singulos artus exprimente. Gerunt et ferarum pelles, proximi ripae neglegenter, ulteriores exquisitius, ut quibus nullus per commercia cultus. Eligunt feras et detracta velamina spargunt maculis pellibusque beluarum, quas exterior Oceanus atque ignotum mare gignit. Nec alius feminis quam viris habitus, nisi quod feminae saepius lineis amictibus velantur eosque purpura variant, partemque vestitus superioris in manicas non extendunt, nudae brachia ac lacertos; sed et proxima pars pectoris patet.
  18. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 18 (Lateinischer Originaltext): Quamquam severa illic matrimonia, nec ullam morum partem magis laudaveris. Nam prope soli barbarorum singulis uxoribus contenti sunt, exceptis admodum paucis, qui non libidine, sed ob nobilitatem plurimis nuptiis ambiuntur. Dotem non uxor marito, sed uxori maritus offert. Intersunt parentes et propinqui ac munera probant, munera non ad delicias muliebres quaesita nec quibus nova nupta comatur, sed boves et frenatum equum et scutum cum framea gladioque. In haec munera uxor accipitur, atque in vicem ipsa armorum aliquid viro adfert: hoc maximum vinculum, haec arcana sacra, hos coniugales deos arbitrantur. Ne se mulier extra virtutum cogitationes extraque bellorum casus putet, ipsis incipientis matrimonii auspiciis admonetur venire se laborum periculorumque sociam, idem in pace, idem in proelio passuram ausuramque. Hoc iuncti boves, hoc paratus equus, hoc data arma denuntiant. Sic vivendum, sic pereundum: accipere se, quae liberis inviolata ac digna reddat, quae nurus accipiant, rursusque ad nepotes referantur.
  19. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 19 (Lateinischer Originaltext): Ergo saepta pudicitia agunt, nullis spectaculorum inlecebris, nullis conviviorum inritationibus corruptae. Litterarum secreta viri pariter ac feminae ignorant. Paucissima in tam numerosa gente adulteria, quorum poena praesens et maritis permissa: abscisis crinibus nudatam coram propinquis expellit domo maritus ac per omnem vicum verbere agit; publicatae enim pudicitiae nulla venia: non forma, non aetate, non opibus maritum invenerit. Nemo enim illic vitia ridet, nec corrumpere et corrumpi saeculum vocatur. Melius quidem adhuc eae civitates, in quibus tantum virgines nubunt et cum spe votoque uxoris semel transigitur. Sic unum accipiunt maritum quo modo unum corpus unamque vitam, ne ulla cogitatio ultra, ne longior cupiditas, ne tamquam maritum, sed tamquam matrimonium ament. Numerum liberorum finire aut quemquam ex adgnatis necare flagitium habetur, plusque ibi boni mores valent quam alibi bonae leges.
  20. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 20 (Lateinischer Originaltext): In omni domo nudi ac sordidi in hos artus, in haec corpora, quae miramur, excrescunt. Sua quemque mater uberibus alit, nec ancillis ac nutricibus delegantur. Dominum ac servum nullis educationis deliciis dignoscas: inter eadem pecora, in eadem humo degunt, donec aetas separet ingenuos, virtus adgnoscat. Sera iuvenum venus, eoque inexhausta pubertas. Nec virgines festinantur; eadem iuventa, similis proceritas: pares validaeque miscentur, ac robora parentum liberi referunt. Sororum filiis idem apud avunculum qui ad patrem honor. Quidam sanctiorem artioremque hunc nexum sanguinis arbitrantur et in accipiendis obsidibus magis exigunt, tamquam et animum firmius et domum latius teneant. Heredes tamen successoresque sui cuique liberi, et nullum testamentum. Si liberi non sunt, proximus gradus in possessione fratres, patrui, avunculi. Quanto plus propinquorum, quanto maior adfinium numerus, tanto gratiosior senectus; nec ulla orbitatis pretia.
