Germanen, germanische Völker, Germanien (Wissenschaft, Forschung, Lehre)

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Germanen, germanische Völker, Germanien (Wissenschaft, Forschung, Lehre)

Einleitung in die Selbststudie

Das Faksimile des Incipts der Germania des Tacitus des Codex Aesinas Latinus.[1]

Diese schriftlich verfasste Selbststudie[2] in Form einer wissenschaftlichen Monographie[3][4] des Autors Andreas A. F. W. H. Ulrich sen. (Wulfrich) mit dem Arbeitstitel „Germanen, germanische Völker, Germanien (Wissenschaft, Forschung, Lehre)“ wird mit dem ausdrücklichen Ziel verfasst, im Rahmen eines intensiven Selbststudiums[5] ein umfassendes, methodisch fundiertes und quellenbasiertes Wissen über die Geschichte, Kultur und Erforschung der germanischen Völker[6] sowie des historischen Lebensraums der Germanen[7] namens Germanien[8] zu erarbeiten und systematisch darzustellen. Sie versteht sich als wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem komplexen geistesgeschichtlichen Themenbereich, der über Jahrhunderte hinweg nicht nur die europäische Kulturgeschichte geprägt, sondern auch die Disziplinen der Geschichtswissenschaften, der Archäologie, der Sprach- und Literaturwissenschaften sowie der Religions- und Kulturwissenschaft in besonderer Weise beschäftigt hat.

Das Selbststudium dieser Thematik erfordert eine konsequente methodische Orientierung, ein kritisches Quellenstudium und die Fähigkeit, verschiedene wissenschaftliche Disziplinen miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Arbeit soll als Ergebnis eines solchen selbständigen wissenschaftlichen Lernprozesses dienen und zugleich als exemplarische Grundlage für alle Interessierten gelten, die sich ohne institutionalisierte Hochschulausbildung fundiert mit den genannten Themenfeldern befassen wollen. Sie vereint historische, archäologische, philologische und kulturwissenschaftliche Perspektiven und bettet diese in die Struktur moderner Forschungskonzepte und methodischer Ansätze ein.

Die Gliederung der Arbeit wurde so konzipiert, dass sie die historische Entwicklung der Germanen sowie die gegenwärtige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex systematisch abbildet:

  • Das erste Kapitel (I) widmet sich der Darstellung der Germanen, der germanischen Völker und Germaniens von der Vor- und Frühgeschichte bis zum Ende des frühen Mittelalters. Er rekonstruiert auf der Basis archäologischer Funde, schriftlicher Überlieferungen und interdisziplinärer Forschungsergebnisse die politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der germanischen Völker sowie ihre Beziehungen zur antiken Welt und zum entstehenden mittelalterlichen Europa.
  • Im zweiten Kapitel (II) wird eine Übersicht über die aktuellen wissenschaftlichen Disziplinen und Forschungsfelder geboten, die sich mit der Erforschung der Germanen, der germanischen Völker und des Lebensraumes Germanien befassen. Dabei werden die historischen Entstehungszusammenhänge dieser Disziplinen ebenso thematisiert wie ihre heutigen methodischen und institutionellen Ausprägungen an Hochschulen, Forschungsinstituten und Akademien.
  • Das dritte Kapitel (III) dieser Arbeit widmet sich der früheren, gegenwärtigen und zukünftigen wissenschaftlichen Germanenforschung, wobei sowohl aktuelle Forschungsprojekte und methodische Ansätze als auch mögliche Perspektiven und Herausforderungen für die zukünftige Erforschung der germanischen Völker thematisiert werden.
  • Im vierten Kapitel (IV) folgt eine umfangreiche Bibliographie, in der zentrale Fachliteratur, Quelleneditionen, Aufsatzsammlungen und digitale Ressourcen verzeichnet sind, die für ein vertiefendes Selbststudium herangezogen werden können.
  • Abschließend enthält das fünfte Kapitel (V) sämtliche Anmerkungen, Begriffserklärungen, Literatur- bzw. Quellenverzeichnisse und sonstige Fußnoten, die im Haupttext der Arbeit gesetzt wurden, um Quellenangaben, methodische Hinweise und weiterführende Informationen transparent zu machen und eine wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit der Argumentationen und Ergebnisse zu gewährleisten.

Diese Arbeit soll damit nicht nur ein eigenständiger Beitrag zur Germanenforschung sein, sondern zugleich als ein beispielhafter Beleg dafür dienen, dass ein wissenschaftlich fundiertes und methodisch abgesichertes Studium auch im Rahmen einer autodidaktischen Auseinandersetzung möglich ist, sofern es auf systematischem Quellenstudium, kritischer Reflexion und interdisziplinärer Perspektivierung beruht. Sie richtet sich an Studierende, Autodidakten und wissenschaftlich Interessierte gleichermaßen und möchte einen Beitrag dazu leisten, die Erforschung der Germanen, ihrer Völker und des historischen Germanien auch jenseits universitärer Lehrpläne zugänglich und nachvollziehbar zu machen.

Beigefügte Selbststudien als Bestandteil dieser wissenschaftlichen Monographie

Informationen zur Quellenlage

Für die vorliegende wissenschaftliche Ausarbeitung und Untersuchung besitzen antike[9] bis frühmittelalterliche Quellen eine herausragende Bedeutung, da die germanischen Völker selbst nur in äußerst geringem Umfang schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben. Das heutige Wissen über die Germanen stützt sich nahezu ausschließlich auf die Berichte zeitgenössischer Autoren, darunter Gaius Iulius Caesar[10] (Commentarii de bello Gallico[11]), Publius Cornelius Tacitus[12] (Germania[13]), Plinius der Ältere[14] (Naturalis historia[15]) und weitere namhafte antike Schriftsteller. Deren Überlieferungen sind von erheblicher historischer Tragweite und stellen unverzichtbare Grundlagen für die Rekonstruktion germanischer Geschichte, Gesellschaft und Kultur dar. Ergänzend hierzu kommt der modernen Germanenforschung, insbesondere der Germanischen Altertumskunde, eine maßgebliche Rolle zu. Sie ermöglicht es, auf der Grundlage archäologischer, sprachwissenschaftlicher und anthropologischer Erkenntnisse ein fundiertes und differenziertes Bild der germanischen Völker und ihrer kulturellen Eigenheiten zu gewinnen.

I. Kapitel: Die Germanen, die germanischen Völker und der Lebensraum Germanien in der Vor- und Frühgeschichte bis zum Ende des frühen Mittelalters

1. Begriffsgeschichte und Definitionen

1.2. Der Begriff „Germanen“ in der Antike

Der Begriff „Germanen“ (griech. Germanoí; lat. Germani) stammt aus der antiken lateinischen Überlieferung und wurde erstmals bei Poseidonios von Apameia[16] (2. Jahrhundert v. Chr.) erwähnt, überliefert jedoch durch Gaius Iulius Caesar in seinem Werk De bello Gallico (1. Jahrhundert v. Chr.). Caesar unterschied hier zwischen Galliern und „Germani“, wobei er den Begriff vermutlich von keltischen Stämmen[17] am Rhein übernahm.[18][19][20]

1.3. Die etymologische[21] Herleitung

Die genaue etymologische Herkunft ist unklar, es wird jedoch vermutet, dass „Germani“ ein keltisches Lehnwort sein könnte, möglicherweise mit der Bedeutung „Nachbarn“ oder „Krieger“. Tacitus übernahm die Bezeichnung später in seiner Germania (um 98 n. Chr.) als Sammelbegriff für die jenseits des Rheins siedelnden, aus römischer Sicht kulturell verwandten Stämme.[22][23]

1.4. Begriffliche Differenzierungen in der Germanenforschung

Viele Wissenschaftler vermeiden heute den Begriff „Germanen“ als ethnisch-historische Kategorie und nutzen stattdessen regionale oder stammesbezogene Bezeichnungen wie zum Beispiel „Sueben“[24], „Cherusker“[25] oder „Markomannen“[26]. In der Gesamtbetrachtung wird von der Wissenschaft eher die Bezeichnung „germanische Völker“ bevorzugt, da der Begriff „Germanen“ eine fälschliche Vereinheitlichung der Völker als ein zusammenhängendes Volk darstellt. Insgesamt handelt es sich bei der Bezeichnung „Germanen“ primär um einen fremdetnographischen, römisch geprägten Sammelbegriff, der in der Antike verschiedene, kulturell und sprachlich oft sehr heterogene Stämme nördlich der römischen Reichsgrenze zusammenfasste.[27][28]

2. Archäologische[29] Zeugnisse in der Germanenforschung

2.1. Vor- und Frühgeschichtliche Kulturen in Nord- und Mitteleuropa

Die Vor- und Frühgeschichte Nord- und Mitteleuropas, auch Ur- und Frühgeschichte genannt, umfasst einen Zeitraum von der Altsteinzeit bis zum frühen Mittelalter. Dieser lange Zeitraum ist geprägt von einer Vielzahl regional differenzierter archäologischer Kulturen, die anhand materieller Funde – insbesondere von Keramik, Werkzeugen, Gräbern und Siedlungsresten – fassbar gemacht werden. Die Germanen treten innerhalb dieses Prozesses relativ spät als klar benennbare ethnische und kulturelle Gruppe auf, und zwar in der jüngeren vorrömischen Eisenzeit, nach dem Beginn der sogenannten Jastorf-Kultur.[30][31][32]

2.2. Die Bronzezeit und die Urnenfelderkultur

Die Karte stellt die Verbreitung der Metallverarbeitung in Europa und Vorderasien dar, wobei die dunkler gefärbten Gebiete die älteren, historisch früher mit Metallproduktion befassten Regionen kennzeichnen.
Ein Bronzehelm der Urnenfelderkultur aus Thonberg in Oberfranken. Dieser zählt zu den ältesten bislang entdeckten Helmen nördlich der Alpen.
Die „Himmelsscheibe von Nebra“ ist eine der bedeutungsvollsten Funde der Frühbronzezeit.

Die Bronzezeit in Nord- und Mitteleuropa erstreckte sich etwa von 2200 bis 800 v. Chr. und war eine Epoche tiefgreifender sozialer, wirtschaftlicher und technologischer Umbrüche. Mit der Entwicklung der Bronzelegierung aus Kupfer und Zinn entstanden neuartige Waffen, Werkzeuge und Schmuckstücke, die nicht nur im alltäglichen Gebrauch, sondern auch als Statussymbole und rituelle Objekte Verwendung fanden. Diese Zeit war von weitreichenden Handelsbeziehungen geprägt, die den Austausch von Rohstoffen, Erzeugnissen und kulturellen Ideen zwischen Mitteleuropa, dem Mittelmeerraum und der Atlantikküste ermöglichten. Zu den wichtigsten archäologischen Kulturen dieser Epoche zählt die sogenannte Urnenfelderkultur[33], die zwischen etwa 1300 und 800 v. Chr. bestand. Namensgebend für diese Kultur war die Bestattungssitte, die darin bestand, die verbrannten Überreste der Toten in keramischen Urnen zu beisetzen und diese in ausgedehnten Gräberfeldern zu deponieren. Die Urnenfelderkultur erstreckte sich über große Teile Mitteleuropas, von Ostfrankreich bis nach Westungarn und von den Alpen bis ins norddeutsche Tiefland. Ihre materielle Hinterlassenschaft umfasst kunstvoll gearbeitete Bronzedolche, Sicheln, Lanzenspitzen und Helme sowie befestigte Siedlungen, die Hinweise auf komplexe gesellschaftliche Strukturen und eine beginnende politische Zentralisation liefern. Diese kulturellen Entwicklungen in der Spätbronzezeit bildeten die Grundlage für jene Bevölkerungsgruppen, die von der antiken Überlieferung später als Germanen bezeichnet wurden. Auch wenn der Begriff „Germanen“ erst in der römischen Geschichtsschreibung des 1. Jahrhunderts v. Chr. erscheint, lassen sich kulturelle und siedlungsgeschichtliche Kontinuitäten von der Urnenfelderzeit bis in die frühe Eisenzeit verfolgen, die das Entstehen germanischer Stammesgruppen vorbereiteten.[34][35][36]

2.3. Die vorrömische Eisenzeit und Jastorf-Kultur

Kulturen in der Eisenzeit in Nord- und Mitteleuropa zwischen dem 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. (Grün: Nordische Gruppe; Rot: Jastorf-Kultur; Hellgrün: Przeworsk-Kultur; Orange: La-Tène-Kultur)

Die vorrömische Eisenzeit in Nord- und Mitteleuropa umfasst den Zeitraum vom 6. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. und markiert den Übergang von der Bronzezeit zur römischen Kaiserzeit. In Norddeutschland und Südskandinavien war diese Epoche geprägt von der Jastorf-Kultur, benannt nach dem Fundort Jastorf in der Lüneburger Heide. Typisch sind Brandbestattungen, eisenzeitliche Werkzeuge und eine eigenständige Keramik ohne mediterrane Einflüsse. In der archäologischen Forschung gilt die Jastorf-Kultur als eine der frühesten materiellen Kulturen, die mit der Ethnogenese der Germanen in Verbindung gebracht werden. Zwar fehlen aus dieser Zeit schriftliche Quellen, doch stimmen die Ausbreitungsgebiete der Jastorf-Kultur weitgehend mit den später als „germanisch“ bezeichneten Stammesgebieten überein. Sie liefert damit wichtige Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der frühen germanischen Kulturentwicklung.[37][38][39][40]

3. Die Germanen in den antiken Quellen

3.1. Studium antiker Schriftquellen

Eine Buchausgabe der Commentarii de bello Gallico aus dem Jahr 1783.

Die Auseinandersetzung mit den antiken Schriften berühmter Autoren über die Germanen, die germanischen Völker und in Bezug auf Germanien ist aus mehreren Gründen von zentraler Bedeutung:

  • Erstens bilden diese Texte die ältesten überlieferten Quellen, die überhaupt über die Germanen existieren. Da die Germanen (vermutlich[41]) selbst keine eigenständige Schriftkultur entwickelt hatten, sind Berichte römischer und griechischer Autoren wie Caesar, Tacitus, Plinius des Älteren oder Strabon die primären Zeugnisse, auf die die historische Forschung angewiesen ist. Ohne diese schriftlichen Überlieferungen wäre das Wissen über die Frühgeschichte der germanischen Völker weit fragmentierter und stärker auf archäologische Funde beschränkt.
  • Zweitens bieten diese Texte nicht nur Informationen über das äußere Erscheinungsbild, die Kriegsführung und die Siedlungsgebiete der Germanen, sondern auch über ihre gesellschaftlichen Strukturen, religiösen Vorstellungen und politischen Organisationsformen. Gerade das Werk „Germania“ des Tacitus gilt dabei als eine Schlüsselquelle, die wertvolle Einblicke in die Wahrnehmung der Germanen durch die römische Elite vermittelt. Auch wenn diese Darstellung teilweise von politischen Absichten, moralischen Vergleichen oder ethnographischen Stereotypen geprägt ist, erlaubt sie eine Annäherung an die Denk- und Wahrnehmungsweise der Antike im Umgang mit „fremden Völkern“.
  • Drittens ermöglichen die antiken Texte eine kritische Auseinandersetzung mit der Rezeption der Germanen in späteren Epochen. Sie waren in der europäischen Geistesgeschichte immer wieder von großer Bedeutung, etwa in der mittelalterlichen Überlieferung, in der Renaissance oder in der nationalen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Ein Verständnis dieser antiken Ursprungsquellen ist daher auch für die Erforschung der Wirkungsgeschichte, der politischen Instrumentalisierungen und der kulturellen Identitätskonstruktionen unverzichtbar.
  • Schließlich erlaubt die Beschäftigung mit den antiken Autoren einen interdisziplinären Zugang. Die Schriften verbinden historische, literarische, ethnologische und philologische Fragestellungen. Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, erhält nicht nur ein Bild der Germanen aus der Sicht der Antike, sondern auch ein Verständnis für die Entstehung von Vorurteilen, für die Mechanismen kultureller Abgrenzung und für die Entwicklung von Identitätsvorstellungen in Europa.

Besonders im Selbststudium ist es von größter Bedeutung, sich mit den antiken Texten über die Germanen auseinanderzusetzen, da diese Schriften den Grundstein jeglichen Verständnisses der germanischen Völker bilden. Wer die Ursprünge, die gesellschaftlichen Strukturen und die kulturellen Eigenheiten der Germanen erfassen möchte, ist auf die Darstellungen römischer und griechischer Autoren angewiesen, da die Germanen selbst keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben. Diese Quellen sind somit die einzigen zeitgenössischen Berichte, die ein Bild von den Germanen in ihrer Frühzeit vermitteln.

Ohne die Kenntnis dieser Texte bleibt das Wissen über die germanischen Völker fragmentarisch und unvollständig, da archäologische Funde oder spätere Überlieferungen allein nicht in der Lage sind, das geistige, kulturelle und politische Leben der Germanen in ihrer Gesamtheit zu rekonstruieren. Erst durch die kritische Lektüre und Analyse der antiken Autoren lässt sich ein umfassenderes Verständnis entwickeln, das sowohl die Fremdwahrnehmung durch die Römer als auch die Eigenart der germanischen Stämme berücksichtigt.

Gerade im Selbststudium ist diese Auseinandersetzung unerlässlich, da nur durch die intensive Beschäftigung mit den ursprünglichen Quellen ein solides Fundament entsteht, auf dem weiterführendes Wissen aufgebaut werden kann. Wer die antiken Texte ausblendet, verzichtet auf das zentrale Instrument, das für eine wissenschaftlich fundierte Erkenntnis über die Germanen unabdingbar ist.[42][43][44]

3.2. Caesar, Tacitus und Plinius d. Ä.

Gaius Iulius Caesar (Bilnis)
3.2.1. Gaius Iulius Caesar

Caesars wichtigste Quelle zu den Germanen ist sein Werk Commentarii de bello Gallico, das den Gallischen Krieg von 58 bis 51 v. Chr. beschreibt. Darin behandelt er die Germanen vor allem im Buch VI. Caesar schildert die Germanen als kriegerische, unerschrockene und an raues Klima gewöhnte Völker jenseits des Rheins, die sich von den keltischen Galliern deutlich unterscheiden würden. Er hebt ihre kriegerische Kultur, ihre soziale Organisation in Stämmen und ihre einfache Lebensweise hervor. Zudem beschreibt er germanische Bräuche wie die gemeinschaftliche Nutzung von Land und das Fehlen fester Städte. Die Germanen erscheinen bei Caesar meist als Gegner Roms, deren Bedrohung den römischen Vorstoß über den Rhein notwendig macht. Seine Schilderungen sind dabei auch politisch motiviert, um seine militärischen Unternehmungen zu rechtfertigen.[45][46][47][48]

Publius Cornelius Tacitus (Bildnis)
3.2.2. Publius Cornelius Tacitus

Tacitus verfasste um 98 n. Chr. die Germania (De origine et situ Germanorum), die bis heute als eine der wichtigsten literarischen Quellen zur Frühgeschichte der Germanen gilt. In diesem ethnographischen Traktat beschreibt Tacitus die Sitten, Gebräuche, Religion und Gesellschaftsstrukturen der germanischen Stämme. Er idealisiert die Germanen teils als moralisch integre und tapfere Völker, stellt sie dem aus seiner Sicht dekadenten Rom gegenüber und nutzt die Darstellung auch als moralische Kritik an der eigenen Gesellschaft. Tacitus nennt zahlreiche Stämme, wie die Bataver, Chatten und Sueben, und gibt Einblicke in germanische Rechtsbräuche, Volksversammlungen und religiöse Vorstellungen. Obgleich er vermutlich nie selbst Germanien bereist hat, beruht seine Darstellung auf Berichten römischer Feldherren, Händler und Gelehrter.[49][50][51][52][53][54][55]

Zudem behandelte Tacitus die Germanen und Germanien in seinen Annales (Ab excessu divi Augusti) mehrfach, insbesondere in den Büchern I und II. Eine prägnante Passage, in der er die Germanen beschreibt, findet sich in Annales I, Kapitel 55–72[56], wo er den römischen Feldzug des Publius Quinctilius Varus[57][58][59][60] beschreibt.

Darüber hinaus zieht Tacitus in Annales II, Kapitel 1–5 wieder Bezug auf die Germanen, vor allem in ethnographischen Bemerkungen über deren Sitten, Lebensweise und militärische Organisation im Kontext römischer Feldzüge.[61][62][63]

Plinius der Ältere (Bildnis)
3.2.3. Plinius der Ältere

Plinius erwähnt die Germanen in seinem enzyklopädischen Werk Naturalis Historia, das um 77 n. Chr. verfasst wurde. In mehreren Büchern widmet er sich Geographie, Ethnographie und Naturkunde, wobei auch germanische Völkerstämme thematisiert werden. Plinius führt zahlreiche Stämme namentlich auf und berichtet von deren Verbreitungsgebieten nördlich der römischen Reichsgrenzen. Er beschreibt die Germanen als naturverbundene, kräftige und kriegerische Menschen, die in einer ungezähmten Landschaft leben. Seine Darstellungen sind oft kürzer und beiläufiger als die bei Caesar und Tacitus, liefern aber wertvolle Einzelangaben über Siedlungsräume und Eigenheiten der Stämme sowie über Pflanzen, Tiere und klimatische Verhältnisse Germaniens. Seine Naturalis Historia zählt zu den bedeutendsten Quellen der antiken Natur- und Völkerkunde.[64][65][66]

3.3. Strabon, Ptolemäus, Jordanes und Cassius Dio

Strabon (Bildnis)
3.3.1. Strabon

In seinem Werk Geographika, verfasst zwischen etwa 20 v. Chr. und 23 n. Chr., behandelt Strabon[67] im Buch VII die germanischen Völker. Er beschreibt die geografische Ausdehnung Germaniens, die Lage bedeutender Stämme wie der Sueben, Cherusker und Chatten und liefert Angaben über Klima, Landschaft und Lebensweise. Er stellt die Germanen als kriegerisch und an harte Lebensbedingungen angepasst dar. Seine Berichte basieren vorwiegend auf älteren griechischen und römischen Quellen sowie auf römischen Kriegsberichten, und er überliefert auch Nachrichten über Ereignisse wie die Varusschlacht.[68][69][70]

Claudius Ptolemäus (Bildnis)
3.3.2. Claudius Ptolemäus

In seinem Werk Geographike Hyphegesis (Geographia), entstanden um 150 n. Chr., kartierte Claudius Ptolemäus[71] die damals bekannte Welt, darunter auch Germanien. Im Buch II benennt er zahlreiche germanische Stämme, Städte und geografische Merkmale, wobei er mit einem für die Antike einzigartigen System von Längen- und Breitengraden arbeitete. Seine Angaben bieten ein wertvolles Zeugnis für die räumliche Wahrnehmung Germaniens in der römischen Spätantike, auch wenn die Exaktheit der Koordinaten aus heutiger Sicht oft fragwürdig bleibt.[72][73][74]

3.3.3. Jordanes

Jordanes[75], der um 550 n. Chr. sein bekanntes Werk De origine actibusque Getarum (Getica) verfasste, beschreibt darin die Geschichte der Goten von ihren sagenhaften Ursprüngen bis zur eigenen Zeit und greift dabei auch ältere Berichte über die germanischen Völker auf, unter anderem aus den verlorenen Gothica des Cassiodor. Jordanes überliefert Mythen, Wanderungen und Kämpfe germanischer Stämme und bietet eine späte, christlich gefärbte Rückschau auf die Völker Germaniens. Die Getica ist eine der wichtigsten Quellen für die Völkerwanderungszeit und die spätantike Sicht auf die Germanen.[76][77][78]

3.3.4. Cassius Dio

Cassius Dio[79] widmete in seiner „Römischen Geschichte“ auch den Germanen und ihren Auseinandersetzungen mit Rom einige Passagen. Seine Schilderungen stehen in engem Zusammenhang mit der augusteischen Epoche und der Varusschlacht. Dio beschreibt die Germanen als ein raues und kriegerisches Volk, das in den dichten Wäldern und Sümpfen Germaniens lebte und den römischen Truppen durch seine Ortskenntnis und seine ungebrochene Wildheit überlegen erschien. Besonders in Buch 56 seiner Geschichtsdarstellung berichtet er von der Niederlage des Publius Quinctilius Varus im Jahre 9 n. Chr., die er als eine Folge von Leichtgläubigkeit und mangelnder Vorsicht der Römer deutet. In seinen Augen waren die Germanen von Natur aus unzivilisiert, ungehobelt und schwer zu unterwerfen, doch zugleich auch gefährlich, weil sie durch List und Hinterhalt operierten. Er hebt hervor, dass Arminius, der Cheruskerfürst, durch seine römische Ausbildung die Möglichkeit besaß, die Schwächen der Legionen gezielt auszunutzen, was schließlich zur verheerenden Niederlage führte. Cassius Dio schildert die Grausamkeiten der Germanen gegenüber den Gefangenen und die Verstümmelung der Leichen der gefallenen Römer, was in seiner Darstellung die Wildheit und Unbändigkeit dieser Völker unterstreicht. Seine Berichte sind stark von der römischen Sichtweise geprägt und zeigen die Germanen weniger als eigenständige Kulturgemeinschaft, sondern vor allem als Gegner Roms, deren Bedeutung vor allem in ihrer militärischen Herausforderung für die römische Expansion lag.[80]

3.4. Antike Fremdwahrnehmung und Ethnogenese[81]

3.4.1. Antike Fremdwahrnehmung

Die antike Fremdwahrnehmung der Germanen war geprägt von einem ambivalenten Bild, das je nach Autor und Zeit stark variierte, aber häufig stereotype Züge trug. Generell wurden die Germanen von den Römern und Griechen als barbarische, wilde und kriegerische Völker betrachtet, die jenseits der zivilisierten Welt lebten. Sie galten als roh, unzivilisiert und rau im Vergleich zur römischen oder griechischen Kultur, zugleich aber auch als mutig, freiheitsliebend und naturverbunden. Autoren wie Caesar beschrieben die Germanen als tapfere Kämpfer, die in kleinen Stämmen ohne feste Städte lebten und eine einfache, aber harte Lebensweise pflegten.[82] Tacitus hingegen idealisierte sie teilweise als moralisch integre Völker, die im Gegensatz zur dekadenten römischen Gesellschaft einen ursprünglichen Tugendkodex und eine starke Gemeinschaft pflegten.[83] Diese positive Darstellung war allerdings auch eine Art Spiegelkritik an der römischen Gesellschaft. Zugleich spiegelte die Wahrnehmung auch Ängste wider, denn die Germanen galten als unberechenbare Bedrohung für das Römische Reich, deren Kriegszüge und Einfälle als Gefahr für die römische Ordnung und Sicherheit empfunden wurden.[84] Das Bild der Germanen war also geprägt von Faszination und Respekt, aber auch von Feindseligkeit und Vorurteilen.

3.4.2. Antike Ethnogenese

Die antike Ethnogenese der Germanen war vor allem durch fremdetnographische und teilweise mythische Vorstellungen geprägt, die von römischen und griechischen Autoren über die Herkunft und Entstehung der germanischen Völker überliefert wurden. Die Germanen wurden dabei „meist“ nicht als ein einheitliches Volk mit einer klaren Abstammung betrachtet, sondern als eine Vielzahl von Stämmen, deren Ursprung und Zusammengehörigkeit unterschiedlich dargestellt wurden. Tacitus beispielsweise beschreibt in seiner Germania die Germanen als ein Volk, das sich von anderen benachbarten Völkern durch gemeinsame Sprache, Sitten und Bräuche unterscheidet. Er betont die Stammesstruktur und den Zusammenhalt innerhalb der einzelnen Gruppen, sieht aber keine einheitliche politische Organisation. Für Tacitus ist die ethnische Identität der Germanen eng mit ihren Sitten, ihrer Lebensweise und ihrer Abgrenzung zu Römern und Kelten verbunden. Die Germanen entstehen also als kulturelle Einheit durch gemeinsame Merkmale, weniger durch eine klar definierte gemeinsame Abstammung.[85] Auch Strabon berichtet über verschiedene germanische Stämme und verweist auf ihre unterschiedliche Herkunft, teils mit Verbindungen zu skythischen oder keltischen Gruppen.[86] Plinius der Ältere erwähnt in seiner Naturalis Historia zahlreiche germanische Völker und versucht, ihre Verbreitung und Differenzierung zu ordnen, bleibt aber in den Erklärungen zur Herkunft eher fragmentarisch.[87] Jordanes schließlich liefert in seiner Getica eine frühmittelalterliche, teils legendäre Ethnogenese, in der die Goten als besonders edles germanisches Volk mit einer mythischen Herkunft dargestellt werden. Seine Darstellung ist von christlichen und volkshistorischen Vorstellungen geprägt und versucht, die Germanen in einen größeren historischen Zusammenhang einzubetten.[88]

4. Ethnogenese und Wanderungsbewegungen

4.1. Ethnogenese in der modernen Forschung

Darstellung der germanischen Völker zwischen Jahren 50 und 100 n. Chr.

Die Entstehung der Germanen als eigenständige Gruppe war ein vielschichtiger und über Jahrhunderte andauernder Prozess. Heute weiß man, dass der Begriff „Germanen“ ursprünglich nicht von den betroffenen Stämmen selbst verwendet wurde, sondern von außen geprägt wurde, vor allem durch die Römer. Damit war von Anfang an keine fest umrissene Volksgemeinschaft gemeint, sondern eine Sammelbezeichnung für zahlreiche Stämme nördlich der römischen Reichsgrenze, die in Sprache, Kultur und Lebensweise oft sehr unterschiedlich waren.

Moderne Forschungen zeigen, dass sich diese Gruppen nicht aufgrund einer gemeinsamen Herkunft oder eines einheitlichen Erbgutes formierten, sondern ihre Zugehörigkeit in bestimmten historischen Situationen über gemeinsame Traditionen, Erzählungen und politische Bündnisse definierten. Ethnische Zugehörigkeit war damals nicht starr, sondern wandelbar. Stämme konnten sich neu zusammenschließen oder Namen und Zugehörigkeiten verändern, je nachdem, welche Vorteile sich daraus ergaben.

Auch die genetischen Untersuchungen der letzten Jahre bestätigen, dass die Bevölkerung in Nord- und Mitteleuropa seit der Jungsteinzeit immer wieder von großen Wanderbewegungen geprägt war. Besonders bedeutsam war eine Einwanderung von Menschen aus der pontisch-kaspischen Steppe um 2900 v. Chr., die wichtige kulturelle und sprachliche Einflüsse mitbrachten. Später, in der Bronzezeit, kam es innerhalb Skandinaviens zu weiteren Bevölkerungsverschiebungen, die vermutlich mit der Entstehung und Verbreitung der germanischen Sprachen zusammenhingen.

Aus diesen vielfältigen Einflüssen und Entwicklungen entstand über die Jahrhunderte jenes kulturelle und sprachliche Gefüge, das man später als „germanisch“ bezeichnete. Der Begriff beschreibt also eher eine über längere Zeit gewachsene Identität und Sprachgemeinschaft als eine ursprüngliche und einheitliche Volksgruppe. Die heutigen Vorstellungen von den Germanen als zusammengehöriger Gemeinschaft sind damit vor allem ein Produkt antiker Zuschreibungen und späterer Überlieferung.[89][90]

4.2. Die Völkerwanderungszeit (ca. 375/376 bis 568 n. Chr.)

Die Karte stellt die Völkerwanderungen in Europa dar, die durch Pfeile veranschaulicht werden.

In der historischen Fachwissenschaft versteht man unter der sogenannten Völkerwanderung im engeren Sinn die Phase tiefgreifender Migrationen, die vor allem germanische Gruppen zwischen dem späten 4. und dem späten 6. Jahrhundert n. Chr. betrafen. Auslöser dieser Bewegung war das Vorrücken der Hunnen nach Europa um 375/376, der abschließende markante Einschnitt war das Eindringen der Langobarden in Italien im Jahr 568.[91][92] Diese Epoche wird der Spätantike zugeordnet und stellt für den nördlichen Mittelmeerraum sowie für West- und Mitteleuropa eine Übergangszeit zwischen klassischer Antike und Frühmittelalter dar, da sie Merkmale beider Epochen aufweist.

Die spätantike Völkerwanderung war dabei kein einheitliches, geschlossenes Ereignis, sondern ein vielschichtiger Prozess, an dem unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen aus den nicht römischen Randgebieten – dem sogenannten Barbaricum – beteiligt waren. Verschiedene Ursachen und Motive beeinflussten diese Bewegungen, und in der heutigen Geschichtswissenschaft werden viele Aspekte der Ereignisse unterschiedlich beurteilt. Besonders diskutiert wird, ob der Zusammenbruch des weströmischen Staates eine Folge dieser Migrationen war oder ob der innere Verfall Roms deren Auslöser bildete. Ebenso wird zunehmend infrage gestellt, ob tatsächlich ganze „Völker“ durch Europa zogen, oder ob es sich vielmehr um militärische Verbände handelte, die aus ökonomischen und versorgungspolitischen Gründen – etwa zur Sicherung von Lebensmitteln und Beute – unterwegs waren. In der modernen Forschung begegnet man daher dem Begriff „Völkerwanderung“ mit Vorsicht, da die Vorstellung geschlossener, wandernder Völker heute als überholt gilt und teilweise sogar als ein in der Wissenschaftsgeschichte entstandener Mythos betrachtet wird.

Stattdessen sieht man die damaligen Gruppen als sozial und ethnisch heterogene Gemeinschaften, deren Zusammensetzung sich während der Wanderungen immer wieder veränderte. Ethnogenetische Prozesse, also das Entstehen und Vergehen kollektiver Identitäten, prägten das Bild dieser Zeit. Einige dieser Gruppen suchten als vertragliche Partner das Bündnis mit dem Römischen Reich, um sich in dessen Wohlstandszonen niederzulassen und militärisch für den römischen Staat tätig zu werden. Andere wiederum griffen zu Gewalt und eroberten in den westlichen Provinzen eigene Territorien. Diese Entwicklungen verliefen jedoch keineswegs geplant, sondern vollzogen sich schrittweise im Zusammenhang mit der politischen und militärischen Auflösung des weströmischen Reiches, die sowohl durch innere Machtkämpfe als auch durch den äußeren Druck von Gegnern wie dem Hunnenreich unter Attila beschleunigt wurde. Wo neue Herrschaften entstanden, bemühte man sich häufig, die römische Verwaltungs- und Gesellschaftsstruktur beizubehalten. Auch die einheimischen Eliten wirkten dabei oftmals mit, wie es etwa bei den Franken, Burgunden und Ostgoten der Fall war. Dennoch konnten die organisatorisch überlegenen Institutionen Roms langfristig nicht überdauern.

Ergänzend zu diesen militärisch-politischen Bewegungen fanden zahlreiche individuelle Wanderungen kleiner Gruppen und Einzelpersonen statt, da die spätantike Welt insgesamt von hoher Mobilität geprägt war. Besonders stark betroffen war die westliche Hälfte des seit 395 faktisch geteilten Römischen Reiches. Schon ab dem späten 4. Jahrhundert schloss die römische Reichsleitung wiederholt Verträge, sogenannte foedera, mit Gruppen wie den Westgoten, die sich als Kriegergemeinschaften auf römischem Boden niederließen. Diese Verbände wurden in den inneren Konflikten des Westreiches gezielt als Söldner eingesetzt. Auch die Franken übernahmen als foederati Aufgaben an der Nordostgrenze Galliens. Als Vandalen und Sueben 406 den Rhein überschritten und in die gallischen Provinzen einfielen, kündigte sich der beginnende Zusammenbruch der römischen Ordnung in Westeuropa an.

Das Westreich versank in langwierigen Bürgerkriegen, an denen die Kriegerverbände maßgeblich beteiligt waren und deren Verlauf von deren Positionierungen und militärischen Aktivitäten beeinflusst wurde.[93] Zugleich schwand der Einfluss der weströmischen Regierung in Ravenna, und immer stärker übernahmen Militärführer – teils römischer, teils germanischer Herkunft – die politische Kontrolle. In der Forschung werden diese Figuren vielfach als warlords bezeichnet. Trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit im Vergleich zur römischen Bevölkerung setzten sich die germanischen Kriegergruppen als neue Machthaber durch. Im zerfallenden Westreich entstanden so in der zweiten Hälfte des 5. und im 6. Jahrhundert germanisch-romanische Herrschaften, die die spätere Entwicklung Europas im Mittelalter entscheidend mitbestimmen sollten.[94][95]

4.3. Das Verhältnis zu Rom und die Bildung germanischer Reiche

4.3.1. Die Germanen in römischer Wahrnehmung

Das Verhältnis zwischen den Germanen und den Römern war über Jahrhunderte hinweg von Ambivalenz, wechselnden Machtkonstellationen und wechselseitiger Wahrnehmung geprägt. Es lässt sich weder als durchweg feindlich noch als kontinuierlich friedlich beschreiben, sondern war vielmehr von Phasen des militärischen Konflikts, der Kooperation und der politischen Instrumentalisierung geprägt. Während die römische Seite die germanischen Stämme einerseits als Bedrohung für die territoriale Integrität und innere Sicherheit des Reiches betrachtete, erkannten sie zugleich das militärische Potenzial der Germanen und versuchten, dieses gezielt für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. In der frühen Phase der Kontakte, besonders ab dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, traten die Germanen primär als Gegner in militärischen Auseinandersetzungen in Erscheinung. Zugleich bemühte sich Rom jedoch um eine politische und kulturelle Einflussnahme durch diplomatische Allianzen, Aufnahme germanischer Eliten in den römischen Offiziersstand und wirtschaftliche Kontakte. Germanische Hilfstruppen wurden in die römische Armee integriert und dienten sowohl an den Reichsgrenzen als auch in entfernten Provinzen. Dieses pragmatische Verhältnis beruhte auf wechselseitigen Interessen: Während Rom militärische Arbeitskräfte und politische Stabilität an den Grenzen benötigte, suchten germanische Anführer durch Kooperation mit Rom Zugang zu Ressourcen, Prestige und politischer Unterstützung. Die römische Wahrnehmung der Germanen schwankte zwischen archaischer Verachtung und respektvoller Anerkennung ihrer Wehrhaftigkeit. Dies wird insbesondere in der Germania des römischen Historikers Tacitus deutlich, der die Germanen einerseits als kulturell unterlegen, andererseits aber als moralisch integer und kriegerisch überlegen schildert.[96][97]

4.3.2. Misslungene Unterwerfung der Germanen durch die Römer
Der Caeliusstein[98] ist ein bedeutendes archäologisches Zeugnis der Varusschlacht.

In den Jahren 58 bis 51 v. Chr. gelang es dem römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar, das Gebiet Galliens unter die Kontrolle des Römischen Reichs zu bringen. Diese Region umfasste weite Teile des heutigen Frankreichs, Belgiens, der Westschweiz sowie große Abschnitte des linksrheinischen Gebiets im heutigen Deutschland. Mit dieser Eroberung etablierte sich der Rhein als natürliche Grenzlinie zwischen den Siedlungsräumen der germanischen Stämme östlich des Flusses und dem expandierenden römischen Herrschaftsbereich im Westen. Die Römer jedoch unterschätzten die Wehrhaftigkeit und Mobilität der germanischen Völker, die immer wieder in die neu eroberten gallischen Provinzen eindrangen und für erhebliche Unruhe sorgten. Ein besonders gravierendes Beispiel für die prekäre Sicherheitslage bot sich im Jahr 17/16 v. Chr., als der römische Statthalter Marcus Lollius den Angriffen germanischer Krieger erlag. Diese Niederlage veranlasste Kaiser Augustus, die römische Militärpolitik gegenüber den Stämmen rechts des Rheins grundlegend neu auszurichten.

Fortan galt die uneingeschränkte Sicherung der Rheingrenze als vorrangiges strategisches Ziel. Zu diesem Zweck wurden die bislang im gallischen Binnenland stationierten Legionen an den Rhein verlegt und dort in befestigten Lagern untergebracht. Diese militärischen Standorte übernahmen eine doppelte Funktion: Einerseits sollten sie als schnelle Eingreiftruppen gegen germanische Übergriffe fungieren, andererseits als Stützpunkte für offensive Unternehmungen ins rechtsrheinische Gebiet dienen.

Dennoch erwies sich auch diese Strategie als unzureichend, als im Jahr 12 v. Chr. die Stämme der Sugambrer und Usipeter Gallien erneut angriffen. Daraufhin wurde der Stiefsohn des Kaisers, Drusus, mit der Durchführung militärischer Feldzüge beauftragt, die einer vorgelagerten Grenzsicherung dienen sollten. Ziel war es, durch Kontrolle und Befriedung der germanischen Stämme östlich des Rheins weitere Einfälle zu verhindern. Diese Drususfeldzüge, die bis 7 v. Chr. andauerten, führten zur Unterwerfung zahlreicher bedeutender Stämme zwischen Rhein und Elbe, darunter Sugambrer, Usipeter, Cherusker, Chauken, Chatten und Markomannen. Es entstand der Eindruck, als habe Rom die Lage östlich des Rheins stabilisiert.

Parallel zur militärischen Dominanz entwickelte das Imperium eine politische Doppelstrategie. Neben direkter Unterwerfung setzte man auf diplomatische Einflussnahme, indem man germanische Stammesführer durch Ehrentitel und andere Zuwendungen an Rom band. Zudem wurden zahlreiche Germanen als Hilfstruppen in den römischen Heeresdienst übernommen. Auf diese Weise hoffte Rom, eine Romanisierung der germanischen Eliten zu erreichen und innergermanische Spannungen zum eigenen Vorteil auszunutzen. Einer dieser Verbündeten war Arminius[99], Sohn eines cheruskischen Fürsten, der als römischer Offizier diente und später unter dem Namen Arminius, beziehungsweise „Hermann der Cherusker“, bekannt wurde.

Der scheinbare Friede wurde im Jahr 7 n. Chr. durch die Ernennung des erfahrenen Politikers und Feldherrn Publius Quinctilius Varus zum Statthalter der gallischen Provinzen weiter gefestigt. Varus, geboren um 46 v. Chr., hatte zuvor hohe Ämter in Rom, Syrien und Afrika bekleidet und war mit dem Auftrag betraut, das Gebiet rechts des Rheins in eine römische Provinz umzuwandeln. Dies umfasste die Einführung römischer Verwaltungsstrukturen, Steuererhebung und die Unterordnung der einheimischen Bevölkerung unter das Provinzialrecht.

Doch Arminius nutzte seine Stellung als römischer Offizier und seine Kenntnis der römischen Taktik, um eine Allianz mehrerer germanischer Stämme zu schmieden. Im Jahr 9 n. Chr. vereinte er unter anderem Cherusker, Chatten, Angrivarier, Marser und Brukterer, um einen großangelegten Aufstand gegen die Römer zu initiieren. In der sogenannten Varusschlacht[100] im Kessel von Kalkriese[101] gelang es den Germanen, drei römische Legionen in einen Hinterhalt zu locken und innerhalb von drei Tagen vollständig zu vernichten. Zwischen 15.000 und 20.000 römische Soldaten verloren dabei ihr Leben. Varus selbst beging angesichts der verheerenden Niederlage und des drohenden Ehrverlustes Suizid.

Die römische Reaktion auf diese Katastrophe waren Vergeltungsfeldzüge unter der Leitung von Tiberius und seinem Adoptivsohn Germanicus zwischen 14 und 16 n. Chr. Obwohl es ihnen gelang, mehrere militärische Erfolge zu erzielen, konnten sie Arminius letztlich nicht dauerhaft besiegen. Der Rhein wurde wieder zur festen Grenze zwischen dem römischen Herrschaftsbereich und den freien germanischen Gebieten. Damit verzichtete Rom für längere Zeit auf weitere Expansionsbestrebungen in Richtung Norden. Um die bestehenden Grenzen abzusichern, wurde später der Limes als befestigte Grenzanlage errichtet, dessen Überreste noch heute Zeugnis dieser Zeit ablegen.[102][103][104][105][106][107]

4.3.3. Untergang des Römischen Reiches und germanische Reichsgründungen
4.3.3.1. Untergang des Römischen Reiches
Weströmisches und Oströmisches Reich (Byzantinisches Reich) um das Jahr 476 n. Chr.

Der endgültige politische Zusammenbruch der Römischen Reiches – insbesondere des Weströmischen Reiches – im Jahr 476 n. Chr. ist als ein historisch bedeutsames Schlüsselereignis anzusehen, das den formalen Abschluss des antiken römischen Kaisertums im Westen markierte. Der Anlass für diesen Zusammenbruch war die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers, Romulus Augustulus, durch den germanischen Heerführer Odoaker. Romulus Augustulus war ein jugendlicher Kaiser, eingesetzt vom weströmischen Heermeister und faktischen Machthaber Orestes, der sich weigerte, den in Italien lebenden germanischen Föderatentruppen Landzuteilungen zu gewähren, die diesen zugesichert worden waren. Die germanischen Krieger, die als foederati in den Diensten Roms standen, erhoben daraufhin ihren eigenen Anführer Odoaker zum König.

Im Herbst des Jahres 476 drang Odoaker mit seinen Truppen nach Ravenna vor, der damaligen Hauptstadt des Weströmischen Reiches. Orestes wurde gefangen genommen und hingerichtet, und kurz darauf setzte Odoaker den jungen Romulus Augustulus ab. Im Unterschied zu anderen Umstürzen wurde der abgesetzte Kaiser nicht ermordet, sondern in eine private Verbannung an den Golf von Neapel geschickt. Damit erlosch die institutionelle Existenz des weströmischen Kaisertums. Odoaker verweigerte es jedoch, sich selbst zum Kaiser zu erheben. Stattdessen sandte er die kaiserlichen Insignien an den oströmischen Kaiser Zenon nach Konstantinopel und ließ sich zum König von Italien ausrufen, wodurch er formal die Autorität des oströmischen Kaisers anerkannte, faktisch jedoch als unabhängiger Machthaber über Italien herrschte.

Diese Ereignisse bedeuteten das Ende der römischen Kaiserherrschaft im Westen, während das Oströmische Reich unter Zenon und seinen Nachfolgern noch fast ein Jahrtausend Bestand hatte. Der Sturz Roms durch germanische Krieger war weniger ein plötzlicher Zusammenbruch als vielmehr das Ergebnis eines langjährigen Erosionsprozesses der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen des Weströmischen Reiches. Bereits in den Jahrzehnten zuvor hatten germanische Gruppen wie die Goten, Vandalen und Burgunden große Teile des Reichs besetzt, eigene Herrschaftsgebiete etabliert und den weströmischen Kaisern faktisch ihre Entscheidungsgewalt entzogen. Odoakers Herrschaft markierte somit nicht den plötzlichen Untergang Roms, sondern den Abschluss einer längerfristigen Transformation der spätantiken Weltordnung.[108]

4.3.3.2. Germanische Reichsgründungen
Die Karte stellt Europa mit den Siedlungsräumen und Migrationen germanischer Verbände dar.

Nach dem Rückzug der römischen Macht aus den Grenzregionen und Provinzen des Westreiches begann eine tiefgreifende Umgestaltung Europas, die im Laufe der sogenannten Völkerwanderungszeit das Fundament der späteren mittelalterlichen Staatenwelt legte. Zahlreiche germanische Völker nutzten die Schwäche des Imperiums, um neue Siedlungsgebiete zu gewinnen und eigene Reiche zu errichten. Die Geschichte dieser Reiche ist eng miteinander verknüpft und von wechselhaften Beziehungen zu Rom, inneren Konflikten und äußeren Bedrohungen geprägt.

Das Reich der Burgunden entstand nach 406, als die Burgunden zusammen mit den Vandalen den Rhein überschritten. Sie ließen sich als römische Bundesgenossen in Mainz, Alzey und Worms nieder, wobei ihnen dieses Gebiet vertraglich zugesichert wurde. Ihr Bündnis mit Rom konnte sie jedoch nicht vor Konflikten bewahren. Nach einem Einfall in die römische Provinz Belgica im Jahr 435 schlug der weströmische Heermeister Aëtius mit hunnischer Hilfe im darauffolgenden Jahr das Burgundenreich vernichtend. Dieses Ereignis hinterließ im kollektiven Gedächtnis einen nachhaltigen Eindruck und fand im Nibelungenlied seinen literarischen Nachhall. Die überlebenden Burgunden wurden in das Rhonetal umgesiedelt, wo sie ein neues Reich gründeten. Dieses bestand bis ins Jahr 532, ehe es in das Fränkische Reich eingegliedert wurde und dort als ein eigenständiger Reichsteil neben Austrien und Neustrien weiterbestand.

Zur gleichen Zeit erlebte Britannien den endgültigen Rückzug Roms. Nachdem 406/407 die Rheingrenze zusammengebrochen war, wurden die letzten römischen Legionen von der Insel abgezogen, sodass die römische Herrschaft dort erlosch. Die zurückbleibende romano-britische Bevölkerung suchte Schutz, indem sie angelsächsische Söldner anwarb. Bald darauf ließen sich Angeln, Sachsen und Jüten im östlichen Teil der Insel nieder. Dabei vertrieben sie die einheimische keltische Bevölkerung oder drängten sie allmählich nach Westen ab. Bis zum Ende des 7. Jahrhunderts hatten die Angelsachsen weite Teile der Insel unterworfen und ihre Herrschaft gefestigt. Selbst die wiederholten Angriffe der Wikinger konnten ihre Vorherrschaft nicht dauerhaft erschüttern. Erst 1066, nach der Schlacht bei Hastings, fiel England an die Normannen.

