Künstliche Intelligenz verändert die Datierung biblischer Texte

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Künstliche Intelligenz verändert die Datierung biblischer Texte

Bruchstück der Schriftrollen vom Toten Meer

Eine internationale Forschergruppe hat mit Hilfe moderner Technik alte biblische Texte neu untersucht und dabei erstaunliche Ergebnisse erzielt. Durch den Einsatz einer verbesserten Radiokarbondatierung, einer chemischen Reinigung der Proben und Künstlicher Intelligenz konnten mehrere Schriftfragmente deutlich früher datiert werden, als bisher angenommen. Besonders interessant ist dies für einige der berühmten Schriftrollen vom Toten Meer, die seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle in der Bibel- und Religionsforschung spielen.

Die Datierung solcher Texte ist seit jeher eine große Herausforderung. Alte Manuskripte sind selten, oft beschädigt oder nur in kleinen Fragmenten erhalten, und meistens fehlt ein eindeutiges Datum. Um das Alter zu bestimmen, nutzten Forschende bisher vor allem die sogenannte Paläographie – also den Vergleich von Schriftformen. Dabei wird untersucht, wie Buchstaben und Wörter geschrieben wurden, um daraus auf eine bestimmte Zeitperiode zu schließen. Diese Methode kann zwar sehr genau sein, ist aber auch von subjektiven Einschätzungen abhängig. Eine zweite Möglichkeit, das Alter von Schriftstücken zu bestimmen, ist die Radiokarbondatierung. Dabei wird der Anteil eines bestimmten Kohlenstoff-Isotops im Material gemessen. Da dieser Stoff mit der Zeit zerfällt, lässt sich so ungefähr berechnen, wann das Material entstanden ist. Beide Methoden haben jedoch Schwächen: Die Schriftanalyse hängt stark vom Wissen einzelner Experten ab, und Radiokarbonmessungen können durch Rückstände wie Öle oder Harze verfälscht werden.

Genau hier setzt die neue Studie an. Die Forschenden reinigten die alten Fragmente mit speziellen chemischen Verfahren, um alle Rückstände zu entfernen, die frühere Messungen verfälscht haben könnten. Erst danach wurden die Stücke erneut im Labor datiert. Diese verbesserten Messungen ergaben teils deutlich ältere Zeiträume. Anschließend wurde Künstliche Intelligenz eingesetzt, um die Schriftzüge digital zu analysieren. Hochauflösende Aufnahmen der Manuskripte wurden von einem Computerprogramm untersucht, das kleinste Unterschiede in Linien, Krümmungen und Buchstabenformen erkennen kann. Auf dieser Grundlage erstellte das Programm ein Wahrscheinlichkeitsmodell, das die Ergebnisse mit den Radiokarbonmessungen abgleicht. In vielen Fällen stimmten die beiden Methoden eng überein und zeigten, dass manche Texte früher entstanden sind, als man bisher dachte.

Diese Entdeckung hat große Bedeutung für die Bibelforschung. Besonders bei Fragmenten aus den Büchern Daniel und Kohelet (Prediger) deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sie zeitlich näher an ihrer ursprünglichen Entstehungszeit liegen. Das bedeutet, dass diese Texte vermutlich weniger überarbeitet wurden, als bisher angenommen. Viele Passagen, die man früher als spätere Ergänzungen betrachtete, könnten also schon zur ursprünglichen Fassung gehört haben. Das verändert auch die theologische und historische Interpretation der Texte. Darüber hinaus zeigt sich, dass verschiedene Schreibstile – etwa die sogenannten hasmonäische und herodianische Schriftarten – länger nebeneinander existierten, als man bisher glaubte. Das spricht dafür, dass die Schreiber der Antike flexibler und vielfältiger gearbeitet haben, als man es in der Forschung lange annahm.

Die neuen Datierungen werfen auch ein anderes Licht auf die Entstehung der Schriften aus Qumran. Einige der Texte könnten bereits existiert haben, bevor sich dort die religiösen Gemeinschaften niederließen, mit denen man die Funde bislang in Verbindung brachte. Das zeigt, dass religiöse und literarische Texte im antiken Judentum offenbar über längere Zeiträume hinweg in Umlauf waren und zwischen verschiedenen Regionen ausgetauscht wurden. Damit wird deutlich, dass die Schriftrollen vom Toten Meer keine isolierte Sammlung darstellen, sondern Teil eines viel größeren Netzwerks von Überlieferungen und Schreibtraditionen waren.

Trotz der beeindruckenden Fortschritte betonen die Forschenden die Grenzen ihrer Methode. Eine KI kann nur Wahrscheinlichkeiten berechnen und keine absoluten Gewissheiten liefern. Außerdem hängt die Genauigkeit der Ergebnisse davon ab, mit welchen Daten die Modelle trainiert wurden. Auch der Umgang mit den empfindlichen Originalen bleibt eine Herausforderung, da jede Radiokarbonmessung winzige Mengen des wertvollen Materials verbraucht. Dennoch gilt die Kombination aus Radiokarbonanalyse, chemischer Reinigung und KI-gestützter Schriftuntersuchung als ein großer Schritt nach vorn. Sie macht die Altersbestimmung alter Texte genauer und objektiver und könnte bald zum neuen Standard in der Manuskriptforschung werden.

Wenn sich die bisherigen Ergebnisse durch weitere Studien bestätigen, könnte diese Methode nicht nur unser Wissen über die Entstehung der Bibel verändern, sondern auch die Geschichte der Schriftkultur insgesamt neu schreiben. Denn sie zeigt, dass selbst jahrtausendealte Dokumente noch neue Geheimnisse preisgeben können – wenn man moderne Technik mit klassischer Geisteswissenschaft verbindet.

Wissenschaftliche Studie

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