  21. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 21 (Lateinischer Originaltext): Suscipere tam inimicitias seu patris seu propinqui quam amicitias necesse est; nec implacabiles durant: luitur enim etiam homicidium certo armentorum ac pecorum numero recipitque satisfactionem universa domus, utiliter in publicum, quia periculosiores sunt inimicitiae iuxta libertatem. Convictibus et hospitiis non alia gens effusius indulget. Quemcumque mortalium arcere tecto nefas habetur; pro fortuna quisque apparatis epulis excipit. Cum defecere, qui modo hospes fuerat, monstrator hospitii et comes; proximam domum non invitati adeunt. Nec interest: pari humanitate accipiuntur. Notum ignotumque quantum ad ius hospitis nemo discernit. Abeunti, si quid poposcerit, concedere moris; et poscendi in vicem eadem facilitas. Gaudent muneribus, sed nec data imputant nec acceptis obligantur: victus inter hospites comis.
  22. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 22 (Lateinischer Originaltext): Statim e somno, quem plerumque in diem extrahunt, lavantur, saepius calida, ut apud quos plurimum hiems occupat. Lauti cibum capiunt: separatae singulis sedes et sua cuique mensa. Tum ad negotia nec minus saepe ad convivia procedunt armati. Diem noctemque continuare potando nulli probrum. Crebrae, ut inter vinolentos, rixae raro conviciis, saepius caede et vulneribus transiguntur. Sed et de reconciliandis in vicem inimicis et iungendis adfinitatibus et adsciscendis principibus, de pace denique ac bello plerumque in conviviis consultant, tamquam nullo magis tempore aut ad simplices cogitationes pateat animus aut ad magnas incalescat. Gens non astuta nec callida aperit adhuc secreta pectoris licentia ioci; ergo detecta et nuda omnium mens. Postera die retractatur, et salva utriusque temporis ratio est: deliberant, dum fingere nesciunt, constituunt, dum errare non possunt.
  23. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 23 (Lateinischer Originaltext): Potui umor ex hordeo aut frumento, in quandam similitudinem vini corruptus: proximi ripae et vinum mercantur. Cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine apparatu, sine blandimentis expellunt famem. Adversus sitim non eadem temperantia. Si indulseris ebrietati suggerendo quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur.
  24. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 24 (Lateinischer Originaltext): Genus spectaculorum unum atque in omni coetu idem. Nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se atque infestas frameas saltu iaciunt. Exercitatio artem paravit, ars decorem, non in quaestum tamen aut mercedem: quamvis audacis lasciviae pretium est voluptas spectantium. Aleam, quod mirere, sobrii inter seria exercent, tanta lucrandi perdendive temeritate, ut, cum omnia defecerunt, extremo ac novissimo iactu de libertate ac de corpore contendant. Victus voluntariam servitutem adit: quamvis iuvenior, quamvis robustior adligari se ac venire patitur. Ea est in re prava pervicacia; ipsi fidem vocant. Servos condicionis huius per commercia tradunt, ut se quoque pudore victoriae exsolvant.
  25. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 25 (Lateinischer Originaltext): Ceteris servis non in nostrum morem, descriptis per familiam ministeriis, utuntur: suam quisque sedem, suos penates regit. Frumenti modum dominus aut pecoris aut vestis ut colono iniungit, et servus hactenus paret: cetera domus officia uxor ac liberi exsequuntur. Verberare servum ac vinculis et opere coercere rarum: occidere solent, non disciplina et severitate, sed impetu et ira, ut inimicum, nisi quod impune est. Liberti non multum supra servos sunt, raro aliquod momentum in domo, numquam in civitate, exceptis dumtaxat iis gentibus quae regnantur. Ibi enim et super ingenuos et super nobiles ascendunt: apud ceteros impares libertini libertatis argumentum sunt.