Auch im Gebiet des heutigen Frankreichs bildeten sich neue Machtzentren. Schon im frühen 4. Jahrhundert waren die Franken, insbesondere die Salfranken, am nordöstlichen Rand Galliens als römische Föderaten angesiedelt worden. Es kam wiederholt zu Kämpfen mit Rom, etwa unter dem Anführer Marcomer. Nach dem Tod des Heermeisters Aëtius, der einst die Burgunden vernichtet und die Hunnen 451 auf den Katalaunischen Feldern zurückgeschlagen hatte, verfiel die römische Kontrolle über Gallien. Im Norden hielt sich noch ein Restreich um Soissons unter Syagrius, dem Sohn des Heermeisters Aegidius. Doch 486/487 besiegte der Merowingerkönig Chlodwig I. Syagrius in der Schlacht von Soissons und dehnte die Macht der Franken bis zur Loire aus. Schritt für Schritt beseitigte Chlodwig die konkurrierenden fränkischen Kleinkönige und baute seine Herrschaft aus. Er trat zum katholischen Glauben über, was ihm die Unterstützung der gallorömischen Oberschicht und der Kirche sicherte, und übernahm römische Verwaltungsinstitutionen, um die Kontinuität der Herrschaft zu gewährleisten. Militärische Erfolge gegen die Alamannen, Westgoten und andere germanische Gruppen festigten seine Stellung. Mit der Entstehung des Lehnswesens und der Abfassung der Lex Salica im frühen 6. Jahrhundert nahm das Frankenreich Gestalt an und entwickelte sich zur dominierenden Macht in Mittel- und Westeuropa, bis es 843 im Vertrag von Verdun in Teilreiche zerfiel.

Eine bedeutende Rolle spielten auch die Goten. Ursprünglich an Weichsel und Dnister ansässig, teilten sie sich um 290 in Terwingen und Greutungen, Vorläufer der West- und Ostgoten. Die Greutungen errichteten im Raum Südrusslands ein Reich, während die Terwingen in das von den Römern aufgegebene Dakien vordrangen. Mit dem Auftreten der Hunnen ab 375 brach die Ordnung zusammen: Das Reich der Greutungen wurde zerstört, viele flohen nach Westen und gerieten in die Gefolgschaft der Hunnen. Die Terwingen hingegen suchten 376 im Römischen Reich Schutz, rebellierten jedoch bald, was 378 in der Schlacht von Adrianopel zum Tod Kaiser Valens führte. Erst ein Vertrag mit Theodosius I. 382 regelte ihr Verhältnis zum Reich. Nach dessen Tod führte Alarich I. ihre Krieger mehrfach in römisches Gebiet, 410 eroberte er sogar Rom. Später siedelten die Westgoten in Aquitanien und gründeten ihr Reich, das sich bald auf die Iberische Halbinsel verlagerte. Dieses Westgotenreich bestand bis zum frühen 8. Jahrhundert, als es der arabisch-berberischen Eroberung durch die Mauren unterlag. Die Ostgoten hingegen traten 488 unter Theoderich dem Großen ihren Zug nach Italien an, besiegten Odoaker und errichteten ein ostgotisches Reich. Dieses zerfiel jedoch bald nach Theoderichs Tod.

Ein weiteres germanisches Volk, die Langobarden, wurde 567 nach der Zerschlagung des Gepidenreichs durch die Awaren zum Zug nach Italien gedrängt. Unter König Alboin eroberten sie Norditalien und gründeten mit der Hauptstadt Pavia ihr Reich, das sich bald auch über Mittel- und Süditalien erstreckte. Religiöse Konflikte zwischen Arianismus und Katholizismus prägten ihre Geschichte, bis 662 der Katholizismus offiziell siegte. Schließlich eroberte Karl der Große 774 Pavia, setzte den letzten Langobardenkönig Desiderius ab und ließ sich selbst zum König der Langobarden krönen. Nur das Herzogtum Benevent blieb noch bis ins 11. Jahrhundert unabhängig, ehe es den Normannen unterlag. Der Name der Langobarden lebt heute in der Region Lombardei fort.

Auch die Vandalen schrieben ein kurzes, aber machtvolles Kapitel europäischer Geschichte. 406 überschritten sie zusammen mit anderen Stämmen den Rhein, drangen nach Gallien vor und erreichten wenige Jahre später die Iberische Halbinsel. Unter König Geiserich setzten sie 429 nach Nordafrika über und eroberten dort die reichen römischen Provinzen. Mit der Einnahme von Karthago 439 hatten sie eine neue Hauptstadt, dazu erbeuteten sie die römische Flotte. Von Nordafrika aus kontrollierten sie zeitweise das westliche Mittelmeer, eroberten Inseln und plünderten 455 Rom. Der oströmische Kaiser Zenon erkannte ihre Herrschaft 474 an, doch innerreligiöse Spannungen – besonders die Verfolgung der Katholiken durch die arianischen Vandalen – schwächten das Reich. Schließlich landete 534 der oströmische Feldherr Belisar in Afrika, besiegte die Vandalen im Auftrag Justinians und beendete ihre Herrschaft.

Diese Entwicklungen zeigen, wie aus der Auflösung der römischen Ordnung eine Vielzahl germanischer Reiche hervorging, die sich auf den Trümmern des Imperiums errichteten. Manche, wie die Burgunden und Vandalen, blieben Episode, andere, wie die Franken und Angelsachsen, legten das Fundament für Staaten, die das mittelalterliche und neuzeitliche Europa nachhaltig prägen sollten.[109][110][111][112][113][114][115][116][117][118]

5. Gesellschaft, Erscheinungsbild, Recht und Religion der Germanen

5.1. Gesellschaft

Die germanische Gesellschaft stellt ein komplexes soziales Gefüge dar, das sich in der vor- und frühgeschichtlichen Epoche des europäischen Nordens, vor allem in den Regionen nördlich der Donau und östlich des Rheins bis hin zur Weichsel, entwickelte. Ihre Sozialstruktur war durch eine Kombination aus Stammesverbänden, Sippenstrukturen und einer auf Ehre, Kriegstüchtigkeit und Konsens beruhenden Herrschaftsordnung geprägt. Zahlreiche antike Autoren aus dem römischen Kulturkreis versuchten, diese fremdartigen Gemeinschaften zu beschreiben, wobei Tacitus mit seiner ethnographischen Schrift Germania um 98 n. Chr. die bedeutendste und systematischste antike Quelle hierzu hinterließ.

In der germanischen Gesellschaft bildete die Sippe, bestehend aus mehreren miteinander verwandten Familien, die grundlegende soziale Einheit. Diese Großfamilien waren Träger der wirtschaftlichen Produktion und der religiösen Rituale und garantierten zugleich den Schutz und die soziale Sicherheit ihrer Mitglieder. Der einzelne Germane war stets Teil seiner Sippe und über das Prinzip der Blutrache, des Erb- und Schutzrechtes eng an sie gebunden. Das Ansehen des Individuums wie auch der Sippe hing in besonderem Maße vom Ehrbegriff und vom kriegerischen Ruhm ab.

An der Spitze der germanischen Gesellschaft standen Adelige oder Fürsten (reges), deren Autorität auf persönlicher Tapferkeit, Abstammung und dem Konsens der Gefolgsleute gründete. Diese Anführer stützten sich auf eine persönliche Gefolgschaft (comitatus), die dem Fürsten in Krieg und Frieden Treue leistete und im Gegenzug durch Beute, Gastrecht und Ehrengaben entlohnt wurde. Die soziale Stellung war dabei nicht durch ein starres Kastensystem geregelt, sondern vielmehr durch Tüchtigkeit im Kampf, Großzügigkeit und den Einfluss innerhalb der Volksversammlung bestimmt.[119]

5.2. Erscheinungsbild

Rekonstruierte Bastarnen[120]-Gewänder im Archäologischen Museum Krakau. Solche Kleidung und Waffen waren unter den Völkern an den nordeuropäischen Grenzen des Römischen Reiches alltäglich.

Die Kleidung der germanischen Völker in der frühen Eisenzeit lässt sich nur schwer rekonstruieren, da in der Bronzezeit und der vorrömischen Eisenzeit überwiegend Feuerbestattungen üblich waren, die keine textilen Überreste hinterließen. Mit Beginn der römischen Eisenzeit wandelten sich die Bestattungssitten zwar erneut, doch sind Kleidungsstücke in Grabfunden weiterhin selten erhalten. Eine Ausnahme bilden Moorleichen, insbesondere von Straftätern, deren Kleidung durch die konservierenden Bedingungen der Moore gut überliefert ist. Ergänzend liefern römische Schriftquellen sowie bildliche Darstellungen germanischer Krieger auf römischen Monumenten wertvolle Hinweise auf die frühgermanische Kleidungskultur.

Diese germanische Tunika aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. wurde im Thorsberger Moor gefunden.
Eine Hose mit befestigten Strümpfen wurde im Thorsberger Moor (3. Jahrhundert n. Chr.) gefunden.

In der römischen Eisenzeit kleideten sich die germanischen Völker typischerweise in knielange, langärmelige Jacken sowie in Mäntel aus Tierhaut oder Wolle, die mit Fibeln oder Sicherheitsnadeln am Hals befestigt wurden. Anders als in der Bronzezeit ergänzten nun auch Hosen die Kleidung, was wahrscheinlich klimatischen Veränderungen sowie der zunehmenden Bedeutung des Reitens zuzuschreiben ist. Antike Autoren wie Caesar und Tacitus schildern unterschiedliche Beobachtungen: Während Caesar berichtet, die Sueben hätten lediglich Tierhäute getragen, widerspricht Tacitus dieser Darstellung. Vermutlich beschränkten sich Caesars Aussagen auf den militärischen Kontext. Archäologische Funde wie Moorleichen und bildliche Darstellungen auf römischen Reliefs stützen eher Tacitus’ Schilderungen. Auf römischen Monumenten erscheinen germanische Krieger häufig oberkörperfrei mit lediglich einem Schulterumhang, was wohl funktionalen Bewegungsgründen diente. Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. tritt verstärkt Kleidung aus Leinen auf, was auf einen wachsenden materiellen Wohlstand schließen lässt. Zeitgenössische Moorfunde belegen zudem das Tragen von kurzen Hosen, wie sie auch römische Soldaten verwendeten – möglicherweise inspiriert durch germanische Vorbilder.

Rekonstruktion der Gewänder der Vandalen[121]. (160 n. Chr.)

Die Kleidung germanischer Frauen unterlag zwischen Bronzezeit und Eisenzeit deutlichen Veränderungen. Röcke wurden weiter geschnitten und fielen freier, während typische Schmuckelemente der Bronzezeit nicht mehr verwendet wurden. Antike Autoren wie Tacitus berichten, dass Frauen häufiger Leinen trugen als Männer und meist lange, farbige Kleider besaßen, oft in Rottönen. Diese Gewänder zeichneten sich durch eine hohe Taille und fehlende Ärmel aus. Die verwendeten Farbstoffe stammten vermutlich aus pflanzlichen Quellen, was auf fundierte Kenntnisse im Färbehandwerk schließen lässt. In einer römischen Darstellung erscheinen germanische Frauen mit Hosen und freiliegender Brustpartie, was jedoch weder durch Moorfunde noch durch andere Abbildungen bestätigt wird. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine allegorische Darstellung der Germania und nicht um eine realistische Wiedergabe germanischer Frauenkleidung.

Der Suebenknoten am Kopf der Moorleiche von Osterby.[122]

In der Eisenzeit zeichneten sich germanische Krieger, insbesondere jene der Sueben, durch die charakteristische Frisur des sogenannten Suebennotens[123] aus. Bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. vollzog sich eine deutliche Wandlung der Haarmode innerhalb germanischer Gruppen. So entwickelte sich bei Völkern wie den Franken das lange Haar zum Statussymbol, das edle Geburt und das Recht auf Königtum signalisierte. Die Darstellung germanischer Krieger auf römischen Säulen zeigt sie häufig mit vollen Bärten, wobei diese Gepflogenheit jedoch stark variierte und offenbar von Stamm zu Stamm sowie im zeitlichen Verlauf unterschiedlich gehandhabt wurde. Bei germanischen Frauen war das Tragen langer oder geflochtener Haare üblich, unterstützt durch den Gebrauch verschiedenartiger Haarnadeln und Kämme. Das Kurzhaartragen galt in diesem Kontext als beschämend und widersprach den gesellschaftlichen Normen.[124]

5.3. Volksversammlung (Thing[125]) und Rechtsprechung

Rekonstruktion einer Thing-Stätte (germanische Volksversammlung) aus dem Jahr 2003 in Gulde bei Stoltebüll (Schleswig-Holstein). Es ist jedoch nicht genau geklärt, ob diese Stätten tatsächlich so aufgebaut waren.

Die Volksversammlung (Thing), an der alle freien Männer teilnahmen, spielte eine entscheidende Rolle im politischen Leben der germanischen Stämme. In dieser Versammlung wurden Fürsten gewählt, Kriegserklärungen beschlossen, Rechtsangelegenheiten entschieden und Urteile gefällt.

Auch die Rolle der Frauen war in der germanischen Gesellschaft von bemerkenswerter Eigenständigkeit geprägt. Tacitus berichtet, dass die Germanen den Frauen prophetische und heilkundige Fähigkeiten zuschrieben und sie mit Respekt behandelten.

Die Rechtsordnung der Germanen war stark an Gewohnheitsrecht und Stammesüberlieferungen gebunden. Schriftliche Kodifikationen existierten nicht, Recht wurde mündlich überliefert und durch Urteile der Ältesten oder der Volksversammlung gesprochen. Besonders bedeutsam war das Prinzip der Sühnezahlung (Wergeld), mit dem Blutschulden beglichen wurden, um Racheakte und Fehden zu verhindern. Der soziale Friede beruhte auf einem fein austarierten Gleichgewicht von Ehre, Blutschutz und der Fähigkeit der Sippe, ihre Mitglieder zu verteidigen.[126]

5.4. Religion

Die Religion der germanischen Völker in der römischen Kaiserzeit war nach den Berichten antiker Autoren, insbesondere der Germania des Tacitus, geprägt von einer engen Verbindung zu den Naturgewalten und einer kultischen Verehrung in offenen, heiligen Landschaftsbereichen. Tacitus betont, dass die Germanen ihre Götter nicht in menschengemachten Tempelbauten verehrten, sondern ihre Kulte in heiligen Hainen, an Quellen und an bestimmten Naturstätten abhielten. Die Natur selbst wurde als Träger göttlicher Präsenz verstanden, weshalb die religiösen Riten unter freiem Himmel stattfanden.

Im Zentrum des germanischen Glaubens standen Gottheiten, die bestimmte Tugenden und Naturkräfte verkörperten, etwa Krieg, Fruchtbarkeit oder Schicksal. Tacitus verweist dabei auf Götternamen, die er in „römische Entsprechungen“ übersetzt: Mercurius, Mars, Hercules, wobei „Mercurius“ vermutlich dem Gott Wodan bzw. Odin entsprach. Dieser wurde von den Germanen als der höchste Gott angesehen und in besonderer Weise verehrt. Die religiöse Praxis umfasste Tier- und Menschenopfer sowie Orakel und Losziehungen, mit denen die Götter um Rat und Zustimmung befragt wurden. Tacitus beschreibt, dass die germanische Religion einen animistisch-pantheistischen Charakter besaß, in dem der Mensch als Teil einer von göttlichen Kräften durchwirkten Natur verstanden wurde. Der Verzicht auf bildliche Darstellungen und feste Tempelbauten unterstreicht ein religiöses Empfinden, das auf dem Glauben an die unsichtbare, aber überall wirksame Gegenwart der Gottheiten beruhte. Darüber hinaus erwähnt Tacitus die Bedeutung von Weissagung und Orakeln, etwa durch das Beobachten des Fluges von Vögeln oder das Losen mit Runenstäben, was für kultische Handlungen und politische Entscheidungen von zentraler Bedeutung war.[127]

Archäologische und literaturwissenschaftliche Untersuchungen haben inzwischen deutlich gemacht, dass die Überlieferungen ein äußerst uneinheitliches und kaum vereinheitlichbares Bild zeichnen. Dies liegt daran, dass die religiösen Vorstellungen der Germanen je nach Region, sozialem Umfeld und Epoche stark voneinander abwichen, weshalb man zutreffender von „germanischen Religionen“ sprechen sollte. Aus diesem Grund ist es erforderlich, die überlieferten Quellen heute mit deutlich größerer Zurückhaltung und kritischerem Blick zu nutzen, als es unmittelbar nach dem ersten Erscheinen vieler mittelalterlicher literarischer Texte möglich war.[128][129]

5.5. Glaubenswelt und Mythologie

Die Glaubenswelt und Mythologie der frühen germanischen Völker zeichnete sich durch eine enge Verbindung von Naturverehrung, Schicksalsglauben und genealogischer Mythenbildung aus. Im Zentrum dieses Weltbildes stand die Vorstellung, dass die sichtbare Welt von unsichtbaren, übernatürlichen Kräften durchdrungen war, die sich in Naturerscheinungen, Tieren, Landschaften und Himmelszeichen manifestierten. Wälder, Quellen, Moore und besondere Felsformationen galten als Aufenthaltsorte göttlicher Wesen oder als Tore zu jenseitigen Sphären, in denen das Wirken mythischer Mächte wahrgenommen wurde. Der Glaube an die Beseeltheit der Natur und an das Eingreifen göttlicher Kräfte in den Alltag bildete die Grundlage für kultische Handlungen und für eine Vielzahl von Weissagungspraktiken, bei denen etwa das Verhalten von Tieren, das Rauschen heiliger Bäume oder die Anordnung von Loshölzern als Zeichen übernatürlichen Willens gedeutet wurden.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Glaubenswelt war der Gedanke eines von göttlichen Mächten gelenkten Schicksals, das sich in bestimmten Vorzeichen und Omina offenbarte und dem sich der Mensch nicht entziehen konnte. Weissagungen besaßen hohen Stellenwert sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft, insbesondere bei politischen oder kriegerischen Entscheidungen. Die Losbefragung und die Beobachtung von Naturzeichen galten als charakteristische Ausdrucksformen dieser religiös aufgeladenen Weltdeutung. Hierbei wurde zwischen kultisch institutionalisierten Orakeln und alltäglichen, spontan wahrgenommenen Vorzeichen unterschieden, die das Handeln der Menschen bestimmten.

Ebenso bedeutsam war die genealogische Mythenbildung, die die Herkunft der Stämme auf göttliche oder heroische Ahnherren zurückführte. Die Entstehung der Menschheit und der Völker wurde in mythischen Ursprungslegenden erklärt, in denen meist ein erster Ahnherr und dessen Nachkommen als Stammväter der einzelnen Sippen und Stämme galten. Diese genealogischen Mythen begründeten nicht nur das Selbstverständnis der Gemeinschaften, sondern legitimierten auch deren soziale und politische Ordnung. Die Vorstellung einer engen Abstammung von göttlichen oder halbgöttlichen Wesen verlieh den Stämmen eine sakrale Identität und bettete ihr Dasein in eine überzeitliche, mythische Ordnung ein.

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Der Kult einzelner Gottheiten, die personifizierte Naturkräfte oder bestimmte Funktionen des gesellschaftlichen und kriegerischen Lebens verkörperten, war fest im religiösen Leben verankert. Besondere Verehrung erfuhren Gottheiten, die mit Krieg, Fruchtbarkeit, Ernte, Schutz der Gemeinschaft und der Erdmutter verbunden waren. Die Durchführung dieser Kulte war eng an bestimmte Orte gebunden, insbesondere an heilige Haine und Gewässer, deren Betreten mit kultischen Vorschriften und Tabus verbunden war. Religiöse Feste, Opferhandlungen und Prozessionen dienten der Erneuerung der Bindung zwischen Menschen und Göttern sowie der Sicherung von Fruchtbarkeit und Schutz.[130][131][132][133]

5.6. Bestattungswesen und Jenseitsvorstellungen

Das Bestattungswesen und die Jenseitsvorstellungen der germanischen Stämme bildeten einen wesentlichen Bestandteil ihrer religiösen und sozialen Ordnung. Die archäologischen Funde sowie antike literarische Überlieferungen belegen, dass den Germanen der Umgang mit den Toten und deren Weg ins Jenseits von zentraler Bedeutung war. Bestattungsarten und Riten unterschieden sich teils regional und nach sozialem Status, folgten aber dennoch gewissen übergeordneten Vorstellungen vom Fortbestand der Seele nach dem Tod. Zwei Hauptformen des Umgangs mit den Toten lassen sich nachweisen: die Körperbestattung und die Brandbestattung. Beide sind seit der vorrömischen Eisenzeit archäologisch fassbar und wurden bis in die Völkerwanderungszeit praktiziert.

Die Körperbestattung, bei der der Leichnam unverbrannt in einer Grube, Kammer oder unter einem Hügelgrab beigesetzt wurde, galt insbesondere in bestimmten Regionen Nord- und Mitteleuropas als bevorzugt. Der Verstorbene wurde oftmals mit Waffen, Schmuck, Gerätschaften oder Nahrungsmitteln ausgestattet, was als Hinweis auf die Vorstellung einer Fortexistenz nach dem Tod interpretiert wird. Die Brandbestattung, bei der der Tote auf einem Scheiterhaufen verbrannt und die Asche anschließend in einer Urne oder in einem Erdgrab beigesetzt wurde, lässt sich gleichfalls weit verbreitet nachweisen. Diese Praxis, die bereits in der bronzezeitlichen Urnenfelderkultur etabliert war, wurde von den Germanen übernommen und bis ins frühe Mittelalter fortgeführt.

Die Jenseitsvorstellungen der Germanen waren geprägt von einer animistischen Weltauffassung, in der die Toten in einer eigenen Sphäre weiterexistierten. Über die genaue Topographie des Jenseits herrscht in den Quellen Uneinigkeit. Während die spätere altnordische Überlieferung Orte wie Walhall und Hel kennt, lassen sich für die ältere germanische Zeit nur vage Rekonstruktionen vornehmen. Es wird angenommen, dass die Seelen der Verstorbenen entweder in der Nähe der Lebenden verweilten, in ein unterirdisches Totenreich gelangten oder in die Sphäre der Ahnen aufgenommen wurden. Die Vorstellung, dass die Toten auch nach ihrem Ableben Einfluss auf das Schicksal der Lebenden ausüben konnten, spiegelt sich in den Beigabenriten sowie der Pflege von Grabhügeln und Totengedächtnissen wider.[134]

Eine der wichtigsten literarischen Quellen zum Bestattungswesen der Germanen findet sich bei Tacitus in seiner Schrift Germania. In Kapitel 27 beschreibt Tacitus die Praxis der Germanen, ihre Toten entweder zu verbrennen oder zu begraben, und berichtet über den Brauch, bedeutenden Persönlichkeiten Scheiterhaufen zu errichten, während einfachere Leute ohne große Zeremonie bestattet wurden. Er hebt hervor, dass die Beigaben für den Toten zwar bescheiden gehalten, jedoch die Waffen des Verstorbenen mit auf den Scheiterhaufen gegeben wurden, was die enge Verbindung zwischen dem Kriegerstand und der Jenseitsvorstellung unterstreicht.[135][136]

6. Germanische Kriegsführung und Militärorganisation

6.1. Kriegerelite und Waffen

Die antiken Berichte über die Kriegereliten und die Bewaffnung der germanischen Stämme vermitteln ein eindrucksvolles Bild von einer Gesellschaft, in der militärische Tapferkeit, persönliche Ehre und der Schutz der Sippe zu den höchsten Tugenden zählten. Zwei der wichtigsten Quellen hierfür sind die Germania des römischen Senators und Historikers Publius Cornelius Tacitus sowie Gaius Iulius Caesars Commentarii de bello Gallico. Beide Autoren geben, jeweils aus der Perspektive des römischen Beobachters, wesentliche Einblicke in die Kampfesweise, Ausrüstung und soziale Stellung der germanischen Krieger.

Tacitus beschreibt in der Germania die Kriegerelite als einen Stand, der sich durch persönliche Tapferkeit und Gefolgschaft zu einem Anführer auszeichnet. Besonders hervorzuheben ist dabei das Gefolgschaftswesen, ein System, bei dem sich kampferprobte Männer einem angesehenen Kriegsherrn anschlossen, um gemeinsam Beute und Ruhm zu erlangen. Tacitus betont, dass es für einen jungen Krieger höchste Ehre bedeutete, an der Seite eines solchen Anführers zu kämpfen und ihn im Schlachtgetümmel zu verteidigen. Ein Versagen in dieser Pflicht galt als Schande, die nur durch den Tod auf dem Schlachtfeld getilgt werden konnte. Waffen waren dabei nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern Zeichen der Männlichkeit und des sozialen Status. Tacitus berichtet, dass die Überreichung eines Schildes und einer Lanze an einen jungen Mann den Eintritt in die kriegerische Männlichkeit markierte und ihn zugleich als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft auszeichnete. Rüstungen und Schwerter blieben hingegen der Elite vorbehalten, während der einfache Krieger sich mit Schild, Speer und Keule begnügen musste.[137]

Auch Caesar gibt in seinem Werk Commentarii de bello Gallico Auskunft über die germanischen Kämpfer. Er hebt hervor, dass die Germanen in besonderem Maße auf Nahkampftaktiken und den Einsatz von Speeren und Wurfhölzern setzten, wobei er die überragende körperliche Konstitution und Wildheit der germanischen Krieger mehrfach betont. Caesar beschreibt sie als furchtlose Kämpfer, die den Kampf zu Pferde und zu Fuß meisterhaft beherrschten und für ihre besondere Disziplin im Gefolge ihrer Anführer bekannt waren. Waffen galten den Germanen als wertvollste Besitztümer, und der Verlust derselben im Kampf wurde als Schande empfunden. In Caesars Darstellung wird deutlich, dass die germanische Kriegerelite nicht nur in der Kriegskunst überragte, sondern auch innerhalb der eigenen Gesellschaft eine machtvolle Stellung einnahm, indem sie über persönliche Gefolgschaften verfügte, die sich durch Treue und gemeinsame Beutezüge banden.[138][139]

Diese beiden Quellen verdeutlichen in ihrer Zusammenschau, dass die germanischen Elitenkrieger eine herausgehobene Stellung einnahmen, in der militärische Stärke, Gefolgschaft und die symbolische Bedeutung der Waffe zentrale Elemente waren. Die Beschreibungen von Tacitus und Caesar sind dabei nicht nur Berichte über fremde Völker, sondern auch Spiegelungen römischer Wertvorstellungen und Erfahrungen in der Konfrontation mit den jenseits des Limes siedelnden germanischen Gesellschaften.[140]

6.2. Germanische Infanterie, Gefolgschaft und Heerwesen

Die germanische Kriegsführung in der römischen Kaiserzeit zeichnete sich durch eine enge Verbindung zwischen gesellschaftlicher Struktur, kultischer Praxis und militärischer Organisation aus. In den Schilderungen von Publius Cornelius Tacitus in der Germania sowie in den Commentarii de bello Gallico des Gaius Iulius Caesar finden sich wesentliche Hinweise auf die Taktiken, das Gefolgschaftswesen und das Heerwesen der germanischen Stämme, die den Römern aufgrund ihrer Wildheit, Beweglichkeit und unorthodoxen Kampfführung als besonders bedrohlich erschienen.

Tacitus beschreibt in der Germania, dass die Kriegsführung der Germanen nicht von dauerhaft stehenden Heeren getragen wurde, sondern von temporär zusammengestellten Kampfverbänden, die sich aus freien Männern bildeten, wenn die Notwendigkeit zu einem Feldzug gegeben war. Den Kern dieser Verbände bildeten die Gefolgschaften (comitatus) einzelner Anführer, bei denen die persönliche Bindung zwischen Gefolgsmann und Kriegsherr von entscheidender Bedeutung war. Tacitus hebt hervor, dass es für den Gefolgsmann höchste Schande bedeutete, seinen Anführer im Kampf zu überleben, während es für den Kriegsherrn Ehre und Ansehen brachte, eine große und kampfstarke Gefolgschaft um sich zu versammeln. Der Kampf wurde bevorzugt in Keilformationen (cuneus) geführt, die auf Durchbruch und Nahkampf ausgerichtet waren. Dabei setzten die Germanen auf unmittelbare körperliche Überlegenheit, Schnelligkeit und das psychologische Moment des plötzlichen Angriffs. Tacitus betont die religiöse Aufladung der Schlachten, indem sie als Gottesurteil verstanden wurden und das Vorzeichen aus dem Flug von Vögeln oder dem Wiehern heiliger Pferde gedeutet wurde.[141]

Gaius Iulius Caesar beschreibt in seinen Commentarii de bello Gallico die Kriegsführung der Germanen vor allem aus der Perspektive seiner eigenen Feldzüge am Rhein. Er charakterisiert die Germanen als kriegerisches Volk, das sich rasch und entschlossen zu Kampfhandlungen zusammenfand. Die Gefolgschaften bedeutender Männer bildeten hierbei den Kern der Streitmacht. Caesar hebt hervor, dass sich die jungen Männer durch Mut und Kriegstüchtigkeit dem Anführer andienten und sich von ihm durch Gaben und die Aussicht auf Beute an sich banden. Die germanische Kriegsführung basierte dabei weniger auf linearer Formierung und Disziplin im Sinne der römischen Legionen, sondern auf flexiblen, von Gefolgschaftsloyalität bestimmten Einheiten, die sich in unregelmäßigen Formationen bewegten. Besonders gefürchtet war die überraschende germanische Infanterie, der mit lautem Schlachtenlärm und dem Wurf von Wurfspießen eröffnet wurde, bevor es zum Nahkampf kam. Caesar erwähnt zudem die herausgehobene Stellung der Reiterei, die zusammen mit einer schnellen Infanterie operierte und der römischen Kriegsführung durch ihre Beweglichkeit und Wendigkeit erhebliche Probleme bereitete.[142][143][144]

Beide Autoren stimmen darin überein, dass die germanische Kriegsführung durch persönliche Loyalitätsverhältnisse, religiöse Vorzeichen und eine auf Mut und unmittelbare Schlagkraft setzende Taktik geprägt war. Die zentrale Rolle des Gefolgschaftswesens und die Bedeutung ritueller Handlungen im Vorfeld der Schlacht machen deutlich, dass kriegerisches Handeln bei den Germanen nicht nur eine pragmatische, sondern auch eine kultisch und sozial definierte Praxis war, die eng mit der gesellschaftlichen Stellung des Einzelnen und dem Ruhm des Anführers verknüpft war.

6.3. Kriege gegen Rom und innergermanische Konflikte

Die germanischen Stämme der Antike lebten in einem von ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Umfeld. Fehden und Kämpfe zwischen benachbarten Gruppen gehörten zum festen Bestandteil ihrer politischen und sozialen Ordnung. Selbst in Zeiten relativer Ruhe war das kriegerische Handwerk ein wesentliches Element der männlichen Lebenswelt, und das Kriegertum galt als zentrales Ideal der Gesellschaft. Konflikte entstanden häufig aus persönlichen Rivalitäten, Überfällen oder dem Streben nach Ehre und Ruhm. Die ständige Übung im Waffengebrauch und das Leben im Zeichen der kriegerischen Bewährung wurden hoch geschätzt. Kriege untereinander waren alltäglich, doch im Angesicht gemeinsamer äußerer Bedrohungen vermochten die Stämme, ihre Streitigkeiten zeitweise ruhen zu lassen und sich zu größeren Verbänden zusammenzuschließen.

Die Berichte über die germanischen Kriege an der Grenze zu Gallien zeigen ein Bild von kampferprobten, disziplinierten und zugleich erbarmungslosen Kriegern, deren gesamtes gesellschaftliches Gefüge auf dem Krieg beruhte. Ständig bereit, in Fehden, Überfällen oder offenen Schlachten Ehre zu gewinnen, strebte der germanische Krieger nach Ruhm im Kampf. Die Gesellschaft achtete darauf, dass junge Männer früh an das Kriegshandwerk herangeführt wurden, und der ständige Wechsel zwischen inneren Streitigkeiten und äußeren Kriegszügen prägte das öffentliche Leben. Lange Zeiten des Friedens galten als schädlich für die Moral und das Ansehen eines Volkes, da Krieg nicht nur als politische Notwendigkeit, sondern auch als sittliche Bewährungsprobe betrachtet wurde.

Innergermanische Auseinandersetzungen verliefen häufig ebenso grausam und erbittert wie die Kämpfe gegen äußere Feinde. Persönliche Ehre und die Loyalität zum eigenen Gefolgschaftsverband standen über friedlichen Lösungen, und es war eine Frage des Ansehens, sich mutig und unerschrocken im Kampf zu beweisen. Besonders innerhalb der Gefolgschaften war die Verpflichtung zum Beistand in der Schlacht absolut. Wer seinen Anführer im Kampf verließ oder gar eine Schlacht mied, verlor seinen Rang und seine Ehre auf Lebenszeit. Gleichzeitig bildeten sich über Stammes- und Verwandtschaftsgrenzen hinaus lose Allianzen, wenn es galt, eine gemeinsame Bedrohung abzuwehren oder Beutezüge in reiche römische Provinzen zu unternehmen.

Die Bedrohung, die von germanischen Kriegerverbänden für die Grenzprovinzen des Römischen Reiches ausging, war ständiger Bestandteil der politischen Realität. Immer wieder kam es zu Einfällen und Kämpfen, bei denen ganze Stämme oder Bündnisse den Rhein überschritten und sich mit römischen Truppen maßen. Die Kriegsführung war von großer Brutalität und Zähigkeit geprägt. Die Germanen pflegten eine Lebensweise, die dem Krieg eine zentrale Stellung einräumte. Lang anhaltender Friede galt als Zeichen von Schwäche, weshalb Kriege nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch untereinander als Mittel der Selbstvergewisserung und der Erhaltung der militärischen Leistungsfähigkeit dienten.[145][146][147]

6.3.1. Bedeutende Schlachten zwischen Germanen und Römern
6.3.1.1. Die Varusschlacht (Schlacht im Teutoburger Wald)
Bildliche Darstellung eines Angriffs der Germanen auf die römische Armee während der Varusschlacht.
Die eiserne Maske eines Gesichtshelms, die in Kalkriese gefunden wurde. Es wird von einigen Wissenschaftlern die Theorie aufgestellt, dass die Maske eventuell Arminius selber gehören könnte. Diese Vermutung lässt sich allerdings nur sehr schwer belegen.

Die sogenannte Varusschlacht[148], in den Quellen auch als „clades Variana“ (Varusniederlage) überliefert, gehört zu den bedeutendsten Ereignissen der frühen römisch-germanischen Geschichte und markiert eine entscheidende Zäsur in den Beziehungen zwischen dem Römischen Reich und den germanischen Stämmen. Sie ereignete sich im Jahr 9 n. Chr. im Bereich der heutigen nordwestdeutschen Mittelgebirge, wobei der genaue Ort bis heute nicht eindeutig lokalisiert werden konnte. Nach heutiger Forschungsmeinung liegt der wahrscheinlichste Schauplatz nahe Kalkriese im Osnabrücker Land, wenngleich alternative Hypothesen weiterhin diskutiert werden.

Der historische Hintergrund der Schlacht ist eng mit der Expansionspolitik des römischen Kaisers Augustus verbunden, dessen Ziel es war, das Imperium über den Rhein hinaus nach Osten bis an die Elbe zu sichern. In den Jahren nach der Unterwerfung Galliens unternahmen römische Statthalter wie Drusus und Tiberius militärische Expeditionen, um das Gebiet zwischen Rhein und Elbe zu erobern und durch Militärlager, Straßenbau sowie Verwaltungseinrichtungen zu romanisieren. Unter Publius Quinctilius Varus, einem erfahrenen Statthalter, der zuvor in Syrien tätig gewesen war, sollte die Eingliederung des Raumes abgeschlossen werden. Varus brachte das Selbstverständnis einer provinzialen Verwaltung mit, indem er versuchte, römisches Recht und Steuerwesen in den noch instabilen germanischen Gebieten einzuführen.

Die politische Lage war jedoch komplexer, als Varus sie einschätzte. Zahlreiche germanische Stämme waren nur lose mit Rom verbündet und empfanden die römische Herrschaft als Fremdherrschaft. Im Zentrum des Widerstandes stand der Cheruskerfürst Arminius, Sohn des Segimer, der selbst römisches Bürgerrecht und militärische Ausbildung im römischen Heer genossen hatte. Arminius nutzte seine Stellung als römischer Auxiliaroffizier, um die Unzufriedenheit der Germanen zu bündeln und Varus in eine Falle zu locken. Während Varus im Spätsommer des Jahres 9 n. Chr. mit drei Legionen (XVII[149], XVIII[150] und XIX[151]) sowie Hilfstruppen und Tross durch unbekanntes, wald- und moorreiches Gebiet zog, inszenierte Arminius einen Aufstand und überredete Varus, mit seinem gesamten Heer in das unwegsame Gelände vorzurücken.

Der Angriff erfolgte über mehrere Tage hinweg in einem von Sümpfen, dichtem Wald und Engpässen geprägten Terrain. Die römischen Truppen konnten ihre bewährte Schlachtordnung nicht entfalten, waren durch den langen Tross in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt und gerieten in eine Folge von Hinterhalten. Die germanischen Kämpfer nutzten ihre Ortskenntnis, setzten schnelle Angriffe aus dem Hinterhalt und das unwegsame Gelände ein, während die Römer an Versorgung, Moral und Kampfkraft verloren. Am Ende wurden die Legionen vollständig vernichtet, ihre Adlerstandarten gingen verloren und Varus nahm sich, um der Gefangenschaft zu entgehen, das Leben.

Die unmittelbaren Folgen der Schlacht waren für Rom gravierend. Drei komplette Legionen mit mehreren zehntausend Soldaten gingen unter, was in der römischen Militärgeschichte nur selten vorkam. Der Schock reichte bis nach Rom, wo Kaiser Augustus nach Sueton in Verzweiflung ausrief: „Quinctili Vare, legiones redde!“ („Quinctilius Varus, gib mir die Legionen zurück!“). Strategisch bedeutete die Niederlage, dass die römische Expansion über den Rhein hinaus zum Stillstand kam. Zwar unternahmen Tiberius und Germanicus in den folgenden Jahren mehrere Strafexpeditionen bis tief in germanisches Gebiet, doch eine dauerhafte römische Provinzierung des Landes östlich des Rheins kam nicht mehr zustande. Germanien blieb jenseits des Rheins ein Raum, der nur lose in römische Einflusszonen integriert war.

Das Hermannsdenkmal[152] bei Detmold im Teutoburger Wald.

Die historische Bedeutung der Varusschlacht reicht über den unmittelbaren militärischen Kontext hinaus. Sie markierte einen Wendepunkt in der imperialen Strategie Roms, das seine Grenzen künftig stärker defensiv orientierte. Die Rheingrenze entwickelte sich zu einer der wichtigsten Militärgrenzen des Reiches und bildete den Ausgangspunkt für die spätere Festlegung der römischen Limesbefestigungen. In der Rezeptionsgeschichte wurde die Schlacht zudem vielfach mythisch überhöht. Bereits in der Antike galt Arminius, von Tacitus als „Befreier Germaniens“ bezeichnet, als Freiheitskämpfer gegen Rom. In der Frühen Neuzeit und vor allem im 19. Jahrhundert wurde die Erinnerung an die Varusschlacht im nationalen Kontext instrumentalisiert und Arminius unter dem Namen „Hermann“ zum Symbol einer vermeintlich deutschen Nationalidentität stilisiert, was in der Errichtung des Hermannsdenkmals im Teutoburger Wald im Jahr 1875 seinen sichtbarsten Ausdruck fand.

Aus archäologischer Sicht liefern die Funde in Kalkriese[153] wichtige Hinweise auf den Ablauf der Schlacht. Entdeckte Münzen, Waffenreste, Massengräber und militärische Ausrüstung lassen die Interpretation zu, dass hier tatsächlich Teile der römischen Armee in einem mehrtägigen Kampf vernichtet wurden. Dennoch bleibt die Forschung offen, da sich alternative Lokalisierungen nicht gänzlich ausschließen lassen. Die Varusschlacht bleibt somit ein zentrales Thema der altertumswissenschaftlichen und historischen Forschung, das sowohl militärgeschichtliche, archäologische als auch erinnerungskulturelle Perspektiven umfasst.[154][155][156][157]

6.3.1.1.1. Die Varusschlacht nach Cassius Dio

Cassius Dio schildert die Varusschlacht in seiner „Römischen Geschichte“ (Buch 56, Kapitel 18–24) als eine der größten Katastrophen Roms. Sein Bericht ist von hoher Bedeutung, weil er die ausführlichste antike Darstellung der Varusschlacht überliefert. Ohne ihn wüsste man heute nur wenig über den Ablauf, die Hintergründe und die Folgen der Niederlage. Er zeigt nicht nur die militärischen Fehler des Varus und die List des Arminius, sondern auch die politische und psychologische Wirkung auf Rom und Kaiser Augustus. Damit ist er eine Hauptquelle für das Verständnis dieses Wendepunktes in der römischen Germanienpolitik.

Folgendes berichtet Cassius Dio über die Varusschlacht:

Kaum waren die Römer von einem Beschluss des Senats und den Vorbereitungen für Siegesfeiern erfüllt, erreichte sie eine erschütternde Botschaft aus Germanien, die alle Hoffnungen auf Triumph untergrub. In der rechtsrheinischen Keltike, einem von den Römern nur teilweise beherrschten Gebiet, hatten sich Ereignisse zugetragen, die das Schicksal ganzer Legionen besiegelten. Zwar waren römische Truppen dort einquartiert, hatten Winterlager errichtet und Städte gegründet, während die einheimischen Germanen sich an Märkte, Versammlungen und eine gewisse Ordnung gewöhnten, doch blieb in ihren Herzen die Erinnerung an alte Bräuche, an die angestammte Freiheit und an das Recht des Waffentragens lebendig. Solange die Römer vorsichtig vorgingen, nahmen die Stämme die langsamen Veränderungen hin. Doch mit der Ankunft des Statthalters Publius Quinctilius Varus änderte sich die Lage. Dieser strebte an, die Germanen rasch und umfassend in die römische Ordnung einzufügen, behandelte sie wie Untertanen, forderte Tribute und erließ Befehle, als seien sie bereits geknechtet.
Diese harte Politik rief stillen Widerstand hervor. Die Stammesfürsten, die nach alter Macht und Einfluss strebten, und die breite Masse, die den hergebrachten Zustand höher achtete als die römische Herrschaft, waren unzufrieden. Sie wagten jedoch keinen offenen Aufstand, da die Römer in großer Zahl am Rhein und im Inneren Germaniens präsent waren. Stattdessen gaben sie sich freundlich und friedfertig, empfingen Varus mit Loyalitätsbekundungen und führten ihn Schritt für Schritt vom Rhein fort, tiefer ins Land der Cherusker, bis hin zur Weser. Sie überzeugten ihn, dass ihre Unterwerfung auch ohne römische Militärpräsenz Bestand haben werde, und schürten damit seinen Leichtsinn.
Varus, in falscher Sicherheit wiegend, teilte seine Legionen unbedacht auf. Er entsandte zahlreiche Soldaten in kleine Außenposten, zur Sicherung von Vorräten oder zur Bekämpfung vermeintlicher Räuberbanden, während er selbst mit den Hauptkräften weiterzog. Arminius, der cheruskische Fürstensohn, der als römischer Offizier geschult war, und sein Vater Segimer gehörten zu seinen ständigen Begleitern, nahmen an seinen Gastmählern teil und gaben sich als treue Verbündete. Warnungen, die ihn zur Vorsicht mahnten, wies Varus verächtlich zurück. Er beschuldigte jene, die misstrauisch waren, der Verleumdung und Panikmache.
So kam es, dass nach geheimer Absprache zunächst weiter entfernte Stämme offen die Waffen erhoben. Ihr Ziel war es, Varus in Bewegung zu setzen, damit er ins Aufstandsgebiet ziehe, ohne Vorsichtsmaßnahmen wie im Feindesland zu ergreifen. Genau das geschah: die Germanen begleiteten das Heer scheinbar friedlich, trennten sich später, um angeblich Hilfstruppen zu holen, und vereinten sich dann mit den bereitstehenden Kriegern. Die römischen Außenposten, die zuvor zur Verstärkung angefordert worden waren, wurden von den Aufständischen niedergemacht. Schließlich wandten sie sich gegen Varus selbst, der sich mit seinen Legionen bereits in schwer zugänglichen, bewaldeten Gegenden befand.
Die Landschaft war ein geheimer Verbündeter der Germanen: zerklüftete Berge, tiefe Schluchten, dichter Wald und hohe Bäume machten den Römern das Vorankommen schon ohne Feind schwer. Sie mussten Wege schlagen, Bäume fällen, Brücken bauen. Dazu führten sie zahlreiche Wagen, Lasttiere, Trossknechte, Frauen und Kinder mit, die den Marsch verlangsamten. Ein plötzlicher Regensturm ließ die Wege rutschig werden, entwurzelte Bäume krachten herab und stifteten Verwirrung. In diesem Augenblick brachen die Germanen aus dem Unterholz hervor. Zunächst warfen sie Speere aus sicherer Entfernung, dann stürmten sie im Nahkampf gegen die auseinandergerissenen römischen Reihen.
Die Römer, in einer ungeordneten Kolonne, durch Wagen und Unbewaffnete behindert, konnten ihre Legionen nicht in geschlossener Formation entfalten. Überall waren sie zahlenmäßig schwächer, erlitten schwere Verluste, ohne den Angreifern größeren Schaden zufügen zu können. Notdürftig schlugen sie ein Lager auf, verbrannten Wagen und Gepäck, um beweglicher zu werden, und zogen am nächsten Morgen in besserer Ordnung weiter. Zwar erreichten sie offenes Gelände, doch in den folgenden Waldregionen setzten ihnen die Germanen erneut hart zu. Im Gedränge stürzten sie übereinander, rutschten auf feuchten Wurzeln aus, und auch die Reiterei konnte in dem unwegsamen Gelände kaum wirken.
Am vierten Tag verschlimmerte ein erneuter Sturm mit strömendem Regen die Lage. Die Legionäre konnten ihre Bögen, Speere und Schilde nicht mehr gebrauchen, da alles durchnässt war. Den Germanen dagegen schadete die Nässe kaum, da sie leichtbewaffnet und wendig waren. Immer mehr Stämme strömten herbei, angelockt von der Aussicht auf Beute. Die Römer waren erschöpft, dezimiert und umzingelt. Schließlich fassten Varus und seine Offiziere, bereits verwundet und voller Angst, in Feindeshand zu geraten, den verzweifelten Entschluss, sich das Leben zu nehmen.
Als der Selbstmord ihres Feldherrn bekannt wurde, erlosch auch der Widerstand der übrigen. Viele wählten den Tod, andere warfen die Waffen fort und ließen sich niedermachen. Niemand konnte entkommen, Männer, Frauen, Kinder, Pferde – alles fiel dem germanischen Zorn zum Opfer. Nur ein einziges römisches Kastell blieb unbesiegt, da die Germanen keine Belagerungstechnik kannten und von den Bogenschützen der Besatzung blutig zurückgeschlagen wurden. Schließlich zogen sie sich zurück, als sie von der Annäherung des Tiberius erfuhren.
Die Kunde von der Katastrophe erreichte bald Rom. Kaiser Augustus, so heißt es, zerriss seine Gewänder in Verzweiflung, schlug mit dem Kopf an die Wand und rief: „Varus, gib mir meine Legionen zurück!“ Er sah nicht nur den Verlust dreier Legionen, sondern auch die Gefahr, dass Germanen und Gallier in Italien einfallen könnten. Die Rekrutierung neuer Soldaten erwies sich als schwer, sodass Augustus das Losverfahren anwandte, junge Männer enteignete, Ältere bestrafte und selbst Freigelassene und Veteranen einberief.
Die Stadt Rom geriet in Unruhe. Gallier und Germanen, die dort als Leibwächter oder Händler weilten, wurden fortgeschafft, um Aufstände zu verhindern. Öffentliche Feste wurden abgesagt, die ganze Stadt stand im Zeichen der Trauer und Furcht. Erst als sich herausstellte, dass einige römische Truppen überlebt hatten, die Rheinlinie gehalten wurde und die Germanen den Rhein nicht überschritten, beruhigte sich die Lage. Augustus deutete die Niederlage als Zorn der Götter, zumal zahlreiche Vorzeichen den Untergang angekündigt hatten. Speere, die vom Himmel fielen, Bienenschwärme an den Altären, eine Siegesstatue, die sich von Germanien nach Italien gewandt hatte. Selbst die Legionäre hatten in unheilvollen Träumen und Streitigkeiten ein Vorgefühl des Untergangs gehabt.
So endete das Wagnis des Varus im Untergang. Germanien blieb frei, und Rom verlor nicht nur drei Legionen, sondern auch die Hoffnung auf eine dauerhafte Beherrschung des Landes jenseits des Rheins.

