Langobarden
Die Langobarden waren ein germanisches Volk, das vom frühen Mittelalter bis in die Hochphase des Frühmittelalters eine bedeutende Rolle in der Geschichte Europas spielte. Ihre historische Bedeutung ergibt sich insbesondere aus der Eroberung großer Teile Italiens im 6. Jahrhundert und der Errichtung eines eigenständigen langobardischen Reiches, das bis zur fränkischen Eroberung im Jahr 774 Bestand hatte.
Herkunft und Frühgeschichte
Die frühesten Überlieferungen zu den Langobarden verorten ihren Ursprung im nordeuropäischen Raum. Nach der langobardischen Überlieferung, wie sie insbesondere in der Historia Langobardorum des Paulus Diaconus überliefert ist, stammten sie ursprünglich aus Skandinavien und wanderten über mehrere Generationen südwärts. Archäologische und sprachwissenschaftliche Befunde legen nahe, dass sich die frühe Ethnogenese der Langobarden im elbgermanischen Raum vollzog.
Während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte hielten sich die Langobarden im Gebiet zwischen Elbe und Donau auf. In dieser Phase standen sie in Kontakt mit dem Römischen Reich sowie mit anderen germanischen Völkern. Die Gesellschaft war kriegerisch organisiert, wobei eine Führungsschicht aus Adligen bestand, die ihre Macht auf Gefolgschaft und militärische Erfolge gründete.
Wanderung und Ansiedlung
Im Verlauf des 5. und 6. Jahrhunderts setzten die Langobarden ihre Wanderbewegung nach Süden fort. Nach einem längeren Aufenthalt im pannonischen Raum, wo sie zeitweise als Föderaten des Oströmischen Reiches agierten, kam es zu militärischen Auseinandersetzungen mit benachbarten Völkern, insbesondere mit den Gepiden.
Im Jahr 568 überschritten die Langobarden unter der Führung von König Alboin die Alpen und drangen in Norditalien ein. Der Einfall erfolgte in einer Phase politischer Schwäche des Oströmischen Reiches, das erst kurz zuvor Italien von den Ostgoten zurückerobert hatte. Innerhalb weniger Jahre gelang es den Langobarden, weite Teile Nord- und Mittelitaliens unter ihre Kontrolle zu bringen.
Das Langobardenreich in Italien
Nach der Eroberung Italiens etablierten die Langobarden ein Königreich mit Zentren in Pavia, Verona und Mailand. Neben dem Königtum bestanden mächtige Herzogtümer, insbesondere in Spoleto und Benevent, die eine weitgehende Eigenständigkeit besaßen. Die politische Struktur des Reiches war daher dezentral geprägt.
Die langobardische Herrschaft war zunächst von ethnischen und rechtlichen Trennlinien zwischen Langobarden und der romanischen Bevölkerung gekennzeichnet. Diese Unterschiede verloren jedoch im Laufe der Zeit an Bedeutung. Die Langobarden übernahmen zunehmend römische Verwaltungsstrukturen, die lateinische Sprache sowie Elemente der römischen Rechtskultur.
Recht und Gesellschaft
Ein bedeutendes Zeugnis der langobardischen Rechtskultur ist das Edictus Rothari aus dem Jahr 643. Dieses Gesetzeswerk stellte eine Verschriftlichung des langobardischen Gewohnheitsrechts dar und war in lateinischer Sprache abgefasst. Es regelte unter anderem Fragen des Eigentums, der Strafverfolgung und der sozialen Ordnung.
Die Gesellschaft der Langobarden war hierarchisch gegliedert. An der Spitze standen der König und der Hochadel, gefolgt von freien Kriegern, Halbfreien und Unfreien. Im Zuge der Sesshaftwerdung wandelte sich die ursprünglich kriegerisch geprägte Gesellschaft zunehmend zu einer agrarisch strukturierten Ordnung.
Religion
Ursprünglich bekannten sich die Langobarden zu germanischen polytheistischen Glaubensvorstellungen. Während der Spätantike erfolgte schrittweise die Christianisierung, zunächst in arianischer Form. Erst im Laufe des 7. Jahrhunderts setzte sich das katholische Christentum durch, was zu einer Annäherung an die römische Kirche führte.
Die religiöse Entwicklung trug wesentlich zur Integration der langobardischen Herrschaft in die spätantike und frühmittelalterliche Welt bei. Klostergründungen und kirchliche Institutionen spielten eine wichtige Rolle bei der kulturellen Transformation des Reiches.
Untergang des Reiches
Im 8. Jahrhundert geriet das Langobardenreich zunehmend unter den Druck der expandierenden Franken. Im Jahr 774 wurde König Desiderius von Karl dem Großen besiegt, und das Langobardenreich wurde in das Fränkische Reich eingegliedert. Karl führte fortan den Titel König der Langobarden.
Trotz des politischen Untergangs lebten langobardische Traditionen fort. In Teilen Italiens blieben langobardisches Recht, Verwaltungsstrukturen und kulturelle Einflüsse noch über Jahrhunderte hinweg wirksam.
Nachwirkung
Die Langobarden hinterließen nachhaltige Spuren in der Geschichte Italiens. Ihr Name lebt in der Region Lombardei fort. Archäologische Funde, Rechtsquellen und historiographische Werke belegen ihren Beitrag zur Herausbildung des mittelalterlichen Europas.
Die Langobarden prägten als wanderndes germanisches Volk und als Herrscher Italiens über mehrere Jahrhunderte hinweg die politische, rechtliche und kulturelle Entwicklung des frühmittelalterlichen Europa.
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