  26. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 26 (Lateinischer Originaltext): Faenus agitare et in usuras extendere ignotum; ideoque magis servatur quam si vetitum esset. Agri pro numero cultorum ab universis in vices occupantur, quos mox inter se secundum dignationem partiuntur; facilitatem partiendi camporum spatia praestant. Arva per annos mutant, et superest ager. Nec enim cum ubertate et amplitudine soli labore contendunt, ut pomaria conserant et prata separent et hortos rigent: sola terrae seges imperatur. Unde annum quoque ipsum non in totidem digerunt species: hiems et ver et aestas intellectum ac vocabula habent, autumni perinde nomen ac bona ignorantur.
  27. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 27 (Lateinischer Originaltext): Funerum nulla ambitio: id solum observatur, ut corpora clarorum virorum certis lignis crementur. Struem rogi nec vestibus nec odoribus cumulant: sua cuique arma, quorundam igni et equus adicitur. Sepulcrum caespes erigit: monumentorum arduum et operosum honorem ut gravem defunctis aspernantur. Lamenta ac lacrimas cito, dolorem et tristitiam tarde ponunt. Feminis lugere honestum est, viris meminisse. Haec in commune de omnium Germanorum origine ac moribus accepimus: nunc singularum gentium instituta ritusque, quatenus differant, quae nationes e Germania in Gallias commigraverint, expediam.
  28. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 28 (Lateinischer Originaltext): Validiores olim Gallorum res fuisse summus auctorum divus Iulius tradit; eoque credibile est etiam Gallos in Germaniam transgressos: quantulum enim amnis obstabat quo minus, ut quaeque gens evaluerat, occuparet permutaretque sedes promiscuas adhuc et nulla regnorum potentia divisas? Igitur inter Hercyniam silvam Rhenumque et Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boii, Gallica utraque gens, tenuere. Manet adhuc Boihaemi nomen significatque loci veterem memoriam quamvis mutatis cultoribus. Sed utrum Aravisci in Pannoniam ab Osis, Germanorum natione, an Osi ab Araviscis in Germaniam commigraverint, cum eodem adhuc sermone institutis moribus utantur, incertum est, quia pari olim inopia ac libertate eadem utriusque ripae bona malaque erant. Treveri et Nervii circa adfectationem Germanicae originis ultro ambitiosi sunt, tamquam per hanc gloriam sanguinis a similitudine et inertia Gallorum separentur. Ipsam Rheni ripam haud dubie Germanorum populi colunt, Vangiones, Triboci, Nemetes. Ne Ubii quidem, quamquam Romana colonia esse meruerint ac libentius Agrippinenses conditoris sui nomine vocentur, origine erubescunt, transgressi olim et experimento fidei super ipsam Rheni ripam conlocati, ut arcerent, non ut custodirentur.
  29. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 29 (Lateinischer Originaltext): Omnium harum gentium virtute praecipui Batavi non multum ex ripa, sed insulam Rheni amnis colunt, Chattorum quondam populus et seditione domestica in eas sedes transgressus, in quibus pars Romani imperii fierent. Manet honos et antiquae societatis insigne; nam nec tributis contemnuntur nec publicanus atterit; exempti oneribus et conlationibus et tantum in usum proeliorum sepositi, velut tela atque arma, bellis reservantur. Est in eodem obsequio et Mattiacorum gens; protulit enim magnitudo populi Romani ultra Rhenum ultraque veteres terminos imperii reverentiam. Ita sede finibusque in sua ripa, mente animoque nobiscum agunt, cetera similes Batavis, nisi quod ipso adhuc terrae suae solo et caelo acrius animantur. Non numeraverim inter Germaniae populos, quamquam trans Rhenum Danuviumque consederint, eos qui decumates agros exercent. Levissimus quisque Gallorum et inopia audax dubiae possessionis solum occupavere; mox limite acto promotisque praesidiis sinus imperii et pars provinciae habentur.