Der Text von Cassius Dio wurde von dem Autor dieser Selbststudie zur vereinfachten Lesbarkeit aus der nachfolgenden Quelle neu formuliert bzw. verfasst, ohne ihn inhaltlich zu verändern:

6.3.1.1.1.1. Mögliche Textquellen des Cassius Dio zur Varusschlacht

Cassius Dio, der seine „Römische Geschichte“ zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. verfasste, konnte die Ereignisse der Varusschlacht aufgrund des zeitlichen Abstandes von etwa zweihundert Jahren nicht aus eigener Anschauung kennen. Seine Darstellung ist vielmehr als eine auf älteren Quellen beruhende Rekonstruktion zu verstehen. Zu diesen Quellen zählten amtliche Berichte, insbesondere die sogenannten commentarii der Statthalter und Feldherren, die im kaiserlichen Archiv verwahrt wurden, sowie die Geschichtswerke früherer Autoren. Unter diesen sind Velleius Paterculus[158], der als Zeitgenosse des Varus und Soldat unter Tiberius eine kurze Darstellung der Ereignisse überlieferte, und Plinius der Ältere zu nennen. Auch andere römische Historiker behandelten den Stoff, deren Schriften jedoch nur fragmentarisch oder gar nicht erhalten geblieben sind, Cassius Dio aber offensichtlich zugänglich waren. Ergänzt wurde dieses Fundament durch die römische Senats- und Hoftradition, in der sowohl die Niederlage des Varus als auch die Reaktion des Augustus tradiert wurden. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass Dio als Mitglied des römischen Senats Zugang zu Reden, Inschriften und möglicherweise zu familiären Erinnerungen von Nachkommen beteiligter Akteure hatte. Seine Darstellung erweist sich somit als eine kompilierte Geschichtsschreibung, die auf einer Verbindung amtlicher Dokumente und literarischer Vorlagen beruht und zugleich durch die Perspektive sowie den kulturpolitischen Kontext des frühen 3. Jahrhunderts geprägt ist.[159]

6.3.1.1.2. Die Varusschlacht in der modernen Germanenforschung

Ein bedeutsamer Aspekt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Varusschlacht ist die Frage nach ihrer genauen historischen Einordnung und Bewertung. Während ältere Forschung sie oftmals als „Weltereignis“ und als entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Europas deutete, tendiert die neuere Forschung eher zu einer Relativierung. Zwar ist unbestreitbar, dass die römische Expansionspolitik durch die Niederlage entscheidend gebremst wurde, jedoch zeigt sich zugleich, dass Rom trotz der Katastrophe weiterhin über beträchtliche militärische Ressourcen verfügte und die Kontrolle über die linksrheinischen Gebiete nie ernsthaft gefährdet war. Die Bedeutung der Schlacht liegt daher weniger in einem absoluten Stopp römischer Machtentfaltung, sondern vielmehr in einer strategischen Neuorientierung, die die Rhein-Elbe-Linie zugunsten einer dauerhaften Rheingrenze aufgab.

Die literarische Überlieferung ist in hohem Maße von römischen Perspektiven geprägt und stilisiert Arminius und Varus zu Antagonisten einer weltgeschichtlichen Konfrontation. Velleius Paterculus, ein Zeitgenosse, charakterisiert Arminius als Verräter, der seine Herkunft und sein römisches Bürgerrecht missbrauchte, während Tacitus in seiner Germania und in den Annales die Gestalt des Arminius zum Symbol germanischer Freiheitsliebe erhob. Cassius Dio wiederum schildert die Ereignisse mit epischer Breite und hebt die Brutalität des Kampfes hervor.[160] Diese unterschiedlichen Darstellungen spiegeln nicht nur die jeweilige politische und literarische Intention der Autoren wider, sondern auch den Umstand, dass die Varusschlacht frühzeitig zu einem erinnerungskulturellen Fixpunkt wurde.

Die genaue Lokalisierung des Schlachtfeldes ist bis heute ein zentraler Gegenstand der Forschung. Traditionell wurde das Ereignis mit dem Teutoburger Wald in Verbindung gebracht, eine Bezeichnung, die auf humanistische Gelehrte der Frühneuzeit zurückgeht. Erst seit den archäologischen Entdeckungen am Kalkrieser Berg im Osnabrücker Land in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat sich die Hypothese verbreitet, dass dort die entscheidenden Kampfhandlungen stattfanden. Funde von Münzen, militärischer Ausrüstung und Massengräbern deuten darauf hin, dass in diesem Gebiet tatsächlich eine große Schlacht stattfand, die zeitlich und inhaltlich mit der Varusschlacht in Verbindung gebracht werden kann. Dennoch ist diese Deutung nicht unumstritten. Einige Forscher betonen, dass die Evidenz bislang nicht ausreicht, um Kalkriese zweifelsfrei als Ort der Varusschlacht zu identifizieren, und halten alternative Lokalisierungen, etwa im klassischen Teutoburger Wald oder in angrenzenden Regionen, weiterhin für möglich. Damit bleibt die exakte Verortung der Varusschlacht eine offene Frage, die durch zukünftige archäologische Funde und interdisziplinäre Untersuchungen weiter erhellt werden könnte.

Die Wirkungsgeschichte der Varusschlacht ist komplex. Im römischen Kontext wirkte sie als Mahnung an die Grenzen imperialer Machtentfaltung. Augustus’ Nachfolger Tiberius verfolgte eine defensivere Politik, die den Erhalt bestehender Grenzen der Expansion vorzog. Für die germanischen Stämme hingegen stellte der Sieg einen identitätsstiftenden Moment dar, der jedoch keine langfristige politische Einheit hervorbrachte. Vielmehr blieb das Gebiet östlich des Rheins von Stammeskonflikten geprägt. Erst die spätere Rezeption im Mittelalter und in der Neuzeit verlieh dem Ereignis eine Symbolkraft, die weit über die historische Realität hinausging. Besonders in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts wurde die Schlacht zur „Geburtsstunde der deutschen Nation“ verklärt, was im nationalen Diskurs bis ins 20. Jahrhundert hinein fortwirkte.

In der modernen Germanenforschung hat die Varusschlacht zudem eine interdisziplinäre Dimension gewonnen. Archäologie, Geschichtswissenschaft, Numismatik, Militärgeschichte und Gedächtnisforschung tragen gleichermaßen zur Rekonstruktion und Deutung bei. Die Diskussion um den genauen Ort und Ablauf der Schlacht bleibt dynamisch, da neue Grabungsfunde immer wieder Korrekturen oder Präzisierungen erlauben. Darüber hinaus eröffnen naturwissenschaftliche Methoden wie Isotopenanalysen an Knochenfunden oder geophysikalische Prospektionen neue Perspektiven auf das Geschehen und seine Rahmenbedingungen.

Die Varusschlacht ist somit nicht nur ein singuläres militärisches Ereignis, sondern auch ein Schlüsselthema zur Erforschung der Grenzbeziehungen zwischen Rom und Germanien. Sie verdeutlicht die Spannungsfelder zwischen imperialer Expansionspolitik und lokalen Widerstandsformen, zwischen römischer Geschichtsschreibung und germanischer Wirklichkeit sowie zwischen historischer Faktizität und erinnerungskultureller Konstruktion. Ihre anhaltende Bedeutung liegt in diesem Spannungsfeld, das sie zu einem der zentralen Forschungsgegenstände der Altertumswissenschaften macht.[161]

6.3.1.1.3. Die Varusschlacht in der Schlachtfeldarchäologie

Die Schlachtfeldarchäologie hat in den letzten Jahrzehnten einen entscheidenden Beitrag zur Erforschung der Varusschlacht geleistet und zugleich neue Diskussionen entfacht. Seit den Funden des britischen Hobbyarchäologen Tony Clunn in den späten 1980er Jahren konzentriert sich die wissenschaftliche Untersuchung auf den Fundort Kalkriese am Wiehengebirge nördlich von Osnabrück. Dort wurden bislang mehr als 7000 römische Objekte geborgen, darunter Münzen, Ausrüstungsteile, Waffenfragmente und Reste von Befestigungsanlagen. Kalkriese gilt daher weiterhin als der plausibelste Ort des Untergangs der drei römischen Legionen unter Publius Quinctilius Varus, auch wenn eine endgültige Sicherheit nicht erreicht ist.

Besonders bedeutsam sind die jüngsten Ergebnisse metallurgischer Analysen, die seit 2022 durchgeführt werden. Dabei konnte ein sogenannter „metallurgischer Fingerabdruck“ identifiziert werden, der einzelne Objekte eindeutig der 19. Legion zuordnet. Diese Legion ging in der Varusschlacht unter und wurde nie wieder aufgestellt. Der Nachweis ihrer Ausrüstungsteile in Kalkriese stützt die These, dass dieser Ort tatsächlich mit der Niederlage des Varus in Verbindung steht. Internationale Fachmedien wie Geo, Spektrum der Wissenschaft und die Zeit bewerten diese Resultate als starkes Argument für die Lokalisierung der Varusschlacht in Kalkriese.

Gleichwohl hat die Schlachtfeldarchäologie auch Widersprüche offengelegt. Eine geoarchäologische Untersuchung, die 2024 veröffentlicht wurde, stellte die bisherige Interpretation bestimmter linearer Strukturen in Frage. Während man diese bislang als germanische Verschanzungen oder römische Befestigungen gedeutet hatte, legten die neuen Analysen nahe, dass es sich auch um mittelalterliche Formationen handeln könnte. Damit wären zentrale Annahmen der bisherigen Rekonstruktion zu revidieren. Allerdings stießen diese Befunde auf Kritik, da sie den Gesamtbefund von Kalkriese nicht widerlegen, sondern lediglich neue Perspektiven auf die Interpretation eröffnen.

Ebenfalls von großer Bedeutung sind die Ergebnisse jüngster Ausgrabungen im Jahr 2025. Unter Leitung von Salvatore Ortisi von der Ludwig-Maximilians-Universität München und in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbaumuseum Bochum konnte eine römische Befestigungsanlage identifiziert werden, die aus einem Wall-Graben-System bestand. Sie wurde offenbar in großer Eile errichtet, möglicherweise während eines Gefechts im Verlauf der Varusschlacht. Die Befunde lassen darauf schließen, dass hier zwischen 2000 und 3000 römische Soldaten kampierten. Diese Funde bestätigen, dass Kalkriese Teil eines großräumigen Kampfgeschehens war, das sich über mehrere Tagesmärsche erstreckt haben dürfte.[162][163]

6.3.1.2. Kampfplatz Harzhorn (germanisch-römisch)
Das Foto zeigt die archäologischen Ausgrabungen am Harzhorn im Jahr 2012.

Der sogenannte „Kampfplatz Harzhorn“[164] (fälschlicherweise Schlacht am Harzhorn) bezeichnet eine Serie militärischer Auseinandersetzungen zwischen römischen Truppen und germanischen Verbänden, die sich um die Jahre 235/236 n. Chr. am westlichen Harzrand nahe Kalefeld-Wiershausen im Landkreis Northeim (Niedersachsen) ereigneten. Diese Kampfhandlungen stellen ein außergewöhnlich spätes Beispiel römischer Präsenz im freien Germanien dar und gewinnen besondere Bedeutung durch ihre Einordnung in die Anfänge der Reichskrise des 3. Jahrhunderts. Der Fundkomplex wurde im Jahr 2008 durch archäologische Untersuchungen erstmals eindeutig identifiziert und gilt seither, neben Kalkriese, als eines der am besten erhaltenen antiken Schlachtfelder Europas. Bis heute konnten über 3000 Artefakte, darunter rund 1700 aus römischer Provenienz, geborgen werden, was den Ort zu einer zentralen Referenz für die Schlachtfeldarchäologie im norddeutschen Raum macht.

Die Entdeckungsgeschichte reicht bis 1990 zurück, als eine römische Prunklanze zufällig gefunden, jedoch zunächst nicht in den richtigen Kontext eingeordnet wurde. Erst durch illegale Funde zweier Hobbyarchäologen im Jahr 2000, die 2008 der Fachwissenschaft bekannt gemacht wurden, setzten systematische Untersuchungen ein. Seit Ende 2008 wurden in mehreren Prospektions- und Grabungskampagnen durch die Kreisarchäologie Northeim, das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege und universitäre Partner umfangreiche Funde dokumentiert. Die dabei angewandten Methoden der Schlachtfeldarchäologie – insbesondere der Einsatz von Metalldetektoren und Airborne-Laserscanning – ermöglichten eine präzise Rekonstruktion der Fundverteilung und damit Rückschlüsse auf das Kampfgeschehen.

Topographisch spielte der Höhenzug des Harzhorns eine zentrale Rolle. Dieser bildete einen strategischen Engpass an einer alten Fern- und Handelsstraße durch das Leinetal, wo germanische Verbände offenbar versucht hatten, einen römischen Marschverband am Durchgangskorridor zu blockieren. Die römischen Truppen umgingen die Niederung über den Höhenzug und erzwangen dort mit Artillerie, Infanterie und Kavallerie den Durchbruch. Ballistisches Material, darunter über 130 Katapultbolzen, zahlreiche Pfeil- und Lanzenspitzen sowie Spuren von Reiterangriffen, belegen die Anwendung schwerer römischer Kriegsmaschinerie. Diese spezifisch römische Kriegstechnik gilt als entscheidender Beweis für die Präsenz einer regulären Legionseinheit, da Germanen keine Torsionsgeschütze nutzten.

Besonders herausragende Einzelfunde sind eine beschriftete Dolabra der Legio IIII Flavia Severiana Alexandriana, die ihre Beteiligung dokumentiert, sowie ein nahezu vollständig erhaltenes Kettenhemd (Lorica hamata). Der überwiegende Teil der Funde besteht aus römischen Militaria wie Schuhnägeln, Katapultgeschossen, Speerspitzen, Pferdegeschirr und Wagenbestandteilen, während germanische Objekte nur in äußerst geringer Zahl vertreten sind. Erhaltungsbedingungen und Bodenbeschaffenheit am bewaldeten Höhenzug begünstigten die außergewöhnliche Überlieferungslage.

Die Datierung der Ereignisse basiert auf Münzfunden sowie naturwissenschaftlichen Analysen von organischen Resten. Die jüngsten Münzen stammen aus den Jahren um 225 n. Chr. und ermöglichen einen Terminus post quem. In Kombination mit C14-Daten ergibt sich ein Zeitfenster zwischen 228 und 240 n. Chr., wobei die Ereignisse nach überwiegender Forschungsmeinung in den Herbst 235 oder das Jahr 236 zu setzen sind. Damit werden sie in den Kontext des Germanienfeldzuges des Kaisers Maximinus Thrax gestellt, der nach den antiken Quellen Herodians und der Historia Augusta tief in germanisches Gebiet vorstieß.

Die historiographische Bedeutung der Funde ist weitreichend. Bis zur Entdeckung des Kampfplatzes Harzhorn galt es als unwahrscheinlich, dass in der Zeit der Reichskrise noch groß angelegte Operationen jenseits des Limes durchgeführt wurden. Die archäologischen Belege revidieren diese Auffassung grundlegend und bestätigen die Überlieferungen von tiefen römischen Vorstößen in das Innere Germaniens. Gleichzeitig zeigt die Fundlage, dass die Römer trotz eines militärischen Erfolges erhebliche Verluste erlitten und ihre Operationen nur von begrenztem dauerhaften Einfluss waren.

Der Kampfplatz Harzhorn markiert somit ein wichtiges Bindeglied zwischen der frühen römischen Expansionsepoche des 1. Jahrhunderts und den späteren Strafexpeditionen des 3. und 4. Jahrhunderts. Er dokumentiert den hohen Grad an militärischer Mobilität des Imperiums selbst in einer Zeit innerer Krisen und verdeutlicht zugleich die fortgesetzte strategische Bedeutung Germaniens für die römische Grenzpolitik. Damit liefert der Fundplatz nicht nur wertvolle Erkenntnisse zur römischen Militärgeschichte, sondern auch zur Interaktion zwischen Imperium Romanum und den germanischen Gesellschaften im frühen 3. Jahrhundert.[165][166][167][168]

7. Die Christianisierung der Germanen

7.1. Von der Spätantike bis zum frühen Mittelalter

Darstellung Christi als heldenhafter Krieger aus dem 9. Jahrhundert. (Stuttgarter Psalter)

Zu Beginn des 4. Jahrhunderts kam es infolge der konstantinischen Wende und des darauffolgenden Aufstiegs des Christentums zur Staatsreligion unter Kaiser Theodosius I. im ausgehenden 4. Jahrhundert zu einer verstärkten Missionstätigkeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des Römischen Reiches. Den ersten Kontakt mit dem christlichen Glauben hatten die Goten, die nördlich der unteren Donau auf dem Balkan siedelten. Dort begegneten sie Kriegsgefangenen, die trotz ihrer Gefangenschaft missionarisch tätig waren. In der Folge entstanden unter den Goten erste christliche Gemeinden, die unter dem Einfluss des gotischen Bischofs Wulfila zum arianischen Christentum übertraten. Durch seine Bibelübersetzung erschloss er den Goten die Inhalte der christlichen Lehre. Besonders unter den Goten und anderen germanischen Stämmen, die sich während der Völkerwanderungszeit im Römischen Reich niederließen, setzte eine weitgehende Annahme des Christentums ein, allerdings überwiegend in der arianischen Form. Dies führte später zu Konflikten mit der katholischen Mehrheitsbevölkerung des Reiches. Ein bedeutendes Ereignis war die Taufe von Chlodwig I. und einer unbekannten Zahl von Franken, vermutlich im Jahr 498, zum katholischen Glauben. Der Übertritt des Königs hatte dabei eine zentrale Bedeutung, da ihm ein Großteil seines Stammes folgte. Im Westgotenreich wiederum vollzog König Rekkared I. im Jahr 589 die Konversion seines Volkes vom Arianismus zum Katholizismus. Missionarische Bestrebungen außerhalb der Grenzen des Römischen Reiches blieben bis zum Ende des weströmischen Reichsteils jedoch weitgehend vereinzelt und wenig systematisch.[169]

Gegen Ende des westlichen Reiches gelang es dem Christentum in Europa nur auf der Insel Irland, außerhalb der römischen Grenzen dauerhaft Fuß zu fassen. Von dort aus breitete sich ab dem 6. Jahrhundert durch irisch-schottische Wandermönche eine christliche Missionsbewegung in Teilen Mitteleuropas aus. Da mit dem Wegfall des Kaisers auch ein staatlicher Missionsherr fehlte, war eine organisierte Missionierung im ehemals römisch beherrschten Gebiet nicht mehr durch staatliche Autorität durchführbar. Erst unter den karolingischen Herrschern – möglicherweise auch schon unter dem letzten einflussreichen Merowingerkönig Dagobert I., was in der Forschung jedoch umstritten ist – wurde die Christianisierung erneut energisch betrieben. Die römische Kirche übernahm dabei unter Papst Gregor dem Großen erstmals die offizielle Leitung der Missionierung im angelsächsischen England. Im frühen Mittelalter galt eine gewaltsame Bekehrung grundsätzlich als unzulässig, wenngleich auch Gregor Überlegungen anstellte, gegen heidnische Machthaber, die der Ausbreitung des Christentums im Wege standen, militärisch vorzugehen. Vorstellungen, die später zur Rechtfertigung der Kreuzzüge in den Osten Europas herangezogen wurden, entstammen jedoch einer späteren Epoche.[170][171]

7.2. Christianisierung als politische Strategie

Die „Grabstele von Niederdollendorf“ wurde im Jahr 1901 bei Bauarbeiten auf einem Fabrikgelände in Niederdollendorf, einem Stadtteil von Königswinter in Nordrhein-Westfalen, entdeckt. Sie gilt als ein herausragendes Zeugnis für das frühe Christentum im Rheinland und befindet sich heute im LVR-Landesmuseum Bonn.

Die Christianisierung der germanischen Völker erfolgte nicht nur aus religiösem Eifer, sondern war in vielen Fällen zugleich eine gezielte politische Strategie. Die Annahme des Christentums diente frühmittelalterlichen Herrschern dazu, ihre eigene Macht zu festigen, die Beziehungen zum fränkischen oder später römisch-deutschen Königtum sowie zur römischen Kirche zu stärken und die politische Einheit ihrer Reiche zu fördern. Besonders unter den Merowingern und Karolingern wurde die Missionierung heidnischer Nachbarn bewusst als Herrschaftsinstrument eingesetzt, um Gebiete zu unterwerfen, Loyalitäten zu sichern und eine gemeinsame religiöse Identität als Grundlage für politische Ordnung zu schaffen.

Ein bekanntes Beispiel ist die gewaltsame Christianisierung der Sachsen unter Karl dem Großen im späten 8. Jahrhundert, bei der Mission und Kriegführung eng miteinander verbunden waren. Die Taufe wurde häufig als Voraussetzung für politische Unterwerfung und Integration ins Frankenreich genutzt. Auch westgermanische Stämme wie die Alamannen und Bajuwaren wurden im Zuge der Ausweitung fränkischer Macht christlich missioniert. Der Schulterschluss von Kirche und Königtum ermöglichte es den Herrschern, das Christentum als Legitimation für Herrschaftsausübung und Expansion zu verwenden und zugleich kirchliche Institutionen für Verwaltungs- und Herrschaftszwecke einzubinden. Damit war die Christianisierung der Germanen eng mit machtpolitischen Interessen verknüpft und wurde zu einem zentralen Bestandteil frühmittelalterlicher Reichspolitik.[172]

7.3. Religionswandel und Traditionsbrüche

Christliche Kreuzanhänger, die in einem germanischen Frauengrab in Birka entdeckt wurden.

Der Prozess der Christianisierung der germanischen Völker bedeutete einen tiefgreifenden Religionswandel und war mit erheblichen Traditionsbrüchen in kultischer, sozialer und politischer Hinsicht verbunden. Die germanische Religion war ein vielgestaltiges, regional unterschiedliches System aus Naturverehrung, Ahnenkult, Opferpraktiken und der Anrufung von Gottheiten wie Wodan, Donar oder Frigg. Religiöse Riten waren eng mit dem Gemeinschaftsleben, der Stammesidentität und der herrschaftlichen Legitimation verknüpft. Mit dem Übergang zum Christentum wurden diese religiösen Praktiken systematisch zurückgedrängt, verboten oder christianisiert.

Der bedeutendste Traditionsbruch betraf den Opferkult. Tier- und Menschenopfer wurden als heidnisch gebrandmarkt und durch christliche Riten wie Gebet, Almosen und Messopfer ersetzt. Die Heiligtümer der Germanen – heilige Haine, Quellen und Opferplätze – wurden zerstört oder in christliche Kultorte umgewandelt. So entstanden Kirchen oft an einstigen Kultplätzen, um die heidnische Tradition räumlich und symbolisch zu überlagern.

Ein weiterer fundamentaler Wandel vollzog sich im Götterbild. Die bislang polytheistische Vorstellungswelt mit anthropomorphen Gottheiten und Naturgeistern wich dem monotheistischen Gottesbild des Christentums, das eine scharfe Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung forderte. Dies hatte auch soziale Konsequenzen, da die bisherigen Stammesführer und Priester, die über rituelle Gewalt verfügten, ihre religiöse Autorität verloren. Diese wurde nun von einer kirchlichen Hierarchie aus Bischöfen und Priestern übernommen, die zugleich neue politische und wirtschaftliche Machtpositionen einnahmen.

Traditionsbrüche ergaben sich auch im Umgang mit Tod und Jenseits. Während die germanische Vorstellungswelt von einer Weiterexistenz im Totenreich oder in Ahnenhallen wie Walhall oder Hel geprägt war, setzte das Christentum die Lehre vom ewigen Leben im Himmel oder der Verdammnis in der Hölle an deren Stelle. Begräbnissitten veränderten sich entsprechend: Grabbeigaben wurden verboten, die Beisetzung in geweihtem Boden verpflichtend.

Zudem bedeutete die Christianisierung einen Bruch in der Geschichtstradition und in der Rechtspflege. Heidnische Mythen und Heldensagen wurden verdrängt oder umgedeutet, Rechtsgebräuche, die auf religiösen Schwüren an die Götter beruhten, durch christliche Eidformeln und kirchliche Gerichtsbarkeit ersetzt. Der Jahreskalender mit seinen Festen und kultischen Fristen wurde christlich überprägt; frühere Feste wie Jul oder Sommersonnenwende wurden in christliche Hochfeste integriert oder verboten.[173]

8. Von der Völkerwanderung bis zum Frühmittelalter

8.1. Germanische Nachfolgereiche

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. bildeten sich auf dessen Territorium mehrere germanische Nachfolgereiche, die das politische und kulturelle Erbe Roms übernahmen und zugleich eigene Strukturen etablierten. In Italien errichteten die Ostgoten unter Theoderich dem Großen ein mächtiges Reich, das römische Verwaltungsformen bewahrte und bis zur oströmischen Rückeroberung 552 bestand. In Gallien und Hispania gründeten die Westgoten zunächst ein Reich um Toulouse und später eines mit Toledo als Hauptstadt, das bis zur arabischen Invasion 711 existierte. Der Aufstieg der Franken unter Chlodwig I. führte zur Schaffung eines katholischen, fränkischen Großreiches, das große Teile Galliens und Westdeutschlands umfasste und mit den Merowingern sowie später den Karolingern die Machtverhältnisse in Westeuropa bestimmte.

Im westlichen Mittelmeerraum beherrschten die Vandalen unter Geiserich Nordafrika und machten Karthago zur Hauptstadt ihres Reiches, das bis zur Eroberung durch die Oströmer 534 eine bedeutende Seemacht war. Die Burgunder etablierten sich am Genfer See und im Rhonetal, wurden jedoch 534 von den Franken unterworfen. In Nordwestspanien hielten sich die Sueben in Gallaecia bis 585 und waren der erste germanische Stamm mit einem katholischen Herrscher. Daneben bestanden kleinere kurzlebige Herrschaften, etwa der Alanen und Rugier, die rasch von größeren Reichen oder dem oströmischen Kaiserreich einverleibt wurden. Diese germanischen Nachfolgereiche prägten das politische Gefüge des frühen Mittelalters und bildeten die Grundlage für spätere europäische Königreiche.[174]

8.2. Akkulturation[175], Integration und Identitätsbildung

Nach dem Fall des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. kam es in weiten Teilen des ehemaligen Reichsgebiets zu einer tiefgreifenden politischen, sozialen und kulturellen Umordnung, in die die ansässigen germanischen Völkerschaften und Verbände entscheidend eingebunden waren. Die einst als „Barbaren“ apostrophierten Gruppen wie Westgoten, Vandalen, Burgunden, Sueben, Ostgoten, Franken, Langobarden und andere übernahmen nicht nur militärische, sondern zunehmend auch administrative und gesellschaftliche Verantwortung innerhalb der alten römischen Provinzen. Dabei setzte ein komplexer Prozess der Akkulturation ein, der sich nicht als einseitige Romanisierung oder Germanisierung beschreiben lässt, sondern vielmehr als ein vielschichtiger und regional unterschiedlich verlaufender Kulturwandel, der beide Traditionen verband und in einen neuen gesellschaftlichen und kulturellen Ordnungsrahmen überführte.

Die Akkulturation der germanischen Eliten äußerte sich zunächst in der Übernahme römischer Ämter, Verwaltungspraxis und Titel. Viele germanische Könige übernahmen römische Ehrenzeichen, ließen sich als Patrizier oder Konsul auszeichnen und knüpften an den römischen Kaisergedanken an. Der berühmte ostgotische König Theoderich der Große verstand sich in Italien beispielsweise als legitimer Nachfolger der weströmischen Kaiser und orientierte seine Herrschaftsstruktur an der späten römischen Verwaltung, die er mit gotischen Herrschaftselementen kombinierte. Ein ähnlicher Prozess lässt sich bei den Westgoten in Gallien und Hispanien und bei den Vandalen in Nordafrika beobachten. Das germanische Königtum wurde in diesem Rahmen zunehmend institutionalisiert und an römische Formen gebunden, wobei die Christianisierung eine zentrale Rolle spielte.

Die Integration der germanischen Bevölkerung in die romanischen Mehrheitsgesellschaften verlief indes langsamer und war von sozialen und rechtlichen Trennlinien geprägt. In vielen germanischen Nachfolgereichen bestanden bis ins 7. und 8. Jahrhundert nebeneinander verschiedene Rechtsordnungen für Römer und Germanen. So galten etwa im Frankenreich das römische Recht für Romanen und das Pactus Legis Salicae für die Franken. Die ethnische Identität war zunächst stark an Herkunft und Recht gebunden, doch mit der Zeit entstand in den Nachfolgereichen eine neue, übergreifende Identität, die Elemente beider Traditionen verband. Besonders durch die gemeinsame christliche Religion, die spätestens seit dem 6. Jahrhundert als verbindendes Element wirkte, wurde der Prozess der Integration und Identitätsbildung nachhaltig vorangetrieben.

Der Prozess der Identitätsbildung vollzog sich über mehrere Generationen und äußerte sich im Wandel der Selbstbezeichnungen, der Ethnogenese neuer Völkerschaften und Herrschaftsverbände und im Aufbau neuer Reichsidentitäten. So wurde aus dem Frankenreich allmählich ein Reich, das sich sowohl auf die römische Tradition als auch auf germanische Vorfahren berief. Die Königsherrschaft der Merowinger und später der Karolinger legitimierte sich über genealogische Erzählungen, die die Herkunft der Dynastien mit mythischen Ahnen und mit den großen Namen der römischen Geschichte verbanden. Die Beibehaltung ethnischer Gruppenbezeichnungen wie Goten, Vandalen oder Burgunden verlor im Laufe der Zeit an Bedeutung und wurde durch territoriale und religiöse Zugehörigkeit ersetzt.

Frühmittelalterliche Autoren nahmen diese Entwicklungen durchaus wahr und kommentierten sie. Eine besonders wertvolle Quelle ist etwa Gregor von Tours, dessen Werk Decem Libri Historiarum einen unmittelbaren Einblick in die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse des fränkischen Reichs und seiner ethnischen Gruppen gewährt. Gregor beschreibt das Nebeneinander und das langsame Zusammenwachsen von Franken und Romanen, ihre gemeinsame Christianisierung und die neue Form von Herrschaft, die germanische und römische Elemente verband.[176]

8.3. Fortleben germanischer Traditionen im Mittelalter

Das Fortleben germanischer Traditionen im Mittelalter lässt sich nicht als einheitlicher, linearer Prozess beschreiben, sondern stellt sich als ein vielschichtiger, regional unterschiedlich ausgeprägter und von christlichen sowie römischen Einflüssen überformter Vorgang dar. Dennoch existieren zahlreiche Überlieferungsstränge, in denen sich Elemente germanischer Kultur, Brauchwelt und Rechtsvorstellungen auch nach der Christianisierung und Romanisierung der germanischen Nachfolgereiche erhalten haben.

Am nachhaltigsten überlebten germanische Traditionen in der Rechtsprechung, der Volkskultur, in überlieferten Brauchtumsformen und in der höfischen sowie volkssprachlichen Literatur. Besonders das germanische Stammes- und Volksrecht blieb bis ins hohe Mittelalter hinein wirksam. Frühmittelalterliche Rechtssammlungen wie die Lex Salica (der Salische Rechtskodex der Franken), die Lex Ripuaria, die Lex Alamannorum oder die Lex Saxonum bewahrten zahlreiche germanische Rechtsvorstellungen, etwa im Bereich des Sippenrechts, der Blutrache, des Wergeldsystems, des Thing-Gerichts oder der Eigentums- und Erbrechtsregelungen. Viele dieser Vorschriften wurden noch im Karolingerreich tradiert und später teilweise in karolingischen Kapitularien und regionalen Rechtsbüchern des Hochmittelalters integriert.

Ein weiteres zählebiges Element war das Gefolgschaftswesen, das sich aus der germanischen Gefolgschaftsordnung ableitete und unter den Karolingern in Form der Vasallität weiterlebte. Die persönliche Bindung eines Freien an einen mächtigen Herren, die im germanischen Gefolgschaftsideal durch Treue, Gefolgschaft im Krieg und Versorgung des Gefolgsmannes gekennzeichnet war, wurde in das feudale Lehnswesen des Mittelalters überführt, wobei allerdings die Rechtsform und soziale Ausgestaltung veränderte Ausprägungen annahm.

Auch im Bereich des Kriegswesens lassen sich Fortsetzungen erkennen. Die Waffenkultur und das Kriegerideal der Germanen beeinflussten noch die militärische Kultur des Hochmittelalters. Überlieferte Bezeichnungen wie der „Schwertvater“, der Initiationsritus der Waffengabe oder das Ehrenprinzip im Zweikampf fanden in ritterlichen Traditionen und Ehrenkodizes ihren Niederschlag.

In der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters, etwa im Nibelungenlied, in den Thidrekssagas und in Heldendichtungen wie dem Hildebrandslied oder den Erzählungen um Dietrich von Bern, überdauerten germanische Mythen, Sagenstoffe und Erzählmotive, die zum Teil aus vorchristlicher Zeit stammten, in christlich überformter Form. Die Sage von Siegfried dem Drachentöter, von den Burgunden und von den Goten und Langobarden enthält zahlreiche Traditionsreste germanischer Helden- und Sagenwelt.

Auch Feste und Brauchtümer zeigen Spuren älterer Traditionen. So enthalten etwa die Umzüge, Feuerbräuche und Fruchtbarkeitsrituale im Rahmen mittelalterlicher Jahreszeitenfeste und kirchlicher Feiertage Elemente, die auf vorchristlich-germanische Riten zurückgehen, etwa die Maifeierlichkeiten, Mittsommerfeuer oder die Rauhnächte.[177]

9. Germanische Völker (Germanische Stämme)

9.1. Beschreibung

Die germanischen Völker um das Jahr 50 n. Chr.
Bildliche Darstellung der germanischen Völker und ihrer Siedlungsgebiete im 1. Jahrhundert n. Chr. (Skandinavien wird in dieser Karte ausgelassen.)

Die germanischen Völker stellen eine Gruppe von Ethnien, Volksgruppen und Bündnissen dar, die in der Antike als Germanen bezeichnet wurden. Ihre überlieferten Quellen reichen vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis in die Spätantike. Mit den Staatenbildungen des Frühmittelalters endete weitgehend die Epoche, in der Völker oder Volkskönigtümer geschichtsprägend wirkten, ausgenommen Nordeuropa, wo die Vendelzeit (550–800 n. Chr.) und die anschließende Wikingerzeit bis etwa 1050 n. Chr. weiterhin im germanischen Kontext zu sehen sind.

Die genaue Einordnung der germanischen Völker in archäologische Funde und Kulturen sowie die Frage, ob sie als ethnisch einheitliche Gruppen mit gemeinsamer Kultur oder als lose Bündnisse unterschiedlicher Gemeinschaften zu betrachten sind, bleibt unsicher. Teilweise ist selbst nicht eindeutig zu bestimmen, ob diese Gruppen im sprachwissenschaftlichen Sinne tatsächlich Germanen waren, also germanische Sprachen sprachen.

Die Bezeichnungen der germanischen Völker sind daher nicht als moderne Ethnonyme zu verstehen, sondern spiegeln die Wahrnehmung der antiken Autoren wider. Sie bezeichnen Gemeinschaften, Verbände und Zusammenschlüsse, die im Barbaricum rechts des Rheins und nördlich der Donau lebten, auch als Germania magna bekannt, sowie jene Völker, die von dort abstammten und sich im Verlauf der Völkerwanderungszeit vor allem im Gebiet des weströmischen Reiches dauerhaft niederließen.

9.2. Bedeutung

In der politischen und gesellschaftlichen Struktur der germanischen Welt bildeten die Völker eine zentrale Grundlage. Jedes Volk verfügte über ein festes Siedlungsgebiet, das auch Angehörige anderer Ethnien umfassen konnte, etwa in eroberten Regionen. Innerhalb dieses Rahmens bestanden eine gemeinsame politische Organisation, eine einheitliche Rechtsordnung, eine gemeinsame Sprache sowie ein religiöses und kulturelles Selbstverständnis, das oft durch Mythen gemeinsamer Herkunft zum Ausdruck kam. Tatsächlich waren diese Gemeinschaften jedoch keineswegs dauerhaft stabil, sondern unterlagen ständiger Veränderung durch Vermischung, Neugründungen, Abwanderungen und Untergänge.

Erste ausführliche Darstellungen stammen von Tacitus, der eine weitgehend einheitliche germanische Kultur beschreibt, die sich von Rhein bis Weichsel und von der Nordsee bis zu Donau und Moldau erstreckte. Zusätzlich gab es germanische Siedlungen in Skandinavien, die er nicht behandelte. Nach seiner Darstellung gliederten sich die Völker in drei Hauptgruppen, wobei viele nicht in dieses Schema passten. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern zeigten sich vor allem in ihren Kultstätten, was nahelegt, dass sie zur Zeitenwende vor allem religiös geprägte Gemeinschaften waren. Diese kulturelle Gliederung findet auch in archäologischen Funden ihre Entsprechung.

Ab dem 2. Jahrhundert traten größere Zusammenschlüsse, die sogenannten Großvölker, als dominierende Kräfte auf. Sie wurden zu bedeutenden Gegnern Roms und bildeten die Grundlage der Reiche der Völkerwanderungszeit. In diesem Prozess löste sich die frühere kulturelle Einheit der Germanen auf, und die Bezeichnung „Germanen“ verschwand aus den antiken Quellen zugunsten der Namen einzelner Großvölker mit eigenen Traditionen. Dieser Wandel ging mit politischer Zentralisierung, militärischer Schlagkraft und sozialer Differenzierung einher. Persönlich geprägte Herrschaft, Land- und Beutegewinne sowie die Anpassung an römische Strukturen bestimmten diese Entwicklung, die zugleich instabil blieb und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen erforderte, um zu dauerhaften Staatsformen zu führen.

Ein wesentlicher Unterschied bestand zwischen den westlichen Großvölkern wie Franken und Alamannen, die erst ab dem 3. Jahrhundert historisch greifbar werden, und den östlichen Völkerm wie Goten, Vandalen, Herulern und Gepiden. Letztere entstanden nicht in direkter Nachbarschaft zum Römischen Reich, sondern tief im Hinterland, bevor sie in Wanderungsbewegungen an die Reichsgrenzen gelangten und dort in die politischen Strukturen integriert wurden.

9.3. Spätantike bis zum Frühmittelalter

Die in der Spätantike bekannten germanischen Großverbände existierten zur Zeit des Tacitus noch nicht in ihrer späteren Form. Namen wie Franken, Goten oder Burgunden tauchten erst in den Jahrhunderten nach der Zeitenwende auf und werden in den römischen Quellen ab dem 3. Jahrhundert fassbar. Dieser Wandel verlief zunächst weitgehend unbemerkt, weshalb antike Ethnographen nur selten darauf eingingen. Während Tacitus noch über vierzig verschiedene Völker aufführt, reduzierte sich deren Zahl im Laufe der Zeit auf einige wenige, die als neue politische und ethnische Einheiten zu den bisherigen hinzukamen. Kleinere Gruppen wie Warnen, Angeln, Jüten, Juthungen, Rugier oder Heruler bestanden weiterhin, oft als Teilverbände oder Untergruppen der größeren Zusammenschlüsse.

Zu den seit dem 3. Jahrhundert klar erkennbaren Großvölkern gehören unter anderem Alamannen, Burgunden, Franken, Goten, Gepiden, Langobarden, Markomannen, Sachsen, Thüringer, Angelsachsen und Vandalen.[178][179][180][181][182]

9.4. Betrachtung der Vielfalt der germanischen Völker hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die germanischen Völker bildeten in der Antike und im frühen Mittelalter keine einheitliche Nation, sondern eine Vielzahl eigenständiger Stammesverbände mit jeweils eigener Geschichte, Sprache, Kultur und politischer Struktur. Unter dem Begriff „Germanen“ fassten antike Autoren wie Tacitus, Plinius der Ältere oder Strabon diese Gruppen vor allem aus römischer Perspektive zusammen, wobei die Grenzen zwischen ethnischer Realität und römischer Fremdwahrnehmung oft verschwimmen. Innerhalb dieses weit gefassten Rahmens existierten zahlreiche Völker, darunter etwa die Cherusker, Sueben, Goten, Vandalen, Langobarden, Sachsen, Friesen oder Alemannen.

Was die germanischen Völker miteinander verband, war zunächst eine sprachliche und kulturelle Verwandtschaft. Die germanischen Sprachen, als Zweig der indogermanischen Sprachfamilie, weisen trotz regionaler Unterschiede eine gemeinsame sprachliche Grundstruktur und einen Kern gemeinsamen Wortschatzes auf. Daneben teilten die Völker gewisse religiöse Vorstellungen, die auf einer polytheistischen Götterwelt beruhten, in der Gottheiten wie Wodan (Odin), Donar (Thor) oder Tiwaz (Tyr) verehrt wurden. Auch bestimmte gesellschaftliche Strukturen wie das Thing, eine Volksversammlung zur Rechtsprechung und politischen Beratung, finden sich in vielen germanischen Gemeinschaften wieder. Ferner gab es ähnliche Kriegs- und Bündnistraditionen, die teils durch Heeresverbände, teils durch Stammesbünde Ausdruck fanden.

Trotz dieser verbindenden Elemente ist es aus historischer und wissenschaftlicher Sicht notwendig, die einzelnen germanischen Völker getrennt zu studieren. Zum einen entwickelten sie sich in unterschiedlichen geografischen Räumen, was zu erheblichen Unterschieden in Wirtschaft, Lebensweise und politischer Organisation führte. Die Nordgermanen etwa, Vorfahren der späteren Skandinavier, lebten in einem anderen klimatischen und wirtschaftlichen Umfeld als die Westgermanen im Gebiet des heutigen Deutschland oder die Ostgermanen, die weit in Richtung Schwarzmeerraum vordrangen. Zum anderen trugen Migrationen, Kriegszüge und Kontakte zu anderen Kulturen – darunter Römer, Kelten, Slawen und Hunnen – dazu bei, dass sich bei jedem Volk eigenständige kulturelle Ausprägungen und historische Entwicklungen herausbildeten.

Eine pauschale Betrachtung unter dem Oberbegriff „Germanen“ kann daher wichtige Details verschleiern. Nur durch die differenzierte Untersuchung einzelner Völker lassen sich die komplexen Wechselwirkungen zwischen internen Traditionen und externen Einflüssen nachvollziehen. Die Vielfalt der germanischen Völker ist somit sowohl ein Beleg für ihre gemeinsame kulturelle Basis als auch für die Dynamik und Eigenständigkeit ihrer jeweiligen Entwicklung, was ihre getrennte Betrachtung zu einem unerlässlichen Bestandteil der historischen Forschung macht.[183]

9.4.1. Liste germanischer Völker

Aufgrund der Vielfalt der germanischen Völker werden diese hier nicht einzeln in einer Liste aufgeführt. Eine Übersicht kann in der deutschsprachigen Wikipedia eingesehen werden:

9.5. Germanische Sprachen als Bindeglied der germanischen Völker

Karte der vorrömischen Kulturen in den Jahren 500 v. Chr. bis 50 v. Chr., die mit der Urgermanischen Sprache in Verbindung gebracht werden. Die frühe nordische Eisenzeit (rot) und die Jastorf-Kultur (rosa).
Die Verbreitung der germanischen Sprachen und Dialekte: Verbreitung bis 750 v. Chr. (rot) • Verbreitung bis 500 v. Chr. (orange) • Verbreitung bis 250 v. Chr. (gelb) • Verbreitung bis 1 n. Chr. (grün)

Die germanischen Sprachen wirkten über Jahrhunderte als zentrales Bindeglied zwischen den verschiedenen germanischen Völkern und trugen entscheidend zu deren kultureller und sozialer Identität bei. Obwohl innerhalb des germanischen Sprachraums zahlreiche regionale Dialekte und lokale Varianten existierten, verband die gemeinsame sprachliche Struktur die Stämme und erleichterte die Verständigung zwischen Gruppen wie den Goten, Vandalen, Franken, Sachsen oder Angeln. Diese sprachliche Gemeinsamkeit ermöglichte nicht nur den alltäglichen Austausch, sondern auch die Weitergabe von Mythen, Legenden, religiösen Vorstellungen, Rechtstraditionen und mündlichen Überlieferungen, die für die Bewahrung einer kollektiven Identität der Germanen von zentraler Bedeutung waren. Darüber hinaus erleichterte die gemeinsame Sprache politische und soziale Interaktionen, etwa in Form von Bündnissen, Handelsbeziehungen oder Kriegszügen, und schuf ein Gefühl kultureller Nähe, das die germanischen Völker trotz ihrer geographischen Verstreuung als zusammenhängendes kulturelles und ethnisches Gefüge erkennbar machte. Die germanischen Sprachen waren damit nicht nur Kommunikationsmittel, sondern zugleich Träger einer gemeinsamen kulturellen Welt, die das Fundament für die späteren Entwicklungen innerhalb der germanischen Gesellschaften bildete.[184]

9.5.1. Entwicklung der germanischen Sprachen
Erstes Blatt des Hildebrandsliedes[185], das in althochdeutscher Sprache verfasst wurde.

Die germanischen Sprachen entwickelten sich aus dem Ur- oder Prägermanischen, das sich etwa im ersten Jahrtausend v. Chr. aus dem Indogermanischen herausbildete. Aus diesem gemeinsamen Ausgangspunkt differenzierten sich über die Jahrhunderte verschiedene Zweige, darunter das Nordgermanische, das Westgermanische und das Ostgermanische. Das Ostgermanische, zu dem die Goten- und Vandalen-Sprache gehörte, erlosch bereits in der Spätantike, während das Westgermanische die Grundlage für Deutsch, Niederländisch, Englisch und weitere Sprachen bildete. Das Nordgermanische führte zu den skandinavischen Sprachen wie Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und Isländisch. Durch diese Entwicklung entstand ein eng verwandtes, aber regional differenziertes Sprachsystem, das die kulturelle und kommunikative Verbindung der germanischen Völker über Jahrhunderte hinweg sicherte.

Siehe auch:

10. Germanien (Germania)

10.1. Germania (Bezeichnung für den Lebens- und Siedlungsraum der germanischen Völker)

Der lateinische Begriff „Germania“, der eingedeutscht „Germanien“ bedeutet, bezeichnete von der Antike bis in die Spätantike[186] einen geographischen und ethnographischen Raum, der von den Römern zur Bezeichnung der Gebiete östlich des Rheins und nördlich der Donau verwendet wurde. Dabei handelte es sich nicht um eine politisch geeinte Region, sondern um ein weites, heterogenes Territorium, das von einer Vielzahl germanischer Völker[187] bewohnt wurde, die durch Sprache, Kultur und soziale Strukturen miteinander verbunden waren, jedoch keine zentrale Herrschaftsgewalt besaßen. In den römischen Quellen erscheint die Bezeichnung „Germania“ erstmals im 1. Jahrhundert v. Chr., insbesondere bei Gaius Iulius Caesar in dessen Commentarii de Bello Gallico, wo er die rechtsrheinischen Gebiete und ihre Bewohner beschreibt.[188] Unter Kaiser Augustus begann Rom, militärisch in dieses Gebiet vorzustoßen, wobei die Expansion mit der Varusschlacht[189] im Jahre 9 n. Chr. ein abruptes Ende fand. Fortan wurde der Rhein zur stabilen Grenze des Römischen Reiches, während das große Germanien („Germania magna“), das auch als freies Germanien („Germania libera“) bezeichnet wurde, außerhalb römischer Herrschaft blieb. Zugleich bildeten sich auf römischem Boden die Provinzen „Germania inferior“ und „Germania superior“, die eng mit den angrenzenden Stämmen in Austausch standen. In der Wahrnehmung der Römer war Germanien ein Land dichter Wälder, unwegsamer Landschaften und kriegerischer Völker, deren Lebensweise Tacitus in seiner ethnographischen Schrift Germania um das Jahr 98 n. Chr. beschrieb.[190] Die Bezeichnung „Germanien“ blieb über die Antike hinaus prägend und wurde zur Grundlage für die spätere historische und nationale Deutung der germanischen Völker.

10.1.1. Abwertende Bezeichnung „Babaricum“

Die römische Bezeichnung „Barbaricum“[191] für das Gebiet jenseits der Reichsgrenzen, insbesondere für Germanien, entspringt der antiken Unterscheidung zwischen der römischen Zivilisation und den als „barbarisch“[192] verstandenen Völkern. Ursprünglich stammt der Begriff „barbaros“ aus dem Griechischen und bezeichnete all jene, die nicht die griechische Sprache sprachen und daher als „unverständlich“ und „fremd“ wahrgenommen wurden. Die Römer übernahmen diesen Ausdruck und verwendeten ihn zunehmend, um Völker außerhalb ihrer kulturellen und politischen Ordnung zu kennzeichnen. Germanien, das von zahlreichen unabhängigen Stämmen bewohnt war, erschien aus römischer Perspektive als Inbegriff des Barbaricums, da es weder über Städte im römischen Sinne noch über eine einheitliche politische Struktur verfügte und die Gesellschaftsordnung als archaisch und unzivilisiert galt. Die Bezeichnung war somit nicht neutral, sondern Ausdruck eines kulturellen Gegensatzes. Hier das Römische Reich mit seiner städtischen, schriftlich geprägten Zivilisation, dort das unerschlossene „Land der Barbaren“, das jenseits der Limesgrenze lag. Gerade Germanien, das durch militärische Konfrontationen wie die Varusschlacht in das kollektive Gedächtnis Roms einging, wurde zu einem zentralen Schauplatz dieser Grenzziehung zwischen „zivilisiert“ und „unzivilisiert“.[193][194]

10.2. Germania (Lebens- und Siedlungsraum der germanischen Völker)

10.2.1. Germania romana
Germania romana in den Jahren 7–9 n. Chr.
Die in den Steinblöcken eingearbeitete Inschrift über dem Nordtor der Colonia.

