

Friesen (germanischer Volksstamm)
Die Friesen sind ein germanischer Volksstamm, dessen Ursprünge in der nordwesteuropäischen Küstenregion liegen. Sie siedelten sich in der Antike und im frühen Mittelalter in den Gebieten des heutigen Niederlande, Deutschlands und Dänemarks an. Die Friesen sind bekannt für ihre maritime Kultur, ihre Widerstandsfähigkeit gegen fremde Herrschaft und ihre einzigartige Sprache, die friesische Sprache, das bis heute in einigen Regionen gesprochen wird. Ihre Geschichte ist geprägt von der Auseinandersetzung mit den Naturgewalten der Nordsee, der Verteidigung ihrer Freiheit gegen fremde Eroberer und der Bewahrung ihrer kulturellen Identität über die Jahrhunderte hinweg.
Ursprünge und frühe Geschichte
Die Friesen entstammen dem größeren Verband der germanischen Stämme, die in der vorrömischen Eisenzeit in Nordwesteuropa lebten. Ihre genaue Herkunft ist nicht vollständig geklärt, doch wird angenommen, dass sie sich im ersten Jahrtausend vor Christus in der Region zwischen dem Rhein und der Ems ansiedelten. Die früheste schriftliche Erwähnung der Friesen findet sich in den Werken des römischen Historikers Tacitus, der sie in seiner „Germania“ als einen der Stämme beschrieb, die an der Nordseeküste lebten. Tacitus lobte die Friesen für ihre Tapferkeit und ihre Fähigkeit, sich gegen die römische Expansion zu behaupten.
Im ersten Jahrhundert nach Christus gerieten die Friesen unter römische Herrschaft, nachdem sie sich zunächst erfolgreich gegen die Eroberungsversuche der Römer gewehrt hatten. Sie wurden Teil der römischen Provinz Germania Inferior, behielten jedoch eine gewisse Autonomie. Die Friesen lieferten den Römern Soldaten für deren Armee und handelten mit ihnen, doch ihre Unabhängigkeit blieb weitgehend gewahrt. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches im fünften Jahrhundert konnten die Friesen ihre Unabhängigkeit wiederherstellen und entwickelten eine eigenständige Kultur und Gesellschaftsordnung.
Gesellschaft und Kultur
Die friesische Gesellschaft war in der frühen Zeit stark von der Landwirtschaft, der Fischerei und dem Handel geprägt. Die Friesen lebten in kleinen, autarken Gemeinschaften, die durch gemeinsame Abstammung und Traditionen verbunden waren. Ihre Siedlungen lagen oft auf Warften, künstlich aufgeschütteten Hügeln, die sie vor den Fluten der Nordsee schützten. Diese Warften sind bis heute ein charakteristisches Merkmal der friesischen Landschaft.
Die Friesen entwickelten ein komplexes Rechtssystem, das auf mündlich überlieferten Gesetzen basierte. Diese Gesetze wurden später in den sogenannten „Friesischen Rechtsquellen“ schriftlich festgehalten, die zu den ältesten Rechtstexten Europas zählen. Das friesische Recht betonte die individuelle Freiheit und die Gleichheit vor dem Gesetz, was die friesische Gesellschaft von vielen anderen germanischen Stämmen unterschied.
Die friesische Kultur war stark von der Natur und dem Meer geprägt. Die Friesen waren geschickte Seefahrer und Händler, die Handelsbeziehungen bis nach England, Skandinavien und ins Baltikum unterhielten. Ihre Schiffe, die sogenannten „Koggen“, waren für ihre Robustheit und Seetüchtigkeit bekannt. Die Friesen spielten eine wichtige Rolle im mittelalterlichen Handel, insbesondere im Handel mit Wolle, Salz und anderen Gütern.
Christianisierung und Mittelalter
Die Christianisierung der Friesen begann im siebten Jahrhundert und war ein langwieriger Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte hinzog. Missionare wie der heilige Willibrord und der heilige Bonifatius spielten eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Christentums unter den Friesen. Bonifatius, der als „Apostel der Deutschen“ bekannt ist, wurde im Jahr 754 von friesischen Heiden getötet, was seine Mission jedoch nicht beendete, sondern ihn zu einem Märtyrer machte.