  30. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 30 (Lateinischer Originaltext): Ultra hos Chatti initium sedis ab Hercynio saltu incohant, non ita effusis ac palustribus locis, ut ceterae civitates, in quas Germania patescit; durant siquidem colles, paulatim rarescunt, et Chattos suos saltus Hercynius prosequitur simul atque deponit. Duriora genti corpora, stricti artus, minax vultus et maior animi vigor. Multum, ut inter Germanos, rationis ac sollertiae: praeponere electos, audire praepositos, nosse ordines, intellegere occasiones, differre impetus, disponere diem, vallare noctem, fortunam inter dubia, virtutem inter certa numerare, quodque rarissimum nec nisi ratione disciplinae concessum, plus reponere in duce quam in exercitu. Omne robur in pedite, quem super arma ferramentis quoque et copiis onerant: alios ad proelium ire videas, Chattos ad bellum. Rari excursus et fortuita pugna. Equestrium sane virium id proprium, cito parare victoriam, cito cedere: velocitas iuxta formidinem, cunctatio propior constantiae est.
  31. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 31 (Lateinischer Originaltext): Et aliis Germanorum populis usurpatum raro et privata cuiusque audentia apud Chattos in consensum vertit, ut primum adoleverint, crinem barbamque submittere, nec nisi hoste caeso exuere votivum obligatumque virtuti oris habitum. Super sanguinem et spolia revelant frontem, seque tum demum pretia nascendi rettulisse dignosque patria ac parentibus ferunt: ignavis et imbellibus manet squalor. Fortissimus quisque ferreum insuper anulum (ignominiosum id genti) velut vinculum gestat, donec se caede hostis absolvat. Plurimis Chattorum hic placet habitus, iamque canent insignes et hostibus simul suisque monstrati. Omnium penes hos initia pugnarum; haec prima semper acies, visu nova; nam ne in pace quidem vultu mitiore mansuescunt. Nulli domus aut ager aut aliqua cura: prout ad quemque venere, aluntur, prodigi alieni, contemptores sui, donec exsanguis senectus tam durae virtuti impares faciat.
  32. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 32 (Lateinischer Originaltext): Proximi Chattis certum iam alveo Rhenum, quique terminus esse sufficiat, Usipi ac Tencteri colunt. Tencteri super solitum bellorum decus equestris disciplinae arte praecellunt; nec maior apud Chattos peditum laus quam Tencteris equitum. Sic instituere maiores; posteri imitantur. Hi lusus infantium, haec iuvenum aemulatio: perseverant senes. Inter familiam et penates et iura successionum equi traduntur: excipit filius, non ut cetera, maximus natu, sed prout ferox bello et melior.
  33. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 33 (Lateinischer Originaltext): Iuxta Tencteros Bructeri olim occurrebant: nunc Chamavos et Angrivarios inmigrasse narratur, pulsis Bructeris ac penitus excisis vicinarum consensu nationum, seu superbiae odio seu praedae dulcedine seu favore quodam erga nos deorum; nam ne spectaculo quidem proelii invidere. Super sexaginta milia non armis telisque Romanis, sed, quod magnificentius est, oblectationi oculisque ceciderunt. Maneat, quaeso, duretque gentibus, si non amor nostri, at certe odium sui, quando urgentibus imperii fatis nihil iam praestare fortuna maius potest quam hostium discordiam.
  34. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 34 (Lateinischer Originaltext): Angrivarios et Chamavos a tergo Dulgubnii et Chasuarii cludunt, aliaeque gentes haud perinde memoratae, a fronte Frisii excipiunt. Maioribus minoribusque Frisiis vocabulum est ex modo virium. Utraeque nationes usque ad Oceanum Rheno praetexuntur, ambiuntque inmensos insuper lacus et Romanis classibus navigatos. Ipsum quin etiam Oceanum illa temptavimus: et superesse adhuc Herculis columnas fama vulgavit, sive adiit Hercules, seu quidquid ubique magnificum est, in claritatem eius referre consensimus. Nec defuit audentia Druso Germanico, sed obstitit Oceanus in se simul atque in Herculem inquiri. Mox nemo temptavit, sanctiusque ac reverentius visum de actis deorum credere quam scire.