Germania romana, lateinisch für Römisches Germanien, war eine zeitweilig etablierte Provinz des Römischen Reiches zwischen Rhein und Elbe. Zwischen den Jahren 12 v. Chr. und 6 n. Chr. führten römische Feldherren wie Drusus und Tiberius erfolgreiche Feldzüge gegen die Germanen durch, unterwarfen das Gebiet und stationierten dort drei Legionen. Zahlreiche Germanen dienten im römischen Militär, Steuern wurden erhoben, und Lager, Straßen sowie Städte entstanden, darunter der unvollendete Stadtkomplex bei Waldgirmes. Im Jahre 7 n. Chr. wurde Publius Quinctilius Varus erster ziviler Statthalter. Das Oppidum Ubiorum, Stadt der Ubier[195], später als Colonia[196] und dann als Köln bezeichnet, sollte Provinzhauptstadt werden.

Im Jahre 9 n. Chr. kam es zum Aufstand unter Arminius, der in der Varusschlacht zur Vernichtung von drei Legionen des römischen Heeres führte.[197] Tiberius und später Germanicus versuchten erfolglos die Rückeroberung, sodass der Rhein wieder zur Reichsgrenze wurde.

Im Jahre 89 n. Chr. entstanden die Provinzen Germania inferior und Germania superior. Colonia wurde Hauptstadt von Germania inferior, doch diese Gebiete lagen größtenteils bereits unter römischer Kontrolle und unterschieden sich vom ursprünglich geplanten Gebiet der Provinz Germania jenseits des Rheins.[198][199]

10.2.2. Germania magna
Germania magna
Germanien im frühen 2. Jahrhundert n. Chr.

Germania magna, auch „Großes Germanien“ genannt, bezeichnete in der Antike den den Römern bekannten, jedoch nur zeitweise und in Teilen besetzten Bereich des germanischen Siedlungsraumes. In der „Geographike Hyphegesis“ des Claudius Ptolemaios wird dieses Gebiet im Westen durch den Rhein, im Süden durch die Donau, im Norden durch das sogenannte „Germanische Meer“ (Nord- und Ostsee) und im Osten durch die Weichsel sowie das Karpatengebirge begrenzt. In der modernen Forschung wird seit dem 19. Jahrhundert auch der Begriff „Germania libera“ („Freies Germanien“) verwendet, um den nicht unter römischer Herrschaft stehenden Teil dieses Raumes zu kennzeichnen, wenngleich dieser Ausdruck in antiken römischen Quellen selbst nicht vorkommt.

Seit der Zeit Gaius Iulius Caesars betrachteten die Römer den Rhein als feste Grenze zwischen Gallien und Germanien, obwohl keltische Siedlungen beidseits des Flusses existierten. Der erste römische Kaiser Augustus verfolgte das Ziel, die Germania magna in das römische Imperium einzugliedern. Diese Expansionspolitik, die in den sogenannten augusteischen Germanenkriegen kulminierte, scheiterte entscheidend an der vernichtenden Niederlage in der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr., in der der Cheruskerfürst Arminius mit einem Bündnis germanischer Stämme drei römische Legionen unter Publius Quinctilius Varus vernichtete. Nach weiteren gescheiterten Rückeroberungsversuchen, unter anderem in den Feldzügen des Germanicus, befahl Kaiser Tiberius 16 n. Chr. den Abzug der römischen Truppen hinter die Rheinlinie.

Obwohl es auch danach militärische Operationen östlich des Rheins gab, wurde das Gebiet nicht mehr dauerhaft in die Reichsstruktur integriert. Archäologische Zeugnisse wie die römischen Stadtgründungen in Waldgirmes und Haltern, Militärlager in Lahnau-Dorlar, Olfen, Oberaden, Anreppen, Rödgen und Hedemünden sowie Münzfunde aus der Zeit des Varus deuten auf ein weitreichendes römisches Siedlungs- und Verwaltungskonzept hin. Einzelne Historiker wie Werner Eck vertreten die Auffassung, dass Germania magna um die Zeitenwende kurzfristig bereits als reguläre römische Provinz bestanden habe, die jedoch spätestens 16 n. Chr. aufgegeben wurde.

Das Scheitern der römischen Eroberung ermöglichte den germanischen Stämmen, insbesondere denjenigen, die tief im Binnenland siedelten, eine weitgehend eigenständige kulturelle Entwicklung, die erst mit den Umwälzungen der Völkerwanderungszeit tiefgreifend verändert wurde. Gleichwohl kam es in den Grenzregionen zwischen Rhein und Donau zu einem intensiven kulturellen Austausch, der nach heutigem Forschungsstand überwiegend friedlich verlief, auch wenn es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen kam.

Zu den bedeutendsten dieser Konflikte zählen neben der Varusschlacht auch der Markomannenkrieg (166–180 n. Chr.), bei dem römische Truppen über die Donau hinweg nach Böhmen und Bayern vordrangen. Im Verlauf des 3. Jahrhunderts verlor das Imperium das Dekumatland an die Alamannen und die Provinz Dakien an die Goten. Ab dem frühen 4. Jahrhundert setzte Rom zunehmend germanische Krieger in der Armee ein, insbesondere unter Kaiser Konstantin dem Großen. Diese sogenannten foederati standen nicht mehr in der regulären kaiserlichen Truppenordnung, sondern kämpften als Söldner unter eigenen Anführern.

Archäologische Funde zeigen, dass römische Militäraktionen in der Germania magna auch nach dem offiziellen Rückzug nicht vollständig eingestellt wurden. Ein besonders aufschlussreicher Fund ist das Schlachtfeld von Kalefeld-Wiershausen am Harz, das im Jahr 2008 als Schauplatz eines bislang unbekannten Gefechts aus dem 3. Jahrhundert identifiziert wurde. Die dort entdeckten römischen Waffen- und Ausrüstungsteile belegen, dass römische Truppen noch lange nach dem Ende der systematischen Eroberungsversuche tief in germanisches Gebiet vorstießen und dabei wesentlich weiter ins Landesinnere gelangten, als es die bisherige Forschung angenommen hatte. Diese Erkenntnisse stützen schriftliche Quellen, die bereits von fortgesetzten römischen Operationen im Gebiet der Germania magna berichten, und erweitern das Bild von der römisch-germanischen Interaktion in dieser Epoche erheblich.[200]

10.2.3. Germania inferior
Germania inferior

Anders als Germania magna war Germania inferior, das in der deutschen Übersetzung als „Niedergermanien“ bezeichnet wird, eine römische Provinz, die in der Antike den westlich des Rheins gelegenen Teil des niederrheinischen Raumes umfasste und in etwa die Gebiete des heutigen westlichen Nordrhein-Westfalen, der südlichen Niederlande und Ostbelgiens einschloss. Die Provinz hatte ihre Hauptstadt in Köln, das in der römischen Zeit den Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium trug. Die Entstehung der Provinz ist auf die militärischen und politischen Entwicklungen seit der Zeit des Kaisers Augustus zurückzuführen, der nach den Eroberungszügen seines Stiefsohnes Drusus im Jahre 12 v. Chr. die römische Herrschaft am Niederrhein festigte. Ursprünglich war das Gebiet als Teil der gallischen Provinzen militärisch organisiert und wurde von einem Statthalter mit Sitz in Köln verwaltet. Erst unter Kaiser Domitian wurde Germania inferior um 85 n. Chr. offiziell zur eigenständigen Provinz erhoben, parallel zur Einrichtung von Germania superior, dem „Obergermanien“.

Die römische Präsenz in Niedergermanien begann mit dem Aufbau eines dichten Netzes militärischer Stützpunkte entlang des Rheins, darunter die bedeutenden Legionslager Vetera bei Xanten, Novaesium bei Neuss und Bonna, das heutige Bonn. Diese Stützpunkte dienten nicht nur der Grenzsicherung gegenüber den germanischen Stämmen östlich des Rheins, sondern auch als Ausgangsbasis für militärische Operationen in das rechtsrheinische Gebiet. Eine einschneidende militärische Erhebung war der Bataveraufstand in den Jahren 69 und 70 n. Chr., der durch den batavischen Fürsten Iulius Civilis angeführt wurde. Dieser Aufstand, der sich gegen die römische Herrschaft richtete, führte zur zeitweiligen Aufgabe und Zerstörung mehrerer römischer Kastelle und Städte, konnte jedoch von den Römern niedergeschlagen werden. In der Folgezeit wurde die Provinz wiederaufgebaut und wirtschaftlich stabilisiert.

Ein wichtiges Zentrum entwickelte sich unter Kaiser Trajan mit der Gründung der Colonia Ulpia Traiana bei Xanten, die sich zu einer der bedeutendsten Städte am Niederrhein entwickelte. Über mehr als ein Jahrhundert erlebte Niedergermanien eine Phase relativer Stabilität und Prosperität, die erst ab der Mitte des 3. Jahrhunderts durch germanische Einfälle und innere Krisen des Imperium Romanum empfindlich gestört wurde. In dieser Zeit spielte auch das sogenannte Gallische Sonderreich unter Postumus eine Rolle, das zeitweise große Teile der westlichen Reichsprovinzen, einschließlich Niedergermaniens, kontrollierte. Die spätantiken Verwaltungsreformen unter Kaiser Diokletian führten schließlich zu einer Umbenennung und Neuordnung: Aus Germania inferior wurde Germania secunda, das weiterhin unter römischer Herrschaft blieb, bis die fränkische Expansion im 5. Jahrhundert die römische Herrschaft im niederrheinischen Raum beendete.

Wirtschaftlich war die Provinz von großer Vielfalt geprägt. Die fruchtbaren Lössböden des südlichen Rheinlandes erlaubten einen intensiven Getreideanbau, der sowohl die militärische Versorgung als auch den Export in andere Provinzen sicherte. Im nördlichen und sumpfigeren Teil dominierten Viehzucht und Weidewirtschaft. Neben der Landwirtschaft spielten der Abbau und die Verarbeitung von Bodenschätzen wie Eisenerz, Sandstein, Kalkstein und Ton eine wichtige Rolle, insbesondere für den Bau und die Keramikproduktion. Der Rhein fungierte als wichtigste Verkehrs- und Handelsader, über die Waren, Truppen und Informationen transportiert wurden. Ein dichtes Straßennetz verband die Städte, Militärlager und ländlichen Siedlungen, die als landwirtschaftliche Gutshöfe dienten, sowie kleinere zivile Siedlungen, die oft in unmittelbarer Nähe zu den Kastellen entstanden.

Die Städte Köln, Xanten, Nijmegen und Voorburg waren nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Zentren der Provinz. Sie besaßen Forum, Thermen, Tempel und Theater, die nach römischem Vorbild angelegt waren und den Einfluss der römischen Lebensweise im niedergermanischen Raum verdeutlichten. Der Niedergermanische Limes, die befestigte römische Grenzlinie entlang des Rheins, war mit einer Kette von Kastellen, Türmen und Zivilsiedlungen gesichert und wurde 2021 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen. Die Bevölkerung setzte sich aus einer Mischung einheimischer Stämme, wie den Ubiern, Batavern, Cugern und Sunukern, sowie aus Zuwanderern aus unterschiedlichen Regionen des Römischen Reiches zusammen. Diese ethnische Vielfalt spiegelte sich auch in der materiellen Kultur wider.

In der Bestattungssitte dominierte zunächst die Brandbestattung, bei der Asche und Beigaben in Urnen niedergelegt wurden. Ab dem 3. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Körperbestattung durch. Die archäologischen Funde umfassen reich ausgestattete Gräber mit Waffen, Schmuck, Keramik und Importwaren, die sowohl lokalen als auch überregionalen Handelsbeziehungen entstammten. Grabdenkmäler und monumentale Steinsarkophage belegen den Wohlstand einzelner Schichten und die Integration römischer Repräsentationsformen. Die religiöse Landschaft der Provinz war vielfältig: Neben den offiziellen römischen Staatsgöttern wie Jupiter, Mars und Minerva wurden lokale Gottheiten wie die Matronen verehrt. Hinzu kamen orientalische Kulte wie der Mithras-Kult oder der Isis-Kult, die durch Soldaten und Händler in die Region gelangten. Ab dem 4. Jahrhundert lässt sich schließlich auch das Christentum im niedergermanischen Raum nachweisen.[201]

10.2.4. Germania superior
Germania superior

Wie Germania inferior war Germania superior (Obergermanien) ebenfalls eine römische Provinz, jedoch am Oberrhein, die spätestens im Jahr 90 n. Chr. offiziell eingerichtet wurde und bis zum Ende des 3. Jahrhunderts bestand, ehe sie in kleinere Verwaltungseinheiten aufgeteilt wurde. Ihr Territorium umfasste große Teile des heutigen Südwestdeutschlands, der Nordschweiz sowie Ostfrankreichs, einschließlich des Dekumatlands. Der Verwaltungssitz befand sich in Mogontiacum, dem heutigen Mainz. Die Entstehung der Provinz geht auf die Feldzüge unter Augustus zurück, in deren Folge die linksrheinischen Gebiete unter römische Kontrolle gelangten. Zunächst wurde das Gebiet militärisch verwaltet, bevor es in eine reguläre Provinz überführt wurde. Durch den Ausbau des Limes und die zeitweilige Ausweitung auf rechtsrheinisches Gebiet gewann die Provinz an Fläche und strategischer Bedeutung. Ihre Lage an einer unsicheren Reichsgrenze führte dazu, dass sie stark militarisiert war. Die in Obergermanien stationierten Legionen stellten nicht nur einen wichtigen Schutzfaktor dar, sondern konnten auch im inneren Machtgefüge des Römischen Reiches eine Rolle spielen, da sie von hier aus schnell nach Italien verlegt werden konnten.

In der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts ging das Dekumatland infolge militärischer Rückzüge verloren, und die Grenze wurde wieder an Rhein und Donau zurückverlegt. Unter Kaiser Diokletian erfolgte nach 297 die Teilung in die Provinzen Germania prima im Norden und Maxima Sequanorum im Süden, die beide in die Diözese Gallien mit der Metropole Trier eingebunden waren. Die römische Herrschaft endete im frühen 5. Jahrhundert, als germanische Gruppen wie Burgunden, Alamannen und schließlich die Franken das Gebiet übernahmen. Unter Chlodwig I. wurde die Germania prima schrittweise in fränkisches Königsgut umgewandelt.

Die Siedlungsstruktur war geprägt von einer engen Verzahnung zwischen Militär und Zivilbevölkerung. Wichtige Garnisonen befanden sich unter anderem in Mainz, Straßburg und Vindonissa. Neben den militärischen Lagern entwickelten sich im Hinterland Verwaltungseinheiten mit einem Hauptort und einem zugehörigen Verwaltungsgebiet. Links des Rheins blieben viele dieser Städte wie Worms und Speyer kontinuierlich bewohnt, während im rechtsrheinischen Gebiet römische Präsenz meist nur bis ins 3. Jahrhundert bestand. Kleinere zivile Siedlungen entstanden häufig an Straßenkreuzungen oder als Handwerks- und Handelsplätze, ergänzt durch zahlreiche Landgüter, die oft hohen Wohnkomfort boten und vor allem der Versorgung des Heeres dienten. Die Bevölkerung setzte sich aus römischen Bürgern, ansässigen Germanen und im Dekumatland auch aus einer keltisch-germanischen Mischbevölkerung zusammen, was zu einer kulturellen Durchmischung in der Region führte.[202]

10.2.5. Germania prima und Germania secunda
Germania prima (Germania I) und Germania secunda (Germania II) mitten in den anderen Provinzen des Römischen Reiches.
10.2.5.1. Germania prima

Die Germania prima, auch Germania I genannt, war eine römische Provinz der Spätantike, die im Jahr 297 im Rahmen der Verwaltungs- und Militärreformen Kaiser Diokletians aus der älteren Provinz Germania superior gebildet wurde. Diese Abspaltung erfolgte im Zuge einer Neuordnung, bei der der südlich von Straßburg gelegene Teil zur neuen Provinz Sequania (später Maxima Sequanorum) mit der Hauptstadt Besançon wurde, während die nördlich von Straßburg gelegenen Gebiete am Rhein als Germania prima mit der bisherigen Hauptstadt Mogontiacum (Mainz) fortbestanden. Die Provinz gehörte zur Diözese Gallien, die Teil der übergeordneten Präfektur Gallien und Britannien war. Die zivile Verwaltung lag in den Händen eines Statthalters, der dem Vicarius der Diözese und dem Prätorianerpräfekten in Trier unterstand. Die militärische Sicherung wurde zunächst von römischen Befehlshabern wie dem Dux Germaniae primae, dem Dux Mogontiacensis in Mainz und dem Comes tractus Argentoratensis in Straßburg organisiert. Im Verlauf des späten 5. Jahrhunderts ging die Kontrolle zunehmend auf fränkische Verbündete über, deren Anführer, darunter auch Chlodwig I., um 482 als Administratoren der Germania prima fungierten.[203]

10.2.5.2. Germania secunda

Die Germania secunda, auch Germania II genannt, war eine römische Provinz der Spätantike, die aus der früheren Germania inferior hervorging. Diese war im späten 1. Jahrhundert n. Chr. aus einem vormals militärisch verwalteten Grenzgebiet Galliens am Niederrhein entstanden und von Gallia Belgica durch die Mündung der Schelde getrennt. Im frühen 4. Jahrhundert wird Germania secunda im römischen Staatshandbuch Notitia Dignitatum als Provinz am unteren Rhein beschrieben. Die Verwaltung lag in den Händen eines Statthalters mit Sitz in Colonia Claudia Ara Agrippinensium, dem heutigen Köln.[204]

10.3. Teutoburgiensis saltu (Teutoburger Wald vor etwa 2000 Jahren)

Der Teutoburgiensis saltu[205][206], den römische Autoren wie Velleius Paterculus und Tacitus im Zusammenhang mit den Ereignissen des frühen ersten Jahrhunderts nach Christus erwähnten, bezeichnete eine ausgedehnte Wald- und Mittelgebirgslandschaft im Grenzraum zwischen römisch beherrschtem Gallien und den germanischen Stammesgebieten östlich des Rheins. Vor etwa zweitausend Jahren war diese Region nicht im modernen Sinne als ein klar begrenztes Waldgebiet definiert, sondern vielmehr ein komplexes Mosaik aus dichten Buchen- und Eichenwäldern, Mooren, Flussniederungen und kleineren Lichtungen, die durch bäuerliche Nutzung oder natürliche Rodung entstanden waren. Archäobotanische Analysen deuten darauf hin, dass der Landschaftscharakter durch einen hohen Anteil alter Laubwaldbestände geprägt war, die den germanischen Siedlungsgruppen sowohl Schutz als auch Ressourcen boten.

Die strategische Bedeutung des Teutoburgiensis saltu für die Römer ergab sich aus seiner Funktion als naturräumliches Hindernis und als Durchzugsgebiet, das militärische Operationen erschwerte. Der Wald lag an der Schnittstelle wichtiger Verbindungswege von der Rheinebene ins Innere Germaniens. Archäologische Funde, insbesondere in Kalkriese, werden heute vielfach mit der sogenannten Varusschlacht in Verbindung gebracht, die im Jahre 9 nach Christus in diesem Gebiet stattgefunden haben soll. Auch wenn die genaue Lokalisierung weiterhin Gegenstand der Forschung ist, steht außer Frage, dass der Wald in den römischen Quellen als ein mythisch aufgeladener und gefürchteter Ort galt, der die Macht römischer Waffen infrage stellte.

Für die germanischen Stämme, insbesondere die Cherusker, bildete der Wald ein vertrautes Terrain, das nicht nur als Lebensraum, sondern auch als Rückzugs- und Verteidigungsgebiet diente. Zeitgenössische römische Berichte betonen die Unübersichtlichkeit und Wildheit des Geländes, was der römischen Militärmaschinerie ihre gewohnte Disziplin und taktische Überlegenheit nahm. In der römischen Erinnerung wurde der Teutoburgiensis saltu somit zum Symbol des Widerstands der Germanen gegen die Expansion des Römischen Reiches und stand in enger Verbindung mit der Gestalt des Arminius, der als Anführer der germanischen Koalition gegen Rom auftrat.

Der Teutoburger Wald war um die Zeitenwende weniger ein klar umrissener Naturraum, sondern vielmehr ein kulturhistorisch aufgeladener Schauplatz, der in der antiken Wahrnehmung die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis markierte und zugleich in der deutschen Geschichtsschreibung späterer Jahrhunderte eine mythische Deutung erhielt.

10.3.1. Wissenschaftliche Forschung zur Bewaldung des Teuteburger Waldes vor etwa 2000 Jahren

Der Teutoburger Wald, wie er heute besteht, unterscheidet sich in mancher Hinsicht deutlich von seiner Erscheinung zur Zeit der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr., weist jedoch auch grundlegende Kontinuitäten auf. Archäologische und paläoökologische Untersuchungen, darunter Pollenanalysen und Bodenproben, deuten darauf hin, dass der Wald bereits in der Antike überwiegend aus Laubwäldern mit Eichen, Buchen und weiteren einheimischen Baumarten bestand. Diese Vegetation bildete ein dichtes Kronendach und ein enges Unterholz, das die Bewegung großer Truppenkontingente erheblich erschwerte.

Römische Quellen wie Tacitus und Velleius Paterculus berichten, dass die Legionen unter der Führung von Varus beim Marsch durch den Teutoburger Wald auf extreme Hindernisse stießen. Der dichte Wald zwang die römischen Truppen dazu, Wege freizuschlagen, Bäume zu fällen und Unterholz zu entfernen, um das schwer beladene Heer und die Artillerie zu bewegen. Die beschriebene Schwierigkeit der Durchquerung und die Notwendigkeit, sich Wege zu schaffen, verdeutlichen, dass der Wald damals wesentlich unerschlossener war als heute.

In der Gegenwart ist der Teutoburger Wald durch Jahrhunderte der Nutzung, Rodung, Aufforstung und modernen Forstwirtschaft geprägt. Viele ursprüngliche Baumarten sind zwar weiterhin vorhanden, jedoch ist die Waldstruktur in Teilen aufgelockert, Wege und Straßen durchziehen den Wald, und die menschliche Nutzung hat das Landschaftsbild verändert. Dennoch lassen sich in geschützten Bereichen, insbesondere rund um den Fundort Kalkriese, Aspekte der ursprünglichen dichten Waldvegetation erkennen. Diese Bereiche vermitteln einen Eindruck davon, wie das Gelände vor nahezu zwei Jahrtausenden ausgesehen haben könnte.

Insgesamt zeigt der Vergleich zwischen damals und heute, dass der Teutoburger Wald trotz signifikanter Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte in wesentlichen Punkten – insbesondere in Bezug auf die dominierenden Baumarten und die Grundstruktur eines Laubwaldes – Kontinuität aufweist. Für das Verständnis der Varusschlacht ist dieser Kontext entscheidend, da die dichte Vegetation und das schwierige Gelände die strategischen Bedingungen für die Römer stark beeinflussten und den Germanen unter Arminius einen entscheidenden Vorteil verschafften. Der heutige Wald ermöglicht durch seine konservierten Areale einen anschaulichen Bezug zur historischen Landschaft, während moderne Veränderungen die ursprünglichen Hindernisse für Truppenbewegungen abgeschwächt haben.[207]

II. Kapitel: Wissenschaftliche Disziplinen und Forschungsfelder zur Erforschung der Germanen, der germanischen Völker und des Lebensraumes Germanien

1. Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie

Die Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie ist ein Teilgebiet der Archäologie, das sich mit der Erforschung der Menschheitsgeschichte von ihren Anfängen bis zum Übergang in die historische Zeit befasst. Sie untersucht jene Epochen, für die noch keine oder nur sehr wenige schriftlichen Quellen existieren, und erschließt Wissen vor allem durch die Auswertung materieller Hinterlassenschaften wie Siedlungen, Werkzeuge, Waffen, Schmuck, Gräber und Kultplätze. Der Begriff „Urgeschichte“ bezieht sich dabei auf die ältesten Zeiträume der Menschheitsentwicklung, von den Anfängen der Steinzeit bis zum Beginn der Metallzeiten, während „Frühgeschichte“ jene Epochen umfasst, in denen bereits erste schriftliche Zeugnisse oder Kontakte zu schriftführenden Kulturen vorliegen, die jedoch noch nicht als Teil der voll entwickelten Geschichtsschreibung gelten.[208][209][210][211]

1.2. Grabungsforschung und Siedlungsarchäologie[212]

Die moderne ur- und frühgeschichtliche Archäologie hat in den vergangenen Jahrzehnten durch großflächige Grabungen, systematische Fundkartierungen und naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden wie Dendrochronologie, Radiokarbon-Datierungen und Isotopenanalysen ein ausgesprochen differenziertes Bild der germanischen Kulturen und Gesellschaften im nördlichen Mitteleuropa und Südskandinavien gezeichnet. Besonders die Grabungsforschung zu Gräberfeldern und Siedlungsplätzen hat dabei zentrale Erkenntnisse zur Sozialstruktur, Wirtschaftsweise und kulturellen Entwicklung der germanischen Gruppen hervorgebracht und ermöglicht es, deren Wandel in der vorrömischen Eisenzeit, römischen Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit präzise nachzuvollziehen.

Die archäologischen Untersuchungen großer Gräberfelder aus der vorrömischen Eisenzeit zeigen bereits eine deutlich erkennbare soziale Differenzierung innerhalb der Gesellschaften. Unterschiede in der Beigabensitte, etwa durch Waffenbeigaben in Männergräbern und Schmuck in Frauenbestattungen, geben Hinweise auf Geschlechterrollen, soziale Hierarchien und regional verschiedene Bestattungsriten. Besonders reich ausgestattete Gräber wie jene von Oberesch im Saarland, Fallward in Niedersachsen oder Leuna in Sachsen-Anhalt lassen auf eine bereits in der frühen Eisenzeit gegliederte Gesellschaft mit einer herausgehobenen Krieger- und Adelsschicht schließen. In der römischen Kaiserzeit verdichten sich die archäologischen Spuren weiter. Gräberfelder aus dieser Epoche, etwa in Liebenau, zeigen eine noch ausgeprägtere soziale Hierarchisierung, sichtbar in Gefolgschafts- und Elitegräbern mit prunkvollen Waffenbeigaben, Importstücken aus dem Römischen Reich sowie aufwendig gearbeiteten Schmuckstücken.

Blick auf das Thorsberger Moor.

Ein grundlegendes Ergebnis der Grabungsforschung ist der Wandel der Bestattungsriten, der archäologisch über die Jahrhunderte präzise zu verfolgen ist. Während die Brandbestattung im Urnenfriedhof bis zur frühen Kaiserzeit dominierte, setzte ab dem späten 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. in vielen Regionen allmählich ein Übergang zur Körperbestattung ein. Diese Veränderung wird von der modernen Forschung sowohl mit tiefgreifenden religiösen Umbrüchen, unter anderem der beginnenden Christianisierung, als auch mit einer bewussten Abgrenzung von römischen und romanisierten Bestattungssitten in Verbindung gebracht. Besonders eindrucksvoll sind hierbei die sogenannten Mooropferfunde aus Thorsberg, Nydam, Illerup Ådal oder Vimose, in denen ganze Waffensätze, Schiffe, Kleidung und gelegentlich auch menschliche Opfer niedergelegt wurden. Diese Orte, die als rituelle Heiligtümer genutzt wurden, bieten ein einmaliges Bild germanischer Kult- und Kriegsbräuche und dokumentieren das Beutewesen und die Opferpraxis der Gefolgschaftskrieger.

Ein grundlegendes Ergebnis der Grabungsforschung ist der Wandel der Bestattungsriten, der archäologisch über die Jahrhunderte präzise zu verfolgen ist. Während die Brandbestattung im Urnenfriedhof bis zur frühen Kaiserzeit dominierte, setzte ab dem späten 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. in vielen Regionen allmählich ein Übergang zur Körperbestattung ein. Diese Veränderung wird von der modernen Forschung sowohl mit tiefgreifenden religiösen Umbrüchen, unter anderem der beginnenden Christianisierung, als auch mit einer bewussten Abgrenzung von römischen und romanisierten Bestattungssitten in Verbindung gebracht.

Besonders eindrucksvoll sind hierbei die sogenannten Mooropferfunde aus Thorsberg, Nydam, Illerup Ådal oder Vimose, in denen ganze Waffensätze, Schiffe, Kleidung und gelegentlich auch menschliche Opfer niedergelegt wurden. Diese Orte, die als rituelle Heiligtümer genutzt wurden, bieten ein einmaliges Bild germanischer Kult- und Kriegsbräuche und dokumentieren das Beutewesen und die Opferpraxis der Gefolgschaftskrieger.

Die Siedlungsarchäologie hat durch zahlreiche Ausgrabungen und geophysikalische Untersuchungen das Bild vom Alltagsleben der Germanen erheblich präzisiert. Typisch für die germanischen Siedlungen waren rechteckige Langhäuser, die Wohn- und Stallteil unter einem Dach vereinten. Beispiele wie Feddersen Wierde an der niedersächsischen Nordseeküste, Groß Strömkendorf bei Wismar oder Bentumersiel bei Lingen zeigen, dass diese Höfe meist zu kleinen Dörfern zusammengefasst waren, wobei größere Hofanlagen und zentrale Speicherbauten archäologisch auf eine differenzierte soziale Struktur und eine stabile landwirtschaftliche Grundlage verweisen.

Funde von Webgewichten, Mühlsteinen und Eisenverhüttungsplätzen belegen eine eigenständige und vielfältige Wirtschaftsweise, die auf Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Metallverarbeitung basierte.

Darüber hinaus liefern zahlreiche Importfunde, etwa römische Gläser, Bronzekessel, Münzen und Keramik, aus germanischen Siedlungen wie Manching oder Oberesch archäologische Belege für intensive wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zwischen den germanischen Gruppen und dem Römischen Reich. Die durch den Fernhandel erlangten Güter dienten vielfach als Prestigebesitz und Ausdruck sozialen Ranges, was sich besonders in der Ausstattung herausragender Kriegergräber manifestiert.

Die Siedlungsmobilität, ein weiteres zentrales Ergebnis der modernen Archäologie, zeigt sich in der Aufgabe und Neugründung von Siedlungen, oft aus Gründen der Bodenerschöpfung, sicherheitspolitischer Erwägungen oder infolge sozialer und politischer Prozesse. So lassen sich im archäologischen Befund der Völkerwanderungszeit vielfach neue Siedlungsschwerpunkte nachweisen, während ältere Plätze verlassen wurden.

Die ur- und frühgeschichtliche Archäologie hat darüber hinaus durch naturwissenschaftliche Analysen neue Erkenntnisse zu Mobilität, Herkunft und Lebensweise der germanischen Bevölkerung gewonnen. Isotopenanalysen ermöglichen es beispielsweise, Wanderungsbewegungen einzelner Individuen nachzuweisen, während bioarchäologische Untersuchungen an Skelettmaterial Rückschlüsse auf Ernährung, Krankheit und Körperbau erlauben.[213][214]

1.2.1. Archäologische Entdeckung einer germanischen Siedlung (Beispiel)

Die zufällige Entdeckung einer bislang unbekannten germanischen Siedlung bei Klein Köris in der Mark Brandenburg im Jahr 1976 erfolgte im Zuge von Erdarbeiten, die archäologische Aufmerksamkeit erregten und zu einer systematischen Untersuchung des Areals führten. In den darauffolgenden fast zwei Jahrzehnten, bis zum Jahr 1995, wurden etwa drei Viertel der gesamten Siedlungsfläche freigelegt. Ein besonders hoher Grundwasserspiegel trug wesentlich zur außergewöhnlich guten Erhaltung organischer Materialien bei, darunter Holzobjekte, Bauteile und andere empfindliche Fundstücke. Diese hervorragende Erhaltungsqualität ermöglichte eine präzise Rekonstruktion der Siedlungsstruktur, des alltäglichen Lebens sowie der handwerklichen Tätigkeiten der damaligen Bewohner.

Die Siedlung bestand aus ebenerdigen Wohnstallhäusern, die Wohn- und Stallbereich kombinierten und in ihrem Wohnteil über Herdstellen sowie gestampfte Lehmfußböden verfügten. Für handwerkliche Arbeiten, insbesondere das Spinnen, Weben und andere Formen der Textilverarbeitung, wurden Grubenhäuser genutzt, die in den Boden eingetieft waren und somit ein stabiles, witterungsgeschütztes Arbeitsumfeld boten. Die Besiedlung erstreckte sich über einen Zeitraum vom 2. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. und unterlag in dieser Zeit einem kontinuierlichen Wandel, bei dem ältere Gebäude verfielen und durch neue ersetzt wurden.

Die materielle Hinterlassenschaft der Siedlung umfasst vor allem dunkle Verfärbungen im Sand, Keramikscherben, Tierknochen, Metallgegenstände sowie eine Vielzahl von organischen Überresten. Die wirtschaftliche Grundlage der Gemeinschaft bildeten Ackerbau und Viehzucht, die durch Jagd und Fischfang ergänzt wurden. Rohstoffe wie Eisen, Knochen, Geweih, Holz und Tierhäute wurden vor Ort zu Werkzeugen, Kleidungsstücken und anderen Gebrauchsgegenständen verarbeitet. Besondere Bedeutung kommt dem Nachweis eines ortsansässigen Feinschmieds zu, der Bronze verarbeitete und daraus Trachtschmuck, Nähnadeln und weitere hochwertige Objekte herstellte.

Importierte Schmuck- und Keramikfunde lassen auf weitreichende Kontakte der Siedlung schließen, die vermutlich durch Handel oder Tauschbeziehungen zustande kamen. Diese Funde belegen, dass die Bewohner nicht isoliert lebten, sondern in ein überregionales Austauschsystem eingebunden waren. Erste Ergebnisse der Ausgrabungen wurden bereits in mehreren Vorberichten einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Die umfassende wissenschaftliche Gesamtauswertung der Funde und Befunde ist jedoch erst im Anfangsstadium und verspricht weiterführende Erkenntnisse zur Siedlungsarchäologie der germanischen Kaiserzeit.[215]

1.3. Sachkultur, Waffen, Schmuck und Hausbau

1.3.1. Materielle Kultur

Die materielle Sachkultur[216] der germanischen Völker ist vorrangig über Bodenfunde erhalten geblieben und vermittelt ein Bild der Alltags- und Wirtschaftsgegenstände, die in bäuerlichen Siedlungen und Gräbern des 1. bis 5. Jahrhunderts n. Chr. entdeckt wurden. Charakteristisch sind dabei einfache Keramikgefäße, die zumeist handgeformt und nur selten auf der Töpferscheibe gedreht wurden. Die Keramik variiert regional deutlich, weist jedoch überregionale Merkmale auf, etwa die häufige Verwendung von grafithaltigem Ton. Daneben gehören eisernen Werkzeuge, Spinnwirtel, Webgewichte und Messer zum standardmäßigen Inventar der Siedlungen. Grabfunde zeigen eine enge Verbindung von Sachkultur und Bestattungssitten, wobei Beigaben Rückschlüsse auf soziale Stellung und Geschlechterrollen innerhalb der Gemeinschaft erlauben. In der jüngeren römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit ist eine deutliche Zunahme importierter Gegenstände aus römischen und provinzialrömischen Werkstätten nachweisbar, die sich durch charakteristische Typen wie Glasgefäße und Terra sigillata auszeichnen.[217]

1.3.2. Waffen
Vier merowingerzeitliche Saxe – einschneidige Hiebwaffen in verschiedenen Ausführungen.

Die Bewaffnung der Germanen war von herausragender Bedeutung für das Selbstverständnis der Kriegergesellschaften und stellt eine der am besten erhaltenen Fundgruppen dar. Die archäologischen Funde umfassen Schwerter, Lanzenspitzen, Pfeilspitzen und Schildbestandteile, die überwiegend in Gräbern und Mooropferplätzen zutage traten. Im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. dominierten ein- und zweischneidige Schwerter vom Typ spatha, während später die Kurzschwerter seax in verschiedenen Formen an Bedeutung gewannen. Lanzenspitzen bilden die häufigste Waffenart und sind in zahlreichen Varianten erhalten, was auf eine differenzierte Verwendung im Kampf hinweist. Schilde bestanden aus organischen Materialien wie Holz und Leder, deren Eisenschildbuckel jedoch regelmäßig im Boden erhalten blieben. Waffenfunde aus Mooropferplätzen wie Nydam oder Thorsberg zeugen von kultischen Praktiken und der symbolischen Bedeutung der Waffen als Ausdruck von Macht und Status.[218]

1.3.3. Schmuck
Germanischer Schmuck
Eine gotische Adlerfibel, die im Museo Arqueológico Nacional in Madrid (Spanien) ausgestellt ist.

Der Schmuck der germanischen Völker war nicht nur Zierde, sondern Ausdruck sozialer Identität, ethnischer Zugehörigkeit und religiöser Symbolik. Die Funde umfassen Fibeln, Arm- und Halsringe, Ohrringe, Perlenketten sowie Gürtelbeschläge und Amulette. Fibeln, die Kleidungsstücke zusammenhielten, zeigen eine bemerkenswerte Formenvielfalt und Typenentwicklung. Vom 1. bis zum 5. Jahrhundert lassen sich regionale Stilrichtungen wie die nordische Tierornamentik oder der südostgermanische Bügelknopffibelstil nachweisen. Materialien reichten von Bronze und Eisen über Silber bis hin zu Gold, wobei besonders reich ausgestattete Gräber der Völkerwanderungszeit mit mehrgliedrigen Goldhalsringen und Edelsteinfibeln hervortreten. Moorfunde und Hortdepots liefern wichtige Belege für Schmuckstücke in rituellem Zusammenhang, die möglicherweise als Opfergaben niedergelegt wurden.[219][220]

1.3.4. Hausbau
Rekonstruiertes germanisches Dorf gemäß archäologischer Funde an dieser Stelle in Geismar (Fritzlar).
Das Jernalderhus ist die Rekonstruktion eines eisenzeitlichen Hauses um das Jahr 400 n. Chr. im Moesgaard-Museum bei Aarhus in Dänemark.

Der Hausbau der germanischen Siedlungen ist primär über Pfostenlöcher, Gräbchen, Wandgräben und Bodenverfärbungen archäologisch fassbar. Die Grundrisse belegen eine klare Gliederung in Wohn- und Wirtschaftsteile, wobei das sogenannte langhausartige Wohnstallhaus in Mitteleuropa dominierte. Diese Langhäuser waren in der Regel rechteckig und zwischen 10 und 40 Meter lang, bestanden aus Holz und Lehmflechtwänden und besaßen ein mit Rasen, Stroh oder Holzschindeln gedecktes Dach. Innerhalb des Gebäudes waren Stallungen und Wohnbereiche räumlich voneinander getrennt, was die zentrale Rolle der Viehhaltung in der germanischen Wirtschaft unterstreicht. Daneben gab es kleinere Grubenhäuser mit eingelassenem Fußboden und leichten Aufbauten, deren Funktion als Web- oder Vorratshäuser diskutiert wird. Neuere Ausgrabungen zeigen, dass germanische Siedlungen komplexe Gehöfte mit mehreren Nebengebäuden umfassten.[221][222][223][224]

1.4. Probleme und Methoden der Datierung

Die Datierung germanischer Funde stellt die Archäologie vor besondere Herausforderungen, da zeitgenössische schriftliche Quellen fehlen und die materielle Kultur regional wie zeitlich stark differenziert ist. Hinzu kommt, dass Fundkontexte häufig gestört wurden oder importierte Objekte wie römische Münzen und Gefäße über längere Zeiträume im Umlauf waren, was ihre zeitliche Einordnung erschwert. Die wichtigsten Methoden sind die Typologie, bei der Funde nach Form und Stil in Entwicklungsreihen eingeordnet werden, sowie die Stratigraphie, die auf der Schichtabfolge beruht. Ergänzt wird dies durch absolute Datierungsverfahren wie die C14-Radiokarbonmethode[225] für organisches Material und Dendrochronologie für Holzfunde. Numismatische Analysen und archäometrische Verfahren wie Isotopen- oder Metallanalysen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Problematisch bleibt vor allem die Unsicherheit bei der Datierung von Importstücken und die oft nur relative Zeitstellung durch typologische Vergleiche.[226]

2. Historische Quellenkunde mit kritischer Betrachtung und Interpretation

Die Historische Quellenkunde ist eine historische Grunddisziplin, die sich mit der systematischen Erfassung, Klassifizierung, Analyse und kritischen Bewertung von Quellen beschäftigt, welche zur Erforschung der Vergangenheit herangezogen werden. Sie bildet damit eine methodische Grundlage der Geschichtswissenschaft, indem sie die verschiedenen Arten historischer Überlieferungen – etwa schriftliche, mündliche, bildliche, archäologische oder materielle Zeugnisse – untersucht und deren Aussagekraft, Entstehungskontext, Überlieferungsgeschichte und mögliche Verzerrungen kritisch reflektiert.[227]

2.1. Antike und frühmittelalterliche Autoren

Die Texte antiker und frühmittelalterlicher Autoren sind für das Verständnis der Kultur der Germanen von grundlegender Bedeutung, da sie die einzigen zeitnahen schriftlichen Überlieferungen darstellen, in denen germanische Stämme, ihre Gesellschaftsformen, religiösen Vorstellungen, Rechtsbräuche und politischen Strukturen beschrieben werden. In der Quellenkunde gelten sie als primäre historische Zeugnisse, die – trotz ihres oft fremdkulturellen Blickwinkels und politisch-literarischer Zielsetzungen – unverzichtbare Informationen liefern, die sich mit den archäologischen Befunden wechselseitig ergänzen und kritisch abgleichen lassen.

Besondere Bedeutung kommt dabei Autoren wie Tacitus, Caesar, Strabon, Plinius des Älteren, Ptolemaios oder Jordanes zu. Ihre Berichte vermitteln Vorstellungen von germanischen Sitten, Kriegsführung, Stammesverfassungen und religiösen Praktiken, wenngleich stets im Bewusstsein ihrer römischen bzw. spätantiken und frühmittelalterlichen Perspektive und Absicht zu lesen. Die Texteditionen und quellenkritischen Untersuchungen dieser Werke sind in der Germanenforschung deshalb zentrale Arbeitsmittel. Sie liefern Erkenntnisse über die ethnische Selbst- und Fremdwahrnehmung und die politischen Konstellationen an der Peripherie des Imperium Romanum.[228]

In der Quellenkunde wird dabei großer Wert auf die Textüberlieferungsgeschichte, die handschriftliche Überlieferung, spätere Abschriften und Kommentierungen sowie auf den historischen Kontext der Entstehung dieser Schriften gelegt. Moderne Texteditionen stellen die überlieferten Fassungen kritisch zusammen, bewerten Textvarianten und bieten Übersetzungen mit Kommentaren, um den historischen Aussagewert der Quellen einordnen zu können. Die archäologische Forschung nutzt diese Texte als narrative Ergänzung zu den materiellen Befunden und als Grundlage für die Rekonstruktion germanischer Glaubens- und Gesellschaftsstrukturen.[229]

2.2. Wissenschaftliche Interpretation und kritische Kommentierung antiker Texte

Die moderne Wissenschaft betrachtet sämtliche antiken Schriftquellen über die Germanen – also nicht nur Tacitus’ Germania, sondern auch Caesars Commentarii de bello Gallico, die geographischen und ethnographischen Werke von Plinius dem Älteren, Strabon, Poseidonios, Cassius Dio sowie später von Autoren wie Jordanes oder Ammianus Marcellinus – als literarisch geprägte, durch politische und ideologische Absichten beeinflusste Texte, die vor allem römisch-griechische Perspektiven auf die als „germanisch“ bezeichneten Völker wiedergeben. Diese Texte sind in der Regel nicht Ergebnis systematischer ethnographischer Feldforschung, sondern Ausdruck einer römischen Fremdwahrnehmung, die sich bestimmter literarischer Topoi bedient und in vielen Fällen der politischen Zielsetzung dient, das Römische vom Nicht-Römischen abzugrenzen und zu hierarchisieren.

Die Informationen über germanische Völker wurden meist von Autoren verfasst, die nie selbst germanisches Gebiet betreten hatten, sondern sich auf mündliche Berichte, ältere Literatur und das militärisch-administrative Wissen des Imperiums stützten. Dies gilt etwa für Caesar, dessen Germanendarstellungen im Rahmen seiner politischen Selbstinszenierung stehen, ebenso wie für Strabon, der germanische Stämme in ein antikes geographisches Weltbild einordnet. Auch bei späteren Autoren wie Ammianus Marcellinus zeigt sich, dass Germanen nicht als historisch konkrete Gruppen, sondern als kollektive Projektionsfläche für die Beschreibung von „Barbaren“ dienen. Die germanischen Völker erscheinen so als idealisierte oder dämonisierte Gegenspieler Roms – mal kriegerisch und roh, mal freiheitsliebend und tugendhaft, je nach Kontext und Ziel der Darstellung.

In der aktuellen Forschung gelten diese Schriften nicht als authentische Zeugnisse germanischer Kultur oder Selbstbeschreibung, sondern als reflektierte und zu kontextualisierende Quellen römischer Weltdeutung. Der Begriff „Germanen“ wird heute als Sammelbezeichnung betrachtet, die von der römischen Außenpolitik, insbesondere in der Grenzregion am Rhein und in der Donaugegend, konstruiert wurde. Neuere ethnogenetische Ansätze, etwa aus dem Umfeld der Wiener Schule, zeigen, dass germanische Identitäten nicht statisch oder biologisch fundiert waren, sondern flexibel, situationsbezogen und vielfach Ergebnis von Interaktion mit dem Römischen Reich. Archäologische und sprachliche Befunde bestätigen die große kulturelle Vielfalt innerhalb des als „germanisch“ klassifizierten Raums.

Die moderne Wissenschaft nutzt die antiken Schriften deshalb nicht als isolierte Faktenquelle, sondern stellt sie in einen breiten interdisziplinären Zusammenhang mit archäologischen, sprachwissenschaftlichen und anthropologischen Erkenntnissen. Ziel ist es, die antiken Texte als Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit, Funktion und Perspektive zu analysieren und so ein differenziertes Verständnis sowohl der germanischen Gruppen als auch der römischen Wahrnehmung dieser Gruppen zu entwickeln. Die vermeintliche Einheitlichkeit der „Germanen“ wird dabei als retrospektive Konstruktion erkannt, die sowohl der antiken Rhetorik als auch der späteren nationalistischen Rezeption entstammt.

Die Universität Cambridge schreibt dazu passenderweise in einer Pressemitteilung vom 29. Juli 2016:

„Die Geschichte der frühen Germanen ist ein umstrittenes Terrain. Das ist bekannt, wird jedoch nicht immer offen eingeräumt. Vor einigen Jahren fasste Klaus von See das zugrunde liegende Dilemma folgendermaßen zusammen:
Die Deutschen haben es schwer mit den Ursprüngen ihrer nationalen Vergangenheit. Die ältesten Texte sind nicht einheimisch; sie stammen von lateinischen und griechischen Autoren – Tacitus, Ammianus Marcellinus, Prokopios. Wenn man nach steinernen Zeugnissen sucht, muss man sich meist mit keltischen und römischen Überresten begnügen […] Ergänzend bemüht man sich, in weiten Teilen der altnordischen [Literatur] authentische germanische Denkmäler auszugraben […] – wobei leicht übersehen wird, dass die Edda und die Sagas nicht von germanischer Vorzeit zeugen, sondern vom skandinavischen Früh- und Hochmittelalter [und] erst lange nach der Christianisierung niedergeschrieben wurden. Infolgedessen ist die Erforschung der frühen Germanen für die Geschichtswissenschaft ein schwieriges Gelände […]“

Mit dieser Passage verweist die Universität Cambridge auf das zentrale Problem der Forschung zur frühen Geschichte der Germanen: Es existieren keine zeitgenössischen, von den Germanen selbst verfassten Quellen. Stattdessen stammen alle überlieferten Texte aus der Feder griechischer und römischer Autoren, die aus ihrer eigenen kulturellen Perspektive über die „Barbaren“ jenseits der Reichsgrenzen berichteten. Diese Berichte sind daher stark von römischen Weltbildern, politischen Interessen und literarischen Konventionen geprägt. Die Suche nach einem authentischen germanischen Selbstzeugnis führt oft in die altnordische Literatur, etwa zur Edda oder zu den Isländersagas, die jedoch erst im Mittelalter und unter christlichem Einfluss verschriftlicht wurden und daher keine unmittelbaren Zeugnisse der vorchristlichen germanischen Welt darstellen. Cambridge macht damit deutlich, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frühgeschichte der Germanen methodisch komplex ist, weil sie auf Fremdbeschreibungen und retrospektiven Quellen beruht, die stets kritisch kontextualisiert werden müssen.[230][231]

2.3. Analyse der Germania des Tacitus

2.3.1. Begründung der Analyse

Die Analyse und Beurteilung der Germania des Tacitus ist aus wissenschaftlicher Sicht von zentraler Bedeutung, da dieses Werk einen einzigartigen und nahezu singulären Zugang zur Frühgeschichte der germanischen Völker eröffnet. Zum einen stellt es die umfassendste zusammenhängende ethnografische Quelle aus der Antike dar, die nicht nur geographische und militärische Aspekte, sondern auch soziale, religiöse und kulturelle Strukturen der Germanen beschreibt. Andere antike Autoren wie Caesar, Strabon, Plinius der Ältere oder Cassius Dio erwähnen die Germanen zwar ebenfalls, doch geschieht dies in verstreuter Form und meist im Kontext konkreter historischer Ereignisse. Die Germania hingegen ist als eigenständige Monografie konzipiert und besitzt damit einen systematischen Charakter, der sie von allen übrigen Quellen unterscheidet.