Im Mittelalter wurden die Friesen in verschiedene Grafschaften und Herrschaftsgebiete aufgeteilt, die oft unter der Kontrolle fremder Mächte standen. Dennoch gelang es den Friesen, ihre kulturelle und rechtliche Autonomie weitgehend zu bewahren. Die sogenannten „Friesischen Freiheiten“ gewährten den Friesen besondere Rechte, darunter das Recht, ihre eigenen Richter zu wählen und ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Diese Freiheiten wurden von den friesischen Gemeinden hartnäckig verteidigt und waren ein zentraler Bestandteil ihrer Identität.
Konflikte und Niedergang
Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit gerieten die Friesen zunehmend unter den Einfluss mächtiger Nachbarn, darunter die Grafen von Holland, die Herzöge von Sachsen und die Könige von Dänemark. Die Friesen leisteten erbitterten Widerstand gegen diese fremden Mächte, doch ihre Unabhängigkeit wurde schrittweise eingeschränkt. Der „Friesische Freiheitskampf“ im 15. Jahrhundert, der sich gegen die Herrschaft der Grafen von Holland richtete, endete mit der Niederlage der Friesen und der Eingliederung ihrer Gebiete in größere Herrschaftsverbände.
Trotz des politischen Niedergangs blieb die friesische Kultur lebendig. Die Friesen bewahrten ihre Sprache, ihre Traditionen und ihre Identität, auch unter fremder Herrschaft. Im 19. Jahrhundert erlebte die friesische Kultur eine Renaissance, als sich eine Bewegung zur Förderung der friesischen Sprache und Literatur entwickelte. Diese Bewegung trug dazu bei, das friesische Erbe zu bewahren und die friesische Identität in der modernen Welt zu stärken.
Friesen heute
Heute leben die Friesen in den Niederlanden, Deutschland und Dänemark. In den Niederlanden sind sie vor allem in der Provinz Friesland (Fryslân) ansässig, wo das Friesische als offizielle Sprache anerkannt ist und in Schulen unterrichtet wird. In Deutschland leben die Friesen vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wo sie als nationale Minderheit anerkannt sind. In Dänemark gibt es eine kleine friesische Gemeinschaft in Süddänemark.
Die friesische Sprache, die in mehrere Dialekte unterteilt ist, wird heute von etwa einer halben Million Menschen gesprochen. Das Westfriesische, das in den Niederlanden gesprochen wird, ist die am weitesten verbreitete Variante. Das Nordfriesische und das Saterfriesische, die in Deutschland gesprochen werden, sind dagegen stark gefährdet und werden nur noch von wenigen tausend Menschen beherrscht.
Die Friesen sind stolz auf ihre kulturelle Identität und setzen sich aktiv für die Bewahrung ihrer Sprache und Traditionen ein. Es gibt zahlreiche friesische Vereine, Kulturorganisationen und Medien, die sich der Förderung der friesischen Kultur widmen. Die Friesen sind auch auf europäischer Ebene aktiv und arbeiten mit anderen Minderheiten zusammen, um ihre Rechte und Interessen zu vertreten.
Siehe auch
Geschichtswissenschaftliche Nachschlagewerke
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Literaturverzeichnis
- Thomas Steensen: Die Friesen. Menschen am Meer. Wachholtz, Kiel/Hamburg 2020, ISBN 978-3-529-05047-3.
- John Hines, Nelleke IJssennager (Hrsg.): Frisians and their North Sea Neighbours. From the Fifth Century to the Viking Age. Boydell Press, Woodbridge 2017, ISBN 978-1-78327-179-5.
- Thomas Steensen (Hrsg.): Die Frieslande. Nordfriisk Instituut, Bräist/Bredstedt 2006, ISBN 978-3-88007-333-3.
- Conrad Borchling, Rudolf Muuss: Die Friesen. Breslau 1931 (Nachdruck: Reprint-Verlag, Leipzig, Holzminden 2001, ISBN 3-8262-0215-5)
- Michael Matheus: Von friesischen Fernhändlern und Kranen in Mainz: Der Rhein als mittelalterliche Handelsroute, in: Hedwig Brüchert (Hrsg.), Mainz. Stadt am Strom (Schriftenreihe des Stadthistorischen Museums Mainz 15), Mainz 2022, S. 39 – 72, 152 – 163, S. 51f., https://www.academia.edu/79098648/Von_friesischen_Fernh%C3%A4ndlern_und_Kranen_in_Mainz_Der_Rhein_als_mittelalterliche_Handelsroute.