  35. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 35 (Lateinischer Originaltext): Hactenus in occidentem Germaniam novimus; in septentrionem ingenti flexu redit. Ac primo statim Chaucorum gens, quamquam incipiat a Frisiis ac partem litoris occupet, omnium quas exposui gentium lateribus obtenditur, donec in Chattos usque sinuetur. Tam inmensum terrarum spatium non tenent tantum Chauci, sed et implent, populus inter Germanos nobilissimus, quique magnitudinem suam malit iustitia tueri. Sine cupiditate, sine impotentia, quieti secretique nulla provocant bella, nullis raptibus aut latrociniis populantur. Id praecipuum virtutis ac virium argumentum est, quod, ut superiores agant, non per iniurias adsequuntur; prompta tamen omnibus arma ac, si res poscat, exercitus, plurimum virorum equorumque; et quiescentibus eadem fama.
  36. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 36 (Lateinischer Originaltext): In latere Chaucorum Chattorumque Cherusci nimiam ac marcentem diu pacem inlacessiti nutrierunt: idque iucundius quam tutius fuit, quia inter impotentes et validos falso quiescas: ubi manu agitur, modestia ac probitas nomina superioris sunt. Ita qui olim boni aequique Cherusci, nunc inertes ac stulti vocantur: Chattis victoribus fortuna in sapientiam cessit. Tracti ruina Cheruscorum et Fosi, contermina gens. Adversarum rerum ex aequo socii sunt, cum in secundis minores fuissent.
  37. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 37 (Lateinischer Originaltext): Eundem Germaniae sinum proximi Oceano Cimbri tenent, parva nunc civitas, sed gloria ingens. Veterisque famae lata vestigia manent, utraque ripa castra ac spatia, quorum ambitu nunc quoque metiaris molem manusque gentis et tam magni exitus fidem. Sescentesimum et quadragesimum annum urbs nostra agebat, cum primum Cimbrorum audita sunt arma, Caecilio Metello et Papirio Carbone consulibus. Ex quo si ad alterum imperatoris Traiani consulatum computemus, ducenti ferme et decem anni colliguntur: tam diu Germania vincitur. Medio tam longi aevi spatio multa in vicem damna. Non Samnis, non Poeni, non Hispaniae Galliaeve, ne Parthi quidem saepius admonuere: quippe regno Arsacis acrior est Germanorum libertas. Quid enim aliud nobis quam caedem Crassi, amisso et ipse Pacoro, infra Ventidium deiectus Oriens obiecerit? At Germani Carbone et Cassio et Scauro Aurelio et Servilio Caepione Gnaeoque Mallio fusis vel captis quinque simul consularis exercitus populo Romano, Varum trisque cum eo legiones etiam Caesari abstulerunt; nec impune C. Marius in Italia, divus Iulius in Gallia, Drusus ac Nero et Germanicus in suis eos sedibus perculerunt. Mox ingentes Gai Caesaris minae in ludibrium versae. Inde otium, donec occasione discordiae nostrae et civilium armorum expugnatis legionum hibernis etiam Gallias adfectavere; ac rursus inde pulsi proximis temporibus triumphati magis quam victi sunt.
  38. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 38 (Lateinischer Originaltext): Nunc de Suebis dicendum est, quorum non una, ut Chattorum Tencterorumve, gens; maiorem enim Germaniae partem obtinent, propriis adhuc nationibus nominibusque discreti, quamquam in commune Suebi vocentur. Insigne gentis obliquare crinem nodoque substringere: sic Suebi a ceteris Germanis, sic Sueborum ingenui a servis separantur. In aliis gentibus seu cognatione aliqua Sueborum seu, quod saepe accidit, imitatione, rarum et intra iuventae spatium; apud Suebos usque ad canitiem horrentem capillum retro sequuntur. Ac saepe in ipso vertice religatur; principes et ornatiorem habent. Ea cura formae, sed innoxia; neque enim ut ament amenturve, in altitudinem quandam et terrorem adituri bella compti, ut hostium oculis, armantur.