Zum anderen ist die kritische Analyse deshalb unverzichtbar, weil Tacitus’ Darstellung nicht als objektiver Bericht verstanden werden kann, sondern vielmehr als literarisch-rhetorische Konstruktion. Tacitus nutzt die Germanen als moralisches Gegenbild zu Rom und idealisiert bestimmte Aspekte ihres Lebens, um Kritik an der Dekadenz der römischen Gesellschaft seiner Zeit zu üben. Gerade diese Intention macht eine quellenkritische Einordnung zwingend erforderlich. Nur durch die genaue Untersuchung von Sprache, Stil, Wertungen und Kontext kann zwischen realen Beobachtungen und bewussten literarischen Konstruktionen unterschieden werden.

2.3.2. Analyse

Die Germania des römischen Historikers Publius Cornelius Tacitus, verfasst um 98 n. Chr., bietet eine detaillierte und systematische Ethnografie der germanischen Stämme aus römischer Perspektive. Tacitus’ Werk ist keine bloße Beschreibung, sondern eine gegensätzliche Darstellung, die die als „rein“ und „ursprünglich“ angesehenen Sitten der Germanen den als dekadent empfundenen Lebensweisen der Römer gegenüberstellt. Er gliedert seine Darstellung in mehrere thematische Abschnitte, die von Geografie und Abstammung bis hin zu sozialen, politischen und religiösen Strukturen reichen.

2.3.2.1. Geografie und Abstammung

Tacitus beginnt seine Arbeit mit einer geografischen Abgrenzung Germaniens, das er durch die Flüsse Rhein und Donau sowie durch Gebirgszüge und den Ozean von den Nachbarvölkern getrennt sieht. Er betont die Isolation des Landes und die Unerreichbarkeit des „jenseitigen Ozeans“, was die Reinheit und Unvermischtheit der germanischen Völker unterstreichen soll. Er postuliert, dass die Germanen Ureinwohner seien und nicht durch Einwanderung vermischt wurden. Tacitus verweist auf ihre mündliche Überlieferung in Form von Liedern, die Götter wie Tuisto und Mannus als Stammväter verehren. Diesem mythologischen Ursprung stellt er eine vermeintlich historische Namensgebung entgegen, wonach der Begriff Germania ursprünglich nur für einen einzelnen Stamm gegolten habe und sich erst später auf alle Völker übertragen habe.

2.3.2.2. Körperliche Merkmale und Lebensweise

Die Germanen werden von Tacitus als einheitliches Volk mit spezifischen physischen Merkmalen beschrieben: „grimmige blaue Augen, rötliches Haar und große, kräftige Körper“. Er hebt ihre Stärke im Kampf hervor, betont aber zugleich ihre geringe Ausdauer bei Hitze und Durst, Eigenschaften, die er mit ihrem rauen Klima erklärt. In Bezug auf ihre Wirtschaft merkt er an, dass sie hauptsächlich Viehzucht betreiben und wenig Wert auf Edelmetalle legen. Gold und Silber dienten vorwiegend den Handelsbeziehungen mit den Römern, während im Inneren des Landes der einfache Tauschhandel vorherrsche.

2.3.2.3. Militär und politische Organisation

Die Militärordnung der Germanen wird als zweckmäßig und nicht auf Prunk bedacht dargestellt. Sie bevorzugen den Nahkampf und setzen einfache, aber effektive Waffen wie die „Framen“ ein. Eine besondere Rolle spielt die Kavallerie, die in enger Formation kämpft. Tacitus betont die Wichtigkeit des Fußvolks und des gemischten Kampfes. Er beschreibt eine hohe soziale Bedeutung von Mut und Ehre: Der Verlust des Schildes gilt als größte Schande, die in den Suizid treiben kann.

Politisch werden die Germanen als eine Mischung aus Monarchie und Aristokratie charakterisiert. Die Könige werden nach Abstammung, die Heerführer nach Tüchtigkeit gewählt. Ihre Macht ist jedoch begrenzt, und wichtige Entscheidungen, insbesondere über Frieden und Krieg, werden in der Volksversammlung getroffen, an der alle waffenfähigen Männer teilnehmen. Die Priester besitzen eine besondere Autorität und haben das alleinige Recht, Strafen zu verhängen. Ein zentrales Element der sozialen Struktur ist das Gefolge, eine Gruppe von Kriegern, die sich freiwillig einem Anführer anschließen und für dessen Ruhm und Schutz kämpfen.

2.3.2.4. Soziale Strukturen und Sitten

Tacitus lobt die germanischen Ehesitten und stellt sie als vorbildlich dar. Die meisten Männer leben in Monogamie, und die Frauen werden für ihre Keuschheit und Treue geschätzt. Die Ehe ist ein Bund, der auf gegenseitiger Unterstützung und Teilhabe an den Herausforderungen des Lebens basiert. Die Brautgabe kommt vom Mann, der Rinder, ein Pferd und Waffen schenkt, während die Frau ebenfalls Waffen in die Ehe bringt. Kinder werden von den Müttern selbst aufgezogen, und in der Erziehung wird kaum zwischen Sklaven und Freien unterschieden.

Die Gastfreundschaft der Germanen wird als außerordentlich großzügig beschrieben. Sie bewirten Fremde ohne Unterschied und sehen es als Verbrechen an, ihnen die Aufnahme zu verweigern. Tacitus schildert auch ihre Vorliebe für Gelage und Trunkenheit, was oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führt.

2.3.2.5. Religion und Rechtsprechung

Tacitus identifiziert die Götter der Germanen mit römischen Gottheiten; so verehren sie Merkur, Herkules und Mars. Ein Menschenopfer für Merkur sowie Tieropfer für die anderen Gottheiten werden erwähnt. Er hebt die Verehrung der Natur hervor, da die Germanen keine Tempel oder Götterbilder kannten, sondern Wälder und Haine heiligten.

In der Rechtsprechung werden Verbrechen wie Verrat, Fahnenflucht und Schändlichkeit durch Todesstrafe geahndet, deren Art sich nach der Schwere des Vergehens richtet. Leichtere Vergehen werden mit einer Viehbuße gesühnt. Tacitus beschreibt zudem verschiedene Weissagungsmethoden, darunter die Deutung von Losen, den Vogelflug und das Wiehern heiliger Pferde.

2.3.2.6. Stammesunterschiede und historische Ereignisse

Im letzten Teil der Germania geht Tacitus auf einzelne germanische Stämme ein und beschreibt ihre Eigenheiten. Die Chatten zeichnen sich durch ihre Disziplin und ihren kriegerischen Charakter aus, während die Bataver als treue Verbündete der Römer dargestellt werden. Die Sueben werden als eine Gruppe von Stämmen mit einer charakteristischen Haartracht beschrieben. In dieser Sektion bindet Tacitus auch historische Ereignisse ein, insbesondere die Konflikte zwischen Römern und Germanen. Dabei würdigt er die Varusschlacht als Höhepunkt der germanischen Unabhängigkeit.

2.3.2.7. Wissenschaftliche Darstellung des Inhalts der Germania

Im Norden Europas, jenseits der bekannten römischen Provinzen, erstreckt sich ein Gebiet, das im Werk des Tacitus unter der Bezeichnung Germania beschrieben wird. Diese Region zeichnet sich durch eine weite, teils unerschlossene Landschaft aus, die von dichten Wäldern durchzogen wird. Mächtige Flüsse durchziehen das Land und erfüllen eine zentrale Funktion als natürliche Lebensadern. Die Topographie wechselt zwischen moorigen Niederungen und sanften Hügeln, wobei vereinzelte Siedlungen wie Hütten, Dörfer und kleine Gemeinden inmitten der Wildnis entstehen. Die Landschaft ist durch deutliche Kontraste geprägt: stille Flussabschnitte stehen neben reißenden Stromschnellen, dichte Waldgebiete bieten Tierlebensraum, während offenere Felder nur sporadisch landwirtschaftlich genutzt werden.

Die Bevölkerung der Germania (Germanien) besteht aus zahlreichen Stämmen, die jeweils über eigene Gebiete, Traditionen und Führungsstrukturen verfügen. Die westliche Begrenzung des Landes bilden die Flüsse Rhein und Donau, die es von den römischen Provinzen Gallien, Rätien und Pannonien abgrenzen und zugleich als natürliche Schutzbarriere fungieren. Im Osten schützen Gebirgsketten und die Furcht vor den Sarmaten und Daken die germanischen Stämme. Stammesgrenzen orientieren sich häufig an natürlichen Gegebenheiten wie Flüssen, Wäldern oder Hügelketten. Siedlungen bestehen überwiegend aus einfachen Holzhäusern mit Strohdächern, die eng miteinander verbunden sind und eine Gemeinschaft fördern, die auf Loyalität, Ehre und gegenseitiger Unterstützung beruht.

Das Leben der Germanen ist von Robustheit geprägt. Männer widmen sich Jagd, Fischfang, Landwirtschaft und militärischer Ausbildung, wobei die Jagd sowohl der Nahrungsversorgung als auch der Kriegs- und Überlebensvorbereitung dient. Frauen leiten den Haushalt, erziehen die Kinder und nehmen bedeutenden Einfluss auf Familie und Stammesgemeinschaft. Alte und Kranke genießen Respekt, ihr Rat ist gesellschaftlich relevant. Mut in der Schlacht und Standhaftigkeit im Alltag gelten als zentrale Tugenden. Wohnhäuser sind schlicht eingerichtet, die Kleidung praktisch und meist aus Wolle, Leder oder Fell selbst gefertigt. Schmuck und Luxus sind selten, da Überfluss als gesellschaftliche Schwäche interpretiert wird.

Religiöse Vorstellungen durchdringen das germanische Leben in hohem Maße. Die Bevölkerung verehrt Götter, Naturgeister und Ahnen, wobei rituelle Handlungen häufig in heiligen Hainen, auf Bergen oder an Quellen stattfinden. Opferhandlungen erfolgen aus Pflichtbewusstsein, nicht aus Angst. Priesterinnen und Priester – weise Männer oder Frauen – leiten die Rituale, deuten Omen und beraten Stammesführer. Wahrsagerei und Zeicheninterpretation sind Bestandteil des Alltags; ungewöhnliche Tierverhalten, Wolkenformationen oder Naturereignisse werden als Botschaften interpretiert, die das Schicksal des Stammes lenken.

Die Gesellschaftsstruktur der Germanen ist hierarchisch, jedoch flexibel. Stammeshäuptlinge werden durch Tapferkeit, Weisheit und Verdienste gewählt und nicht allein durch Geburt legitimiert. Ihre Macht beruht auf Zustimmung, Respekt und Vertrauen. Entscheidungen über Krieg, Frieden und Bündnisse werden in Versammlungen freier Männer getroffen. Konflikte zwischen Stämmen werden häufig durch Vermittlung, Schlichtung oder, falls erforderlich, durch Kampf gelöst, während Intrigen und Heimtücke selten sind.

Kriegsführung ist sowohl Pflicht als auch Kunst. Germanische Krieger treten ohne die taktische Raffinesse römischer Heere an, zeichnen sich jedoch durch rohe Stärke, Ausdauer und Kampfeslust aus, was sie zu gefürchteten Gegnern macht. Die Bewaffnung umfasst vorwiegend Speere, Schwerter und Schilde; Streitwagen sind kaum verbreitet. Strategische Entscheidungen basieren auf Intuition, Erfahrung, Kenntnis der Natur und Spurenlesen. Der Krieger kämpft primär für die Ehre seines Stammes und den Schutz der Gemeinschaft, persönlicher Gewinn ist sekundär.

Die Germanen zeigen ein Maß an Bescheidenheit und Solidarität in Besitzverhältnissen. Eigentum wird häufig innerhalb der Familie und des Stammes geteilt; Raubzüge erfolgen nur in Notlagen oder im Rahmen kriegerischer Auseinandersetzungen. Systematische Steuern existieren nicht; freiwillige Abgaben symbolisieren die Solidarität innerhalb der Gemeinschaft. Gastfreundschaft besitzt hohen Stellenwert; Fremde, die Schutz suchen, werden aufgenommen, sofern sie Ehre zeigen und Dankbarkeit ausdrücken.

Hervorzuheben sind die körperlichen und moralischen Tugenden der Germanen: Körperkraft, Ausdauer, Mut, Einfachheit und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur prägen das Volk. Krankheiten und Alter werden als natürliche Bestandteile des Lebens akzeptiert, medizinische Eingriffe beschränken sich auf Heilkräuter und einfache Behandlungen. Luxus und Überfluss gelten als potenziell schädlich für Gemeinschaft und Charakter.

Die Germanen zeigen ein starkes Bewusstsein für ihre Abstammung und Freiheit; Unterjochung durch Fremde wird als Schande angesehen. Freundschaften und Bündnisse zwischen Stämmen basieren auf gegenseitigem Nutzen, Vertrauen und Respekt, während Verrat als gravierendes Vergehen kaum vergeben wird. Die Erziehung der Jugend ist streng: Jungen werden in Jagd, Krieg, Führung und Disziplin unterwiesen; Mädchen in Haushaltskunst, Haushaltsführung und Einflussnahme auf Familie und Gemeinschaft. Initiationsriten markieren den Übergang zum Erwachsenenalter und werden durch Gesänge, Feuerzeremonien und den Segen der Ältesten begleitet. Werte wie Ehre, Mut und Loyalität sollen die Fortexistenz des Stammes sichern.

Trotz der vermeintlichen Unzivilisiertheit besitzen die Germanen ein starkes Rechtsempfinden. Verträge, Ehrenworte und Schwüre haben Vorrang vor formalen Gesetzen. Strafen werden öffentlich und häufig körperlich vollzogen, Grausamkeit ist jedoch selten; Ziel ist Gerechtigkeit und Abschreckung, nicht Rache. Tacitus betont die Überlegenheit der Germanen in Bezug auf Treue, Standhaftigkeit, sittliche Reinheit und Gemeinschaftssinn. Menschliche Schwächen wie Intrigen, Streitigkeiten oder Ehrgeiz existieren, werden jedoch durch die enge Bindung an Stamm und Familie gemildert.

Zusammenfassend ergibt sich aus Tacitus’ Darstellung ein umfassendes Bild der Germania: ein Land mit ausgedehnten Wäldern, Flüssen, Feldern und Dörfern, bewohnt von Menschen, deren Leben von Mut, Loyalität und Gemeinschaftssinn geprägt ist. Tacitus beschreibt sie nicht nur als fremde Völker oder potenzielle Gegner Roms, sondern als Spiegel menschlicher Tugenden und Schwächen – frei, unbeugsam, stolz und tief verbunden mit Land, Familie und Gemeinschaft. Jenseits des Rheins und der Donau offenbart sich ein Volk, das, trotz Entfernung zur römischen Zivilisation, durch Einfachheit, Tapferkeit und Standhaftigkeit eine bemerkenswerte gesellschaftliche Vollkommenheit erreicht.[232]

2.3.2.8. Schlussbetrachtung

Tacitus’ Werk bleibt ein bedeutendes Dokument der Ethnografie und ein Schlüsseltext zur frühen germanischen Geschichte. Es ist jedoch zu beachten, dass es sich um eine gegenteilige Darstellung handelt, die nicht nur auf Beobachtung beruht, sondern auch die moralische und politische Haltung des Autors widerspiegelt. Die Idealisierung der germanischen Sitten dient als kritische Folie für die römische Gesellschaft seiner Zeit.

2.3.2.9. Siehe auch

3. Altgermanistik, Germanistische Mediävistik und Germanische Philologie

Die Altgermanistik, die Germanistische Mediävistik und die Germanische Philologie sind drei eng miteinander verbundene, aber inhaltlich unterschiedlich akzentuierte Teilbereiche der germanistischen und historischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Unter Altgermanistik versteht man den Bereich der Germanistik, der sich mit den ältesten schriftlichen Zeugnissen der germanischen Sprachen und Literaturen befasst. Dazu gehören die Sprach- und Textzeugnisse des frühen Mittelalters wie das Gotische[233], das Althochdeutsche[234], das Altsächsische[235], das Altenglische[236], das Altnordische[237] und andere frühgermanische Sprachstufen. Sie umfasst damit sowohl sprachwissenschaftliche als auch literaturwissenschaftliche Untersuchungen, die sich der Frühzeit germanischer Schriftlichkeit widmen. Die Germanistische Mediävistik bezeichnet dagegen die Teildisziplin der Germanistik[238], die sich mit der deutschen Literatur, Sprache und Kultur des Mittelalters beschäftigt, also vor allem mit Texten in mittelhochdeutscher und mittelniederdeutscher Sprache, mit ihren literarischen Traditionen, Gattungen und kulturellen Kontexten. Sie untersucht die mittelalterliche Überlieferung sowohl aus philologischer als auch aus literaturhistorischer Perspektive und bildet somit ein Bindeglied zwischen der Altgermanistik und der Neueren deutschen Literaturwissenschaft. Die Germanische Philologie schließlich ist der übergeordnete Begriff, der die wissenschaftliche Beschäftigung mit den germanischen Sprachen, Literaturen und Kulturen in ihrer Gesamtheit bezeichnet. Sie umfasst sowohl die sprachgeschichtliche und vergleichende Analyse der germanischen Sprachfamilie als auch die literarische und kulturhistorische Erforschung ihrer schriftlichen und mündlichen Überlieferungen. In ihr verbinden sich die altgermanistischen und mediävistischen Ansätze mit der allgemeinen historischen Sprachwissenschaft und Kulturgeschichte zu einem umfassenden Forschungsfeld.[239][240][241]

3.1. Sprachliche Überlieferungen der Germanen

Älteres Futhark (gemeingermanische Runenschrift) auf dem „Kylverstein“. Auf ihm befindet sich das älteste vollständige Runenalphabet. Es wurde etwa im 400 n. Chr. in den Kalkstein geschlagen.

Die sprachlichen Überlieferungen der Germanen stellen einen zentralen, zugleich aber besonders lückenhaften Bereich der frühmittelalterlichen Quellenlage dar. Aufgrund der Tatsache, dass die germanischen Völker über weite Strecken der Antike und Spätantike hinweg keine eigene Schriftkultur im engeren Sinne ausgebildet hatten, sind ihre Sprachen zunächst ausschließlich über fremdsprachige Zeugnisse überliefert – etwa in Form von Eigennamen, Lehnwörtern oder kurzen Aussagen in griechischen und lateinischen Texten. Erst mit der Einführung der Runenschrift, die vermutlich im 2. Jahrhundert n. Chr. aus dem Kontakt mit lateinisch alphabetisierten Kulturen hervorging, beginnt eine eigenständige schriftsprachliche Tradition germanischer Sprachen. Das ältere Futhark, bestehend aus 24 Runen, wurde in verschiedenen Regionen Nord- und Mitteleuropas verwendet, blieb in seiner Funktion jedoch auf kurze Inschriften beschränkt – zumeist auf Gegenständen wie Fibeln, Waffen oder Grabsteinen. Inhaltlich sind diese Inschriften oft fragmentarisch und lassen nur begrenzte Aussagen über die Sprache oder den kulturellen Kontext zu.[242]

Die bedeutendste zusammenhängende sprachliche Überlieferung aus frühgermanischer Zeit stellt die gotische Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila (ca. 4. Jahrhundert) dar. Sie wurde in einer eigens geschaffenen Schrift – der gotischen Buchstabenschrift – niedergeschrieben und liefert nicht nur das älteste umfangreiche Zeugnis einer germanischen Sprache, sondern auch wertvolle Einsichten in Syntax, Morphologie und Wortschatz des Frühgotischen.[243]

Das Blatt 16v enthält das Evangelium nach Markus (Markusevangelium)[244] 3, 26–32, aus dem Codex Argenteus[245], einer Abschrift der Wulfilabibel.

In der Folgezeit entstanden, beginnend im 8. Jahrhundert, auch schriftliche Zeugnisse weiterer westgermanischer Sprachen wie des Althochdeutschen, des Altenglischen und des Altsächsischen. Diese Texte sind allerdings sämtlich unter christlichem Einfluss entstanden und gehören bereits der Phase der schriftlich etablierten, vom Latein geprägten Klosterkultur an. Sie spiegeln daher nur eingeschränkt ältere vorchristliche Traditionen wider.[246]

Ein bedeutender Sonderfall innerhalb der germanischen Überlieferung ist die altnordische Literatur, insbesondere die in Island überlieferte Edda-Literatur und die Sagaliteratur. Obwohl diese Texte erst ab dem 12. und 13. Jahrhundert verschriftlicht wurden, gehen viele ihrer Inhalte auf deutlich ältere mündliche Traditionen zurück, die bis in die vorchristliche Zeit reichen. In ihnen sind zahlreiche mythische, heroische und weltanschauliche Elemente überliefert, die als indirekte sprachliche Zeugnisse germanischer Religions- und Weltbilder interpretiert werden können. Gleichwohl ist auch hier methodische Vorsicht geboten, da die schriftliche Fixierung dieser Texte bereits in einem kulturellen Umfeld erfolgte, das stark vom Christentum und der lateinischen Schriftlichkeit geprägt war.[247]

Die schriftlichen Zeugnisse setzen vergleichsweise spät ein, stehen in engem Zusammenhang mit Mission, Christianisierung und kultureller Assimilation an das lateinisch geprägte Europa und lassen vielfach nur indirekte Rückschlüsse auf ältere sprachliche und kulturelle Verhältnisse zu. Gleichwohl bilden sie in Kombination mit der Runologie, der vergleichenden Sprachwissenschaft und der Literaturphilologie die wichtigste Grundlage für die Rekonstruktion germanischer Sprach- und Denkformen im Übergang von der Spätantike zum Mittelalter.

3.2. Runologie[248] und Inschriftenkunde

Runen des älteren Futhark auf kleine Steine gemalt.

Die Runenschrift ist das älteste Schriftsystem, das speziell für die germanischen Sprachen entwickelt wurde (Futhark). Sie wurde über mehr als 1400 Jahre hinweg als Mittel der schriftlichen Kommunikation genutzt. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckte sich über große Teile Europas, vor allem über den deutschsprachigen Raum, Skandinavien und Großbritannien. Die Runenschrift entstand vor der Einführung der lateinischen Schrift in diesen Regionen und wurde später über einen langen Zeitraum hinweg parallel zur lateinischen Schrift verwendet.

Heute wird die Runenschrift nicht mehr nur als Sammlung einzelner Inschriften betrachtet, sondern als ein Schriftsystem, das sich im Lauf der Zeit veränderte. Dabei spielten sowohl sprachliche als auch gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse eine Rolle. Die moderne Forschung untersucht die Runenschrift deshalb nicht nur in Bezug auf ihre Zeichen, sondern auch im Hinblick auf ihre Funktionen in der damaligen Gesellschaft.

Ein wichtiger Ausgangspunkt dieser Forschung sind die Begriffe „Verschriftung“ (also die Umsetzung von gesprochener Sprache in Schrift) und „Verschriftlichung“ (die gesellschaftliche Nutzung und Funktion von Schrift). Die Runenschrift wird unter beiden Gesichtspunkten untersucht.

Im Bereich der sogenannten Graphematik wird erforscht, wie sich die runischen Zeichen entwickelt haben. Dabei geht es um die Entstehung verschiedener regionaler Runenalphabeten, deren Veränderungen über die Jahrhunderte sowie um Besonderheiten wie unterschiedliche Schreibstile oder die Nutzung zusätzlicher Zeichen, die keine Runen waren.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf dem, was man Pragmatik und Textstruktur nennt. Dabei wird untersucht, wie die Runentexte aufgebaut sind, wie der Platz für die Schrift genutzt wurde und welche Funktionen die Texte erfüllten – etwa in religiösen, rechtlichen oder sozialen Zusammenhängen. Auch das Zusammenspiel von Runen und anderen Symbolen wird dabei betrachtet.

Besonders spannend ist der Umstand, dass die Runenschrift über lange Zeit zusammen mit der lateinischen Schrift verwendet wurde. Deshalb fragen sich Forschende auch, ob die beiden Schriftsysteme einander beeinflusst haben oder ob sie bewusst voneinander getrennt gehalten wurden. Die Runenschrift zeigt sich so als ein vielseitiges und wandelbares Mittel schriftlicher Kommunikation in der Geschichte der germanischen Völker.[249][250][251]

4. Runologie und Runenepigraphik

Die Runologie und die Runenepigraphik bilden zwei eng miteinander verbundene Forschungsfelder innerhalb der historischen Sprachwissenschaft, der Archäologie und der Kulturwissenschaften. Während die Runologie als umfassende Disziplin die Entstehung, Entwicklung, Verbreitung und den Gebrauch der Runenschriften behandelt, konzentriert sich die Runenepigraphik vor allem auf die konkrete Untersuchung und Interpretation runischer Inschriften auf materiellen Trägern wie Steinen, Waffen, Schmuckstücken oder Alltagsgegenständen.

Die Anfänge der Runologie als wissenschaftliche Disziplin reichen in das 16. und 17. Jahrhundert zurück, als Gelehrte in Skandinavien und im deutschsprachigen Raum erstmals systematisch Runeninschriften sammelten und katalogisierten. Einen entscheidenden Aufschwung erlebte die Runenforschung im 19. Jahrhundert im Kontext der Nationalphilologien und der vergleichenden Sprachwissenschaft. Heute stellt die Runologie eine interdisziplinäre Wissenschaft dar, die linguistische Analysen mit archäologischen, historischen und religionsgeschichtlichen Fragestellungen verbindet.

Die Runenepigraphik untersucht Runeninschriften im engeren Sinne. Ihr Ziel ist die exakte Dokumentation, Lesung und philologische Interpretation der Texte sowie die Rekonstruktion ihrer kulturellen und sozialen Funktion. Dabei spielen epigraphische Methoden wie die Analyse der Ritztechnik, der Schriftformen und der Orthographie eine zentrale Rolle. Darüber hinaus werden runische Denkmäler in ihren archäologischen Kontext gestellt, was Rückschlüsse auf die Chronologie, die Siedlungsgeschichte und die Kommunikationsformen frühgermanischer und frühmittelalterlicher Gesellschaften erlaubt.[252][253]

4.1. Runenfunde und -inschriften (Kleine beispielhafte Auswahl)

4.1.1. Deutschland
4.1.1.1. Runenstein vom Schleswiger Dom
Der Runenstein vom Schleswiger Dom.

Der sogenannte Runenstein vom Schleswiger Dom (Samnordisk runtextdatabas DR 6) wurde im Jahr 1897 im Fundament des Schleswiger Domes in Schleswig-Holstein entdeckt und datiert in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts. Er ist Teil der Gruppe der sogenannten England-Runensteine, die auf Verbindungen zwischen Skandinavien und den angelsächsischen Gebieten verweisen. Aufgrund seiner Ornamentik wird angenommen, dass er von einem schwedischen Runenmeister geschaffen wurde. Der Stein war als Spolie zweitverwendet worden, was durch Parallelen mit einem weiteren wiederverwendeten Runenstein aus der Gottorfer Bastion bestätigt wird. Seine Lage bildet zudem ein geographisches Bindeglied zwischen den Runensteinen DR 1 bis DR 4 von Haithabu und dem Fundort Schleswig. Die Inschrift, die nur teilweise erhalten ist, erwähnt die Errichtung des Steins zum Gedenken an einen Mann, der in einem Ort namens „Skia“ in England verstorben war. Nach der Deutung des ukrainischen Historikers Omeljan Pritsak könnte es sich bei diesem Ortsnamen um Shoebury in Essex oder Skidby in Yorkshire handeln. Die Inschrift nennt außerdem den Runenschnitzer Guðmundr und verweist auf den christlichen Glaubenshorizont, was auf die Übergangszeit zwischen heidnischer und christlicher Tradition im skandinavischen Raum hinweist.[254]

4.1.1.2 Runenstein von Rogäsen
Der Runenstein von Rogäsen.

Der Runenstein von Rogäsen, gefunden im 19. Jahrhundert in Rogäsen (seit 2001 Teil der Gemeinde Rosenau, Brandenburg), ist ein einzigartiger norddeutscher Inschriftenstein, der heute im Kreismuseum Jerichower Land in Genthin, Sachsen-Anhalt, ausgestellt wird. Der Stein wurde 1851 im Zuge von Aufräumarbeiten nach einem Brand des örtlichen Schulhauses auf einem alten Friedhof entdeckt, als ein Granitblock für den Wiederaufbau gesprengt wurde. Auf der zuvor im Boden liegenden, abgeflachten Rückseite wurden runenartige Zeichen sichtbar. Die Bruchstücke wurden gesammelt, zusammengesetzt und zunächst im Gutspark des Besitzers Richard Graf von Wartensleben aufgestellt.

Die Inschrift konnte bisher nicht sicher entschlüsselt werden. Alexander von Humboldt sowie weitere Gelehrte konnten keine Deutung liefern. Der Schriftsachverständige Altrichter interpretierte die Zeichen als mittelalterliche Geheimschrift einer Bauhütte, während andere Hypothesen sie als Hausmarken zur Kennzeichnung von Abgaben betrachten. Eine Datierung der Inschrift blieb bislang ungeklärt. Der Stein misst nach dem Zusammensetzen 1,14 Meter in der Höhe und 0,86 Meter in der Breite, die Zeichen sind bogenförmig in zwei Zeilen eingraviert. Aus Gründen des Witterungsschutzes übergab Graf von Wartensleben den Stein 1928 dem Museum, wo er unter einem Schutzdach im Vorgarten aufgestellt wurde. Der Runenstein von Rogäsen gilt als einzigartig in Norddeutschland.[255]

4.1.2. Dänemark
4.1.2.1. Runeninschrift auf einem kleinen Messer

Die archäologische Entdeckung einer fast 2000 Jahre alten Runeninschrift auf einem kleinen Messer aus Dänemark liefert bedeutende neue Erkenntnisse zur frühgermanischen Schriftlichkeit. Das Objekt wurde im Kontext eines Urnengrabs bei Odense gefunden und trägt auf der Klinge die Runenfolge hirila, was im Urnordischen vermutlich „kleines Schwert“ bedeutet. Die Inschrift kann nach Angaben des Museum Odense auf etwa 150 n. Chr. datiert werden und stellt damit eine der ältesten bekannten Runenverwendungen überhaupt dar. Ein vergleichbar früher Runenfund wurde zuletzt 1865 in Vimosen, ebenfalls in der Region Fünen, gemacht. Die Runenschrift, die den Germanen als göttliches Geschenk – insbesondere des Gottes Odin – galt, wurde von einer gebildeten Elite zur rituellen oder symbolischen Kommunikation genutzt. Tatsächlich basiert sie vermutlich auf dem lateinischen Alphabet. Die Runen entwickelten sich im ersten nachchristlichen Jahrhundert und verbreiteten sich rasch über Skandinavien hinaus. Der nun gefundene Gegenstand zeugt von der frühen Verwendung dieser Schriftform in Alltagskontexten, auch wenn der genaue Zweck der Inschrift – ob als Objektbezeichnung oder Eigentümermarkierung – offenbleibt. Der Fund ist aufgrund seines Alters und der Klarheit der Inschrift von herausragender wissenschaftlicher Bedeutung und wird als seltenes Zeugnis früher runischer Schriftlichkeit eingeordnet.[256]

4.1.3. Schweden
4.1.3.1 Kylverstein
Älteres Futhark[257] auf dem Kylverstein. Auf dem Stein befindet sich das älteste vollständige Runenalphabet. Es wurde etwa 400 n. Chr. in den Kalkstein geschlagen.

Der sogenannte Kylverstein (G 88) ist nach dem Hof Kylver im Ortsteil Stånga auf der schwedischen Insel Gotland benannt, wo der Kalkstein einst vermutlich als Abdeckung eines Grabes Verwendung fand. Seine Runeninschrift wurde um das Jahr 400 n. Chr. eingeritzt. Manche Forscher leiten daraus die Hypothese ab, dass sich die Runenschrift über Gotland nach Schweden verbreitet habe. Allerdings weisen auch der Einangstein sowie der Kjölevikstein in Norwegen ein ähnliches Alter auf, sodass eine eindeutige Herkunft nicht gesichert ist.

Der im Jahr 1903 entdeckte Kylverstein enthält die vollständig erhaltene Zeichenreihe des älteren Futhark, das damit die ältesten bekannten schwedischen Runen dokumentiert. Zusätzlich zum Futhark lassen sich auf dem Stein mehrere T-förmige Runen erkennen, die in ihrer Form an verzweigte Bäume erinnern, sowie das Runenpalindrom „sueus“, dessen Sinn bislang ungeklärt bleibt.

Als bislang ältester Nachweis einer Runeninschrift gilt der Kamm von Vimose, datiert auf etwa 160 n. Chr. Die Meldorffibel, die auf etwa 50 n. Chr. zurückgeht, weist zwar eine frühere Inschrift auf, diese könnte jedoch auch mit lateinischen Buchstaben geschrieben worden sein. Die älteste vollständig überlieferte Runenreihe ist jedenfalls auf dem Kylverstein zu finden.

Seit seiner Entdeckung bemühen sich Historiker, Sprachwissenschaftler und Runenkundler darum, die Inschrift zu entschlüsseln – bislang jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Einige Fachleute vermuten, das Alphabet sei ursprünglich zu Übungszwecken eingeritzt worden und der Stein sei später mit weiteren Zeichen versehen worden, um als Deckplatte eines Grabes zu dienen. Andere interpretieren die Inschrift als magisches Textgefüge, dessen Zweck und Inhalt unbekannt geblieben sind. Auch die mögliche magische Funktion selbst ist Gegenstand mehrerer Hypothesen, von denen keine abschließend belegt werden konnte.[258]

4.1.4. Siehe auch

4.2. Alphabetentwicklung und Runenverwendung

Das ältere Futhark ist in Norwegen besonders häufig vertreten.
Älteste erhaltene vollständige Runenreihe des älteren Futhark auf Kylverstein, Schweden, 400 n. Chr.
Nachzeichnung der runischen Inschrift der Fibel von Meldorf[259] (Schleswig-Holstein). Die Fibel wurde im Jahre 40 n. Chr. geschaffen.

Die Entstehung der Runenschrift lässt sich vermutlich weder auf eine rein eigenständige Entwicklung noch auf eine vollständige Übernahme eines bestehenden Schriftsystems durch die germanischen Völker zurückführen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Runen auf Grundlage mediterraner Schriftsysteme unter eigenständiger Anpassung entwickelt wurden. Auffällig ist, dass die Runen bereits sehr früh in Form eines vollständigen Alphabets mit 24 Zeichen auftreten. Als bedeutende Vorbilder gelten vor allem die lateinische Schrift sowie verschiedene, mittlerweile ausgestorbene Alphabete aus dem keltisch-alpin-italischen Raum, die durch das Lateinische verdrängt wurden. In ihrer alphabetischen Struktur und der Gestaltung zahlreicher Lautzeichen gehören die Runen somit zur phönizisch-aramäischen Alphabetfamilie, aus der sich auch alle modernen europäischen Schriftsysteme ableiten.

Der genaue zeitliche und geografische Ursprung der Runenschrift lässt sich nur schwer bestimmen, da bereits die frühesten Zeugnisse einen ausgereiften Zeichensatz zeigen. Die ältesten gesicherten Funde stammen aus dem heutigen Jütland, doch auch aus Schleswig-Holstein und Schweden liegen gleich alte Nachweise vor. Diese lassen sich in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts datieren und stammen überwiegend von Opferplätzen in Moorgebieten, etwa aus Vimose, Illerup Ådal, Nydam oder Thorsberg. Eine Entwicklungsstufe, die einen allmählichen Übergang zu einem voll entwickelten Schriftsystem belegen könnte, ist bislang nicht zweifelsfrei identifiziert worden.

Typisch für das ältere Futhark ist die auffällige Vermeidung von waagerechten und gebogenen Linien. Dies führte zur Annahme, dass die Runen speziell für das Einritzen in Holz konzipiert wurden, da gerade Linien sich besser in solches Material eingraben lassen. Daraus wiederum wurde geschlossen, dass mögliche Vorstufen der Runen nicht erhalten geblieben sind, weil sie auf einem vergänglichen Trägermaterial wie Holz geschrieben wurden. Es ist jedoch auch anzunehmen, dass viele frühe Runenzeugnisse im Zuge der Christianisierung gezielt zerstört wurden. Dennoch gibt es neuere Funde – beispielsweise metallene Waffenteile aus Illerup Ådal –, die zeigen, dass auch geschwungene Runenformen wie jene der Odal-Rune existierten.

Im Hinblick auf die Herkunft der Runen muss außerdem berücksichtigt werden, dass es im Mittelmeerraum eine große Vielfalt epichorischer Alphabete gab. In diesen Schriften konnten identische Zeichen unterschiedliche Lautwerte tragen, derselbe Laut konnte mit verschiedenen Buchstaben wiedergegeben werden, und für bestimmte lokale Dialekte wurden auch neue Zeichen eingeführt. Ein Beispiel dafür ist das Omega, das in bestimmten Regionen als lokale Erweiterung am Ende des phönizischen Alphabets hinzugefügt wurde. Entsprechend findet sich auch die Othala-Rune am Ende der älteren Runenreihe. Da die rätische Sprache keinen O-Laut besaß, kommt sie als Quelle für das Zeichen Omikron nicht in Betracht – anders als das Lateinische oder das Etruskische, die diesen Laut kannten. Dennoch könnte die graphische Form des Lautzeichens (Omega bedeutet „großes O“) über kulturelle Strömungen spätestens seit dem attizistischen Sprachideal des 1. Jahrhunderts v. Chr. bekannt gewesen sein.[260]

4.3. Magie und Kult in Runeninschriften

Es lässt sich historisch nachvollziehen, dass die Runenschrift bei den Germanen nicht allein der sprachlichen Mitteilung diente, sondern auch eine rituell-magische Funktion erfüllte. Bereits aus der römischen Kaiserzeit bis hin zur germanischen Eisenzeit sind epigraphische Zeugnisse überliefert, die nicht-sprachliche Runenfolgen und besonders das häufige Vorkommen des magisch konnotierten Wortes alu enthalten. Der Begriff Erilaz verweist auf eine runenkundige Person, die mutmaßlich nicht nur die schriftliche, sondern auch die magische Dimension der Runen beherrschte.

In mittelalterlichen literarischen Quellen, insbesondere in der Poetischen Edda, ist diese magische Verwendung ausführlich bezeugt. Im Lied Sigrdrífumál werden sogenannte „Siegrunen“ erwähnt, die zur Herbeiführung des Sieges auf ein Schwert eingeritzt werden sollen – sowohl auf den Griff als auch auf die Klinge – begleitet vom rituellen Anruf des Gottes Tyr, der dabei zweimal genannt wird.

In der frühen Neuzeit sowie in jüngerer Zeit fand sich eine Fortführung runenbezogener Volksglaubensformen, wie etwa in den isländischen Zauberzeichen (galdrastafir), die magisch-symbolische Funktionen erfüllten. Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte die germanisch-esoterische Bewegung neuartige Konzepte einer „Runenmagie“, die teilweise bis heute in Strömungen des germanisch inspirierten Neuheidentums übernommen und weiterentwickelt wurden.[261][262]

5. Religionswissenschaft und Vergleichende Mythologie

5.1. Germanische Götter- und Heldenwelt

Die Religion der Germanen war ein Glaube an viele verschiedene Götter, die bestimmte Aufgaben und Bereiche des Lebens abdeckten – wie Krieg, Fruchtbarkeit, Weisheit oder Wetter. Anders als die Griechen oder Römer hatten die Germanen keine eigene ausgebaute Schriftkultur. Deshalb stammen viele Informationen über ihren Glauben aus späteren Zeiten oder von fremden Autoren, zum Beispiel römischen Geschichtsschreibern wie Tacitus oder Caesar. Außerdem berichten auch christliche Mönche und Missionare über ihre Bräuche. Einige echte germanische Texte, etwa die „Merseburger Zaubersprüche“ oder Runeninschriften, sind sehr alt, aber kurz. Die wichtigsten schriftlichen Quellen zur germanischen Mythologie sind die isländischen Eddas aus dem Mittelalter, besonders die Dichtungen des Snorri Sturluson und die sogenannte „Lieder-Edda“. Diese enthalten viele Erzählungen über die germanischen Götter und ihre Welt.

Die Germanen glaubten an zwei Gruppen von Göttern: die Asen und die Vanen. Beide Gruppen lebten im Götterreich Asgard. Zu den wichtigsten Asen gehörte Odin, der als Gott der Weisheit und des Krieges galt. Er hatte nur ein Auge und wurde oft mit seinen beiden Raben Hugin („Gedanke“) und Munin („Gedächtnis“) dargestellt. Thor, der Donnergott, war stark und kämpferisch und trug den Hammer Mjölnir. Er galt auch als Gott des Regens und der Fruchtbarkeit. Tyr, ein weiterer Kriegsgott, hatte weniger Bedeutung. Die Vanen waren vor allem mit Fruchtbarkeit und Wohlstand verbunden. Wichtige Vanengötter waren Njörd, sein Sohn Freyr und dessen Schwester Freya. Freya wurde oft mit Odins Frau Frigg gleichgesetzt, die für Ehe und Hausarbeit zuständig war. Weitere wichtige Figuren waren Loki, der für Unruhe und Chaos sorgte, und Baldur, der Lichtgott, der durch Lokis Intrigen starb.

Die Germanen glaubten an ein festgelegtes Schicksal. Dieses wurde von den drei Nornen gesponnen, Schicksalsfrauen, die an den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil lebten. Yggdrasil war eine riesige Weltesche, die Himmel, Erde und Unterwelt miteinander verband. Selbst die Götter konnten dem Schicksal nicht entkommen und sollten beim Weltuntergang, dem Ragnarök, sterben.

Nach dem Tod glaubten die Germanen an zwei mögliche Wege: Normale Menschen kamen in das düstere Totenreich der Göttin Hel. Gefallene Krieger aber durften nach Walhall, wo sie weiterkämpfen und feiern konnten. Diese Krieger bereiteten sich auf die Götterdämmerung vor – einen gewaltigen Endkampf zwischen Göttern und Feinden wie den Riesen. In dieser letzten Schlacht sollte die Welt untergehen, aber danach sollte eine neue, bessere Welt entstehen – ein goldenes Zeitalter.[263]

5.2. Kultstätten und Opferrituale

Die germanischen Kultstätten und Opferrituale waren Ausdruck einer tief verwurzelten Naturreligion, die sich durch einen stark rituellen und gemeinschaftsbezogenen Charakter auszeichnete. Die wichtigsten Orte des Kultgeschehens lagen nicht in Tempeln oder steinernen Heiligtümern, sondern in offenen Landschaften, insbesondere an sogenannten „heiligen Hainen“, also dicht bewaldeten oder besonders gestalteten Wäldern, sowie an Quellen, Seen, Mooren und anderen als heilig empfundenen Naturräumen. Solche Orte galten als Aufenthaltsorte der Götter, Geister oder Ahnenseelen, deren Präsenz nicht durch ein Gebäude, sondern durch die natürliche Umgebung selbst vermittelt wurde. Der römische Historiker Tacitus beschrieb bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert die Verehrung germanischer Götter in unbebauten Waldheiligtümern, in denen die Menschen die göttliche Macht nur mit dem „Auge der Andacht“ wahrzunehmen glaubten.[264]

Die archäologische Forschung bestätigt diese Beschreibung. An zahlreichen Fundstellen, etwa im Thüringer Opfermoor Vogtei, im dänischen Thorsberger Moor oder in schwedischen Sumpflandschaften wie Finnestorp, wurden Kultplätze freigelegt, die eine komplexe Verbindung aus Tieropfern, materiellen Opfergaben und mitunter auch Menschenopfern zeigen. In Vogtei wurden beispielsweise über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten hinweg Tiere geopfert, Kultgegenstände deponiert und mindestens vierzig menschliche Körper in den Moorboden überführt. Die Positionen und Verletzungen der Leichen lassen auf kultisch motivierte Hinrichtungen schließen, wobei rituelle Verstümmelungen oder Fesselungen auf einen gewollten Übergangsritus in eine jenseitige Welt hinweisen. Neben menschlichen Überresten fanden sich dort auch hölzerne Kultfiguren, Miniaturboote, Werkzeuge und Schmuckstücke, die offenbar als symbolische Gaben an die Götter gedacht waren.[265]

Tieropfer spielten in der religiösen Praxis der Germanen eine zentrale Rolle. Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen und Wildtiere wurden entweder geschlachtet, verbrannt, zerstückelt oder in Gewässern versenkt. Diese Handlungen standen häufig in Verbindung mit gemeinschaftlichen Feierlichkeiten, bei denen das Fleisch teilweise verzehrt und das Blut der Tiere für kultische Handlungen verwendet wurde. Das sogenannte Blót, ein gemeinsames Opferfest, ist in den skandinavisch-germanischen Quellen mehrfach belegt und lässt auf ähnliche Praktiken im kontinentalgermanischen Raum schließen.

Neben diesen regelmäßigen Tieropfern und Sachopfern sind in einzelnen Fällen auch Menschenopfer archäologisch wie literarisch belegt. Solche Opferungen scheinen vor allem zu besonderen Anlässen stattgefunden zu haben – etwa in Zeiten von Not, Umbruch oder zur Einweihung eines neuen Kultortes. Tacitus beschreibt ein Beispiel im Zusammenhang mit dem sogenannten Hain der Semnonen, wo im Rahmen eines überregionalen Bundesfestes ein männliches Opfer in einer rituellen Zeremonie getötet wurde. Die Archäologie bestätigt solche Aussagen durch Funde von Moorleichen, die nicht nur Verletzungen aufweisen, sondern auch bewusst drapiert, mit Opferbeigaben versehen und in besonderen Positionen abgelegt worden sind. Besonders die weiblichen Opfer zeigen oft Zeichen kultischer Funktion – etwa mit umgebundenem Schmuck oder im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitssymbolen. Dennoch ist zu beachten, dass nicht jede Moorleiche automatisch als Menschenopfer zu interpretieren ist. In einigen Fällen handelt es sich möglicherweise um hingerichtete Personen, Unfallopfer oder Verstorbene, deren Bestattung im Moor besonderen religiösen Vorstellungen folgte.[266][267]

Diese Erkenntnisse zeigen ein komplexes Bild germanischer Religion: Die Kultstätten waren überwiegend offen, naturverbunden und wurden durch symbolische Objekte, Opfergaben und rituelle Handlungen geheiligt. Die Rituale reichten von Tieropfern über Menschenopfer bis hin zu symbolischen Gaben wie Waffen, Schmuck oder Kultgeräten. Besonders bedeutsam war die Einbindung dieser Rituale in den Jahreskreis, die Stellung von Sonne und Gestirnen, sowie die gesellschaftliche Funktion von Kultorten als Orte des Zusammenkommens, der Stammesidentität und der sakralen Macht.

6. Rechtsgeschichte der Germanen in der Rechtsarchäologie

Die Rechtsarchäologie widmet sich der materiellen Dimension rechtlicher Ordnungen in der Vergangenheit und untersucht die materiellen Hinterlassenschaften, Symbole und Fundorte, die mit Rechtspraxis und Rechtsvorstellungen verbunden sind. Im Rahmen der Rechtsgeschichte der Germanen stellt sich diese Disziplin vor die besondere Herausforderung, dass das germanische Recht in seiner Frühzeit ausschließlich mündlich tradiert wurde und schriftliche Fixierungen erst mit den Leges Barbarorum[268] in spätantiker und frühmittelalterlicher Zeit vorliegen. Archäologische Zeugnisse können jedoch Hinweise auf die Rechtswirklichkeit und die symbolischen Formen des Rechts geben, die in den germanischen Stammesgesellschaften eine zentrale Rolle spielten.

Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die archäologisch nachweisbaren Thingstätten. Als Versammlungsorte der freien Männer dienten sie nicht nur politischen Entscheidungen, sondern zugleich der Rechtsprechung. Archäologische Befunde weisen auf spezifische Geländestrukturen hin, wie erhöhte Hügel, Steinkreise oder markante Landmarken, die den sakral-rechtlichen Charakter dieser Orte verdeutlichen. Funde von Waffenopfern oder kultischen Depositionshandlungen in unmittelbarer Nähe solcher Plätze deuten darauf hin, dass Recht, Religion und Herrschaft im germanischen Denken eng miteinander verknüpft waren.

Die Rechtsarchäologie berücksichtigt darüber hinaus symbolische Objekte, die in Rechtshandlungen Verwendung fanden. So sind Waffen nicht nur als kriegerische Geräte, sondern auch als Rechtszeichen zu verstehen, etwa wenn ein Speer oder ein Schwert als Zeichen der Rechtsgewalt fungierte. Auch der Stab als Insigne des Richters oder Urtheilers findet seine Entsprechung in archäologischen Funden. Runeninschriften, die auf Gegenständen wie dem Kamm von Vimose oder später auf Runensteinen erscheinen, dokumentieren die allmähliche Verschriftlichung sozialer und rechtlicher Normen und können als epigraphische Quellen des Rechtsarchäologen interpretiert werden.

Ein weiterer Forschungsaspekt liegt in der materiellen Kultur des Wergeldes. Münzfunde, Hacksilber und kostbare Objekte, die als Kompensationsleistungen gedient haben könnten, werden in der rechtsarchäologischen Forschung als mögliche Sachbelege für die Praxis des Ausgleichs und der Sühne herangezogen. Zwar sind direkte Nachweise selten, doch die Verknüpfung archäologischer Befunde mit den später verschriftlichten Wergeldtarifen erlaubt Rückschlüsse auf eine Kontinuität zwischen materiellen Austauschformen und rechtlich fixierten Kompensationsmechanismen.