  39. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 39 (Lateinischer Originaltext): Vetustissimos se nobilissimosque Sueborum Semnones memorant; fides antiquitatis religione firmatur. Stato tempore in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant barbari ritus horrenda primordia. Est et alia luco reverentia: nemo nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se ferens. Si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: per humum evolvuntur. Eoque omnis superstitio respicit, tamquam inde initia gentis, ibi regnator omnium deus, cetera subiecta atque parentia. Adicit auctoritatem fortuna Semnonum: centum pagi iis habitantur magnoque corpore efficitur ut se Sueborum caput credant.
  40. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 41 (Lateinischer Originaltext): Et haec quidem pars Sueborum in secretiora Germaniae porrigitur. Propior, ut, quo modo paulo ante Rhenum, sic nunc Danuvium sequar, Hermundurorum civitas, fida Romanis; eoque solis Germanorum non in ripa commercium, sed penitus atque in splendidissima Raetiae provinciae colonia. Passim et sine custode transeunt; et cum ceteris gentibus arma modo castraque nostra ostendamus, his domos villasque patefecimus non concupiscentibus. In Hermunduris Albis oritur, flumen inclutum et notum olim; nunc tantum auditur.
  41. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 42 (Lateinischer Originaltext): Iuxta Hermunduros Naristi ac deinde Marcomani et Quadi agunt. Praecipua Marcomanorum gloria viresque, atque ipsa etiam sedes pulsis olim Boiis virtute parta. Nec Naristi Quadive degenerant. Eaque Germaniae velut frons est, quatenus Danuvio peragitur. Marcomanis Quadisque usque ad nostram memoriam reges mansere ex gente ipsorum, nobile Marobodui et Tudri genus: iam et externos patiuntur, sed vis et potentia regibus ex auctoritate Romana. Raro armis nostris, saepius pecunia iuvantur, nec minus valent.
  42. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 43 (Lateinischer Originaltext): Retro Marsigni, Cotini, Osi, Buri terga Marcomanorum Quadorumque claudunt. E quibus Marsigni et Buri sermone cultuque Suebos referunt: Cotinos Gallica, Osos Pannonica lingua coarguit non esse Germanos, et quod tributa patiuntur. Partem tributorum Sarmatae, partem Quadi ut alienigenis imponunt: Cotini, quo magis pudeat, et ferrum effodiunt. Omnesque hi populi pauca campestrium, ceterum saltus et vertices montium iugumque insederunt. Dirimit enim scinditque Suebiam continuum montium iugum, ultra quod plurimae gentes agunt, ex quibus latissime patet Lygiorum nomen in plures civitates diffusum. Valentissimas nominasse sufficiet, Harios, Helveconas, Manimos, Helisios, Nahanarvalos. Apud Nahanarvalos antiquae religionis lucus ostenditur. Praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. Ea vis numini, nomen Alcis. Nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis vestigium; ut fratres tamen, ut iuvenes venerantur. Ceterum Harii super vires, quibus enumeratos paulo ante populos antecedunt, truces insitae feritati arte ac tempore lenocinantur: nigra scuta, tincta corpora; atras ad proelia noctes legunt ipsaque formidine atque umbra feralis exercitus terrorem inferunt, nullo hostium sustinente novum ac velut infernum adspectum; nam primi in omnibus proeliis oculi vincuntur.
  43. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 44 (Lateinischer Originaltext): Trans Lygios Gotones regnantur, paulo iam adductius quam ceterae Germanorum gentes, nondum tamen supra libertatem. Protinus deinde ab Oceano Rugii et Lemovii; omniumque harum gentium insigne rotunda scuta, breves gladii et erga reges obsequium. Suionum hinc civitates ipso in Oceano praeter viros armaque classibus valent. Forma navium eo differt, quod utrimque prora paratam semper adpulsui frontem agit. Nec velis ministrantur nec remos in ordinem lateribus adiungunt: solutum, ut in quibusdam fluminum, et mutabile, ut res poscit, hinc vel illinc remigium. Est apud illos et opibus honos, eoque unus imperitat, nullis iam exceptionibus, non precario iure parendi. Nec arma, ut apud ceteros Germanos, in promiscuo, sed clausa sub custode, et quidem servo, quia subitos hostium incursus prohibet Oceanus, otiosae porro armatorum manus facile lasciviunt. Enimvero neque nobilem neque ingenuum, ne libertinum quidem armis praeponere regia utilitas est.