Die rechtsarchäologische Perspektive zeigt, dass die Rechtsgeschichte der Germanen nicht allein auf Textquellen angewiesen ist, sondern in der materiellen Kultur ihre Ergänzung findet. Durch die Analyse von Thingstätten, Rechtszeichen, Runeninschriften und Kompensationsobjekten lässt sich ein Bild germanischer Rechtswirklichkeit gewinnen, das den Übergang von rituell-symbolischen Formen des Rechts hin zu schriftlich fixierten Rechtsordnungen in einem breiteren kulturhistorischen Rahmen sichtbar macht.[269][270][271][272]

6.1. Thing und Stammesrecht

6.1.1. Thing
Germanische Ratsversammlung (Relief der Marc-Aurel-Säule in Rom)

Das Thing war die zentrale politische und rechtsprechende Institution der germanischen Gesellschaften. Es handelte sich um eine regelmäßig abgehaltene Volksversammlung freier Männer, die an bestimmten, meist heiligen Orten unter freiem Himmel zusammentrafen. Diese Orte, etwa alte Bäume, Quellen, Anhöhen oder kultisch verehrte Plätze, spiegelten die enge Verbindung zwischen Recht, Religion und Gemeinschaftssinn wider. Im Thing wurden wichtige Angelegenheiten der Gemeinschaft verhandelt: Streitfälle zwischen Sippen oder Einzelpersonen, Sühneverhandlungen, Bußzahlungen, aber auch politische Fragen wie die Wahl von Anführern, das Fällen von Urteilen in Krieg und Frieden sowie das Verabschieden oder Anpassen überlieferter Normen. Dabei beruhte die Entscheidungsfindung nicht auf einem staatlich verankerten Gewaltmonopol, sondern auf Konsens und öffentlicher Zustimmung der Versammelten – häufig sichtbar durch das Heben von Waffen. Die Leitung des Things übernahmen gewählte oder anerkannte Richter, Häuptlinge oder Älteste, deren Autorität stets an die Zustimmung der Thingversammlung gebunden war. Das Thing war nicht nur Ort der Rechtsprechung, sondern zugleich Bühne öffentlicher Aushandlungsprozesse, Ausdruck kollektiver Selbstbestimmung und Garant für die soziale Kohärenz innerhalb der Stammesverbände. Es ersetzte private Gewalt, insbesondere Blutrache, durch geregelte Formen des Ausgleichs und der öffentlichen Gerechtigkeit. In seiner Struktur verband das Thing religiöse, soziale und politische Elemente zu einer vielschichtigen und stabilen Institution frühgermanischer Selbstorganisation.[273][274][275]

6.1.2. Germanisches Stammesrecht

Im Zentrum des Stammesrechts stand das Sippenprinzip. Der Einzelne war rechtlich nicht isoliert, sondern Teil einer größeren Verwandtschaftseinheit, der Sippe, die Schutz bot, aber auch Mitverantwortung trug. Vergehen eines Einzelnen wurden daher oft als Vergehen der ganzen Sippe betrachtet, weshalb diese auch bei Schuld, Sühne oder Bußzahlung mit in die Verantwortung genommen wurde. Statt staatlicher Strafen trat ein System geregelter Ausgleiche, insbesondere das Wergeld: Für Tötungen oder schwere Körperverletzungen wurden dem Opfer oder dessen Familie festgelegte Summen gezahlt, abhängig vom sozialen Rang des Getöteten. Dieses Bußsystem war nicht nur ein Mittel zur Vermeidung von Blutrache, sondern Ausdruck einer auf Ausgleich bedachten Rechtskultur.

Beweisverfahren im germanischen Recht beruhten nicht auf Beweismitteln im modernen Sinn, sondern auf Eiden, Zeugenaussagen oder göttlichen Zeichen – sogenannten Ordalien. Zu den bekanntesten Gottesurteilen zählten das heiße Eisen oder das Wasserurteil, bei denen das Urteil durch göttliches Eingreifen erwartet wurde. Der Eid hatte dabei eine zentrale religiöse Dimension: Ihn zu brechen galt nicht nur als Rechtsbruch, sondern als Sakrileg gegen die göttliche Ordnung.

Erst im Zuge der Christianisierung und der Herausbildung frühmittelalterlicher Herrschaftsstrukturen wurde das germanische Stammesrecht teilweise verschriftlicht. In den Gesetzessammlungen der merowingischen und karolingischen Zeit, etwa in der Lex Salica (für die Franken) oder der Lex Saxonum (für die Sachsen), wurden viele dieser mündlich überlieferten Normen festgehalten – allerdings unter dem Einfluss römisch-christlicher Vorstellungen und Verwaltungspraktiken. Dennoch blieb der ursprüngliche Charakter des Stammesrechts, seine Betonung von Sippe, Ehre, Brauch und öffentlicher Zustimmung, in großen Teilen erhalten und prägte die Rechtsentwicklung Europas weit über die germanische Epoche hinaus.[276][277][278]

6.2. Gesetzescodices des Frühmittelalters

Handschrift der Lex Salica aus dem Jahr 793 von Vandalgarius

Die germanischen Gesetzescodices des Frühmittelalters entstanden zwischen dem späten 5. und dem 9. Jahrhundert n. Chr. im Rahmen der politischen Konsolidierung und staatlichen Formierung verschiedener germanischer Stämme, darunter die Franken, Goten, Langobarden, Alemannen, Bajuwaren und Sachsen. Diese Rechtsaufzeichnungen sind als Reaktion auf tiefgreifende gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches zu verstehen. Die einst rein mündlich tradierte, durch Brauch und Sitte überlieferte Rechtsordnung der germanischen Stämme wurde nun unter königlicher oder herrschaftlicher Autorität verschriftlicht, um Rechtssicherheit herzustellen, bestehende Normen zu bewahren und neue Herrschaftsstrukturen zu stabilisieren.

Zugleich spiegelt die Entstehung dieser Codices den Einfluss römischer Verwaltungspraxis und lateinischer Schriftkultur wider, der durch die Integration der germanischen Herrschaftsträger in die spätantike Welt und die Ausbreitung des Christentums verstärkt wurde. Obwohl die Inhalte weitgehend germanischen Ursprungs blieben – etwa in Form von Wergeldsystemen, Sippenhaftung, Eidrecht und Fehdeordnungen –, wurde ihre Form durch die römische Tradition der Gesetzeskodifikation geprägt. Die Texte wurden daher überwiegend in Latein abgefasst, der Lingua franca[279] der frühmittelalterlichen Kirche und Verwaltung, was ihre Lesbarkeit für gebildete Kleriker und Adelige sicherstellte. Gleichzeitig folgten sie in ihrer Struktur nicht römischen Rechtssystemen mit abstrakten Normen, sondern dem germanischen Fallrecht, das konkrete Situationen regelte und normativ durch die Wiederholung überlieferter Fälle wirksam wurde.

Ein zentrales Merkmal dieser Codices war die Beibehaltung des Prinzips der Personalität des Rechts. Anders als im modernen territorialen Rechtssystem galt im Frühmittelalter nicht ein einheitliches Recht für alle Bewohner eines Gebiets, sondern jeder Volksstamm lebte nach seinem eigenen Recht, unabhängig vom geografischen Wohnsitz. So konnte im gleichen Herrschaftsraum – etwa im Frankenreich – nebeneinander das Recht der Franken, der Alamannen, der Bajuwaren oder der Römer gelten. Diese personal differenzierte Rechtsstruktur unterstreicht die Pluralität des frühmittelalterlichen Rechtsraums und verweist auf die enge Verbindung zwischen Identität, Herkunft und Rechtssicherheit in einer durch ethnische Vielfalt geprägten Gesellschaft.[280][281][282][283][284][285][286][287]

7. Anthropologie und Bioarchäologie

Die Anthropologie ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Menschen in all seinen Aspekten beschäftigt, sowohl biologisch als auch kulturell. Sie untersucht die körperliche Beschaffenheit des Menschen, seine genetische Variation, die Evolution der Art Homo sapiens sowie das Verhalten und die sozialen Strukturen verschiedener Gesellschaften. Innerhalb der Anthropologie lassen sich mehrere Teilbereiche unterscheiden, darunter die physische oder biologische Anthropologie, die kulturelle Anthropologie, die linguistische Anthropologie und die archäologische Anthropologie, die sich insbesondere mit materiellen Zeugnissen menschlicher Lebensweisen befasst, um Rückschlüsse auf soziale, wirtschaftliche und kulturelle Strukturen zu ziehen.[288] Eng mit der archäologischen Anthropologie verbunden ist die Bioarchäologie, die sich auf die Analyse menschlicher Überreste aus archäologischen Kontexten spezialisiert hat. Sie untersucht Knochen, Zähne und manchmal auch Haar- oder Gewebeproben, um Informationen über Gesundheit, Ernährung, Krankheit, körperliche Belastung sowie Alter, Geschlecht und demografische Strukturen vergangener Populationen zu gewinnen. Durch die Kombination anthropologischer Methoden mit archäologischen Erkenntnissen liefert die Bioarchäologie einen vertieften Einblick in das Leben, die Lebensumstände und die Umweltbedingungen früherer Gesellschaften und stellt somit eine wichtige Brücke zwischen der biologischen und der materiellen Erforschung des Menschen dar.[289][290]

7.1. Wissenschaftliche Untersuchungen (Aussehen und Körpergröße)

Die Germanen unterschieden sich in ihrer physischen Erscheinung deutlich von den Römern, insbesondere durch ihre überdurchschnittliche Körpergröße. Während germanische Männer im Durchschnitt eine Körperhöhe von etwa 172 Zentimetern und Frauen rund 162 Zentimeter erreichten, lagen die entsprechenden Maße bei den Römern spürbar niedriger. Diese auffällige Körperlänge trug erheblich zur römischen Bewunderung für die als „barbarisch“ geltenden Völker nördlich der Alpen bei.

Neben der Körpergröße wurde auch die Haar- und Hautfarbe zum Gegenstand antiker Wertungen. Helle Haut galt als typisches äußeres Merkmal der Germanen, ebenso wie blondes Haar, das in vielfältigen Nuancen von Weißgold über Rotgold bis Dunkelblond verbreitet war. Zwar kamen auch braune Haarfarben vor, doch wurde blondes Haar innerhalb der germanischen Gemeinschaften als besonders schön empfunden. Um diesem Ideal zu entsprechen, griffen viele – vor allem Männer – auf künstliche Bleichmittel zurück, die offenbar eine bemerkenswerte Wirkung erzielten.[291]

Die Haarpflege nahm im germanischen Alltag einen zentralen Stellenwert ein und war von einer nahezu kultischen Aufmerksamkeit geprägt. Kämme und Bürsten aus tierischen Materialien wie Schweineborsten waren weit verbreitet. Als Haarpflegemittel fand Butter Verwendung, was von römischen Autoren mit Unverständnis quittiert wurde, da das rasch ranzig werdende Fett für sie ein Zeichen unzivilisierter Sitten war.

Die Haarmode variierte zwischen den Geschlechtern: Frauen ließen ihr Haar lang wachsen, flochten es oder steckten es kunstvoll auf, oft unter Verwendung von Haarnadeln, Kämmen, Netzen oder farbigen Bändern. Männer hingegen trugen häufig schulterlanges Haar, das als Symbol von Männlichkeit und persönlicher Freiheit galt. Das gewaltsame Abschneiden oder Scheren der Haare wurde in der germanischen Kultur als entehrende Strafe empfunden, unabhängig vom Geschlecht. Ein weiteres Indiz für die Bedeutung äußerlicher Erscheinung liefern Grabfunde: Rasiermesser, die häufig als Beigaben in Männergräbern entdeckt wurden, lassen vermuten, dass viele Germanen auf Barttracht verzichteten und sich regelmäßig rasierten.[292]

7.2. DNA-Analysen und Migrationsmuster

Die Analyse genetischer Daten von über 90 Individuen aus Europa, die zwischen 3.000 und 8.000 Jahren vor heute lebten, hat zwei wesentliche prähistorische Bevölkerungsumbrüche identifiziert. Der erste Umbruch ist mit der Ausbreitung früher Bauern aus dem Nahen Osten verbunden, die vor mehr als 9.000 Jahren nach Europa migrierten und sich dort etwa ab 7.500 Jahren vor heute dauerhaft niederließen. Genetische Vergleiche zeigen, dass diese frühen Bauern in Spanien, Deutschland und Ungarn eine nahezu identische genetische Signatur aufweisen, was auf einen gemeinsamen Ursprung im Nahen Osten hindeutet. Damit widerlegen die genetischen Daten die zuvor auf archäologischen Funden basierenden Hypothesen zweier getrennter Migrationsrouten über den Mittelmeerraum und Mitteleuropa. Trotz der Dominanz der Bauernkultur blieb die genetische Signatur der einheimischen Jäger-Sammler-Bevölkerung erhalten. Zwischen 6.000 und 5.000 Jahren vor heute lässt sich ein erneuter Anstieg des Jäger-Sammler-Anteils im Genom beobachten, was auf eine fortdauernde Existenz und spätere Integration dieser Gruppen in bäuerliche Gesellschaften hinweist. Die Studie unterstreicht somit die komplexe demografische Dynamik und die genetische Kontinuität innerhalb prähistorischer europäischer Bevölkerungen.

Die genetische Analyse frühbronzezeitlicher europäischer Populationen offenbart einen zweiten tiefgreifenden Bevölkerungsumbruch, der durch das Auftreten einer bislang in Europa unbekannten genetischen Komponente markiert ist. Diese Komponente, die Ähnlichkeiten mit Populationen aus Sibirien und sogar mit den Vorfahren amerikanischer Ureinwohner aufweist, fehlt vollständig in Individuen, die älter als etwa 4.500 Jahre sind, tritt jedoch konsistent in jüngeren Proben auf. Diese zeitliche Diskontinuität ermöglichte erstmals eine nahezu genetisch basierte Chronologie prähistorischer Individuen. Die genetische Signatur dieser Komponente korrespondiert eng mit jener der Yamnaya-Kultur, einer Gruppe von Viehhirten aus der pontisch-kaspischen Steppe, was durch direkten genetischen Vergleich mit Individuen der Schnurkeramikkultur in Mitteleuropa, insbesondere aus Sachsen-Anhalt, bestätigt werden konnte. Dort beträgt der genetische Anteil der Yamnaya-Komponente bis zu 75 %, was die massive demografische Wirkung dieser Migration unterstreicht. Die enge genetische Verwandtschaft zwischen den Yamnaya und den Schnurkeramikern, trotz einer Distanz von über 2.600 Kilometern, belegt eine weitreichende und rasche Ausbreitung der Steppenbevölkerung in Mitteleuropa während des Übergangs von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit. Diese genetischen Ergebnisse bestätigen und vertiefen bisherige archäologische Beobachtungen zur kulturellen Verbindung zwischen Schnurkeramik- und Yamnaya-Komplex und markieren die Integration einer neuen Bevölkerungsgruppe in das genetische Erbe Europas.

Die genetischen Befunde zur spätneolithischen Migration aus den eurasischen Steppen deuten nicht nur auf einen erheblichen demografischen Wandel in Mitteleuropa hin, sondern haben auch weitreichende Implikationen für die Sprachgeschichte Europas. Die enge genetische Verwandtschaft zwischen der Schnurkeramikkultur und den Steppenhirten der Yamnaya-Kultur legt nahe, dass mit dieser Bevölkerungsbewegung auch sprachliche Elemente übertragen wurden. Da heutige Mittel- und Nordeuropäer sowohl genetische Anteile der Steppenbewohner tragen als auch indoeuropäische Sprachen sprechen, erscheint ein signifikanter sprachlicher Beitrag dieser Gruppe wahrscheinlich. Diese Interpretation wird durch linguistische Überlegungen gestützt, wonach die Geschwindigkeit sprachlichen Wandels deutlich höher ist als die genetischer Prozesse, weshalb die Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen nicht mit der frühneolithischen Ausbreitung der Ackerbauern, sondern vielmehr mit der späteren Steppenmigration in Verbindung gebracht werden sollte. Die genetische Evidenz liefert somit ein starkes Argument zugunsten der sogenannten „Steppe-Hypothese“ zur Verbreitung der indoeuropäischen Sprachen.[293][294][295]

Die genetischen und sprachhistorischen Erkenntnisse zur spätneolithischen Migration aus der pontisch-kaspischen Steppe lassen sich direkt auf die Entstehung der germanischen Völker beziehen. Die Yamnaya-Kultur, deren genetische Signatur sich mit bis zu 75 % im Erbgut der mitteleuropäischen Schnurkeramiker nachweisen lässt, bildet eine zentrale Grundlage für die spätere Bevölkerung Nordeuropas. Diese schnurkeramisch geprägten Gruppen gelten als Vorläufer der germanischen Kulturen, da sie in den folgenden Jahrhunderten die Nordische Bronzezeit prägten und schließlich zur Herausbildung der germanischen Stämme führten. Auch sprachlich spricht vieles dafür, dass mit der Steppenmigration nicht nur Gene, sondern auch die Vorformen der indogermanischen Sprachen nach Mitteleuropa gelangten. Die germanischen Sprachen entwickelten sich demnach aus dieser Sprachschicht heraus. In ihrer genetischen, kulturellen und sprachlichen Zusammensetzung stehen die Germanen somit in direkter Kontinuität zu der Bevölkerung, die aus der Verschmelzung von einheimischen Gruppen mit zugewanderten Yamnaya-Trägern im späten Neolithikum hervorging.

7.3. Ernährung und Krankheitsbilder

7.3.1. Ernährung

Die Ernährung der Germanen von der vorrömischen Eisenzeit bis ins Frühmittelalter beruhte vor allem auf Getreide, Hülsenfrüchten, Milchprodukten und Fleisch. Emmer, Einkorn, Gerste und später Roggen und Weizen bildeten die Grundlage der täglichen Nahrung und wurden meist als Brei oder Fladen zubereitet. Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen und Bohnen ergänzten die Kost, ebenso Wildkräuter, Beeren, Nüsse und Obst, darunter Äpfel und Pflaumen. Die Tierhaltung spielte eine zentrale Rolle: Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen lieferten Fleisch, Milch und andere Produkte. Wild und Fisch ergänzten den Speiseplan, insbesondere in waldreichen oder wasserreichen Gebieten. Die Speisen wurden über offenem Feuer gekocht oder gebraten, konserviert durch Räuchern, Trocknen oder Pökeln. Getrunken wurde Wasser, aber auch Met und später Bier; Wein war ein römischer Importartikel und blieb zunächst ein Luxusgut. Die Ernährung spiegelte soziale Unterschiede wider und hatte auch kultische Bedeutung, etwa bei Opferritualen. Mit dem Kontakt zur römischen Welt und der Christianisierung wandelte sich die Esskultur allmählich – neue Pflanzen, Gewürze und Fastenregeln veränderten den Speiseplan. Trotz einfacher Mittel war die germanische Ernährung an die Umwelt angepasst, vielseitig und über die Jahrhunderte hinweg im Wandel begriffen.[296][297][298][299]

7.3.2. Krankheitsbilder

Die alltäglichen Erkrankungen der alten Germanen in der Antike bis zum Beginn des Frühmittelalters waren vor allem durch die Lebensweise, Ernährung, hygienische Bedingungen und körperliche Belastungen bedingt. Infektionskrankheiten gehörten zum Alltag, vor allem Atemwegserkrankungen wie Bronchitis oder Lungenentzündungen, die durch kaltes, feuchtes Klima und Rauch in Wohnhäusern ohne Schornstein begünstigt wurden. Magen-Darm-Erkrankungen wie Durchfall, Ruhr oder parasitäre Infektionen waren weit verbreitet, da sauberes Trinkwasser und grundlegende Hygienemaßnahmen oft fehlten. Läuse, Flöhe und Würmer gehörten zum Alltag, ebenso bakterielle Infektionen durch Verletzungen, insbesondere bei Männern mit regelmäßigem Kontakt zu Waffen, Werkzeugen oder Tieren.

Auch Zahnerkrankungen traten sehr häufig auf. Analysen germanischer Skelette zeigen starken Zahnabrieb durch grobes Getreide, Karies, Parodontitis und häufigen Zahnverlust. Infolge einseitiger Ernährung mit wenig Frischkost und viel Getreide traten Mangelkrankheiten auf, etwa Skorbut (Vitamin-C-Mangel), besonders in den Wintermonaten. Wachstumsstörungen bei Kindern, Knochendeformationen und Blutarmut infolge von Eisenmangel sind ebenfalls dokumentiert.

Rheumatische Beschwerden, Arthrose und Abnutzungserscheinungen an Knochen und Gelenken waren im Alter weit verbreitet und auf schwere körperliche Arbeit zurückzuführen. Frauen litten zusätzlich unter geburtsbedingten Komplikationen, Beckenverformungen und Wundinfektionen, was zur hohen Sterblichkeit führte. Aderlässe, Kräutertränke und magisch-religiöse Rituale bildeten das einfache medizinische Repertoire, das mehr Linderung als Heilung versprach.

Diese alltäglichen Krankheiten waren chronisch präsent und prägten den Lebensalltag weit stärker als große Seuchenzüge. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei rund 30 bis 40 Jahren, was die häufige und wiederkehrende Krankheitsbelastung widerspiegelt.

Eine molekulargenetische Untersuchung von 70 Skeletten aus der frühmittelalterlichen Siedlung Lauchheim „Mittelhofen“ in Baden-Württemberg, datiert in das 7. bis 8. Jahrhundert n. Chr., liefert zudem neue Erkenntnisse zur Krankheitsbelastung beispielsweise in der Merowingerzeit. Die Studie, durchgeführt von Forschenden der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, zeigt eine niedrige Lebenserwartung, nur wenige Menschen wurden über 60 Jahre alt, die meisten starben als Jugendliche oder junge Erwachsene.

In fast einem Drittel der Fälle (22 von 70) konnten DNA-Spuren von Krankheitserregern nachgewiesen werden, darunter Mycobacterium leprae (Lepra), Hepatitis-B-Virus (HBV), Parvovirus B19 und das Variola-Virus (Pocken). Diese verursachten chronische und akute Krankheiten mit teils hoher Sterblichkeit. Während HBV bis zu Leberkrebs führen kann, verlief B19 meist symptomlos. Das Pockenvirus, das weltweit bis 1980 hohe Todeszahlen forderte, konnte ebenfalls identifiziert werden – allerdings ist unklar, wie gefährlich die historische Variante war.

Ein besonders schwerer Fall betraf einen 13- bis 15-jährigen Jugendlichen, bei dem gleich drei Infektionen (Lepra, Hepatitis B, Parvovirus B19) gleichzeitig festgestellt wurden. Die Forschenden betonen, dass durch den Zerfall von Weichteilen und die zeitliche Degradation der DNA wahrscheinlich viele Infektionen nicht mehr nachweisbar sind.

Zudem zeigten viele Skelette Spuren von Unterernährung. Als Ursache wird die sogenannte „spätantike kleine Eiszeit“ vermutet, ein Klimaphänomen mit Ernteausfällen und Hungersnöten. Die Kombination aus Mangelernährung und Infektionen schwächte die Bevölkerung erheblich und begünstigte die Ausbreitung von Krankheiten. Die Ergebnisse zeichnen das Bild einer frühmittelalterlichen Gemeinschaft in einem schlechten Gesundheitszustand, geprägt durch Umweltveränderungen und hohe Krankheitslast.[300][301]

8. Ethnologie und Völkerpsychologie

Die Ethnologie ist die Wissenschaft, die sich mit den Kulturen, Lebensweisen und sozialen Strukturen von Menschengruppen auf der ganzen Welt beschäftigt. Sie untersucht sowohl materielle Aspekte wie Werkzeuge, Kleidung und Siedlungen als auch immaterielle Elemente wie Bräuche, Rituale, Sprache und Weltanschauungen. Ziel der Ethnologie ist es, die Vielfalt menschlicher Kulturen zu verstehen, ihre Entwicklung nachzuvollziehen und vergleichend einzuordnen, wobei sowohl historische als auch gegenwärtige Gesellschaften betrachtet werden.[302] Mit der Ethnologie verbunden ist die Völkerpsychologie, die sich auf die kollektiven geistigen Eigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen von Gruppen oder „Völkern“ konzentriert. Während die Ethnologie vor allem die äußeren kulturellen Praktiken und sozialen Strukturen untersucht, analysiert die Völkerpsychologie, wie Traditionen, Sprache, Erziehung, soziale Normen und kulturelle Erfahrungen das Denken, Fühlen und Handeln ganzer Gemeinschaften prägen. Durch diese Perspektive ergänzt die Völkerpsychologie die ethnologische Forschung, indem sie die psychologischen Muster und kollektiven Mentalitäten beleuchtet, die das Verhalten von Gruppen langfristig beeinflussen, und so ein tieferes Verständnis für das Zusammenspiel von Kultur und Psyche liefert.[303]

8.1. Ethnische Identität und Selbstwahrnehmung

Die Germanen nahmen – soweit wir es aus den Quellen rekonstruieren können – über lange Zeit kein geschlossenes Selbstbild als „Germanen“ wahr, sondern identifizierten sich primär über lokale Stämme oder Regionen. Der Begriff Germani wurde von römischen Autoren geprägt und diente ursprünglich der fremdzuschreibenden Einordnung östlich des Rheins lebender Gruppen. Erst durch externe Zuschreibung gewannen die Stämme allmählich ein Bewusstsein für eine übergeordnete Zugehörigkeit zur germanischen Sphäre.

Tacitus’ Schrift Germania trägt entscheidend zur Selbstverortung bei. Er zeichnet ein Bild eines ursprünglichen, reinen Volkes, unvermischt von Fremden, geeint durch gemeinsame Sitten und Tugenden wie Ehre, Tapferkeit und Freiheitsliebe. Diese Zuschreibungen schufen einen Rahmen für ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zuvor nicht ausgeprägt war.

Spätere Forschungen betonen, dass es sich beim „Germanen“-Begriff allerdings weitgehend um eine Projektion römischer Beobachter handelt. Walter Pohl etwa argumentiert, dass Germanen eher als sprachlich-kulturelle Kategorie zu verstehen sind – eine flexible Selbstdefinition innerhalb komplexer Stammesverbünde, die sich nicht durch genetische oder ethnische Merkmale bestimmten.

Archäologische Studien stützen dieses Bild: Die Germanen zeichneten sich durch Mobilität, heterogene Lebensweisen und vielfältige soziale Strukturen aus – kein starres Ethnos, sondern eine dynamische Zusammensetzung verschiedener Gruppen. Moderne Funde zeigen, dass die früher oft stereotyp gezeichneten Eigenschaften (wie klischeehaftes „Barbarentum“) nicht zutreffend sind.

8.2. Fremdbilder der Germanen

8.2.1. Griechen und Römer

Die Wahrnehmung der germanischen Völker durch die antiken Griechen und Römer war durch ein deutliches Fremdbild geprägt, das zwischen Faszination, Angst und Geringschätzung schwankte. Die Griechen kannten die Germanen nur sehr indirekt. In den Schriften von Historikern wie Poseidonius oder Strabo wurden sie nicht eindeutig von anderen Völkerschaften wie Kelten oder Skythen abgegrenzt. Für die Griechen lebten die „Barbaren“ jenseits ihrer bekannten Welt, oft in unerschlossenen, kalten und wilden Gegenden. Die Germanen galten dabei als besonders rau, ungeordnet und kriegerisch. Ihre Lebensweise, die durch das Fehlen städtischer Strukturen, durch geringe materielle Kultur und durch einen starken Bezug zur Natur bestimmt war, wurde als primitiver Gegenpol zur hochentwickelten griechischen Polis-Zivilisation empfunden.

Eine systematischere ethnographische Beschreibung erfolgte durch die Römer, insbesondere seit der Zeit Julius Cäsars. In seinen „Commentarii de bello Gallico“ beschrieb Cäsar die Germanen als besonders kriegslustiges und widerstandsfähiges Volk, das sich durch asketische Lebensweise, starke Disziplin und rohe Sitten auszeichne. Er stellte sie als das Gegenbild zu den ihm vertrauten Galliern dar: härter, einfacher und kriegerischer. Cäsars Darstellung war nicht frei von politischer Absicht, denn sie diente der Legitimation seiner Feldzüge jenseits des Rheins und der Stilisierung der Römer als Garanten der Ordnung gegen eine wilde, unzivilisierte Außenwelt.[304]

Ein differenzierteres Bild lieferte etwa ein Jahrhundert später der römische Senator und Historiker Tacitus in seiner Schrift „Germania“. Darin betonte er einerseits die Tugenden der Germanen, etwa ihre Treue, Keuschheit, ihren Familiensinn und ihre Wehrhaftigkeit. Er lobte ihre Standhaftigkeit, ihre einfache Lebensweise und ihre Sittenreinheit. Zugleich kritisierte er die moralischen Dekadenzerscheinungen in Rom, indem er die Germanen idealisiert als natürliche und tugendhafte „edle Wilde“ darstellte. Diese idealisierende Darstellung sagt dabei vermutlich mehr über die römischen Eliten als über die Germanen selbst aus.[305]

Gleichzeitig waren für die Römer viele Aspekte der germanischen Kultur befremdlich oder sogar schockierend, wie etwa ihre Menschenopfer, die dezentrale politische Struktur oder ihre aus römischer Sicht mangelnde Kulturfähigkeit. Die römische Wahrnehmung erfolgte im Rahmen der sogenannten „Interpretatio Romana“, also der Tendenz, fremde Götter und kulturelle Praktiken in römischen Kategorien zu deuten oder zu vereinheitlichen. So wurden die Götter der Germanen häufig mit römischen Göttern gleichgesetzt, ohne dass ihre Eigenständigkeit oder kulturelle Bedeutung wirklich verstanden wurde.[306]

Das römisch-griechische Fremdbild der Germanen war folglich ein Spiegel kolonialer Sichtweisen der Antike: Die Germanen galten als Barbaren, als gefährliche und zugleich faszinierende Völker, die einerseits militärisch zu fürchten, andererseits moralisch zu bewundern waren. Dieses ambivalente Bild – zwischen roher Gewalt und natürlicher Reinheit – prägte das europäische Verständnis der Germanen bis weit in die Neuzeit hinein.

8.2.2. Kelten

Die Wahrnehmung der germanischen Völker durch die alten Kelten lässt sich nicht aus direkten schriftlichen Quellen der Kelten selbst rekonstruieren, da sie im Gegensatz zu Griechen und Römern keine literarische Tradition hinterließen. Dennoch ermöglichen archäologische Funde, sprachliche Spuren und Berichte aus römischen Quellen eine Annäherung an das keltische Fremdbild der Germanen. Die Kelten und Germanen lebten über Jahrhunderte hinweg in teilweise unmittelbarer Nachbarschaft, insbesondere in den Regionen zwischen Rhein, Main, Donau und dem heutigen Frankreich. In diesen Kontaktzonen kam es sowohl zu friedlichen als auch zu konfliktbeladenen Interaktionen.

Archäologisch lässt sich belegen, dass es in vielen Grenzgebieten kulturelle Überschneidungen gab. So zeigen Funde aus dem Hunsrück-Eifel-Raum oder aus Böhmen eine Mischung aus keltischen und germanischen Elementen. Es ist wahrscheinlich, dass dort sowohl gemischtsprachige Gemeinschaften existierten als auch eine gegenseitige Beeinflussung im Bereich von Technik, Kleidung, Bestattungssitten und Religion stattfand. Auch der Handel spielte eine bedeutende Rolle. Die Kelten verfügten über weitreichende Handelsnetze, und germanische Stämme profitierten von diesen Verbindungen, etwa durch den Erwerb keltischer Metallwaren oder Luxusgüter.

Konflikte traten insbesondere dann auf, wenn germanische Gruppen in traditionell keltisch besiedelte Gebiete vordrangen. In mehreren Fällen berichten römische Quellen, dass keltische Stämme wie die Helvetier oder Boier von germanischen Gruppen verdrängt oder militärisch bedrängt wurden. Solche territorialen Auseinandersetzungen dürften das Bild vom Germanen als kämpferischem, ungeordnetem und wilden Menschen geprägt haben. Umgekehrt erscheint in germanischer Perspektive der Kelte wohl oft als kultivierter, aber schwächerer Nachbar mit einem Hang zu Luxus und hierarchischer Struktur.

Sprachgeschichtlich ist belegt, dass germanische Sprachen eine Reihe von Lehnwörtern aus dem Keltischen übernommen haben. Diese betreffen insbesondere soziale, militärische und technische Begriffe, was darauf hinweist, dass die Kelten in bestimmten Bereichen als kulturell überlegen oder innovativer wahrgenommen wurden. Auch mythologische Parallelen deuten auf eine wechselseitige Einflussnahme hin, ohne dass die religiösen Systeme vollständig vermischt wurden.

Das keltische Fremdbild der Germanen lässt sich somit als ambivalent beschreiben. Die Germanen galten als starke, oft kriegerische Nachbarn, mit denen man in Konkurrenz um Lebensraum stand, deren Rohheit aber auch mit Respekt oder Furcht betrachtet wurde. Gleichzeitig wurden sie kulturell als weniger entwickelt wahrgenommen, wenn auch nicht grundsätzlich fremd. In Grenzregionen dürften viele Menschen sowohl keltische als auch germanische Einflüsse erlebt und gelebt haben, sodass sich hier kein scharfes ethnisches Bewusstsein im modernen Sinne rekonstruieren lässt. Vielmehr herrschten pragmatische Koexistenz, punktuelle Feindschaft und kulturelle Durchlässigkeit nebeneinander vor.[307]

9. Wissenschaft und Forschung zu Germanien (Germania)

9.1. Geographie und Topographie Germaniens

Germania magna
Germania inferior
Germania superior

Das Siedlungsgebiet der Germanen, das in der antiken römischen Terminologie als „Germania“ bezeichnet wurde, umfasste vom ersten Jahrhundert v. Chr. bis in das Frühmittelalter ein weiträumiges, geographisch und kulturell heterogenes Areal in Nord-, Mittel- und Teilen Osteuropas. In der Antike definierte sich „Germanien“ aus der Sicht römischer Autoren vor allem als das Gebiet nördlich der Donau und östlich des Rheins, wobei insbesondere nach der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. eine Unterscheidung zwischen dem römisch kontrollierten Germania inferior und Germania superior sowie dem freien, nicht von Rom beherrschten Germania magna getroffen wurde. Dieses nicht-provinzialisierte Gebiet war politisch dezentral organisiert und durch eine Vielzahl germanischer Stämme geprägt, die häufig lokal und temporär vernetzt agierten. Die wichtigsten Siedlungsräume lagen im heutigen Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich und angrenzenden Regionen Südskandinaviens.

Während der römischen Kaiserzeit unterlagen die germanischen Siedlungsstrukturen einem ständigen Wandel infolge von Bevölkerungsbewegungen, inneren Umstrukturierungen und zunehmenden Kontakten zum römischen Reich. Die Gesellschaftsform blieb größtenteils agrarisch geprägt, bestehend aus kleineren Hofverbänden, dezentralen Dorfgemeinschaften und einem weitgehenden Fehlen urbaner Zentren, wie sie in der römischen Welt typisch waren. Die Siedlungsweise spiegelte eine starke regionale Differenzierung wider, etwa zwischen den nordwestgermanischen Gruppen (z. B. Sachsen, Friesen), den elbgermanischen Völkern (z. B. Sueben, Semnonen, Langobarden) oder den ostgermanischen Stämmen (z. B. Goten, Vandalen, Burgunden), die teilweise weitreichende Wanderbewegungen auslösten.

Ab dem späten 2. und besonders im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. setzte die sogenannte Völkerwanderung ein, in deren Verlauf zahlreiche germanische Gruppen – etwa West- und Ostgoten, Langobarden, Vandalen oder Burgunden – ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete in „Germania“ verließen und in Richtung Westen und Süden vordrangen. Die ursprüngliche Siedlungsregion wandelte sich dadurch tiefgreifend: Viele Gebiete wurden entvölkert oder neu besiedelt, und es kam zur Herausbildung neuer politischer Verbände und Königreiche, sowohl innerhalb als auch außerhalb der ehemaligen Grenzen des Römischen Reiches.

Mit dem Übergang in das Frühmittelalter verlor der Begriff „Germania“ zunehmend seine Bedeutung als geografisch definierter Raum. Die Nachfolgereiche, insbesondere das Frankenreich, überformten die alten Stammesgebiete, wobei sich langfristig die ethnopolitische Transformation von germanischen Stammesverbänden hin zu den frühmittelalterlichen Völkern des westlichen Europas vollzog. Das vormals lose gefasste Siedlungsgebiet „Germanien“ wurde so zu einem historischen Erinnerungsraum, der vor allem durch antike Quellen geprägt blieb und in der Historiographie des Mittelalters eine ideelle, aber keine territoriale Kontinuität aufwies.[308][309][310][311]

9.2. Flora und Fauna

Blick auf den Schwarzwald vom Feldberg aus. Der Wald ist ein stark reduziertes Relikt des einst ganzen Hercynischen Waldes.

Germanien war zur Zeit der Antike von einer weitgehend natürlichen und wenig kultivierten Landschaft geprägt, die sich durch dichte Wälder, ausgedehnte Sümpfe und ein gemäßigt feuchtes Klima auszeichnete. Die antiken Autoren – insbesondere Tacitus – beschrieben das Land als dunkel, rau und schwer zugänglich, geprägt von Urwäldern und Mooren, in denen nur vereinzelte Rodungen für Ackerbau und Siedlungen bestanden. Ein großer Teil des Gebietes war von dem sogenannten Hercynischen Wald bedeckt, einem zusammenhängenden, weit verzweigten Waldgebiet, das sich vom heutigen Südwestdeutschland bis in das östliche Mitteleuropa erstreckte. Die Vegetation bestand vorwiegend aus Laubmischwäldern mit Eichen, Buchen, Linden, Ulmen, Erlen sowie Kiefern- und Fichtenbeständen in kühleren Lagen.[312]

Die Fauna war artenreich und entsprach im Wesentlichen dem mitteleuropäischen Großtierbestand vor der Industrialisierung. In den dichten Wäldern lebten Wildschweine, Rot- und Damhirsche, Elche, Auerochsen, Wölfe, Füchse und Luchse. Die Römer berichteten über das Vorkommen großer Wildtiere, die für die Germanen von wirtschaftlicher und symbolischer Bedeutung waren. Auch kleinere Tiere wie Hasen, Dachse, Biber oder verschiedene Vogelarten waren verbreitet. Die Flüsse und Seen der Region boten einen reichen Fischbestand und zogen zahlreiche Wasservögel an, während die sumpfigen Niederungen spezialisierten Arten wie Kranichen oder Rehen Lebensraum boten.[313][314]

10. Wirtschafts- und Sozialgeschichte

10.1. Agrarwirtschaft und Viehzucht

Die germanische Wirtschaftsweise beruhte im Wesentlichen auf einer sesshaften oder halbsesshaften Lebensform, die durch Ackerbau, Viehzucht und handwerkliche Produktion geprägt war. Entgegen einem weit verbreiteten Klischee stellten Jagd und Wildbeuterei nicht die Hauptnahrungsquellen dar, sondern ergänzten lediglich eine auf Selbstversorgung ausgerichtete Agrarwirtschaft. Der überwiegende Teil der germanischen Bevölkerung lebte als Bauern oder transhumante Viehhalter, deren wirtschaftliche Grundlage in der Nutzung von Feldern, Weiden und Wäldern bestand. Parallel zur Landwirtschaft entwickelte sich ein handwerklicher Sektor mit spezialisierten Tätigkeiten wie Schmiedekunst, Töpferei und Holzverarbeitung. Technisch verfügten die Germanen bereits über Kenntnisse des Rades, wobei linguistische Befunde auf eine Differenzierung zwischen dem älteren Scheibenrad und dem jüngeren Speichenrad hindeuten, was auf technische Innovationen in vorrömischer Zeit schließen lässt.

Die Wirtschaftsform der Germanen war nicht monetarisiert; sie beruhte auf Naturalwirtschaft, wobei Vieh den zentralen Tausch- und Wertmaßstab darstellte – ähnlich wie im frühen Rom. Dies spiegelt sich etymologisch im englischen Begriff „fee“ für Gebühr wider, der ursprünglich „Vieh“ bedeutete. Im Ackerbau dominierte die Gerste als wichtigste Getreideart, ergänzt durch regional unterschiedlich angebaute Pflanzen wie Weizen, Roggen, Hafer und Hirse. Besonders in den küstennahen Gebieten war auch der Anbau von Ackerbohnen verbreitet. Weitere Nutzpflanzen waren Erbsen, Flachs, Hanf und verschiedene Gartenkulturen. Obstbau scheint kaum betrieben worden zu sein, doch spielte das Sammeln wilder Früchte und Kräuter eine ergänzende Rolle. Nachweise aus Moorleichen belegen den Konsum von Wildpflanzen wie dem Spörgel.

Die Viehzucht umfasste vor allem Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Geflügel sowie in geringem Umfang Pferde, Hunde und Katzen. Die Kenntnis milchwirtschaftlicher Techniken ist durch das germanische Wort für Weichkäse belegt, das sich in den skandinavischen Sprachen bis heute erhalten hat. Für Hartkäse wurde später das lateinische Lehnwort caseus übernommen, was auf einen kulturellen Kontakt und Technologietransfer im Bereich der Ernährung hindeutet.[315][316]

10.2. Handelskontakte und Fernhandel

Handelsnetzwerk des Römischen Reiches um das Jahr 180 n. Chr.

Die Analyse westfälischer Fundkomplexe aus der römischen Kaiserzeit, insbesondere der im Raum zwischen Rhein und Weser entdeckten römischen Münzen aus Kupfer und Silber, belegt für das 2. Jahrhundert n. Chr. eine Phase intensiver Handelsbeziehungen zwischen germanischen Gemeinschaften und dem Römischen Reich. Diese Münzfunde verweisen auf den wechselseitigen Einsatz römischer Zahlungsmittel im freien Germanien und dokumentieren zugleich den Import römischer Gebrauchsgüter wie Keramik, Metallobjekte und technologische Spezialprodukte – darunter Pendelmühlen aus Basaltlava. Besonders konzentriert sind solche Funde im Gebiet zwischen Ruhr und Lippe sowie im Ravensberger Land, was auf regionale Handelsachsen innerhalb des germanischen Siedlungsraums schließen lässt.

Die Existenz und Nachhaltigkeit solcher Austauschbeziehungen setzt eine produktive wirtschaftliche Infrastruktur jenseits von Ackerbau und Viehzucht voraus. Innerhalb der germanischen Einzelhöfe und Gehöftgruppen lässt sich eine Spezialisierung handwerklicher Tätigkeiten nachweisen, die textile Produktion und Verarbeitung ebenso umfasste wie Metallverarbeitung, Schmiedekunst und Keramikherstellung. Die Herstellung scheibengedrehter Keramik in spezialisierten Töpfereien verweist auf technisches Know-how und Arbeitsteilung, während standardisierte Produktformen auf eine überregionale Verbreitung und den innergermanischen Handel hinweisen. Die auffällige Uniformität der Sachkultur germanischer Gemeinschaften während der römischen Kaiserzeit kann somit als Ausdruck wirtschaftlicher Integration und kultureller Verflechtung gedeutet werden.[317]

10.3. Handelsgüter und Rohstoffe von und nach Germanien

Der grenzüberschreitende Güteraustausch zwischen dem Römischen Reich und den Regionen nördlich von Rhein, Donau und Limes erstreckte sich bis weit nach Germanien und Skandinavien und nahm im Verlauf der römischen Kaiserzeit eine beachtliche Intensität an. Aus germanischen Gebieten gelangten zahlreiche Rohstoffe und Erzeugnisse in den Mittelmeerraum, darunter vor allem Getreide, Nutzvieh und Sklaven. Letztere erfüllten im Römischen Reich verschiedene Funktionen, etwa als Leibwächter, Träger oder Gladiatoren, und belegen die Integration der germanischen Peripherie in das römische Sklavenwirtschaftssystem. Epigraphische Funde, wie die Inschrift eines Sklavenhändlers in Köln, stützen diese Einschätzung und deuten auf einen institutionell organisierten Menschenhandel hin.

Darüber hinaus wurden in der Spätantike zunehmend hochwertige Naturprodukte wie Pelze, gepökeltes Fleisch und insbesondere Bernstein nach Süden exportiert. Bernstein, der entlang von Handelsrouten aus dem Ostseeraum über Mitteleuropa nach Italien gelangte, galt als begehrtes Luxusgut und fand Verwendung in der Herstellung von Schmuck, Gefäßen und Amuletten. Der hohe Wert des Materials wird unter anderem durch die historische Überlieferung einer römischen Expedition an die Ostseeküste unter Nero bezeugt, die ausschließlich dem Erwerb großer Bernsteine für öffentliche Spiele diente.

Terra-sigillata-Schüssel

Im Gegenzug erreichten zahlreiche römische Produkte das freie Germanien und darüber hinaus den skandinavischen Raum. Zu den bedeutendsten Exportgütern zählten Terra sigillata[318] – überwiegend aus Produktionszentren in Süd- und Mittelgallien –, fein gearbeitete Bronze- und Glasgefäße, Silbergeschirr, Waffen, Schmuckringe sowie hochwertige Textilien. Diese Importwaren, vielfach archäologisch nachgewiesen, lassen auf ein weit verzweigtes und kontinuierlich genutztes Handelsnetz schließen, das sowohl wirtschaftliche Interessen als auch kulturelle Kontakte zwischen Römern und Germanen ermöglichte.[319]

11. Schlachtfeldarchäologie und historische Waffenkunde

Die Schlachtfeldarchäologie ist ein Teilgebiet der Archäologie, das sich mit den materiellen Zeugnissen von Krieg und militärischen Aktivitäten vergangener Gesellschaften beschäftigt. Sie untersucht Schlachtfelder, Befestigungsanlagen, Lagerstätten, Waffenfunde und andere militärische Relikte, um Einblicke in die Kriegführung, Strategie, Organisation und Technologie historischer Armeen zu gewinnen. Ziel der Schlachtfeldarchäologie ist es, sowohl die praktischen Aspekte militärischer Auseinandersetzungen als auch ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen zu rekonstruieren.[320] In Verbindung mit der Schlachtfeldarchäologie ist die historische Waffenkunde[321], die sich speziell auf die Analyse, Typologie und Funktionsweise von Waffen konzentriert. Sie untersucht Bauweise, Materialien, Einsatzmöglichkeiten und Entwicklungsgeschichte verschiedener Waffenarten, von Fern- und Hiebwaffen bis zu Schusswaffen, und liefert so die Grundlage für ein detailliertes Verständnis militärischer Technik und Kampftaktik. In Kombination mit der Militärarchäologie erlaubt die historische Waffenkunde, Funde nicht nur zu datieren und zu klassifizieren, sondern auch die praktischen Anwendungen und strategischen Zusammenhänge vergangener Kriege und Schlachten fundiert nachzuvollziehen.

11.1. Germanische Streitkräfte

Ein Moorleichnam, der sogenannte Mann von Osterby, zeigt den Suebenknoten – eine Haartracht, die laut Tacitus unter germanischen Kriegern verbreitet war.

Die Zusammensetzung und Organisation germanischer Heere in der vorrömischen und römischen Zeit beruhte wesentlich auf dem Prinzip der Gefolgschaft (comitatus), das sowohl militärisch als auch sozial den Kern der Kriegsführung bildete. Der comitatus bezeichnete eine durch persönliche Loyalität und gemeinsame Beuteerwartung verbundene Kriegergruppe, die einem Anführer folgte. Tacitus beschreibt diesen Verband als eine Gefolgschaft junger, kriegsfähiger Männer (comites), die sich freiwillig einem princeps anschlossen, dessen Ansehen sich maßgeblich durch militärischen Erfolg und Großzügigkeit gegenüber seinen Gefolgsleuten bestimmte. Der deutsche Archäologe Heiko Steuer weist darauf hin, dass es sich bei diesen Formationen weniger um stammesgebundene oder ethnisch homogene Gruppen handelte, sondern vielmehr um politische Zweckgemeinschaften, deren Zusammenhalt auf charismatischer Führung und materieller Teilhabe beruhte. Mit zunehmender Größe und dauerhafterer Existenz konnten solche Gefolgschaften schließlich namensgebend für ganze Völkerschaften werden.

Germanische Heere waren im Vergleich zu den regulären Armeen Roms zahlenmäßig deutlich kleiner. Angaben wie die von Caesar erwähnten 100.000 Sueben gelten in der heutigen Forschung als propagandistisch überhöht. Auf Grundlage späterer Quellen wird für einzelne Kriegsscharen eine Stärke von 500 bis 1600 Kämpfern angenommen, wobei bei groß angelegten Unternehmungen vereinzelt bis zu 3000 Mann erreicht werden konnten. Die Vorstellung, dass gesamte Stämme kollektiv in den Krieg zogen, gilt als überholt, da sie logistisch und gesellschaftlich in einer vorstaatlichen Agrargesellschaft kaum realisierbar war. Die tatsächliche Kriegsbeteiligung dürfte sich meist auf junge, unverheiratete Männer konzentriert haben, ergänzt um ältere, erfahrene Krieger. Diese Struktur ermöglichte flexible, kampferprobte Formationen, die stark von individueller Tapferkeit, familiärer Ehre und der Aussicht auf Beute motiviert waren.