  44. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 44 (Lateinischer Originaltext): Trans Suionas aliud mare, pigrum ac prope inmotum, quo cingi cludique terrarum orbem hinc fides, quod extremus cadentis iam solis fulgor in ortus edurat adeo clarus, ut sidera hebetet; sonum insuper emergentis audiri formasque equorum et radios capitis adspici persuasio adicit. Illuc usque (et fama vera) tantum natura. Ergo iam dextro Suebici maris litore Aestiorum gentes adluuntur, quibus ritus habitusque Sueborum, lingua Britannicae propior. Matrem deum venerantur. Insigne superstitionis formas aprorum gestant: id pro armis omniumque tutela securum deae cultorem etiam inter hostis praestat. Rarus ferri, frequens fustium usus. Frumenta ceterosque fructus patientius quam pro solita Germanorum inertia laborant. Sed et mare scrutantur, ac soli omnium sucinum, quod ipsi glesum vocant, inter vada atque in ipso litore legunt. Nec quae natura, quaeve ratio gignat, ut barbaris, quaesitum compertumve; diu quin etiam inter cetera eiectamenta maris iacebat, donec luxuria nostra dedit nomen. Ipsis in nullo usu; rude legitur, informe profertur, pretiumque mirantes accipiunt. Sucum tamen arborum esse intellegas, quia terrena quaedam atque etiam volucria animalia plerumque interlucent, quae implicata umore mox durescente materia cluduntur. Fecundiora igitur nemora lucosque sicut Orientis secretis, ubi tura balsamaque sudantur, ita Occidentis insulis terrisque inesse crediderim, quae vicini solis radiis expressa atque liquentia in proximum mare labuntur ac vi tempestatum in adversa litora exundant. Si naturam sucini admoto igni temptes, in modum taedae accenditur alitque flammam pinguem et olentem; mox ut in picem resinamve lentescit. Suionibus Sitonum gentes continuantur. Cetera similes uno differunt, quod femina dominatur; in tantum non modo a libertate sed etiam a servitute degenerant.
  45. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 46 (Lateinischer Originaltext): Hic Suebiae finis. Peucinorum Venedorumque et Fennorum nationes Germanis an Sarmatis adscribam dubito, quamquam Peucini, quos quidam Bastarnas vocant, sermone, cultu, sede ac domiciliis ut Germani agunt. Sordes omnium ac torpor procerum; conubiis mixtis nonnihil in Sarmatarum habitum foedantur. Venedi multum ex moribus traxerunt; nam quidquid inter Peucinos Fennosque silvarum ac montium erigitur latrociniis pererrant. Hi tamen inter Germanos potius referuntur, quia et domos figunt et scuta gestant et pedum usu ac pernicitate gaudent: quae omnia diversa Sarmatis sunt in plaustro equoque viventibus. Fennis mira feritas, foeda paupertas: non arma, non equi, non penates; victui herba, vestitui pelles, cubile humus: solae in sagittis spes, quas inopia ferri ossibus asperant. Idemque venatus viros pariter ac feminas alit; passim enim comitantur partemque praedae petunt. Nec aliud infantibus ferarum imbriumque suffugium quam ut in aliquo ramorum nexu contegantur: huc redeunt iuvenes, hoc senum receptaculum. Sed beatius arbitrantur quam ingemere agris, inlaborare domibus, suas alienasque fortunas spe metuque versare: securi adversus homines, securi adversus deos rem difficillimam adsecuti sunt, ut illis ne voto quidem opus esset. Cetera iam fabulosa: Hellusios et Oxionas ora hominum voltusque, corpora atque artus ferarum gerere: quod ego ut incompertum in medio relinquam.