Im Verlauf des frühen Mittelalters verstärkte sich der soziale Unterschied zwischen einem sich herausbildenden Kriegeradel und der bäuerlichen Unterschicht. Die Krieger bildeten zunehmend eine professionelle, von der Agrarbevölkerung abhängige Kriegerklasse, deren militärisches Potenzial durch institutionalisierte Gefolgschaften und verstärkte Hierarchisierung geprägt war. Damit wandelte sich das ursprünglich personal gebundene, temporäre Gefolgschaftswesen in eine dauerhaftere militärische Struktur, die eng mit der Entstehung frühmittelalterlicher Herrschaftsformen verbunden ist.[322]

11.2. Bewaffnung und Kriegsgerät

Die Frame

Die Bewaffnung und das Kriegsgerät der germanischen Völker lassen sich auf Grundlage archäologischer Funde sowie antiker Quellen rekonstruieren. Die germanischen Krieger traten zumeist als leichtbewaffnete Infanterie in Erscheinung, wobei sich ihre Ausrüstung je nach sozialem Rang, regionaler Herkunft und zeitlicher Epoche unterschied. Als primäre Angriffswaffen dienten ihnen Speere und Wurfspeere (Framen), die sowohl für den Nah- als auch für den Fernkampf konzipiert waren. Besonders verbreitet war die sogenannte „Frame“, ein Wurf- und Nahkampfspieß, der den Germanen auch in römischen Quellen symbolisch als Waffe schlechthin zugeschrieben wurde.[323][324]

Der Überrest eines Saxes und ein Rekonstruktionsversuch im Rahmen der experimentellen Archäologie.

Das Schwert, meist vom Typ kürzeres Sax[325] ausgeführt, war zunächst ein Statussymbol der germanischen Oberschicht und blieb im frühen Zeitraum relativ selten. In späterer Zeit jedoch häuften sich Funde von Schwertern, vor allem aus dem 5. bis 7. Jahrhundert, die teilweise reiche Verzierungen aufwiesen und oft als Grabbeigaben beigesetzt wurden. Äxte kamen ebenfalls zum Einsatz, insbesondere bei Stämmen wie den Franken, die die charakteristische Wurfaxt „Francisca“ entwickelten. Bögen wurden von germanischen Kämpfern dagegen eher selten verwendet, was sowohl durch das Fehlen entsprechender Funde als auch durch antike Berichte gestützt wird.

Zwei germanische Schilde aus Holz aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.

Als Defensivbewaffnung dienten Schilde aus Holz mit metallener Schildfessel, wobei diese runden Schilde in der Regel einen Durchmesser von etwa 80 bis 100 Zentimetern aufwiesen. Körperschutz war selten und blieb meist wohlhabenden Kriegern vorbehalten. Metallene Helme und Kettenhemden wurden zwar vereinzelt gefunden, waren aber vermutlich Beutestücke römischen Ursprungs oder hochrangigen Kämpfern vorbehalten. Insgesamt war die germanische Kriegsführung stark auf Beweglichkeit, Überraschung und persönliche Tapferkeit ausgerichtet, wobei sich feste Formationen und eine zentral gesteuerte Heeresorganisation erst in späteren Jahrhunderten entwickelten.

11.3. Verteidigungsanlagen und Heerlager

Schlacht zwischen germanischen Kriegern und der römischen Armee auf dem Portonaccio-Sarkophag (ca. 190–200 n. Chr.)

Die germanischen Völker verfügten über eine Vielzahl von Verteidigungsanlagen, deren Beschaffenheit und Verbreitung eng mit der jeweiligen regionalen Bedrohungslage sowie der sozialen Organisation der germanischen Stämme verknüpft war. Anders als im Römischen Reich, das über hochstandardisierte Militärarchitektur mit befestigten Kastellen, Marschlagern und Legionslagern verfügte, war die Verteidigungsarchitektur der Germanen meist einfacher strukturiert, lokal begrenzt und funktional auf konkrete Gefahrenlagen ausgerichtet. Dennoch lassen sich archäologisch und durch antike Schriftquellen belegbare Beweise für den bewussten Bau und die Nutzung von Verteidigungsanlagen feststellen. Dazu gehören sowohl befestigte Einzelgehöfte als auch größere Erdwerke wie Ringwälle und Palisadenanlagen.

Befestigte Höfe oder Wehrsiedlungen bestanden zumeist aus Gräben, aufgeschütteten Erdwällen und Holzpalisaden, die entweder temporär errichtet oder über längere Zeiträume instand gehalten wurden. Solche Strukturen lassen sich insbesondere in Grenzregionen nachweisen, etwa entlang des Rheins, der Elbe oder im nördlichen Germanien. Die Sicherung dörflicher Strukturen vor räuberischen Überfällen oder feindlichen Nachbarstämmen war hierbei ein vorrangiges Motiv. Teilweise wurden solche Anlagen auch zur Demonstration von Macht oder zur Abschirmung der Herrschaftsbereiche einzelner Anführer genutzt. Neben diesen kleineren Befestigungen sind auch größere Ringwälle archäologisch belegt. Sie finden sich vor allem in Norddeutschland, Dänemark und auf der Ostseeinsel Bornholm. Diese Anlagen, oftmals auf Hügeln oder Anhöhen errichtet, gehen teilweise auf die vorrömische Eisenzeit zurück, wurden jedoch in spätere Phasen hinein immer wieder genutzt oder reaktiviert. Die Nutzung solcher Erdwerke zur militärischen Organisation oder als Fluchtburgen ist in der Forschung weitgehend anerkannt. Sie dienten als Rückzugsräume in Kriegszeiten und symbolisierten zudem territoriale Kontrolle.

Belege für die Nutzung temporärer Heerlager durch germanische Stämme lassen sich vor allem aus schriftlichen Quellen entnehmen. Hierbei handelte es sich zwar nicht um ein standardisiertes Lager im römischen Sinne, wohl aber um eine gezielt befestigte Position, die militärischen Zwecken diente. Auch bei anderen Feldzügen germanischer Anführer ist von befestigten Sammelplätzen, Rückzugsorten oder temporären Verteidigungsstellungen auszugehen. Archäologisch lassen sich solche Heerlager nur schwer nachweisen, da sie oft aus vergänglichem Material errichtet und nach der Nutzung wieder aufgegeben wurden. Die Germanen verfügten nicht über ein festes System von Militärlagern, sondern operierten mit einer stark auf Mobilität und Geländekenntnis beruhenden Kriegsführung. Dies erlaubte ihnen, gegnerischen Truppen durch rasche Ortswechsel, Überraschungsangriffe und Guerillataktiken effektiv entgegenzutreten.

Im Unterschied zu römischen Militärlagern, die planmäßig mit Gräben, Wällen und rechteckigen Grundrissen angelegt wurden, waren germanische Wehrbauten oft unregelmäßig, organisch gewachsen und der Topographie angepasst. Ihre Hauptfunktion bestand nicht in langfristiger stationärer Präsenz, sondern in der punktuellen Sicherung von strategisch bedeutsamen Orten, wie zum Beispiel Übergängen, Stammeszentren oder religiösen Kultstätten. Auch wenn germanische Heerlager nicht in der römischen Systematik erscheinen, lässt sich doch aus den archäologischen Funden und literarischen Berichten ein Bild gewinnen, das deutlich macht, dass die Germanen über ein Bewusstsein für Verteidigung und Raumkontrolle verfügten. Die Errichtung von Ringwällen, Palisaden und befestigten Höfen war Ausdruck politischer und militärischer Organisation, die in bestimmten historischen Konstellationen – etwa während der Auseinandersetzungen mit Rom – stark intensiviert wurde.[326]

11.4. Kriegsstrategien und Gefolgschaftswesen

Die germanischen Völker verfügten über eigenständige Kriegsstrategien und ein ausgeprägtes Gefolgschaftswesen, das ihre militärische Organisation prägte. Ihre Kriegsführung war vor allem auf Mobilität, Geländevorteile und Überraschungsmomente ausgerichtet. Anstatt offener Feldschlachten bevorzugten sie Hinterhalte, Überfälle und flexible Taktiken wie den Schildwall zur Verteidigung und die Keilformation für gezielte Angriffe. Die berühmte Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. gilt als klassisches Beispiel für diese Strategie, bei der Arminius durch Terrainkenntnis und taktische Täuschung eine römische Armee vernichtete.

Zentrales Element der germanischen Kriegsführung war das Gefolgschaftswesen, bei dem Krieger freiwillig in den Dienst eines Anführers traten, dem sie Treue, Schutz und Kampfesmut schworen. Diese Gefolgschaften waren keine staatlich organisierten Heere, sondern persönlich gebundene Kampfgemeinschaften, deren Zusammenhalt auf Ehre, Loyalität und gegenseitiger Versorgung beruhte. Der Beitritt erfolgte meist durch rituelle Initiation mit Übergabe von Waffen. Der soziale Status eines Anführers beruhte auf der Zahl und Tapferkeit seiner Gefährten.

Im Kontakt mit dem Römischen Reich übernahmen einige germanische Gruppen taktische Elemente wie Formationsdisziplin und kombinierte Truppenführung, doch blieb die Kriegsführung stark auf persönliche Bindungen und flexible, defensive Kampfweisen ausgerichtet.[327][328]

11.5. Sieg oder Niederlage

11.5.1. Sieg

Nach einer siegreichen Schlacht widmeten sich germanische Krieger in der Regel ausschließlich den Verwundeten und Gefallenen der eigenen Gemeinschaft, während die Toten des Feindes unbeachtet auf dem Schlachtfeld zurückgelassen wurden. Diese Praxis entsprach einer kulturell tief verankerten Unterscheidung zwischen der eigenen Gemeinschaft und dem feindlichen Anderen. Der Umgang mit den Toten war dabei nicht nur Ausdruck von Loyalität und Ehrerbietung gegenüber den eigenen Gefährten, sondern auch Teil eines symbolischen Machtakts über den besiegten Gegner. Die Nichtbeachtung der feindlichen Leichen, die absichtsvolle Preisgabe an Aasvögel und Raubtiere, bedeutete nicht nur deren körperliche Entweihung, sondern auch eine rituelle Ausgrenzung aus jeder Form sozialer oder spiritueller Erinnerung.

In zahlreichen frühgermanischen Dichtungen und Überlieferungen, insbesondere in der heldenepischen Literatur skandinavischer und altenglischer Herkunft, wird dieses Bild eindrucksvoll beschrieben. Der Anblick verwester Feindesleiber, die von Tieren zerfetzt werden, dient dort als literarisches Motiv zur Veranschaulichung von Sieg, Ruhm und göttlicher Gerechtigkeit. Der Kontrast zwischen der rituellen Bestattung der eigenen Krieger und der Verwahrlosung der Feinde unterstreicht die moralische Ordnung der damaligen Kriegskultur, in der Ehre, Treue und Zugehörigkeit zentrale Werte bildeten. Diese Praxis verweist zugleich auf die religiös-weltanschaulichen Vorstellungen der Germanen, in denen der Übergang ins Jenseits eng mit einem ehrenvollen Tod und einer rituell angemessenen Behandlung des Leichnams verknüpft war – eine Würde, die dem Feind systematisch verweigert wurde.

Im Falle eines militärischen Sieges war die Aufteilung der Beute ein zentrales Element germanischer Kriegspraxis. Die Verteilung erfolgte häufig durch das Werfen von Losen, was auf ein starkes rituelles Moment innerhalb der Beutepraxis hinweist. Neben materiellen Gütern zählten auch Kriegsgefangene zur erbeuteten Kriegsbeute. In bestimmten Fällen wurden diese Gefangenen, ebenso wie ein Teil der Beute, dem Kriegsgott geopfert – ein Akt, der sowohl religiösen als auch symbolisch‑politischen Charakter hatte. Besonders berüchtigt ist der Fall der Kimbern, die während des Kimbernkrieges römische Gefangene nach ihrer Gefangennahme zeremoniell dem Kriegsgott darbrachten. Diese Praxis verweist auf eine tief verwurzelte Verbindung zwischen Krieg, Kult und Gemeinschaft, in der Sieg nicht nur materiellen Gewinn, sondern auch eine religiöse Verpflichtung gegenüber den göttlichen Mächten bedeutete.[329]

11.5.2. Niederlage

Die Legitimität germanischer Anführer beruhte wesentlich auf ihrem militärischen Erfolg und der Fähigkeit, ihre Gefolgschaften zu siegreichen Kriegszügen zu führen. Der Sieg auf dem Schlachtfeld galt nicht nur als Beweis persönlicher Tüchtigkeit, sondern auch als Ausdruck göttlicher Gunst und politischer Stärke. Niederlagen, insbesondere gegen das Römische Reich oder rivalisierende Stammesbünde, führten häufig zum Verlust der Autorität des jeweiligen Anführers. In vielen Fällen bedeutete eine militärische Niederlage das faktische Ende seiner Herrschaft und konnte zur vollständigen Auflösung des Stammesverbandes führen. Solche Niederlagen hatten mitunter weitreichende Konsequenzen, da unterlegene Gruppen oft in überlegene Konföderationen eingegliedert wurden, wodurch ihre politische und kulturelle Eigenständigkeit erlosch.

Die Härte germanischer Kriegswirklichkeit und die existenzielle Bedeutung militärischer Niederlagen spiegeln sich auch in den Berichten römischer Autoren über das Verhalten germanischer Frauen im Angesicht der Unterwerfung. So wird beispielsweise überliefert, dass nach der Niederlage der Kimbern in der Schlacht bei Vercellae im Jahr 101 v. Chr. zahlreiche kimbrische Frauen ihre Kinder töteten und anschließend Selbstmord begingen, um der drohenden Versklavung durch die Römer zu entgehen. Dieses drastische Verhalten lässt sich sowohl als Ausdruck der tief verankerten Furcht vor der sozialen und sexuellen Degradierung in der römischen Sklaverei deuten als auch als letzter Akt der Selbstbehauptung gegenüber dem Feind. Die rituell aufgeladene Selbsttötung verweist auf eine kulturelle Vorstellung von Ehre, in der der freiwillige Tod dem Verlust der Freiheit und Würde vorzuziehen war. Zugleich belegt dieser Vorfall die enge Verbindung zwischen militärischer Niederlage, politischer Auflösung und kollektiver Verzweiflung im Kontext der germanischen Kriegergesellschaft.[330]

11.6. Logistik

Ein wesentlicher Vorteil frühgermanischer Heere bestand in ihrer hohen Mobilität. Diese beruhte auf einer flexiblen Versorgungspraxis: Bei längerfristigen Feldzügen führten die Truppen ihren gesamten Tross mit, während sie bei kurzfristigen Unternehmungen nur minimale Vorräte mitnahmen und sich überwiegend durch Plünderung und Eigenversorgung aus dem Umland ernährten. Diese Strategie führte regelmäßig zu massiven Zerstörungen in den betroffenen Regionen und stellt einen typischen Aspekt der germanischen Kriegsführung dar. Aus logistischen Gründen wurden militärische Operationen traditionell bevorzugt in den Sommermonaten durchgeführt. Mit der Ausdehnung germanischer Gruppen in südlichere Gebiete und zunehmender Konfrontation mit dem Römischen Reich wandelte sich dieses Muster: Die Germanen entwickelten die Fähigkeit, auch in den Wintermonaten kriegerisch aktiv zu bleiben, was auf eine zunehmende Anpassung an römische Kriegsführung und erweiterte logistische Möglichkeiten hindeutet.[331]

12. Rezeptionsgeschichte und nationale Mythenbildung

Die Wiederentdeckung antiker Quellen wie Tacitus’ Germania und Jordanes’ Getica im 15. Jahrhundert bildete den Ausgangspunkt einer ideengeschichtlichen Entwicklung, in der das „Germanische“ zunehmend mit dem „Deutschen“ gleichgesetzt wurde. Deutsche Humanisten instrumentalisierten die Germania, um eine klassische Vergangenheit zu konstruieren, die derjenigen Griechenlands und Roms ebenbürtig erscheinen sollte. Im Zuge dieser Rezeption wurde das ursprünglich vage Konzept des „Germanischen“ im Lauf der Frühen Neuzeit zunehmend präzisiert und schließlich zur Legitimation einer Überlegenheitsidee genutzt. Während Tacitus die Germanen als autochthon beschrieb, popularisierte die in Schweden stark rezipierte Getica das Motiv Skandinaviens als „Mutterschoß der Nationen“, das dem schwedischen Gotizismus und imperialen Selbstverständnis diente. Die Germania, die Getica und die Historia Langobardorum galten bis in die Neuzeit als zentrale Bezugsquellen zur Erforschung der germanischen Vergangenheit.

Eine wissenschaftliche Differenzierung zwischen Germanen, Kelten und Skythen setzte erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der Entdeckung der indogermanischen Sprachverwandtschaft ein, als die Sprache zum primären Kriterium für ethnische Zugehörigkeit wurde. Bis dahin zählten viele deutsche Gelehrte die Kelten zur germanischen Gruppe.

Die eigentliche germanistische Philologie begann um 1800 mit den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm, deren sprach- und kulturwissenschaftliche Werke grundlegenden Einfluss ausübten. Jakob Grimm begründete unter anderem die These, die Germanen seien das „am germanischsten“ geprägte Volk unter den germanischsprachigen Gruppen, und vertrat die Auffassung, skandinavische Quellen seien reinere Ausdrucksformen des Germanentums als südeuropäische Überlieferungen – eine Ansicht, die auch heute noch in Fachkreisen verbreitet ist. Die Gleichsetzung von „Germanentum“ mit „Deutschtum“ prägte maßgeblich das ideologische Denken der völkischen Bewegung. Dort diente die Germania als vermeintlicher Beweis für die Reinheit und Tugend des deutschen Volkes, das sich über die römische Dekadenz erhoben habe.

Parallel dazu nutzten liberale Historiker die germanische Vergangenheit zur Legitimierung einer demokratischen Ordnung und eines deutschen Nationalstaats. In Skandinavien konzentrierte sich der romantische Nationalismus stärker auf das Wikingerzeitalter und begründete den Skandinavismus.

Im späten 19. Jahrhundert entwickelte der Archäologe Gustaf Kossinna Theorien, die bestimmte Fundkomplexe mit ethnischen Gruppen verbanden. Daraus leitete er eine germanische Identität ab, die bis in die Jungsteinzeit zurückreiche, und glaubte, genaue Wanderbewegungen germanischer Gruppen rekonstruieren zu können.

In den 1930er- und 1940er-Jahren griffen die Nationalsozialisten auf Vorstellungen einer germanischen Ursprungsreinheit zurück und missbrauchten sie zur ideologischen Begründung territorialer Expansionen. Die germanische Vergangenheit wurde zur Rechtfertigung der nationalsozialistischen Herrschaft umgedeutet – mit einem Fokus auf heldenhafte Führer und kriegerische Gefolgschaften. Diese politische Instrumentalisierung führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer kritischen Neubewertung des Begriffs „germanisch“. In der modernen Mediävistik wird der Begriff zunehmend vermieden, da er als politisch kontaminiert gilt und mehr begriffliche Unschärfen als wissenschaftliche Klarheit erzeugt.[332]

13. Museologie und Sammlungswesen

Die Museologie ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit den theoretischen, methodischen und praktischen Grundlagen von Museen beschäftigt. Sie untersucht deren Geschichte, gesellschaftliche Funktion, Organisationsformen und Aufgaben in Bezug auf Bewahrung, Erforschung, Vermittlung und Präsentation von Kulturgut. Dabei steht nicht allein das Museum als Institution im Zentrum, sondern auch seine Rolle als kulturelles Gedächtnis und als Ort der Wissensproduktion. Eng verbunden mit der Museologie ist das Sammlungswesen, das den Kern jeder musealen Tätigkeit darstellt. Unter Sammlungswesen versteht man die systematische Auswahl, den Erwerb, die Dokumentation, die Inventarisierung, die Pflege und den Erhalt von Objekten, die aufgrund ihres historischen, künstlerischen, naturwissenschaftlichen oder kulturellen Wertes bewahrt werden. Das Sammlungswesen bildet die materielle Grundlage musealer Forschung und Ausstellungstätigkeit und steht in engem Wechselverhältnis zur Museologie, da diese die wissenschaftlichen und konzeptionellen Rahmenbedingungen für die Sammlungspraxis bereitstellt.[333]

(Information: Die nachfolgenden Abschnitte listen Museen zum Thema „Germanen“ auf, die sich für Exkursionen[334] eignen.)

13.1. Deutschland

13.1.1. Römisch-Germanisches Museum in Köln
Das Römisch-Germanische Museum Köln am Roncalliplatz neben dem Kölner Dom.

Das Römisch-Germanische Museum in Köln, untergebracht im Belgischen Haus, präsentiert das archäologische Erbe der Stadt und ihrer Umgebung und deckt dabei einen Zeitraum von über 100.000 Jahren rheinischer Siedlungsgeschichte ab, von der Altsteinzeit bis in das frühe Mittelalter. Die ältesten Exponate dokumentieren die Lebensweise von Jägern und Sammlern während der Alt- und Mittelsteinzeit, während Funde aus der Jungsteinzeit, darunter die bedeutende bandkeramische Siedlung von Köln-Lindenthal, von der Sesshaftwerdung, dem Bau großflächiger Wohn-Stall-Häuser und der Herstellung von Steingeräten, Waffen sowie handgeformten Keramikgefäßen zeugen. Artefakte aus der vorrömischen Bronze- und Eisenzeit spiegeln frühe landwirtschaftliche Kulturen wider, deren keltische und germanische Gemeinschaften im Rheinland ihre Verstorbenen in Grabhügeln mit Beigaben bestatteten.

Den zentralen Schwerpunkt der Sammlung bildet die rund fünf Jahrhunderte währende römische Stadtgeschichte Kölns. Herausragend ist ein aus grünem Glas gefertigtes Miniaturbildnis des Kaisers Augustus als Erinnerung an den Stadtgründer. Das Museum beherbergt die weltweit größte Sammlung römischer Glasgefäße aus dem 1. bis 4. Jahrhundert, einschließlich Luxusobjekten wie formgeblasenen Figurengefäßen, Schlangenfadengläsern, Schliffgläsern und Diatretgläsern. Ergänzt wird dies durch herausragende Erzeugnisse römischer Goldschmiede- und Steinschneidekunst, prächtige Bernsteinminiaturen, Wandmalereien und Mosaiken aus wohlhabenden Stadthäusern sowie Keramikprodukte der Kölner Töpfereien, deren Handelsnetzwerk bis nach England reichte.

Die jüngsten Exponate entstammen der Merowingerzeit des 5. bis 7. Jahrhunderts und umfassen fränkische Bestattungen mit reichhaltigen Grabbeigaben, die ein anschauliches Bild frühmittelalterlicher Kultur geben. Zwei bedeutende Monumente, das Dionysosmosaik aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. und das 15 Meter hohe Grabmal des Legionsveteranen Lucius Poblicius aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., sind am Roncalliplatz in unmittelbarer Nähe des Kölner Doms durch ein Panoramafenster dauerhaft öffentlich zugänglich.[335][336]

13.1.2. Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg
Der Haupteingang des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.

Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg bietet im Bereich der Germanen beziehungsweise der germanischen Völker vor allem einen wichtigen Einblick im Rahmen seiner Dauerausstellung zur Ur- und Frühgeschichte. Diese Ausstellung behandelt die Geschichte der Menschen in der Vor- und Frühzeit und umfasst dabei verschiedene Kulturen von der Bronzezeit bis zur Zeit der Völkerwanderung. Ein besonders herausragendes Exponat ist der Goldkegel von Ezelsdorf-Buch, der aus der Urnenfelderzeit stammt und als bedeutendes Fundstück der Bronzezeit gilt. Die Ausstellung zeigt darüber hinaus zahlreiche weitere Artefakte aus Gold, Bronze, Eisen, Keramik und Glas, die aus Siedlungen, Gräbern oder Hortfunden stammen. Diese Objekte sind für das Verständnis der Lebensweise, Kultur und Gesellschaft der frühen germanischen Gruppen von großer Bedeutung. Zwar gibt es im Germanischen Nationalmuseum keine eigenständige Spezialausstellung ausschließlich zu den Germanen, doch vermittelt die Präsentation der frühgeschichtlichen Funde und Kulturen wesentliche Erkenntnisse über diese Epoche und die Entwicklung der germanischen Völker.

Die seit 2006 bestehende Dauerausstellung „Ur- und Frühgeschichte“ im Germanischen Nationalmuseum präsentiert den frühesten Abschnitt der menschlichen Kulturgeschichte und erstreckt sich über mehrere hunderttausend Jahre. Der chronologisch und regional strukturierte Rundgang beginnt mit den Jäger- und Sammlergesellschaften der Altsteinzeit und reicht bis zur Zeit Karls des Großen um circa 800 n. Chr., wo ein fließender Übergang zum Mittelalter erfolgt. Aufgrund des Mangels an schriftlichen Quellen für diesen Zeitraum in Mitteleuropa basiert die historische Erforschung vor allem auf archäologischen Funden aus dem Boden. Herausragende Exponate der Ausstellung sind unter anderem der bronzezeitliche Goldhut von Ezelsdorf/Buch, der vermutlich bei kultischen Handlungen von einem Priester verwendet wurde, sowie eine goldene Adlerfibel aus Domagnano, verziert mit roten Almandinsteinen, die vermutlich einer Frau am Hof des Ostgotenkönigs Theoderich um etwa 500 n. Chr. gehörte.

Der Begriff „germanisch“ im Namen des Museums bezieht sich auf den sogenannten germanischen Kulturraum, also die Regionen, in denen früher Deutsch gesprochen wurde. Die Gründung des Museums erfolgte vor dem Hintergrund des gescheiterten Versuchs einer politischen Einigung der deutschen Staaten im Jahr 1848 und verfolgte das Ziel, die Einheit des deutschsprachigen Kulturraums kulturell sichtbar zu machen. Diese Intention spiegelte eine politisch und kulturell fortschrittliche Vision wider. Mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 erhielt das Germanische Nationalmuseum offiziell den Status als Nationalmuseum für deutsche Kunst und Kultur.[337][338]

13.1.3. Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen
Das Germanengehöft[339] umfasst drei Bauwerke, von denen einige heute als kleine Ausstellungsräume genutzt werden.

Das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen, 1936 als erstes Freilichtmuseum mit thematischem Schwerpunkt auf den Germanen eröffnet, geht auf archäologische Ausgrabungen des Schulleiters Hermann Diekmann in den Jahren 1926 bis 1931 zurück. Diekmann ordnete einen in Oerlinghausen entdeckten Siedlungsplatz der sogenannten „germanischen Epoche“ zu. Unter Leitung des Archäologen Hans Reinerth errichtete der „Reichsbund für deutsche Vorgeschichte“ am Barkhauser Berg ein „Germanengehöft“ mit rekonstruiertem Wohnhaus sowie einer kombinierten Schmiede- und Töpferwerkstatt. Die Anlage diente nicht nur musealen Zwecken, sondern auch pädagogischen und propagandistischen Funktionen, darunter schulische Grabungen, modellgestützte Vermittlung, dramapädagogische Projekte wie das Theaterstück „Oerl Bark“ sowie Veranstaltungen für die SS. Nach Kriegsende verfiel das Gelände, wurde 1945 aufgegeben und schließlich abgebaut.

Nach einem erneuten Brand 1974 erfolgte ab 1979, unterstützt durch den Landesverband Lippe und die Stadt Oerlinghausen, der Wiederaufbau in moderner Form. Mit einer stärkeren Ausrichtung auf Siedlungsarchäologie und experimentelle Archäologie entwickelte sich das Museum zu einem bedeutenden Zentrum lebendiger Archäologie. Hier nahm auch die internationale Vereinigung EXARC ihren Ursprung. Gemeinsam mit dem Berliner Museumsdorf Düppel leistete Oerlinghausen einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung archäologischer Freilichtmuseen in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte.

Die Dauerausstellung präsentiert auf einer Fläche von 1,5 Hektar einen chronologischen Rundweg, der etwa 13.000 Jahre Menschheitsgeschichte erlebbar macht. Experimentell-archäologisch rekonstruierte Wohnbauten sind in naturnahe und kulturelle Umgebungen der jeweiligen Epochen eingebettet und veranschaulichen die Lebensweisen der damaligen Menschen. Einige der Gebäude dienen zusätzlich als Ausstellungsräume zu Themen wie Bekleidung, Ernährung und Kräuterkunde. Der Weg beginnt in der Altsteinzeit mit einem eiszeitlichen Rentierjägerzelt, das auf Funden der Ahrensburger Kultur basiert (ca. 12.700–12.500 v. Chr.), und führt über die Mittel- und Jungsteinzeit sowie die Bronzezeit bis ins frühe Mittelalter mit einem Hallenhaus um etwa 600 n. Chr. Die vorrömische Eisenzeit wird durch ein sogenanntes „Germanengehöft“ in der Mitte des Rundgangs repräsentiert, das auch Einblicke in seine eigene Geschichte bietet. Besonders hervorzuheben ist das Langhaus aus der Jungsteinzeit, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Museum auf Basis eines Fundes der Rössener Kultur im rheinischen Braunkohlerevier neu errichtet wurde. Es gilt als das erste seiner Art und setzte mit seiner wissenschaftlich fundierten Bauweise wichtige Maßstäbe für Freilichtmuseen in Deutschland.

Die im Museumsbereich „Germanengehöft“ präsentierten Gebäude basieren auf einem veralteten Forschungsstand und stammen aus den Jahren 1936 und 1961. Trotz ihres historischen Überholungsstatus wurden sie nicht abgerissen, da sie als Zeugnisse einer spezifischen historischen Deutung dienen. Im Jahr 1936 wurde dort ein damals radikal neues Bild der Germanen vermittelt, das im Kontext der nationalsozialistischen Ideologie stand und international Beachtung fand. Das Museum sollte als archäologisches Zentralmuseum des NS-Gaues Westfalen-Nord ausgebaut werden. Während die Ausstellung eine wissenschaftliche Anmutung beanspruchte, war sie inhaltlich stark ideologisch geprägt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage zunächst stillgelegt, 1961 jedoch im gleichen Stil rekonstruiert. Diese Wiedererrichtung verdeutlicht, dass viele zentrale Konzepte der nationalsozialistischen Freilichtmuseen über das Kriegsende hinaus weiterwirkten. Besonders hervorzuheben sind das sogenannte „Führerhaus“ in Bohlenständerbauweise sowie drei kleinere Handwerkerhäuser mit einfachen Lehmwänden. Der Ort bietet somit eine anschauliche Möglichkeit, die bis heute nachwirkende nationalsozialistische Geschichtspolitik im Zusammenhang mit dem Germanentum kritisch zu reflektieren. Geplant ist, in den kommenden Jahren ein Informationszentrum zu diesem Thema einzurichten.[340][341][342]

13.1.4. Archäologisches Freilichtmuseum Funkenburg
Rekonstruierte Funkenburg

Das Archäologische Freilichtmuseum Funkenburg in Westgreußen stellt eine in Deutschland einzigartige Rekonstruktion einer germanischen Siedlung dar, die auf einer archäologisch nachgewiesenen Befestigungsanlage basiert. Diese Anlage befand sich auf einem markanten Bergsporn oberhalb des landschaftlich reizvollen Helbetals und war vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis in das frühe 1. Jahrhundert n. Chr. kontinuierlich bewohnt. Sie war nach Nordwesten hin durch ein komplexes Verteidigungssystem aus Vor- und Hauptwall, Palisaden sowie Gräben geschützt. Bei den zwischen 1974 und 1980 durchgeführten Ausgrabungen wurden die Überreste von rund 60 Hütten und etwa 500 Gruben entdeckt. Das größte gefundene Pfostenhaus, mit einer Grundfläche von 8 mal 14 Metern, wird als möglicher Sitz des Oberhauptes der Anlage interpretiert. Die archäologischen Funde, vor allem Keramik, deuten auf Zuwanderung aus dem ostgermanischen Raum hin, während auch Kontakte zu keltischen und römischen Kulturkreisen nachweisbar sind.

Auf Initiative des Vereins Funkenburg Westgreußen e. V. erfolgte zwischen 1992 und 1999 ein teilweiser Wiederaufbau der Befestigungsanlage durch die gemeinnützige Fördergesellschaft Arbeit und Umwelt Sondershausen. Die Bauarbeiten wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Thüringischen Landesamt für Archäologische Denkmalpflege in Weimar, dem Landratsamt des Kyffhäuserkreises und der Gemeinde Westgreußen realisiert, die bis heute Träger des Museums ist. Die Rekonstruktion am Originalstandort umfasst sowohl Vor- als auch Hauptburg, bestehend aus Gräben, Türmen, Wällen und Palisaden. Die Vorburg dient heute vorrangig organisatorischen, wirtschaftlichen und administrativen Zwecken, während die Hauptburg eine Auswahl an rekonstruierten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Speicherbauten, Öfen und Arbeitsgeräten beherbergt. Da ein vollständiger Nachbau aller bei den Grabungen nachgewiesenen Gebäude nicht realisierbar war, entschied man sich für eine repräsentative Auswahl, die exemplarisch für das eisenzeitliche Siedlungsbild steht.

Das Museum ist besonders für die Darstellung der Alltagskultur der Eisenzeit geeignet. An speziell organisierten Aktionstagen, während Seminaren und insbesondere beim jährlich stattfindenden Funkenburgfest führen Mitglieder des Funkenburgvereins e. V. in historischer Kleidung Techniken und Lebensweisen der damaligen Zeit vor. Im regulären Museumsbetrieb ergänzen museumspädagogische Mitmachangebote wie Töpfern, Brotbacken, Wollbearbeitung, das Knüpfen von Fischernetzen oder Bogenschießen das Programm, um Besuchern einen praktischen Zugang zur Geschichte zu ermöglichen. Neben der anschaulichen Vermittlung prähistorischer Lebenswelten verfolgt das Museum das Ziel, historische Techniken und Materialien experimentell zu erproben und zu erforschen. Auf diese Weise werden wissenschaftliche Erkenntnisse über die germanische Besiedlung und Kultur der Region einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und zugleich in unterhaltsamer Form präsentiert.[343][344]

13.1.5. LVR-RömerMuseum in Xanten
Ein architektonisches und museales Kernstück des Geländes ist der Thermenschutzbau, der bereits 1999 errichtet wurde und die Überreste der großen Thermen überdacht. Er schützt die freigelegten Strukturen vor Witterungseinflüssen und erlaubt es den Besuchern, über Stege die antiken Badeanlagen mit ihren Becken, Heizkanälen und Feuerstellen zu erkunden. Farbige Stahlmarkierungen deuten die einstige Position von Wänden und Gewölben an, wodurch die einstige Pracht und Dimension der Anlage nachvollziehbar wird. Die Thermen waren in römischer Zeit ein zentrales Element des öffentlichen Lebens, ausgestattet mit Marmorverkleidungen, Wandmalereien und einer komplexen Abfolge unterschiedlich temperierter Räume.

Das LVR-RömerMuseum Xanten ist seit seiner Eröffnung im Jahr 2008 integraler Bestandteil des LVR-Archäologischen Parks Xanten und ersetzt das frühere Regionalmuseum Xanten. Errichtet wurde es direkt über den Fundamenten der antiken Basilika Thermarum, einer monumentalen Vorhalle des römischen Stadtbades der Colonia Ulpia Traiana. Diese bauliche Lage ermöglicht es, die römischen Funde in unmittelbarer Nähe zu ihrem ursprünglichen Entdeckungsort zu präsentieren, während das Gebäude zugleich als Schutzbau für die freigelegten und im Untergeschoss sichtbaren Grundmauern dient. Die Basilika Thermarum war mit einer Länge von rund siebzig Metern, einer Breite von etwa zweiundzwanzig Metern und einer Höhe von nahezu fünfundzwanzig Metern einer der größten bekannten Innenräume der antiken Stadt und zählte zu den bedeutendsten Bauwerken des römischen Xanten.

Das Museum ist so konzipiert, dass es die Dimensionen des antiken Raumes bewahrt, indem es auf durchgehende Geschosse verzichtet und die Ausstellung über mehrere schwebende Rampen und Plattformen erschließt. Diese führen die Besucher auf einem chronologischen Rundgang von der vorrömischen Zeit über die römische Epoche bis hin zur frühmittelalterlichen Periode. Der Zugang ist vollständig barrierefrei gestaltet, mit flach ansteigenden Rampen, Handläufen, einem Aufzug für mobilitätseingeschränkte Personen und speziellen Angeboten für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen, darunter taktile Stationen und Hörspiele.

Die Dauerausstellung, konzipiert als Rundgang durch die römische Geschichte des Niederrheins, beginnt bereits im Außenbereich mit einer Sammlung römischer Steinquader, die auf die gewaltigen Baumaterialtransporte der Antike hinweisen. Im Inneren werden die Besucher zunächst mit originalen Bodenschichten, Fußspuren und Spurrillen konfrontiert, die das alltägliche Leben in der Colonia erahnen lassen. Der erste Themenbereich widmet sich der vorrömischen Besiedlung und stellt unter anderem ein rekonstruiertes germanisches Wohnstallhaus vor. Es folgt die Darstellung der Ankunft der Legionen, symbolisiert durch eine Formation von Legionärshelmen, die auf den militärischen Charakter der frühen römischen Präsenz hinweist.

Auf einer langen Rampe setzt sich der Rundgang mit den Ereignissen des Bataveraufstands auseinander, der in Folge der Wirren nach dem Tod Kaiser Neros zum Untergang des Legionslagers Vetera führte. Hier ist eine umfangreiche Sammlung römischer Waffen und Ausrüstung zu sehen, darunter auch das am besten erhaltene antike Geschütz. Der zentrale Teil der Ausstellung ist der Blütezeit der Colonia Ulpia Traiana gewidmet und zeigt die Errichtung von Monumentalbauten, das städtische Leben, Wohnkultur, Religion, Freizeitgestaltung und Handwerk.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Handel und Verkehr, verdeutlicht durch den Fund eines römischen Lastkahns, der heute frei schwebend im Museumsraum präsentiert wird. Die Ausstellung zeigt zudem anhand von Grab- und Weihesteinen einzelne Lebensläufe und macht die kulturelle Vielfalt der Bevölkerung sichtbar, zu der auch germanische Frauen und Männer gehörten. Die späteren Abschnitte des Rundgangs beleuchten den Niedergang der Colonia durch Zerstörungen im späten 3. Jahrhundert, den teilweisen Wiederaufbau und die Transformation der Region in der Spätantike. Besonders hervorgehoben werden die germanischen Wurzeln der fränkischen Kultur anhand von Funden aus dem frühmittelalterlichen Friedhof unter der Kirche St. Viktor, die zugleich den Beginn des mittelalterlichen Xanten markieren.[345][346]

III. Kapitel: Die Germanenforschung

Die moderne Germanenforschung versteht sich als ein interdisziplinäres wissenschaftliches Unternehmen, das die germanischen Völker in ihrer historischen Realität zu erfassen sucht. Dabei geht es um die Gesamtheit der germanischen Stämme und Gemeinschaften, die in der Antike und im frühen Mittelalter im nördlichen und mittleren Europa lebten und durch sprachliche, kulturelle und soziale Gemeinsamkeiten verbunden waren. Ziel der Forschung ist es, auf der Grundlage von archäologischen, sprachwissenschaftlichen, historischen und kulturwissenschaftlichen Quellen ein möglichst nüchternes, faktenbasiertes Bild dieser Völkerwelt zu gewinnen.

Die Aufgabe besteht darin, die Germanen nicht durch die ideologisch geprägte Brille späterer Jahrhunderte zu sehen, sondern sie aus ihrer eigenen Zeitstellung heraus zu verstehen. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Germanen häufig in den Dienst nationaler und politischer Ideologien gestellt, wodurch sich eine Vielzahl von Mythen, Überhöhungen und Fälschungen bildete, die die wissenschaftliche Objektivität überlagerten. Die moderne Forschung tritt diesem Erbe bewusst entgegen, indem sie sich methodisch klar abgrenzt und ihre Aussagen streng an überprüfbare Befunde bindet.

Die zentrale Arbeitsweise liegt in der Verbindung von Disziplinen. Archäologie untersucht Siedlungen, Bestattungen, Waffenfunde und materielle Kultur, um Aufschluss über die soziale Organisation, die Wirtschaftsweise und die Glaubensvorstellungen der Germanen zu erhalten. Die Sprachwissenschaft trägt durch die Analyse der indogermanischen Sprachentwicklung und der germanischen Sprachzweige zur Rekonstruktion kultureller und ethnischer Zusammenhänge bei. Die Geschichtswissenschaft arbeitet vor allem mit antiken Quellen wie Tacitus, Caesar oder Cassius Dio, die allerdings stets kritisch betrachtet werden müssen, da sie von außenstehender Perspektive und mit politischer Zielsetzung verfasst wurden. Religions- und Kulturwissenschaft untersuchen die Vorstellungen, Riten und Mythen, die aus Runeninschriften, späteren altnordischen Texten oder aus der vergleichenden Mythologie erschlossen werden können.

Das Forschungsziel ist eine möglichst quellennahe, historisch und kulturell fundierte Rekonstruktion der germanischen Lebenswelt, die frei bleibt von nachträglichen ideologischen Projektionen. Damit versteht sich die moderne Germanenforschung nicht als Konstruktion einer nationalen Identität, sondern als historische Wissenschaft, die die Germanen in ihrem vielschichtigen Zusammenhang mit der antiken Welt, den Nachbarvölkern und dem Prozess der Völkerwanderung begreift.[347][348]

1. Frühere Germanenforschung

Die Renaissance leitete eine Wiederentdeckung der vorchristlichen Antike ein, wobei zunächst das klassische Altertum des Mittelmeerraums im Vordergrund stand. Erst in einem zweiten Schritt wurde auch das vorchristliche Nord- und Mitteleuropa, insbesondere die germanischen Völker, Gegenstand historischen Interesses. Im Zuge der Abgrenzung gegenüber der als zivilisiert empfundenen römischen Tradition des Heiligen Römischen Reiches wurden die Germanen der römischen Kaiserzeit häufig zusammen mit anderen sogenannten „Barbaren“ wie den Alanen und Hunnen betrachtet. Erste frühneuzeitliche Veröffentlichungen zur altnordischen Kultur erschienen im 16. Jahrhundert, darunter Olaus Magnus’ Historia de gentibus septentrionalibus (1555) sowie die Erstausgabe der Gesta Danorum von Saxo Grammaticus im Jahr 1514. In der deutschen Renaissance wurde durch Autoren wie Johannes Aventinus die Schilderung der Germani bei Tacitus rezipiert. Diese wurden idealisiert als „Altdeutsche“ mit unverdorbener Männlichkeit dargestellt, im Gegensatz zur als dekadent empfundenen Gegenwart.

Im 17. Jahrhundert nahm die Veröffentlichung von Werken zur altnordischen Literatur zu, darunter die lateinische Übersetzung der Edda durch Peder Resen (1665). Die romantische Begeisterung für das „Nordische“ im 18. Jahrhundert, insbesondere in der Wikinger-Rezeption, führte zu einem ausgeprägten kulturellen Interesse an germanischer Vergangenheit. Die Germanistik als akademische Disziplin entstand im frühen 19. Jahrhundert, etwa mit Rasmus Rasks isländischem Lexikon (1814) und erlebte ihren Höhepunkt mit Jacob Grimms Deutscher Mythologie (ab 1835) sowie dem von ihm und seinem Bruder Wilhelm verfassten Deutschen Wörterbuch. Neben sprachwissenschaftlichen Studien diskutierten Autoren der Aufklärung wie Montesquieu und Giambattista Vico über das Erbe der germanischen Stämme der Römerzeit und deren Einfluss auf das mittelalterliche und moderne Europa.

Die Institutionalisierung der Germanenforschung im 19. Jahrhundert verlief parallel zum Aufkommen des europäischen Nationalismus und der Suche nach nationalen Ursprüngen im Zeitalter nach den Napoleonischen Kriegen. In Deutschland diente die germanische Ethnogenese als ideologische Grundlage für die nationale Einigung und Abgrenzung gegenüber Nachbarvölkern mit anderer Abstammung. Diese Entwicklung kulminierte in der Ideologie des Pangermanismus und der Alldeutschen Bewegung, die eine politische Vereinigung aller deutschsprachigen Gebiete Europas anstrebten. In Skandinavien hingegen wurde der Schwerpunkt der nationalromantischen Geschichtskonstruktion stärker auf die Wikingerzeit gelegt, was in die Bewegung des Skandinavismus mündete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalismus ein, wodurch die staatliche Unterstützung für germanistische Forschung in Deutschland und Skandinavien stark reduziert wurde. In der Folge war das verbleibende Forschungsinteresse von einem deutlichen Antinationalismus geprägt. Archäologische Identifikationen germanischer Ethnien wurden bewusst vermieden, die Eigenständigkeit und Ursprünglichkeit der germanischen Kulturen wurde in Frage gestellt. Diese neue methodologische Richtung gewann besonders in den 1960er-Jahren an Bedeutung, insbesondere durch die sogenannte „Wiener Schule“ um Reinhard Wenskus, Walter Pohl und Herwig Wolfram. Diese Vertreter wandten sozialwissenschaftliche Ansätze an, um die Vorstellung fixer ethnischer Identitäten grundsätzlich infrage zu stellen. Während Wenskus noch eine „Traditionskern“-Theorie formulierte, vertrat Pohl später die These, dass germanische Völker über keine eigenen Institutionen oder Werte verfügten und keinen Beitrag zum mittelalterlichen Europa geleistet hätten. Wolfram ergänzte diese Sichtweise durch die Feststellung, dass das Konzept einer genuin germanischen Geschichte ebenso wenig Substanz habe wie die Vorstellung einer slawischen, griechischen, türkischen oder gar tunesischen oder maltesischen Geschichte.

Diese radikale Dekonstruktion wurde von Kritikern wie Wolf Liebeschuetz als dogmatisch und ideologisch motiviert charakterisiert. Er warf der Wiener Schule Geschichtsverzerrung durch selektive Quellenverwendung und ideologische Voreingenommenheit vor. Noch weiter gingen Vertreter einer neueren Richtung, angeführt von Andrew Gillett, die ebenfalls auf soziologische Theorien zurückgriffen, um jegliche ethnische oder kulturelle Kontinuität bei den Germanen zu negieren. Sie betrachteten die germanische Kultur als vollständig von der römischen abhängig und sprachen ihr jede eigenständige Relevanz für das mittelalterliche Europa ab. Archäologische, sprachliche und literarische Quellen galten ihnen als grundsätzlich unzuverlässig für Aussagen über Migration und ethnische Zugehörigkeit. Auch diese extremen Positionen wurden von Liebeschuetz als ideologisch einseitig zurückgewiesen.[349]

2. Gegenwärtige Germanenforschung

Das heutige Wissen der Germanischen Altertumskunde ist das Ergebnis eines mehr als hundertjährigen wissenschaftlichen Prozesses, der sich von den ideologisch aufgeladenen Ursprüngen des 19. Jahrhunderts zu einer kritisch-reflektierten, empirisch fundierten und interdisziplinär orientierten Forschungslandschaft entwickelt hat. Während ältere Auffassungen die „Germanen“ als einheitliches Volk mit klar umrissener ethnischer Identität betrachteten, wird in der modernen Altertumskunde von einem komplexen Gefüge kulturell verwandter Gruppen ausgegangen, deren Gemeinsamkeiten eher im Bereich sprachlicher, religiöser und sozialer Strukturen als in einer kohärenten politischen Einheit zu verorten sind. Die Germanen erscheinen heute nicht mehr als statische Größe, sondern als historisch wandelbare Kollektive, die in unterschiedlichen Regionen Europas siedelten und in engem Kontakt mit benachbarten Völkern wie Kelten, Römern, Sarmaten und Slawen standen.

Archäologisch basiert das heutige Wissen auf einer Vielzahl großflächiger Grabungen, mikroregionaler Analysen und naturwissenschaftlicher Verfahren wie der Radiokarbonmethode, der Isotopenanalyse oder der geophysikalischen Prospektion. Daraus ergibt sich ein deutlich differenzierteres Bild germanischer Siedlungs- und Wirtschaftsweisen: Siedlungen waren oft planmäßig angelegt, besaßen Spezialisierungen im Handwerk und Handel und standen miteinander in überregionalem Austausch. Auch die soziale Differenzierung lässt sich an Gräberfeldern mit unterschiedlich reichen Beigaben, monumentalen Grabhügeln oder Elitebestattungen ablesen. Die Germanen erscheinen nicht mehr als primitive Waldbewohner, sondern als kulturell eigenständige Gesellschaften mit komplexen politischen und religiösen Strukturen.

Ein wesentlicher Fortschritt der letzten Jahrzehnte liegt in der Integration genetischer Daten, insbesondere der sogenannten „Ancient DNA“ (aDNA).[350] Durch die Analyse jahrtausendealter Genome konnten großräumige Migrationsbewegungen nachgewiesen werden, etwa in der Bronzezeit, als Bevölkerungsgruppen aus der pontisch-kaspischen Steppe nach Mitteleuropa und Skandinavien vordrangen. Diese genetischen Prozesse korrelieren mit sprachlichen und kulturellen Veränderungen, die in Verbindung mit der Entstehung der germanischen Sprachgruppen stehen. Die genetische Forschung hat damit zur Auflösung starrer ethnischer Vorstellungen beigetragen und die historische Dynamik des Kulturraums Germanien hervorgehoben.

In sprachwissenschaftlicher Hinsicht wird die Germanenforschung heute durch die vergleichende germanische Philologie geprägt, die sich auf Lautgesetze, Morphologie, Syntax und Wortbildung stützt. Runeninschriften, Orts- und Personennamen sowie Lehnwörter aus dem Keltischen und Lateinischen ermöglichen Rückschlüsse auf Sprachkontakt, Ausbreitungsprozesse und kulturelle Interaktion. Besonders die ältesten Runeninschriften dienen als unmittelbare Zeugnisse frühgermanischer Sprachpraxis und sind in archäologische Kontexte eingebettet, was interdisziplinäre Auswertungen erlaubt.

Ein weiterer Kernbereich ist die Erforschung der religiösen Vorstellungen der Germanen. Während schriftliche Quellen wie die Edda oder die Germania des Tacitus nach wie vor wichtige Anhaltspunkte liefern, gewinnen archäologische Funde – etwa Mooropfer, Kultbauten, Ritualobjekte oder sakrale Landschaftselemente – zunehmend an Bedeutung. Die moderne Forschung geht davon aus, dass es keine einheitliche „germanische Religion“ gab, sondern regional ausgeprägte polytheistische Traditionen mit strukturellen Ähnlichkeiten, etwa in der Verehrung von Naturgewalten, Ahnenkulten oder kriegerischen Göttern.

Zugleich ist die Germanische Altertumskunde heute in besonderem Maße durch eine kritische Reflexion ihrer eigenen Geschichte gekennzeichnet. In der nationalsozialistischen Zeit wurde das Bild der Germanen massiv politisch instrumentalisiert. Daran anschließend bemüht sich die heutige Forschung, ideologische Narrative zu dekonstruieren und durch quellengestützte, kontextualisierte Rekonstruktionen zu ersetzen. Begriffe wie „Volk“, „Rasse“ oder „Kulturkreis“ werden methodisch hinterfragt, ebenso wie die Zuschreibung kollektiver Identität an archäologische Fundkomplexe.

Zentral für den gegenwärtigen Forschungsstand ist die digitale Plattform „Germanische Altertumskunde Online (GAO)“, die das umfassende „Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“ in digitaler Form fortführt. Diese Ressource bündelt den aktuellen Wissensstand zu allen Aspekten germanischer Kulturgeschichte – von Siedlung und Wirtschaft über Recht und Religion bis zu Kunst, Sprache und Rezeption. Die GAO integriert laufend neue Forschungsergebnisse, digitale Kartenwerke, bibliographische Datenbanken und thematische Essays und stellt damit das wichtigste Werkzeug moderner Germanenforschung dar. In Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und dem Verlag de Gruyter garantiert sie den wissenschaftlichen Standard und die methodische Breite der heutigen Altertumskunde.[351]

Die heutige Germanische Altertumskunde nicht nur ein interdisziplinäres, sondern auch ein theoretisch reflektiertes Fach. Sie verbindet empirische Evidenz mit kulturhistorischer Analyse, nutzt digitale Werkzeuge, genetische Daten und sprachwissenschaftliche Modelle und zielt auf eine historisch angemessene Rekonstruktion der Lebenswelten germanischer Gruppen zwischen Bronzezeit und Frühmittelalter. Damit steht sie exemplarisch für eine moderne historische Wissenschaft, die sich ihrer Vergangenheit bewusst ist, methodisch vielfältig arbeitet und den Blick für die kulturelle Komplexität frühgeschichtlicher Gesellschaften geschärft hat.

3. Zukünftige Germanenforschung

(Hinweis: Dieser Abschnitt behandelt mögliche zukünftige Entwicklungen in der modernen Germanenforschung. Die dargestellten Überlegungen spiegeln Ideen des Autors dieser Selbststudie wider, die bislang noch nicht zum etablierten Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis gehören. Sie sollen dazu beitragen, neue Erkenntnisse über die Germanen zu gewinnen – unabhängig von den überlieferten Schriften antiker bis frühmittelalterlicher Autoren.)

Am Beispiel des Kastells Inheiden lassen sich positive und negative Bewuchsmerkmale anschaulich darstellen, die durch den Einsatz luftbildarchäologischer Methoden sichtbar gemacht wurden. Solche Merkmale entstehen durch Unterschiede im Pflanzenwachstum, die auf unterirdische archäologische Strukturen wie Mauern, Gräben oder Fundamente hinweisen können.
Das Bild veranschaulicht ein typisches Prinzip der Luftbildarchäologie anhand der sogenannten Bewuchsmerkmale. Diese entstehen, weil archäologische Strukturen im Boden – etwa Mauerreste, verfüllte Gräben oder Gruben – das Pflanzenwachstum unterschiedlich beeinflussen. Im linken Bereich hemmt ein Mauerfundament das Wurzelwachstum, weshalb die Vegetation darüber niedriger und gelblich gefärbt ist. Im mittleren Bereich, wo sich ungestörter Boden befindet, ist das Wachstum gleichmäßig. Im rechten Bereich begünstigt eine verfüllte Grube mit lockerer, feuchter Erde das Pflanzenwachstum, wodurch die Vegetation dort dichter und höher erscheint. Solche Unterschiede lassen sich aus der Luft erkennen und erlauben Rückschlüsse auf verborgene archäologische Strukturen.
Bildlich dargestellte Simulation der 2D-Abtastung mit Lidar.

Die Germanenforschung der Zukunft dürfte sich grundlegend durch technologische Innovationen, disziplinübergreifende Methoden und neue gesellschaftliche Fragestellungen wandeln. Im Zentrum dieser Entwicklung böte sich die Verbindung traditioneller geisteswissenschaftlicher Ansätze mit modernen naturwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Verfahren an. Die Archäologie könnte durch Technologien wie Lidar[352], multispektrale Luftbildarchäologie[353] und präzise Geländeanalyse neue Möglichkeiten eröffnen, bislang unbekannte Fundstätten auch unter dichter Vegetation oder städtischer Überbauung zu lokalisieren und systematisch zu erschließen. Unterstützt durch molekulare Laboranalysen ließen sich selbst unscheinbare Artefakte auf mikroskopische Spuren organischer Materialien, Farbpigmente, Textilreste oder DNA-Rückstände untersuchen. Diese Untersuchungen ermöglichten weitreichende Rückschlüsse auf den Alltag der germanischen Völker, ihre Ernährung, Kleidung, Handelsverbindungen und Umweltbeziehungen. Die Bioarchäologie[354] und Paläogenetik[355] könnten zu zentralen Disziplinen innerhalb der Germanenforschung avancieren, indem sie Verwandtschaftsstrukturen, genetische Merkmale, Krankheitsprofile und Migrationsbewegungen erschließen. In Kombination mit isotopischen Analysen entstünden umfassende Erkenntnisse über geographische Herkunft, Mobilität und Ernährung einzelner Individuen oder Gruppen. Daraus ergäbe sich ein differenzierteres Bild der germanischen Kulturen, in dem der Begriff „Germanen“ nicht länger als ethnisch einheitlich zu verstehen wäre, sondern als Ausdruck vielfältiger kultureller und biologischer Identitäten.

Die historische Sprach- und Schriftwissenschaft dürfte ebenfalls von neuen methodischen Zugängen profitieren, insbesondere durch die systematische Erschließung und vergleichende Analyse von Runeninschriften, altgermanischen Textfragmenten und verwandten Sprachquellen. Mithilfe umfangreicher philologischer Textsammlungen könnten semantische Strukturen rekonstruiert und Sprachwandelprozesse nachvollzogen werden. Auch die theoretische Rekonstruktion urgermanischer Sprachformen sowie der Versuch, deren klangliche Strukturen auf Grundlage linguistischer Modelle erfahrbar zu machen, böte neue Perspektiven auf die Lautwelt der germanischen Frühzeit. Solche Vorhaben ermöglichten eine tiefere Auseinandersetzung mit der sprachlichen Vielfalt und Entwicklung innerhalb der germanischen Stämme. Die Kulturwissenschaften und die Ethnologie könnten verstärkt die Repräsentation und Konstruktion germanischer Identität untersuchen, wobei insbesondere die ideologischen Verzerrungen durch Romantik, Nationalismus und Nationalsozialismus kritisch hinterfragt würden. Eine reflektierte und dekolonisierte Germanenforschung der Zukunft würde ihren Fokus nicht mehr auf heroische Mythen, große Völkerwanderungen oder militärische Anführer richten, sondern vielmehr die Alltagskultur, die Rolle von Frauen, Kindern, Randgruppen sowie rituelle Praktiken in den Vordergrund stellen. Diese Perspektive ließe neue Fragen zur sozialen Organisation, zur materiellen Kultur und zu zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb germanischer Gesellschaften entstehen und würde die Forschung stärker anthropologisch ausrichten.

Ein besonders zukunftsweisender Bereich der Forschung könnte in der virtuellen Rekonstruktion historischer Räume bestehen. Durch den Einsatz moderner Visualisierungstechniken und räumlicher Modellierung ließen sich germanische Siedlungen, Heiligtümer oder Handelswege dreidimensional darstellen und historisch fundiert rekonstruieren. Nutzerinnen und Nutzer könnten sich durch solche digitalen Räume bewegen und historische Lebenswelten immersiv erfahren. Auf dieser Grundlage wären auch hypothetische Szenarien möglich, etwa zur Wirkung klimatischer Veränderungen, politischer Umbrüche oder technologischer Neuerungen auf die Lebensweise der germanischen Gemeinschaften. Auch strukturell dürfte sich die Germanenforschung weiterentwickeln, indem sie sich stärker international vernetzt, offene Forschungsplattformen etabliert und kollaborative Arbeitsformen fördert. Projekte der Citizen Science[356], bei denen interessierte Laien zur Datenerhebung oder Fundmeldung beitragen, könnten ein fester Bestandteil der Forschungspraxis werden. Die Digitalisierung historischer Archive, die systematische Erfassung archäologischer Befunde und die Integration multilinguistischer Wissensdatenbanken würden dazu beitragen, die Erforschung der germanischen Vergangenheit partizipativer, zugänglicher und dynamischer zu gestalten.

4. Wissenschaftliche Disziplinen der modernen Germanenforschung

Die Erforschung der germanischen Völker stellt ein komplexes interdisziplinäres Feld dar, das sich aus einer Vielzahl von Einzeldisziplinen zusammensetzt. Jede dieser Disziplinen beleuchtet unterschiedliche Aspekte der germanischen Welt und trägt damit zu einem umfassenden Gesamtbild bei. Da die Germanen selbst keine kontinuierliche Geschichtsschreibung hinterließen, ist die Forschung auf eine Kombination aus archäologischen, sprachlichen, literarischen, historischen, anthropologischen und naturwissenschaftlichen Quellen angewiesen.

4.1. Alte Geschichte

Die Alte Geschichte nimmt die Germanen aus der Sicht antiker Autoren wahr, da diese die einzigen zusammenhängenden schriftlichen Zeugnisse über die Germanen hinterließen. Werke wie Caesars „De bello Gallico“, Tacitus’ „Germania“ oder die Schriften von Cassius Dio und Ammianus Marcellinus sind zentrale Quellen. Sie beschreiben Kriegsereignisse, diplomatische Beziehungen, ethnische Stereotype und kulturelle Eigenheiten. Da diese Texte stets aus einer römischen oder griechischen Perspektive verfasst wurden, betrachtet die Forschung sie kritisch. Die Alte Geschichte analysiert nicht nur die Glaubwürdigkeit der Darstellungen, sondern setzt sie auch in den Kontext der römischen Politik und Ideologie. Besonderes Augenmerk liegt auf der römischen Wahrnehmung der Germanen als „Barbaren“ und auf der Frage, wie dieses Bild die römische Politik prägte. Darüber hinaus wird erforscht, wie die Germanen im Zuge der Völkerwanderung in das politische Gefüge des spätrömischen Reiches eingebunden waren und welche Rolle sie bei dessen Transformation spielten.

4.2. Archäologie

Die Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie bietet den unmittelbarsten Zugang zu den Germanen, da sie auf materiellen Hinterlassenschaften basiert, die nicht durch fremde Deutungen überformt sind. Siedlungsreste geben Auskunft über Hausbau, Wirtschaftsformen und Alltagsleben. Gräberfelder erlauben Rückschlüsse auf Sozialstrukturen, Geschlechterrollen, religiöse Vorstellungen und kulturelle Kontakte. Waffenfunde dokumentieren Kriegführung und Gefolgschaftswesen, während Schmuck und Kunsthandwerk symbolische, ästhetische und soziale Funktionen widerspiegeln. Die Archäologie untersucht außerdem Handelskontakte mit Römern, Kelten und anderen Nachbarvölkern, sichtbar an Importen wie römischem Glas, Metallgefäßen oder Münzen. Kultische Stätten und Opferfunde, darunter Mooropfer, geben Einblicke in religiöse Praktiken. Archäologische Großfunde wie das Nydam-Schiff oder der Fundplatz von Vimose sind Schlüsselergebnisse, die sowohl handwerkliches Können als auch militärische und religiöse Bedeutung dokumentieren.

4.3. Germanische Altertumskunde

Die Germanische Altertumskunde entstand im 19. Jahrhundert als interdisziplinäres Forschungsfeld, das archäologische, philologische und historische Ansätze bündelte. Ihr Ziel war es, die gesamte germanische Vor- und Frühgeschichte unter einem kulturgeschichtlichen Blickwinkel zu erfassen. Sie untersuchte nicht nur materielle Zeugnisse und Schriftquellen, sondern auch Mythen, Sagen, Rechtsüberlieferungen und sprachliche Relikte. In dieser Disziplin spiegelte sich das Bestreben wider, die Germanen in ihrer Gesamtheit als historische Kultur zu verstehen. Heute wird der Begriff weniger häufig verwendet, doch das Forschungsprogramm der Altertumskunde wirkt fort, indem es methodisch Archäologie, Philologie, Sprachwissenschaft und Religionsforschung verbindet.

4.4. Germanische Philologie

Die Germanische Philologie befasst sich mit den überlieferten Texten in germanischen Sprachen, die seit der Spätantike und im Mittelalter niedergeschrieben wurden. Sie umfasst Werke wie die Edda, die altenglische Heldendichtung „Beowulf“, das altsächsische „Heliand“-Epos oder die gotische Bibelübersetzung des Wulfila. Neben literarischen Texten untersucht sie auch Rechtsaufzeichnungen, liturgische Dichtungen und Überlieferungen von Helden- und Göttersagen. Die Germanische Philologie erschließt nicht nur Sprache und Literatur, sondern auch Weltbilder, Wertvorstellungen, Glaubenssysteme und Rechtsvorstellungen der germanischen Kulturen. Durch philologische Analyse werden Mythen und Heldensagen als Träger kollektiver Identität verstanden, die zugleich Einblicke in gesellschaftliche und politische Verhältnisse geben.

4.5. Altgermanistik

Die Altgermanistik ist ein spezieller Teilbereich der Germanistik, der sich mit den ältesten überlieferten germanischen Sprachstufen befasst. Dazu gehören Gotisch, Altnordisch, Altenglisch, Altsächsisch und Althochdeutsch. In der Altgermanistik werden Texte in diesen Sprachen sprachhistorisch analysiert und im literarischen wie kulturellen Kontext interpretiert. Sie untersucht frühe Schriften wie die gotische Bibelübersetzung oder altnordische Götterlieder und verbindet so Sprachwissenschaft mit Literaturwissenschaft. Ihr Forschungsfeld umfasst sowohl die Rekonstruktion alter Sprachstufen als auch die Deutung der Texte als Zeugnisse germanischer Kulturgeschichte.

4.6. Germanische Mediävistik

Die Germanische Mediävistik untersucht die germanischen Literaturen und Sprachen des Mittelalters. Hierzu zählen die altnordischen Isländersagas, altenglische und althochdeutsche Texte, Rechtsüberlieferungen, Chroniken und geistliche Literatur. Die Mediävistik steht im Schnittpunkt von Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Geschichtswissenschaft. Sie widmet sich insbesondere der Frage, wie germanische Traditionen im christlich geprägten Mittelalter transformiert wurden. Dabei untersucht sie, wie heidnische Mythen, Heldensagen und Rechtstraditionen in die neue geistige und kulturelle Ordnung eingebettet wurden.

4.7. Sprachwissenschaft

Die historische Sprachwissenschaft analysiert die germanischen Sprachen innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion der Sprachgeschichte, etwa durch die Untersuchung der ersten und zweiten Lautverschiebung, der Dialektgliederung in Ost-, West- und Nordgermanisch und der Einflüsse benachbarter Sprachgruppen. Sprachwissenschaftliche Methoden ermöglichen die Rekonstruktion nicht schriftlich überlieferter Sprachstufen und tragen zur Bestimmung von Wanderungsbewegungen und Siedlungsräumen bei. Die Sprachwissenschaft erhellt damit grundlegende Aspekte germanischer Identität, die über Sprache vermittelt wurde.

4.8. Runologie

Die Runologie untersucht die Runenschrift als ältestes Schriftsystem der Germanen. Sie widmet sich der Entstehung der Runen im 2. Jahrhundert n. Chr., ihrer Ausbreitung über Skandinavien, Mitteleuropa und die britischen Inseln sowie ihrer unterschiedlichen Varianten (älteres und jüngeres Futhark, angelsächsisches Runenalphabet). Die Runologie analysiert die sprachliche Struktur der Inschriften, deren soziale und religiöse Funktion und die Rolle der Runen in magisch-kultischen Kontexten. Runensteine, Grabbeigaben und Alltagsgegenstände mit Runeninschriften bilden zentrale Quellen, die Rückschlüsse auf Sprache, Kultur und Gesellschaft zulassen.

4.9. Religionswissenschaft und Mythologieforschung

Die Religionswissenschaft und die vergleichende Mythologieforschung widmen sich den Glaubensvorstellungen der Germanen. Sie untersucht Götterwelten, Opferpraktiken, Rituale, Toten- und Jenseitsvorstellungen sowie religiöse Symbole. Vergleichende Ansätze mit anderen indogermanischen Religionen ermöglichen eine Rekonstruktion von Strukturen und Motiven, die über einzelne germanische Traditionen hinausweisen. Literarische Zeugnisse wie die Edda, archäologische Funde wie Mooropfer oder Kultplätze sowie Berichte antiker und christlicher Autoren dienen als Quellen. Ziel ist es, die geistige Welt der Germanen zu erschließen, die in Mythen und Ritualen Ausdruck fand.

4.10. Anthropologie und Archäogenetik

Die Anthropologie untersucht die körperlichen Überreste germanischer Bevölkerungen, insbesondere Skelette und Gräber. Sie liefert Erkenntnisse zu Lebensalter, Krankheitsbildern, Ernährungsweisen und körperlichen Belastungen. Mit der modernen Archäogenetik hat sich das Feld stark erweitert: DNA-Analysen ermöglichen es, Wanderungsbewegungen, genetische Verwandtschaften und die Durchmischung verschiedener Bevölkerungsgruppen nachzuweisen. Damit wird eine naturwissenschaftliche Grundlage für Fragen der ethnischen und kulturellen Identität germanischer Stämme geschaffen.

4.11. Ethnologie und Kulturwissenschaften

Die Ethnologie betrachtet die Germanen aus der Perspektive kultureller Identität und Selbst- wie Fremdwahrnehmung. Sie untersucht, wie sich die Germanen von anderen Völkern abgrenzten, kulturelle Eigenheiten ausbildeten und mit Nachbarn in Kontakt traten. Die Kulturwissenschaften ergänzen diesen Ansatz durch die Erforschung der späteren Rezeption der Germanen. Sie fragen nach der Bedeutung germanischer Bilder in Mittelalter, Neuzeit und Moderne und zeigen auf, wie diese Bilder politisch, literarisch oder ideologisch instrumentalisiert wurden.

4.12. Rechtsgeschichte

Die Rechtsgeschichte erforscht die überlieferten Stammesrechte der Germanen, die seit dem Frühmittelalter schriftlich fixiert wurden. Dazu gehören die Lex Salica, die Lex Alamannorum oder die Lex Saxonum. Diese Texte spiegeln ein Nebeneinander älterer Stammestraditionen und christlich-römischer Einflüsse. Sie geben Einblick in Konzepte von Schuld, Sühne, Eigentum, Erbrecht und Herrschaftsstrukturen. Die Rechtsgeschichte beleuchtet damit grundlegende Prinzipien germanischer Gesellschaftsordnung.

4.13. Kunstgeschichte

Die Kunstgeschichte untersucht germanische Ausdrucksformen in Schmuck, Waffenverzierungen, Metallarbeiten, Steinmonumenten und Holzschnitzereien. Sie fragt nach Ornamenten, Symbolen und Gestaltungsprinzipien und interpretiert diese sowohl in ästhetischer als auch in religiöser oder sozialer Hinsicht. Kunstwerke der Germanen sind oft zugleich Ausdruck von Identität, Status und Glauben.

4.14. Numismatik

Die Numismatik widmet sich den Münzfunden im germanischen Kontext, die meist aus römischer oder später frühmittelalterlicher Herkunft stammen. Münzen geben Hinweise auf Handel, ökonomische Integration, politische Kontakte und die Verbreitung von Prestigeobjekten. Sie belegen zudem die Rolle germanischer Gruppen im überregionalen Wirtschaftsraum.

4.15. Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte analysiert landwirtschaftliche Praktiken, Handwerk, Handel und Austauschsysteme germanischer Gesellschaften. Sie untersucht soziale Hierarchien, Stammesverbände, Gefolgschaftswesen, Geschlechterrollen und Herrschaftsformen. Auf dieser Grundlage lässt sich das Funktionieren germanischer Gemeinschaften in ihrem alltäglichen wie politischen Leben nachvollziehen.

4.16. Militärgeschichte

Die Militärgeschichte behandelt die Bewaffnung, Kampfesweisen und Heeresorganisation der Germanen. Sie untersucht ihre Rolle in Auseinandersetzungen mit Rom und anderen Völkern, ihre Bedeutung in der Völkerwanderung und die Entwicklung militärischer Strukturen im Übergang von der Antike zum Mittelalter. Waffenfunde, Schlachtfelder und antike Berichte sind hier zentrale Quellen.

4.17. Toponomastik und Onomastik

Die Toponomastik (Ortsnamenforschung) und die Onomastik (Personennamenforschung) untersuchen sprachliche Spuren germanischer Herkunft in Namen. Sie ermöglichen Rückschlüsse auf Siedlungsräume, Wanderungen und Sprachkontakte. Orts- und Personennamen sind wichtige Indikatoren für die geographische Ausbreitung germanischer Gruppen.

4.18. Archäobotanik, Archäozoologie und Umweltgeschichte

Diese naturwissenschaftlichen Disziplinen liefern Informationen über Umweltbedingungen und Ressourcenbewirtschaftung germanischer Gesellschaften. Archäobotanik untersucht Pflanzenreste und ermöglicht Aussagen zu Landwirtschaft, Ernährung und Klima. Archäozoologie analysiert Tierknochen und erhellt Jagd, Viehzucht und Tierhaltung. Die Klimageschichte fragt nach dem Einfluss klimatischer Schwankungen auf Siedlungsbewegungen, Ernten und Migrationen.

4.19. Mittelalterforschung

Die Mittelalterforschung widmet sich den Nachwirkungen germanischer Traditionen im frühen Mittelalter. Sie untersucht die Bildung germanischer Königreiche wie der Franken, Goten oder Langobarden, die Verschmelzung germanischen Erbes mit römischer Kontinuität und die Integration in das christliche Europa. Damit wird sichtbar, wie sich germanische Gesellschaften im Übergang von der Antike zum Mittelalter veränderten.

4.20. Erinnerungskulturforschung

Die Erinnerungskulturforschung befasst sich mit der Rezeption der Germanen in späteren Jahrhunderten. Schon im Mittelalter wirkten germanische Helden- und Göttersagen fort, in der Neuzeit wurden sie in Literatur und Kunst neu gedeutet. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert dienten Germanenbilder häufig nationalistischen und ideologischen Zwecken. Die moderne Forschung legt Wert auf die Unterscheidung zwischen historischer Realität und späteren Projektionen.

IV. Kapitel: Bibliographie

scientia.wiki

Antike Schriftquellen

Germania (Publius Cornelius Tacitus)

Annales (Publius Cornelius Tacitus)

Commentarii de bello Gallico (Gaius Iulius Caesar)

Naturalis historia (Plinius der Ältere)

Lateinische Ausgaben

Übersetzungen

Geographika (Strabon)

  • Geographica | Englische Übersetzung von Hans Claude Hamilton und William Falconer im Perseus Project
  • Geographica | Englische Übersetzung von Horace Leonard Jones in LacusCurtius
  • Geographica | Griechischer Text im Perseus Project

De origine actibusque Getarum bzw. Getica (Jordanes)

Werke von Claudius Ptolemäus

Werke von Cassius Dio

Literaturverzeichnis

Germanische Literatur

Die Edda
Die Nibelungen

Literatur zu den Germanen

  • Germanen | Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Ausbüttel, Frank M.: Die Germanen, 2010.[2]
  • Ausbüttel, Frank M.: Germanische Herrscher von Arminius bis Theoderich, 2007.[3]
  • Bleckmann, Bruno: Die Germanen, 2000.[4]
  • Fischer-Fabian, Siegfried: Die ersten Deutschen, 1975.[5]
  • Krause, Arnulf: Die Geschichte der Germanen, 2002.[6]
  • Künzl, Ernst: Die Germanen, 2019.[7]
  • Pohl, Walter: Die Germanen, 2010.[8]
  • Pötzl, Norbert F.: Die Germanen (Geschichte und Mythos), 2013.[9]
  • Riemer, Ulrike: Die römische Germanienpolitik von Caesar bis Commodus, 2006.[10]
  • Rubel, Alexander: Religion und Kult der Germanen, 2016.[11]
  • Schneider, Helmuth: Feindliche Nachbarn (Rom und die Germanen), 2008.[12]
  • Simek, Rudolf: Die Germanen, 2011.[13]
  • Simek, Rudolf: Die Edda, 2007.[14]
  • Simek, Rudolf: Götter und Kulte der Germanen, 2016.[15]
  • Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie, 2006.[16]
  • Simek, Rudolf: Religion und Mythologie der Germanen, 2014.[17]
  • Timpe, Dieter: Römisch-germanische Begegnung in der späten Republik und frühen Kaiserzeit, 2006.[18]
  • Wolfram, Herwig: Das Römerreich und seine Germanen – eine Erzählung von Herkunft und Ankunft, 2018.[19]
  • Wolfram, Herwig: Die 101 wichtigsten Fragen – Germanen, 2008.[20]
  • Wolfram, Herwig: Die Germanen, 2018.[21]

Wissenschaftliche Publikationen

Sonstige Publikationen

Geschichtswissenschaftliche Nachschlagewerke

Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA)

Deutschsprachige Wikipedia[357]

Germanen
Germanische Völker
Germanien (Germania)
Germanenforschung

Lehrreiche Dokumentationen (Multimediathek)

(Alle Dokumentationen wurden vom Autor dieser Selbststudie gesichtet und als lehrreich befunden. Bei der Auswahl wurde auf seriöse Quellen geachtet.)

Bedeutende Dokumentationen von Akademien der Wissenschaften[358][359]

V. Kapitel: Anmerkungen, Begriffserklärungen, Literatur- bzw. Quellenangaben und sonstige Fußnoten

  1. Codex Aesinas | Wikipedia
  2. Begriffserklärung: Eine Selbststudie ist eine Form des eigenständigen Lernens, bei der eine Person sich Wissen, Fähigkeiten oder Kompetenzen ohne formale Anleitung durch Lehrkräfte oder strukturierte Kurse aneignet. Sie basiert auf selbstbestimmtem Lernen, wobei Lernziele, Lernmethoden und Lernmaterialien von der lernenden Person selbst ausgewählt werden. Eine Selbststudie kann theoretische Inhalte, praktische Übungen oder die Analyse von Fachliteratur umfassen und dient häufig der Vertiefung, Wiederholung oder Erweiterung von Wissen in einem bestimmten Fachgebiet.
  3. Begriffserklärung: Eine Monographie ist eine wissenschaftliche Abhandlung, die ein einzelnes, klar abgegrenztes Thema umfassend, systematisch und in sich geschlossen darstellt. Sie behandelt den Forschungsgegenstand in seiner gesamten Tiefe und berücksichtigt dabei den aktuellen Stand der Forschung, relevante Theorien, Methoden und Quellen. Monographien dienen häufig der Darstellung neuer Forschungsergebnisse, der Synthese vorhandener Erkenntnisse oder der Entwicklung neuer wissenschaftlicher Ansätze. In der Regel werden Monographien von einzelnen Fachwissenschaftlern, Forschern oder Autoren verfasst, die auf dem behandelten Gebiet spezialisiert sind. Sie entstehen häufig im akademischen Umfeld, etwa als Qualifikationsarbeiten wie Dissertationen oder Habilitationsschriften, können jedoch auch außerhalb der Universitäten von unabhängigen Wissenschaftlern oder Experten verfasst werden.
  4. Monographie (Begriffserklärung) | Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin
  5. Begriffserklärung: Der Begriff Selbststudium bezeichnet eine Lernform, bei der eine Person Wissen, Fähigkeiten oder Kompetenzen eigenständig und unabhängig von formalen Unterrichtsangeboten erwirbt. Es erfolgt selbstgesteuert, wobei Lerninhalte, Tempo und Methoden meist individuell gewählt werden. Ziel des Selbststudiums ist es, sich selbstständig Wissen anzueignen, Verständnis zu vertiefen oder persönliche Lernziele zu erreichen.
  6. Kategorie:Germanischer Stamm | Wikipedia
  7. Germanen | Wikipedia
  8. Germanien (Germania) | Interner Abschnitt in dieser Selbststudie
  9. Die Germanen in den antiken Quellen | Interner Abschnitt in dieser Selbststudie
  10. Gaius Iulius Caesar | Wikipedia
  11. De bello Gallico | Wikipedia
  12. Publius Cornelius Tacitus | Wikipedia
  13. Germania (Tacitus) | Wikipedia
  14. Plinius der Ältere | Wikipedia
  15. Naturalis historia | Wikipedia
  16. Poseidonios | Wikipedia
  17. Kelten | Wikipedia
  18. Die Germanen: Mythos und Forschungsrealität (PDF) | Maximilians-Universität Würzburg
  19. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 6.
  20. MKL1888:Germanen und Germanien | Wikisource
  21. Begriffserklärung: Etymologie ist die Wissenschaft von der Herkunft, Geschichte und ursprünglichen Bedeutung von Wörtern.
  22. Die Germanen: Mythos und Forschungsrealität (PDF) | Maximilians-Universität Würzburg
  23. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 2.
  24. Sueben | Wikipedia
  25. Cherusker | Wikipedia
  26. Markomannen | Wikipedia
  27. Die Germanen: Mythos und Forschungsrealität (PDF) | Maximilians-Universität Würzburg
  28. Germanische Sprachen | Lernhelfer.de
  29. Begriffserklärung: Archäologie ist die Wissenschaft von den materiellen Hinterlassenschaften vergangener Kulturen. Sie erforscht Bauwerke, Gräber, Werkzeuge, Kunstgegenstände und Alltagsgegenstände, um das Leben, Denken und die Geschichte früherer Gesellschaften zu rekonstruieren.
  30. Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas | Wikipedia
  31. Latènezeit | Wikipedia
  32. Jastorf-Kultur | Wikipedia
  33. Urnenfelderkultur | Wikipeida
  34. Nordische Bronzezeit | Wikipedia
  35. Bronzezeit (Mitteleuropa) | Wikipedia
  36. Urnenfelderkultur | Wikipedia
  37. Eisenzeit (Nordeuropa) | Wikipedia
  38. Eisenzeit (Mitteleuropa) | Wikipedia
  39. Jastorf-Kultur | Wikipedia
  40. Vorrömische Eisenzeit | Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung (NIhK)
  41. Anmerkung: Es ist nicht ausgeschlossen, dass die germanischen Völker bereits vor der nachweisbaren Runenschrift über Formen einer eigenen Schriftkultur verfügten. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass ein elementares Schriftsystem oder zumindest schriftähnliche Zeichen existiert haben könnten. Wissenschaftler gehen in diesem Zusammenhang davon aus, dass mögliche Aufzeichnungen nicht in Stein oder Metall geritzt wurden, sondern vorwiegend auf leicht vergänglichen Materialien wie Holz, Rinde oder Leder festgehalten wurden. Da solche organischen Träger die Jahrhunderte nicht überdauert haben, sind sichere archäologische Nachweise bislang nicht möglich. Dieses Szenario würde erklären, warum uns zwar frühe Runeninschriften überliefert sind, jedoch keine älteren Schriftzeugnisse der Germanen erhalten geblieben sind.
  42. Anmerkung: Der Abschnitt stellt die persönliche Feststellung des Sachverhalts durch den Autor dieser wissenschaftlichen Monographie dar.
  43. Antike Schriftquellen | Interner Abschnitt in dieser Selbststudie
  44. Antike Autoren und Texte | Humboldt-Universität zu Berlin
  45. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 6.
  46. De bello Gallico | Wikipedia
  47. Germanenexkurs | Wikipedia
  48. Gaius Iulius Caesar (Werke) Wikisource
  49. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 1–46.
  50. Tacitus’ Germania | Deutschsprachige Übersetzung des altlateinischen Originaltextes von Wulfrich
  51. Die Germania des Tacitus (Volltext) | Wikisource
  52. Germania (Tacitus) | Wikipedia
  53. Krefeld, Thomas: Tacitus: Die Wahrnehmung der Germanen durch die Römer | Ludwig-Maximilians-Universität München, 9. Mai 2017.
  54. Wie der römische Historiker Tacitus die Germanen schuf | Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 19. Dezember 2016.
  55. Römer in Germanien: Das Werk „Germania“ von Tacitus | Planet Wissen, 2003–2021.
  56. Bericht des Tacitus über die Varusschlacht | Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
  57. Publius Quinctilius Varus | Wikipedia
  58. Anmerkung: Publius Quinctilius Varus, der zwischen den Jahren 7 und 9 n. Chr. als römischer Statthalter in den rechtsrheinischen Gebieten Germaniens eingesetzt war, verfolgte eine konsequente Politik der Einführung römischer Verwaltungs- und Rechtsstrukturen. Nach den Darstellungen der antiken Autoren Velleius Paterculus und Cassius Dio behandelte Varus das germanische Gebiet so, als handele es sich bereits um eine befriedete Provinz. Er erhob Abgaben, führte römische Gerichtsverfahren ein und verhängte harte Strafen, darunter Hinrichtungen und Kreuzigungen. Diese Maßnahmen zielten aus römischer Perspektive auf die Durchsetzung von Ordnung und die Integration der germanischen Stämme in die römische Verwaltungslogik. Aus germanischer Sicht jedoch wirkten sie wie eine Form der Fremdherrschaft und Unterdrückung. Cassius Dio betont, dass Varus die Germanen behandelte, „als wären sie Sklaven“, indem er sie vor Gericht stellte und bestrafen ließ.[1] Die Quellen lassen erkennen, dass Varus’ Vorgehen als willkürlich und unangemessen empfunden wurde, da es das Freiheitsbewusstsein der germanischen Stämme missachtete und die traditionellen Strukturen der Stammesgesellschaft verletzte. Die durch Varus angeordneten Strafen hatten somit eine doppelte Wirkung: Einerseits dienten sie der Machtsicherung und Durchsetzung römischer Autorität, andererseits führten sie zu wachsendem Widerstand und Hass gegen die römische Herrschaft. Diese Politik gilt in der antiken Überlieferung als einer der entscheidenden Faktoren für die Entstehung des großen Aufstands unter Arminius, der in der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. gipfelte.
  59. Ein Moment der Geschichte: Die Varusschlacht | ZDF-Dokumentation (Video), 24. Februar 2022.
  60. Die Varusschlacht (Schlacht im Teutoburger Wald) | Interner Abschnitt in dieser Selbststudie
  61. Annales (Tacitus) | Wikipedia
  62. Ab excessu divi Augusti (Annales) | Wikisource (Lateinische Sprache)
  63. Tacitus (Werke) | Wikisource
  64. Plinius der Ältere: Naturalis historia, u. a. Buch 4.
  65. Naturalis historia | Wikipedia
  66. Plinius der Ältere (Werke) | Wikisource
  67. Strabon | Wikipedia
  68. Strabon: Geographika, Buch 7.
  69. Geographica | Wikipedia (Englische Sprache)
  70. Strabon (Werke) | Wikisource
  71. Claudius Ptolemäus | Wikipedia
  72. Claudius Ptolemäus: Geographike Hyphegesis, Buch 2.
  73. Geographike Hyphegesis | Wikipedia
  74. Claudius Ptolemäus (Werke) | Wikipedia
  75. Jordanes | Wikipedia
  76. Das Buch des Jordanis von der Herkunft und den Taten der Goten | Université de Fribourg (Schweiz)
  77. Getica | Wikipedia
  78. Jordanes (Werke) | Wikisource
  79. Cassius Dio | Wikipedia
  80. Cassius Dio 56,18,1–24,5 | Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
  81. Begriffserklärung: Ethnogenese bezeichnet den Prozess der Entstehung und Herausbildung eines Volkes oder einer ethnischen Gemeinschaft aus verschiedenen Gruppen über längere Zeit hinweg.
  82. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 6.
  83. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 16–27.
  84. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6–15.
  85. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 2.
  86. Strabon: Geographika, Buch 7.
  87. Plinius der Ältere: Naturalis historia, u. a. In Buch 4.
  88. Jordanes: De origine actibusque Getarum (Getica).
  89. Die Germanen: Mythos und Forschungsrealität (PDF) | Maximilians-Universität Würzburg
  90. Steuer, Heiko (Prof. Dr. phil.): „Germanen" aus der Sicht der Archäologie - was allein die Ausgrabungsergebnisse sagen (PDF) | Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
  91. Krautschick, Stefan: Zur Entstehung eines Datums. 375 – Beginn der Völkerwanderung, 375 – Beginn der Völkerwanderung, Band 82, S. 217–222. | In: Klio, 2000.
  92. Krautschick, Stefan: Hunnensturm und Germanenflut: 375 – Beginn der Völkerwanderung, Band 92, S. 10–67. In: Byzantinische Zeitschrift, 1999.
  93. Böhm, Henning: Ein Zeitalter der Bürgerkriege. Der Untergang des Römischen Reiches und die Erosion der Zentralgewalt. | In: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Darmstadt 2022.
  94. Wissensbibliothek: Völkerwanderung und Germanenreiche: Neubeginn in Europa | Wissen.de
  95. Germanenreiche | Lernhelfer.de
  96. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6–15.
  97. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 6.
  98. Caeliusstein | Wikipedia
  99. Arminius | Wikipedia
  100. Die Varusschlacht (Schlacht im Teutoburger Wald) | Interner Abschnitt in dieser Selbststudie
  101. Anmerkung: Es ist bislang wissenschaftlich nicht bestätigt, dass die Varusschlacht bei Kalkriese stattgefunden hat. Zwar wurden in dem Gebiet archäologische Funde gemacht, die auf eine militärische Auseinandersetzung zwischen Germanen und Römern hindeuten könnten, aber eine genaue Bestätigung bzw. ein entsprechender Fund wurde bislang nicht erbracht, der die Gegend zum genauen Ort dieser legendären Schlacht macht.
  102. Römer in Germanien | Planet Wissen, 2003–2021.
  103. Asskamp, Rudolf: Die Zeit der römischen Feldzüge in Germanien (12 v.-16 n. Chr.) | Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
  104. Albrecht, Janico: Die Zeit der römischen Eroberungen. Von den gallischen Feldzügen Caesars bis zur Aufgabe rechtsrheinischer Ambitionen unter Kaiser Tiberius (55 v. Chr.-16 n. Chr.) | Portal Rheinische Geschichte (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte)
  105. Augusteische Germanenkriege | Wikipedia
  106. Germanicus-Feldzüge | Wikipedia
  107. Varusschlacht | Wikipedia
  108. Untergang des Römischen Reiches | Wikipedia
  109. Wissensbibliothek: Völkerwanderung und Germanenreiche: Neubeginn in Europa | Wissen.de
  110. Germanenreiche | Lernhelfer.de
  111. Burgunden | Wikipedia
  112. Angelsachsen | Wikipedia
  113. Fränkisches Reich | Wikipedia
  114. Goten | Wikipedia
  115. Westgotenreich | Wikipedia
  116. Langobarden | Wikipedia
  117. Langobardenfeldzug | Wikipedia
  118. Vandalen | Wikipedia
  119. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 11–14.
  120. Bastarnen | Wikipedia
  121. Vandalen | Wikipedia
  122. Mann von Osterby | Wikipedia
  123. Suebenknoten | Wikipedia
  124. Early Germanic culture | Wikipedia (Englische Sprache)
  125. Begriffserklärung: Thing war die Gerichts- und Volksversammlung der germanischen Stämme zur Rechtsprechung und politischen Beschlussfassung.
  126. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6–15.
  127. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 9–10.
  128. Simek, Rudolf (Prof. Dr. Dr. h.c.): Mittelerde – Tolkien und die germanische Mythologie | C. H. Beck, München 2005, S. 11.
  129. Germanische Religion | Wikipedia
  130. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 8–10.
  131. Germanische Mythologie | Wikipedia
  132. Nordische Mythologie | Wikipedia
  133. Germanische Schöpfungsgeschichte | Wikipedia
  134. Walhall | Wikipedia
  135. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 27.
  136. Wer waren eigentlich die Germanen? | In: Römer in NRW (roemer.nrw), Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen.
  137. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6 und 13.
  138. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 4, 1–2.
  139. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 6, 21–24.
  140. Kategorie:Kriegswesen (Germanen) | Wikipedia
  141. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6–7.
  142. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 4, 1–2.
  143. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 4, 14–16.
  144. Gaius Iulius Caesar: De bello Gallico, Buch 6, 21–23.
  145. Publius Cornelius Tacitus: Germania, Kapitel 6, 7, 13, 14, 21 und 33.
  146. Römisch-Germanische Kriege | Wikipedia
  147. Liste der römisch-germanischen Kriege | Wikipedia
  148. Arminius – Varus (Fünf antike Schriften zur Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr.) | Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
  149. Legio XVII | Wikipedia
  150. Legio XVIII | Wikipedia
  151. Legio XIX | Wikipedia
  152. Hermannsdenkmal | Wikipedia
  153. Anmerkung: Es ist bislang wissenschaftlich nicht bestätigt, dass die Varusschlacht bei Kalkriese stattgefunden hat. Zwar wurden in dem Gebiet archäologische Funde gemacht, die auf eine militärische Auseinandersetzung zwischen Germanen und Römern hindeuten könnten, aber eine genaue Bestätigung bzw. ein entsprechender Fund wurde bislang nicht erbracht, der die Gegend zum genauen Ort dieser legendären Schlacht macht.
  154. Varusschlacht | Wikipedia
  155. Battle of the Teutoburg Forest | Wikipedia (Englische Sprache)
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  159. Anmerkung: Der Abschnitt stellt die persönliche Feststellung des Sachverhalts durch den Autor dieser wissenschaftlichen Monographie dar.
  160. Cassius Dio 56,18,1–24,5 | Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
  161. Anmerkung: Der Abschnitt stellt die persönliche Feststellung des Sachverhalts durch den Autor dieser wissenschaftlichen Monographie dar.
  162. Neue Metallanalyse könnte das Rätsel um den Ort der Varusschlacht gelöst haben | Geo, 17. November 2022.
  163. Wo fand die Varusschlacht statt? Neue Indizien sprechen für Kalkriese | National Geographic, 25. November 2022.
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  214. Kategorie:Gräberfeld (Germanen) | Wikipedia
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  217. Handel zwischen Römern und Germanen | Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL)
  218. Kategorie:Kriegswesen (Germanen) | Wikipedia
  219. Germanen im Südwesten: Wie stylten sie sich? (Abschnitt: Schmuck) | Planet Schule
  220. Silberschmuck und Fibeln - Archäologische Funde (Video) | YouTub-Kanal des Archäologischen Museums Hamburg
  221. Archäologie – Fund des Monats – 2019 – Februar 2019 (Abschnitt: Das Grubenhaus) | Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt
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  231. Englischsprachiger Originaltext der Universität Cambridge: „The history of the early Germans is controversial terrain. This is known, though not invariably admitted. A few years ago, Klaus von See summed up the underlying predicament: ‚Germans (Deutsche) have it hard with the origins of their national past. The oldest texts are not indigenous; they stem from Latin and Greek authors — Tacitus, Ammianus Marcellinus, Procopius. If stone vestiges are sought, one mostly has to be content with Celtic and Roman remains…. Supplementary efforts are made to unearth authentic Germanic monuments in large parts of Old Norse [literature]… — it being readily overlooked that the Edda and the sagas bear witness not to Germanic antiquity, but to the Scandinavian early and high Middle Ages, [and were] only written long after Christianization. As a result, studies of the early Germans are a difficult terrain for historical science….
  232. Tacitus’ Germania | Deutschsprachige Übersetzung des altlateinischen Originaltextes von Wulfrich in der Wikiversität (Wikiversity)
  233. Gotische Sprache | Wikipedia
  234. Althochdeutsche_Sprache | Wikipedia
  235. Altsächsische Sprache | Wikipedia
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  242. Runologie und Runenepigraphik | Interner Abschnitt in dieser Selbststudie
  243. Wulfilabibel | Wikipedia
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  249. Runische Schriftlichkeit in den germanischen Sprachen | Institut für Skandinavistik, Frisistik und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Christian‑Albrechts‑Universität zu Kiel (Projektträger: Deutsche Akademienunion, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, 2010–2025.)
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  332. Germanic people (Abschnitt: Modern reception) | Wikipedia (Englische Sprache)
  333. Museologie | Wikipedia
  334. Begriffserklärung: Eine Exkursion ist ein organisiertes, meist gemeinschaftlich unternommenes Verlassen des üblichen Lern- oder Arbeitsortes, um an einem anderen Ort Beobachtungen, Untersuchungen oder praktische Erfahrungen zu sammeln. Häufig handelt es sich dabei um Bildungs- oder Forschungsreisen, die im Rahmen von Schule, Universität oder wissenschaftlicher Arbeit stattfinden. Ziel einer Exkursion ist es, theoretisches Wissen durch direkte Anschauung und praktische Eindrücke zu ergänzen oder zu vertiefen.
  335. Römisch-Germanischen Museums in Köln | Website des Museums
  336. Römisch-Germanisches Museum | Wikipedia
  337. Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg | Webseite des Museums
  338. Germanisches Nationalmuseum | Wikipedia
  339. Begriffserklärung: Ein Germanengehöft ist eine archäologisch nachgewiesene Wohn- und Wirtschaftsfläche der germanischen Bevölkerung in der Frühzeit. Es besteht typischerweise aus mehreren Gebäuden, wie Wohnhäusern, Werkstätten und Lagerstätten, die gemeinsam einen landwirtschaftlichen Hof bildeten. Germanengehöfte dienen heute häufig als museale Anschauungsobjekte, um das Leben und die Kultur der Germanen anschaulich darzustellen.
  340. Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen | Website des Museums
  341. Videorundgang im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen | Video im YouTube-Kanal des AFM Oerlinghausen, 21. September 2000.
  342. Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen | Wikipedia
  343. Archäologisches Freilichtmuseum Funkenburg | Website des Museums
  344. Archäologisches Freilichtmuseum Funkenburg | Wikipedia
  345. LVR-RömerMuseum in Xanten | Website des Museums
  346. LVR-RömerMuseum Xanten | Wikipedia
  347. Steuer, Heiko: „Germanen“ aus der Sicht der Archäologie – was allein die Ausgrabungsergebnisse sagen (PDF) | Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
  348. Germanenforchung (Suche) | Wikipedia
  349. Early Germanic culture | Wikipedia (Englische Sprache)
  350. aDNA | Wikipedia
  351. Germanische Altertumskunde Online (GAO) | Datenbank-Infosystem (DBIS) der Universität Regensburg
  352. Lidar | Wikipedia
  353. Luftbildarchäologie | Wikipedia
  354. Begriffserklärung: Bioarchäologie ist ein interdisziplinäres Teilgebiet der Archäologie, das sich mit der Untersuchung menschlicher Überreste wie Knochen, Zähnen und manchmal auch Weichteilen befasst. Ziel ist es, Rückschlüsse auf das Leben, die Gesundheit, Ernährung, Mobilität und soziale Stellung vergangener Bevölkerungen zu ziehen. Dabei werden sowohl biologische als auch kulturelle Informationen analysiert, um ein möglichst umfassendes Bild früher Gesellschaften zu gewinnen.
  355. Begriffserklärung: Paläogenetik ist ein wissenschaftliches Fachgebiet, das sich mit der Analyse und Auswertung von DNA aus fossilen oder historischen Überresten beschäftigt. Ziel ist es, genetische Informationen ausgestorbener oder vergangener Populationen zu rekonstruieren, um Erkenntnisse über ihre Herkunft, Verwandtschaft, Entwicklung, Migration und Krankheiten zu gewinnen. Die Paläogenetik verbindet Methoden der Genetik mit Archäologie, Anthropologie und Evolutionsbiologie.
  356. Citizen Science | Wikipedia
  357. Anmerkung: Dieser Abschnitt verweist auf Kategorien der deutschsprachigen Wikipedia, in denen zahlreiche relevante Artikel zu den Germanen, den germanischen Völkern und zu Germanien aufgeführt sind. Diese Vorgehensweise ist übersichtlicher, als jeden einzelnen bestehenden oder neu hinzukommenden Artikel hier in der Wikiversität gesondert aufzulisten. Gleichzeitig wird auf diese Weise die Aktualität des Abschnitts gewährleistet.
  358. Akademie der Wissenschaften | Wikipedia
  359. Liste der wissenschaftlichen Akademien | Wikipedia